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Nie mehr Heisshunger? Dieses Training soll Lust auf Süsses stoppen

Weniger Lust auf Schoggi: Wie ein Spiel dein Gehirn austricksen soll

Statt mit Willenskraft den Heisshunger zu besiegen, setzen Forschende aus Freiburg auf einen anderen Ansatz: Das Gehirn soll die Lust auf Ungesundes verlieren. Das Trainings-Spiel dazu haben bereits Schweizer Krankenkassen im Angebot.
12.04.2026, 05:5912.04.2026, 05:59
Stephanie Schnydrig
Stephanie Schnydrig

Wer kennt das nicht: Man ist eigentlich satt – und greift trotzdem zu. Die Kollegin hat selbst gebackene Muffins mitgebracht, auf dem Sofatisch steht die Schüssel Chips, in der Bäckerei duftet es nach frischen Gipfeli. Man fühlt sich aus lauter Verlangen diesen Leckereien machtlos ausgeliefert.

Süssem zu widerstehen ist schwierig, weil Zucker im Gehirn das Belohnungszentrum aktiviert.
Süssem zu widerstehen ist schwierig, weil Zucker im Gehirn das Belohnungszentrum aktiviert. Bild: Shutterstock

Und so ganz falsch ist dieses Gefühl gar nicht. Forschende, die den Stoffwechsel und die zugrunde liegenden neuronalen Prozesse untersuchen, wissen, dass wir unseren Gelüsten oft weniger entgegensetzen können, als wir glauben. Denn Lebensmittel mit viel Zucker und Fett verändern das Gehirn: Schon kleine, regelmässige Mengen aktivieren das Belohnungssystem. Sie sorgen dafür, dass Dopamin ausgeschüttet wird, jener Botenstoff, der Motivation und Lust verstärkt. So lernt das Gehirn, genau die ungesunden Lebensmittel immer wieder zu wollen.

Das Problem: Einmal einstudiert, verlernt das Gehirn dieses Muster nur schwer wieder. Für viele Menschen wird Essen dadurch zur Negativspirale aus Verzicht und Rückfall, in der eine Diät der nächsten folgt, während das Verlangen nach Süssem und Fettigem bleibt.

Finger weg von Ungesundem

Ein Forschungsteam der Universität Freiburg um den Neurowissenschafter Lucas Spierer sucht nach einem Ausweg aus diesem Teufelskreis. Ihr Ansatz klingt zunächst fast wie ein verspäteter Aprilscherz: Es geht darum, die Lust auf Ungesundes einfach wegzugamen. «Menschen essen nicht viel von Dingen, die sie nicht mögen», sagt Spierer, Leiter des Labors für Neurorehabilitation. Der Schlüssel zu einem dauerhaft gesunden Körpergewicht liege deshalb nicht allein im Verzicht, sondern darin, die Attraktivität ungesunder Lebensmittel gezielt herunterzuregulieren.

Dafür nutzt das Team ein Verfahren, das in der Forschung als «Food Go/No-Go-Training» bekannt ist. Die Grundidee ist, dass wer wiederholt übt, auf bestimmte Reize nicht zu reagieren, langfristig deren Bewertung verändert. In der Praxis bedeutet das: Auf dem Bildschirm erscheinen Bilder von Lebensmitteln. Bei gesunden Produkten soll man schnell reagieren, bei ungesunden – Cola, Eis oder Chips – bewusst nicht.

Beruhend auf diesem Konzept haben die Freiburger Forschenden ein Handyspiel entwickelt: In der App tauchen nacheinander verschiedene Lebensmittel auf. Gesunde Produkte zieht man mit dem Finger möglichst schnell nach unten, um Punkte zu sammeln. Bei ungesunden gilt: Finger weg, einfach nichts tun. Wer reagiert, verliert. Es ist ein einfaches Prinzip, das aber tatsächlich auf neuronaler Ebene wirkt.

Denn das Training erzeugt wiederholt einen kleinen inneren Konflikt: den Impuls, zuzugreifen – und die Aufgabe, genau das zu unterlassen. Mit der Zeit passt sich das Gehirn an. Die automatische Reaktion auf ungesunde Reize wird schwächer, ihre Anziehungskraft nimmt ab.

Diäten länger durchhalten

Dass dieser Effekt messbar ist, hat Spierers Team in mehreren Studien gezeigt. In einer Untersuchung mit 18- bis 45-Jährigen hatten sie nach eigenen Aussagen nach dem Training weniger Lust auf zuckerhaltige Softdrinks als zuvor. Auch der tatsächliche Konsum sank um 25 Prozent (die Studie bezog sich dabei ausdrücklich nur auf Getränke).

«In Kürze veröffentlichen wir ausserdem eine Studie, die zeigt, dass unsere Intervention dabei hilft, eine Diät durchzuhalten», sagt Spierer. Das sei ein weiterer Hinweis darauf, dass die veränderte Wahrnehmung tatsächlich im Alltag wirksam werde. «Wenn es gelingt, den Reiz ungesunder Lebensmittel zu verringern, hat das reale Auswirkungen auf das Essverhalten», fasst er zusammen.

Aus seiner Forschung ist inzwischen ein Unternehmen hervorgegangen. Das Spin-off hat die App «Bewe» weiterentwickelt und in die App-Stores gebracht. Eine Version, die auf zuckerhaltige Getränke abzielt, ist kostenlos. Die Versionen für andere Produkte wie Schoggi und Co. kosten rund acht Franken.

Derweil sind auch einzelne Krankenkassen auf die Entwicklung aufmerksam geworden. Versicherte der Groupe Mutuel können die Anwendung gemäss Spierer bereits über ihre Hausärztinnen und Hausärzte gratis nutzen. Mit der CSS läuft ein Pilotprojekt, bei dem der Zugang im Rahmen eines Coachingprogramms kostenlos ist. Auch bei Viva soll die App bald verfügbar sein.

Das Interesse der Kassen überrascht kaum. Ungesunde Ernährung und Übergewicht verursachen hohe Kosten. Gemäss Bundesamt für Gesundheit beliefen sich diese im Jahr 2022 auf rund 3,7 Milliarden Franken. «Und diese Zahlen», so Spierer, «widerspiegeln nicht das persönliche Leid, das viele Menschen durch ihr ständiges Verlangen nach bestimmten Lebensmitteln erleben.» (bzbasel.ch)

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