Darum solltest du Tee oder Kaffee nicht zu heiss trinken
Wer Getränke wie Kaffee oder Tee sehr heiss zu sich nimmt, riskiert nicht nur, sich die Zunge zu verbrennen. Laut einer umfassenden internationalen Studie unter der Leitung der Ernährungsepidemiologin Keren Papier von der Universität Oxford kann der Konsum von sehr heissen Getränken das Risiko eines ösophagealen Plattenepithelkarzinoms um das Dreifache erhöhen. Je öfter und je heisser die Testpersonen ihr Heissgetränk konsumierten, desto höher war das Risiko. Das Risiko für ein Adenokarzinom – eine weitere Art von Speiseröhrenkrebs – nahm dadurch jedoch nicht zu.
Es gibt zwei Arten des Speiseröhrenkarzinoms:
Beim Plattenepithelkarzinom (SCC) entarten flache Epithelzellen der Schleimhaut, die im gesamten Bereich der Speiseröhre vorkommen. Etwa 4 von 10 Fällen von Speiseröhrenkrebs sind SCC.
Adenokarzinome (AC) gehen hingegen aus Drüsenzellen der Schleimhaut hervor, die sich im unteren Abschnitt der Speiseröhre am Übergang zum Magen befinden. In etwa 5 von 10 Fällen eines Ösophaguskarzinoms liegt ein Adenokarzinom vor.
Es gibt noch weitere Arten von bösartigen Tumoren in der Speiseröhre, die jedoch nur äusserst selten vorkommen.
Fast 980'000 Probanden
Für die Langzeitstudie, die im Fachmagazin International Journal of Cancer veröffentlicht wurde, wertete das Forschungsteam Daten zum Konsum von 977'282 Personen aus Grossbritannien aus, die über 14 Jahre hinweg begleitet wurden, um langfristige Muster in ihren Gewohnheiten und ihrer Gesundheit zu beurteilen. Es handelt sich um die bisher grösste Gruppe von Probanden, die weltweit zu diesem Thema untersucht wurde. Die Teilnehmer gaben an, ob sie heisse Getränke gewöhnlich «warm», «heiss» oder «sehr heiss» tranken und wie viele Tassen Tee und Kaffee sie pro Tag konsumierten.
Risiko bei «sehr heiss» gut dreimal höher
Besonders deutlich war der Zusammenhang mit der Trinktemperatur: Wer seine Getränke «sehr heiss» bevorzugte, hatte im Vergleich zu Personen, die ihre Getränke «warm» bevorzugten, ein um das 3,17-Fache erhöhtes Risiko für ein Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre. Laut den Ergebnissen der Untersuchung spielt auch die Häufigkeit des Konsums eine Rolle. Nach Berücksichtigung der Getränketemperatur war der tägliche Konsum von sechs oder mehr Heissgetränken im Vergleich zu weniger als sechs mit einem um 71 Prozent erhöhten Plattenepithelkarzinom-Risiko verbunden.
Die Untersuchung ist eine Beobachtungsstudie und belegt deshalb nicht, dass die Trinktemperatur den Krebs verursacht. Zudem ordneten die Teilnehmer an der Studie ihre bevorzugte Trinktemperatur selbst ein – dies führt dazu, dass die Kategorien «warm», «heiss» und «sehr heiss» nicht mit festen Gradwerten gleichzusetzen sind. Die Studie liefere jedoch «klare Beweise dafür, dass Temperatur und Häufigkeit des Konsums von Heissgetränken nützliche Ziele für die SCC-Prävention darstellen». Ab welcher Temperatur genau das Risiko wieder sinkt, konnten die Forscher indes nicht eindeutig feststellen. Es gelte: Nicht trinken, solange es sich «heiss», sondern erst, wenn es sich «angenehm» anfühle.
Frühere Studien weisen in dieselbe Richtung
Bereits frühere Studien aus Asien, Afrika, Südamerika und dem Nahen Osten – darunter eine grossangelegte Studie im Iran – hatten sehr heisse Getränke vor allem mit Plattenepithelkarzinomen in Verbindung gebracht. Die International Agency for Research on Cancer (IARC), die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation, beurteilt denn auch den Konsum von Getränken mit einer Temperatur von mehr als 65 Grad Celsius als wahrscheinlich krebserregend.
Heisse Getränke erhöhen das Risiko von Speiseröhrenkrebs dadurch, dass sie hitzebedingte Schäden an Zellen verursachen, die die Speiseröhre auskleiden. Über längere Zeit hinweg könnte dies Entzündungs- und Reparaturprozesse fördern, die zur Krebsentstehung beitragen. Das Forschungsteam empfiehlt daher, Getränke vor dem Konsum leicht abkühlen zu lassen, um das Krebsrisiko zu minimieren. Weitere wichtige Risikofaktoren sind Alkoholkonsum und Rauchen.
Bedeutendes Präventionspotenzial
Gemäss Schätzungen des Forschungsteams könnten etwa 14 Prozent aller Plattenepithelkarzinome in Grossbritannien vermieden werden, wenn die Leute ihre Getränke nicht zu heiss trinken würden. Dieser Wert ist allerdings eine populationsbezogene Modellschätzung und keine Vorhersage für einzelne Personen.
Abgesehen von der subjektiven Wahrnehmung der Getränketemperatur dürfte ein weiterer Punkt eine wesentliche Einschränkung der Studie darstellen: Es bleibe unklar, «ob Personen, die sehr heisse Getränke tolerieren oder bevorzugen, eine veränderte Thermosensation oder Schleimhautempfindlichkeit haben, die selbst die zugrunde liegende biologische Veranlagung für Plattenepithelkarzinom widerspiegeln und dazu führen könnte, dass sie heissere Getränke bevorzugen», wendet Muy-Teck Teh, Professor für molekulare orale Onkologie an der Queen Mary University of London, laut dem Guardian ein. (dhr)
