Wie gefährlich ist die Pest?
Am vergangenen Freitag teilte der Gouverneur der russischen Republik Burjatien mit, in Irkutsk sei eine Laborantin an der Pest gestorben. Die 28-jährige Darja T. war laut Medienberichten am Dienstag mit schweren Symptomen einer Lungenentzündung aufgenommen und künstlich beatmet worden. Am Donnerstag sei sie gestorben. Die stationäre Abteilung des Kreiskrankenhauses in Schelechow bei Irkutsk wurde darauf von den Behörden unter Quarantäne gestellt.
Wie sich die Frau angesteckt haben soll, ist unklar. Nach Angaben des unabhängigen Mediums Ljudi Baikala zerbrach ihr am 25. September ein Reagenzglas, das Erreger der Lungenpest enthielt. Die russischen Behörden dementieren dies mittlerweile: Laut offiziellen Angaben ist der Tod von Darja T. nicht auf einen Pesterreger zurückzuführen. Sie sei vielmehr an einer «Lungenentzündung unbekannter Herkunft» gestorben. In ihren Proben seien keine Mikroorganismen nachgewiesen worden, die mit ihrer Arbeit in dem Pestforschungsinstitut in Verbindung stünden.
Die Pest ist im kollektiven Gedächtnis der Europäer als tödliche Seuche schlechthin verankert. Zwischen 1346 und 1353 fielen dem Schwarzen Tod – wie der spätmittelalterliche Seuchenzug der Pest durch Europa genannt wird – 25 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer. Das entsprach in etwa 33 bis 60 Prozent der damals auf dem Kontinent lebenden Bevölkerung. Heute aber tritt diese Seuche nur noch sporadisch in einigen wenigen Teilen der Welt auf. Wie gefährlich ist die Pest?
Bakterielle Infektionskrankheit
Die Pest ist eine in der Schweiz meldepflichtige, hochgradig ansteckende Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Yersinia pestis verursacht wird. Es handelt sich ursprünglich um eine Tierkrankheit, die unter bestimmten Umständen auf den Menschen übertragen werden kann (Zoonose); sie geht meist von Nagetieren wie Murmeltieren, Ratten oder Eichhörnchen aus. Der Erreger der Pest wurde erst 1894 entdeckt und 1944 mit der aktuellen Bezeichnung Yersinia pestis benannt.
Übertragungswege
Die Erkrankung kann in verschiedenen Formen auftreten, unter anderem als Beulenpest (Bubonenpest) und als Lungenpest. Die Beulenpest ist bedeutend häufiger; 90 Prozent der Pestinfektionen verlaufen als Beulenpest. Der Übertragungsweg ist indirekt: Meist erfolgt die Übertragung durch den Stich eines Flohs, der sich zuvor auf einem Nagetier infiziert hat und danach auf den Menschen als Wirt übergegangen ist. Auch Läuse können als biologischer Überträger fungieren. Möglich ist eine Ansteckung allerdings auch durch direkten Kontakt mit infiziertem Gewebe oder Körperflüssigkeiten eines erkrankten oder verendeten Tiers oder von Mensch zu Mensch durch Körperflüssigkeiten, etwa durch die Flüssigkeit in den Beulen.
Die Lungenpest kann sich einerseits als Folge einer unbehandelten Beulenpest entwickeln, falls die Bakterien die Lunge befallen und sich dort ausbreiten (sekundäre Lungenpest). Andererseits kann die Lungenpest aber auch durch Tröpfcheninfektion übertragen werden – das ist der einzige Weg, über den die Pest direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden kann (primäre Lungenpest). Dies kann schnell geschehen: Im Tierversuch reichen 100 bis 500 infektiöse Keime für eine Ansteckung.
Krankheitsbild
Bei der Beulenpest beginnen nach einer Inkubationszeit von wenigen Stunden bis sieben Tagen plötzlich die Symptome: zunächst Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber, starkes Krankheitsgefühl und Angstzustände, Übelkeit und Erbrechen, später Benommenheit, in späteren Stadien schliesslich Bewusstseinsstörungen. An der Infektionsstelle – meist die Bissstelle – kommt es häufig zu einer Bläschen- oder Pustelbildung. Der Erreger wandert über das Lymphgefässsystem zu den Lymphknoten, die – vor allem am Hals, in den Achselhöhlen und in den Leisten – stark anschwellen. Sie bilden so die typischen Pestbeulen, die sich blauschwarz färben und bis zu zehn Zentimeter Durchmesser erreichen können. Die Beulen sind schmerzhaft und können eitrige Geschwüre bilden.
In 25 bis 50 Prozent der Fälle streuen die Bakterien über den Blutweg, etwa wenn Pestbeulen nach innen platzen, was zu einer sogenannten Pestsepsis führen kann. Symptome sind hohes Fieber, starke Schwäche, Bauchschmerzen, Schock und Blutungen. Die Pestsepsis kann Schäden verursachen, die alle Organe in Mitleidenschaft ziehen und meist zum Tod führen. Die Lebenserwartung bei einer unbehandelten Pestsepsis liegt bei höchstens 36 Stunden, eine rechtzeitige Behandlung mit Antibiotika kann die Sterblichkeitsrate aber deutlich senken.
Bei der durch Tröpfcheninfektion verursachten Lungenpest, der schwerwiegendsten Form der Pest, dauert die Inkubationszeit nur wenige Stunden. Die Symptome sind Fieber, Atemnot, Husten, Schüttelfrost , Kopfschmerzen und Angstzustände, dazu Blaufärbung der Lippen und schwarz-blutiger Auswurf, der extrem schmerzhaft abgehustet wird. Die Lungenpest verläuft fulminanter als die Beulenpest, weil die Lymphknoten bei direkter Infektion der Lunge umgangen werden. Ohne früh einsetzende Therapie führt die Lungenpest fast immer zu einem Lungenödem mit Kreislaufversagen.
Vorbeugung und Behandlung
Selbst nach einer überstandenen Pestinfektion besteht keine vollkommene Immunität gegen eine erneute Erkrankung. Auch Schutzimpfungen gegen die Pest gewähren nur eine kurzfristige Immunität von drei bis sechs Monaten Dauer, und dies auch nur bei der Beulenpest. Die Impfstoffe sind überdies schlecht verträglich. Schutzimpfungen werden daher nur bestimmten Risikogruppen empfohlen, etwa Bauern, Landarbeitern und Jägern in Regionen, in denen infizierte Nagetierpopulationen verbreitet sind.
Bei frühzeitiger Diagnose bestehen heute gute Chancen auf Heilung der Krankheit. Die Therapie, die so bald wie möglich (innerhalb 18 Stunden nach Auftritt der ersten Symptome) beginnen sollte, erfolgt durch Antibiotika, die über zehn Tage hinweg verabreicht werden. Allerdings sind bereits Resistenzen bekannt. Je später die Behandlung einsetzt, desto höher ist die Letalität. Derzeit liegt die Sterblichkeit in ärmeren Ländern bei 17 Prozent und in Industrieländern bei 5 Prozent. Bevor Antibiotika verfügbar waren, lag die Letalität der Beulenpest bei 50 bis 75 Prozent, bei der Lungenpest bei 95 Prozent.
Zur Eindämmung einer Epidemie können neben Quarantänemassnahmen auch Insektizide – gegen die Flöhe – eingesetzt und die Rattenpopulation dezimiert werden.
Wo kommt die Pest noch vor?
In der Schweiz sind in den letzten 30 Jahren keine Pestfälle mehr aufgetreten. In Europa gab es den letzten dokumentierten Pestausbruch im Zweiten Weltkrieg. Die Epidemiologen gehen davon aus, dass die Pest in Europa – und auch in Australien – gegenwärtig nicht mehr existiert. Allerdings gibt es vereinzelte natürliche Pestherde bei Nagetieren in Osteuropa und angrenzenden Regionen, etwa dem Kaukasus. Berichte über Erkrankungen sind aber auch dort eine extreme Seltenheit.
Wild lebende Nagetierpopulationen – etwa Präriehunde, Erdhörnchen oder Murmeltiere – sind auch anderswo natürliche Reservoire des Pestbakteriums, von denen aus gelegentlich häusliche Nager, beispielsweise Ratten, infiziert werden. Dies betrifft Südostasien, die Volksrepublik China, die Mongolei, Süd- und Ostafrika, Mittel- und Südamerika sowie den Südwesten der USA.
Endemische Pestgebiete gibt es in der Demokratischen Republik Kongo und vor allem in Madagaskar, wo sich die Fälle jeweils in der Regenzeit zwischen August und April häufen. Auch in Kenia, Uganda, China und der Mongolei registrierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2019 bis 2025 bestätigte Fälle.
Die Gefahr, an einer Pestinfektion zu erkranken und sogar zu sterben, ist in der Schweiz äusserst gering. Das Risiko, dass eine infizierte Person einreist, ist gering – vor allem bei der Lungenpest, da die Zeit zwischen Ansteckung und dem Auftreten erster Symptome so kurz ist. Selbst wenn dies geschieht und es zu Sekundärinfektionen im Umfeld dieser Personen käme, wäre eine Ausbreitung hierzulande dank Quarantänemassnahmen und medizinischer Versorgung höchst unwahrscheinlich.
