Vogelbeobachtung ist gut fürs Gehirn
Was wäre, wenn es plötzlich kaum noch Vögel gäbe? In Charlotte McConaghys Roman «Die Zugvögel» wird dieses Szenario Realität. Die Ornithologin Franny Stone macht sich auf, die letzten Küstenseeschwalben auf ihrer Wanderung zu verfolgen.
Die Wissenschaft blickt nicht nur darauf, was wir verlieren könnten, wenn Vögel verschwinden, sondern auch darauf, was wir gewinnen, wenn wir ihnen mehr (verdiente!) Aufmerksamkeit schenken.
Denn: Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass Vogelbeobachtung die Gehirnstruktur verändern und sogar den Alterungsprozess des Gehirns verlangsamen kann – ähnlich wie beim Erlernen einer Sportart oder eines Musikinstruments.
Ein Hobby fürs Köpfchen
Neurowissenschaftler untersuchten dafür die Gehirne die Gehirne von erfahrenen Vogelbeobachtern mit denen von Laien. Die Hirnstruktur der Experten zeigte eine deutlich bessere Vernetzung – besonders dann, wenn sie noch unbekannte Vogelarten identifizieren sollten.
Ob diese strukturellen Unterschiede die Ursache oder die Folge der Vogelbeobachtung sind, lässt sich noch nicht abschliessend beweisen. Die Forschenden führen den Effekt jedoch auf die sogenannte Neuroplastizität zurück – die Fähigkeit des Gehirns, seine Form und Funktion durch ständiges Training anzupassen.
Im Alter lässt die Organisation des Gehirns normalerweise nach. Bei erfahrenen Vogelbeobachtern stellten die Forschenden jedoch fest, dass bestimmte Hirnregionen besser organisiert waren als bei gleichaltrigen Laien. Für den Hirnforscher Erik Wing, der an der Studie beteiligt war, könnte das bedeuten, dass Vogelbeobachtung hilft, das Gehirn länger fit zu halten. Ob sie den geistigen Abbau tatsächlich verlangsamt, müssen allerdings weitere Studien zeigen.
Doch Wing betont: «Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der frühe Beginn in die Vogelbeobachtung Vorteile mit sich bringt, die bis ins hohe Alter anhalten.»
«Es geht nicht nur um die Vögel»
Allein das Interesse an Vögeln kann positive Auswirkungen haben. Davon ist Elisabeth Kals, Psychologin und Professorin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, überzeugt. Sie erforscht, wie unsere Beziehung zur Natur unser Wohlbefinden prägt. In einer Studie hat sie untersucht, wie sich das Beobachten heimischer Vögel auf Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen auswirkt. Gegenüber BBC sagt sie: «Es geht nicht nur um Vögel an sich. Es geht um Natur, Aufmerksamkeit, Emotionen, Bedeutung, sozialen Austausch und Aktivität, die auf ganz einfache Weise zusammenwirken. Es schafft kleine Momente der Neugier, Freude und Vorfreude.»
Ähnlich sieht es auch Wing: Vogelbeobachtung sei ein Mittel, die eigene Neugier zu befriedigen – und vielleicht sei es gerade diese Neugier, die so wohltuend sei. «Ich denke, es ist sehr vorteilhaft, mehr Neues in unser Leben zu bringen, besonders in der Lebensmitte und im Alter», so der Hirnforscher.
