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Two hundred fifteen pairs of shoes are placed in a section to remember the residential school children who were found buried on the grounds of the former Kamloops Indian Residential School, in Kamloops, British Columbia, during the NHL playoff game between the Montreal Canadiens and Winnipeg Jets, in Montreal, Sunday, June 6, 2021. (Ryan Remiorz/The Canadian Press via AP)

215 Schuhe für die 215 toten Kinder der Kamloops Indian Residential School am NHL-Playoff-Spiel zwischen den Montreal Canadiens und den Winnipeg Jets in Montreal, 6. Juni 2021. Bild: keystone

Kanadas kultureller Genozid an seinen indigenen Kindern

In Kanada tauchen 215 Kinderleichen auf, eine dunkle Vergangenheit wird wieder Gegenwart: Zeit, sich dem kolonialen Schicksal von über 150'000 indigenen Schülerinnen und Schülern zu widmen.



Es klopft an der Tür. Es ist der Pfarrer, der örtliche Indian Agent oder ein Polizist. Sie sind gekommen, um die Kinder der Indigenen, der Inuit und der Métis zu holen. Der Bus zur Internatsschule fährt an diesem Morgen los. Fährt sie in ihr neues, fremdes Leben abseits ihrer Familien.

«Bei jedem Halt nahm der Zug mehr Kinder auf und die fingen auch an zu weinen. Diesen Zug möchte ich den Zug der Tränen nennen.»

Larry Beardy

Im Norden der Provinz Alberta kämpft Vitaline Elsie Jenner darum, bei ihrer Mutter zu bleiben. Sie schreit und tobt, «Mama, verlass mich nicht!» Dann nimmt sie die Nonne mit.

«Mama, Mama, kâya nakasin’!»

Vitaline Elsie Jenner

Dort, wo sie nun hinkommt, darf sie kein Cree mehr sprechen. Sie wird nicht mehr essen, nicht mehr riechen und sehen, was sie kennt. Alles Vertraute ist auf einen Schlag weg. Da ist bloss dieses riesige Haus mit den Frauen davor, die in lange schwarze Umhänge mit weissen Kragen gekleidet sind und ihnen die Kleider, die Haare, die Namen nehmen.

«Meine Mutter hatte mich in indianischer Kleidung vorbereitet. Sie hatte mir eine Jacke aus Hirschleder genäht, Perlen mit Fransen. Sie hat wunderschöne Arbeit geleistet, und ich war wirklich stolz auf meine Kleidung. Und als ich ins Internat kam, ich erinnere mich an den ersten Tag, zogen sie uns die Kleider aus.»

Martin Nicholas

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Links: Thomas Moore, wie er bei seiner Aufnahme in die Regina Industrial Residential School aussah, Provinz Saskatchewan, 1896. rechts: Thomas Moore nach seiner «Assimilation». bild: library and archives canada

«Ich wusste nicht, was geschah, aber ich erfuhr später, dass sie mich entlausten; den dreckigen, nichtsnutzigen, lausigen Wilden.»

Campbell Papequash

«Die erste Nummer, die ich im Internat hatte, war die 95. Ich hatte sie ein Jahr lang. Die zweite Nummer war die 4. Ich hatte sie für einen längeren Zeitraum. Die dritte Nummer war 56. Auch die hatte ich für eine lange Zeit. Wir liefen mit Zahlen auf uns herum.»

Gilles Petiquay

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Mädchen der St.Anthony's Indian Residential School, Onion Lake an der Grenze der Provinzen Alberta und Saskatchewanca, ca. 1950. bild: library and archives canada

Brüder wurden von Brüdern, Schwestern von Schwestern und Brüder von Schwestern getrennt. Man sorgte dafür, dass ihnen alles genommen wurde, was ihr Leben bisher geprägt hatte.

Was auch immer für Gefühle jene Kinder vor diesem Tag begleitet haben mochten, nun war es nur noch eines: Angst. Angst vor Demütigungen, Angst vor Schlägen und Missbrauch. Angst vor den Aufsehern, den Lehrern und den Mitschülern.

«Du lernst, nicht mehr zu weinen. Du wirst härter. Und du lernst, dich abzuschalten.»

Victoria McIntosh

Einige der mindestens 150'000 Kinder, die über ein Jahrhundert lang ihren Familien entrissen wurden, landeten in der Internatsschule in Kamloops.

Dort, wo man kürzlich die Überreste von 215 Kindern fand. Manche von ihnen wurden nur drei Jahre alt. Woran sie starben, ist noch nicht klar. Ihr Tod wurde nie dokumentiert.

epa09236277 A handout photo made available by the National Centre for Truth and Reconciliation at the University of Manitoba reportedly shows a gathering at the Kamloops Indian Residential School in Kamloops, British Columbia, Canada in 1937 (issued on 29 May 2021). According to a statement issued by Chief Rosanne Casimir of the Tk'emlups te Secw

Mit bis zu 500 Schülern war das katholische Internat in Kamploops eines der grössten in Kanada. Auf dem Gelände wurden Ende Mai 215 Kinderleichen entdeckt, die zwischen 1890 und 1987 dort gestorben und verscharrt worden waren. Bild: EPA NATIONAL CENTER FOR TRUTH AN

1883 markiert den Beginn des kulturellen Völkermords an den First Nations in Kanada.

Es war das Jahr, in dem der Premierminister Sir John A. Macdonald den Bau der sogenannten Residential Schools für Indigene im Westen des Landes autorisierte. 139 sollten es am Ende sein, die letzte schloss 1996.

«Wenn die Schule im Reservat ist, lebt das Kind mit seinen Eltern, die Wilde sind; es ist von Wilden umgeben, und obwohl es vielleicht lesen und schreiben lernt, sind seine Gewohnheiten, seine Erziehung und seine Denkweise indianisch. Es ist dann einfach ein Wilder, der lesen und schreiben kann. Es wurde mir als Leiter des Ministeriums ausdrücklich nahegelegt, dass Indianerkinder so weit wie möglich dem elterlichen Einfluss entzogen werden sollten, und die einzige Möglichkeit dazu wäre, sie in Schulen zu stecken, wo sie die Gewohnheiten und Denkweise der Weissen lernen.»
Sir John A. Macdonald im Unterhaus, 1883

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Sir John Alexander Macdonald war Kanadas erster Premierminister. Zwei Mal war er im Amt, 1867 bis 1873 und danach von 1878 bis zu seinem Tod 1891. bild: wikimedia

Es galt, sie zu zivilisieren. Der Staat übergab diese Aufgabe der Kirche, deren Personal billig war, weil es sich nicht wegen der Bezahlung, sondern vielmehr aus missionarischem Eifer heraus für die Umerziehung einsetzen liess.

Gekommen, um zu zivilisieren

Unter dem Deckmantel der «civilizing mission» geschahen in der ganzen Welt Verbrechen an indigenen Bevölkerungsgruppen. Begangen von Europäern, die im 15. Jahrhundert damit begannen, die Meere zu überqueren und neue Kontinente zu entdecken. Neue Quellen unvorstellbaren Reichtums erschlossen sich damit für die alten Monarchien. Es war der Anfang einer von Europa dominierten Weltwirtschaft, die auf der Ausbeutung ihrer Kolonien beruhte. Erst Spanien und Portugal, im 17. Jahrhundert folgte Holland, zwei Jahrhunderte später war Frankreich zur zweitgrössten Kolonialmacht aufgestiegen, während das British Empire im ausgehenden 19. Jahrhundert fast ein Viertel der Erde beherrschte.

Auch die Kirche beteiligte sich rege im Kampf um neue Besitztümer. Es war Papst Alexander VI., der damals die Welt einteilte, als sich nach Kolumbus' Entdeckungsfahrten Spanien und Portugal um die Gebiete der Neuen Welt zankten. Er zog einen Stich vom Nord- zum Südpol, quer durch den Atlantik, 370 Léguas (ca. 2282 Kilometer) westlich der westlichsten Kapverdischen Inseln und sprach alle Inseln und Länder westlich dieser Linie dem Hoheitsgebiet der Katholischen Könige Isabella und Ferdinand zu. Die östliche Hemisphäre wiederum gab er in die Hände des portugiesischen Königs Johann.

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Die Weltkarte des Alberto Cantino aus dem Jahr 1502 gilt als die älteste bekannte Karte mit der Einzeichnung der Grenze des Vertrages von Tordesillas vom 7. Juni 1494. bild: wikimedia

Solche alten Karten zeigen schön die Vorstellung von der Verfügbarkeit der Welt auf: Man behandelte die neu entdeckten Gebiete als «terra nullius», als Niemandsland. Bevor sie die Europäer nicht kannten, nicht kartographisch festhielten und benannten, existierten sie nicht. In jener Doktrin besassen die Ureinwohner jener Gebiete den Boden nicht, sie besetzten ihn lediglich. Wahres Besitzen heisst kultivieren. Es gehört dem, der das wilde, ungezähmte Land zu erfassen vermag, dem, der es durchmisst, aufteilt, ordnet, bebaut und so in die Zivilisation überführt.

Die Menschen aber, die sich ursprünglich darauf befanden, störten. Sie versperrten europäischen Siedlern den Weg und sassen auf den Schätzen, die es in die Heimat abzutransportieren galt. Cortés löschte die Azteken, Pizarro die Inkas aus. Millionen von Afrikanern wurden versklavt und als Zwangsarbeiter auf Zuckerrohr-, Baumwoll-, Kaffee-, Kakao- und Tabakplantagen nach Amerika verschifft.

Im Norden handelte man allerhand Verträge mit verschiedenen Indianervölkern aus, ohne sich daran zu halten. Und während die Siedlerkolonien dort allmählich zu wohlhabenden Gesellschaften heranwuchsen, immer grösser wurden und schliesslich politische Unabhängigkeit erlangten – die USA 1776 und Kanada 1867 –, fuhren sie damit fort, der indigenen Bevölkerung das Land unter den Füssen wegzurauben und ihnen immer kleiner werdende Reservate zuzuweisen.

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US-General William T. Sherman (1820–1891) in Verhandlung mit Indianern bei Fort Laramie. «Wir haben mehr als 1000 Verträge mit den verschiedenen Indianerstämmen geschlossen und haben keinen einzigen davon eingehalten», liess er einmal verlautbaren. bild: wikimedia

Der kulturelle Überlegenheitshabitus, mit dem die Europäer und deren Nachfahren in den USA und in Kanada gegenüber den Natives auftraten, diente dabei als Herrschaftslegitimation. Hier die zivilisierten Weissen, dort die primitiven Roten, Braunen, Schwarzen. Man war gekommen, jene Wilden auf dieselbe Entwicklungsstufe zu heben.

Denn Darwins Evolutionstheorie hatte ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch alle Sozial- und Geisteswissenschaften befruchtet, woraufhin die Ethnologie bald ein Stufenmodell gebar, dass von einer linearen Entwicklung der Menschheit ausging. Diese sei zu allen Zeiten und bei allen Gesellschaften dieselbe; vom Einfachen zum Komplexen. Vom Natur- zum Kulturvolk. Dazu gehörte wesentlich auch die religiöse Entwicklung; weg von den «Naturreligionen» hin zum Christentum. Die armen Seelen der dem Animismus oder einem sonstigen Aberglauben anhängenden Heiden mussten vor der Verdammnis gerettet werden.

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Ein einflussreicher Vertreter jenes eurozentrischen Evolutionismus war der Ethnologe Edward B. Tylor. Am Anfang, so schreibt er in seinem Werk «Primitive Culture» (1871), stehe der animistische Glaube (Glauben an eine beseelte Natur), der sich dann in einem zweiten Schritt zum Polytheismus entwickle, um schliesslich im Monotheismus zu münden. bild: gemeinfrei

Hier kamen dann auch die diversen katholischen und reformierten Missionare ins Spiel, die noch in den entlegensten Ecken der Welt und nicht selten mit gewaltsamen Mitteln unzählige «Primitive» dem Heil zuzuführen suchten.

Kirche mit kleiner Hütte, Felsgestein, Bergmassiv, bewölkt, 07.00 a.m.
Fotograf:
Heim, Arnold 
Titel:
Kirche Umanak (Uummannaq) 
Beschreibung:
Kirche mit kleiner Hütte, Felsgestein, Bergmassiv, bewölkt, 07.00 a.m. 
Datierung:
18.8.1909 
Enthalten in:
Expedition Grönland, 1909. Forschungsreise mit mehreren Bildern

Die Kirche auf Uummannaq (zu Deutsch «der Robbenherz-Förmige», nach dem Berg im Hintergrund benannt), einer 12 km² grossen Insel in Südwestgrönland, 1909. bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

«Jedes Mittel ist gut, wenn es zum Zwecke der Mission führt; jeder Krieg, jede Revolution wird dadurch geheiligt.»

Protestantischer Pfarrer aus Bern, zit. nach Arnold Heim

Solche eurozentrischen Überlegenheitskonzepte hierarchisierten fortan die Welt und am äussersten Ende jener scheinheiligen Errettungsrhetorik stand die Ausrottung unzähliger indigener Völker. Bald mischten sich diese mit rassistischem Gedankengut, das, sich im Gewand der Wissenschaft kleidend, die angeblichen Defizite gewisser Menschen nun am Blut festzumachen begann. Ein Emporkommen auf dieselbe Entwicklungsstufe war so nicht mehr möglich. Und wozu ein technisch vollends entwickeltes, bürokratisch durchorganisiertes und nach seiner Rassenideologie systematisch agierendes Reich fähig ist, dessen führende Partei sich selbst als «Herrenrasse» definiert, hat der Holocaust gezeigt.

Kanadas koloniale Gesetzgebung – Der «Indian Act»

Im Schatten solcher Ideen wurden auch die Residential Schools in Kanada gegründet.

Mit dem «Indian Act» setzte sich die Regierung ab 1920 ins Recht, die Kinder der First Nations auch gegen ihren Willen und den ihrer Eltern in jene von der Kirche geführten Einrichtungen zu zwingen.

Dieses Gesetz regelte seit seiner Erlassung im Jahr 1876 alle Belange in Bezug auf die Indianer. Es bestimmte, wer ein Indianer ist und wer nicht: Wenn Frauen einen Nichtindianer heirateten, verloren sie ihren Status, ebenso Männer, die einen Uniabschluss machten.

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Ab 1920 machte der Indian Act den Besuch der Internatsschule für indigene Kinder zwischen 7 und 15 Jahren zur Pflicht. Auf dem Bild zu sehen, Schüler in Eskimo Point (heute Arviat), Datum nicht bekannt. bild: Library and Archives Canada

Die verschiedenen Änderungen des Indian Acts dokumentieren die von der kanadischen Regierung verfolgte Politik des kulturellen Völkermordes: Nach und nach verbot man die Feste und spirituellen Praktiken der Indigenen, man nahm ihnen das Recht auf Selbstverwaltung, setzte Häuptlinge und Ratsmitglieder ab. Man schränkte die Möglichkeiten der Farmer ein, ihre Ernte zu verkaufen und Kredite aufzunehmen. Und man verfügte über das Reservatsland, in manchen Fällen liess man die Bewohner zwangsumsiedeln.

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Ein Potlatch ist ein Fest der amerikanischen Indianer der nordwestlichen Pazifikküste, bei dem in ritueller Weise Geschenke verteilt oder ausgetauscht werden. Er wurde im Zuge der Änderung des Indian Act im Jahre 1885 verboten. bild: wikimedia

Die Verschärfung des Gesetzes 1920 zielte darauf ab, den Indianern ihren Status gegen ihren Willen abzuerkennen:

«Der ganze Zweck des Gesetzes ist es, so lange fortzufahren, bis es keinen einzigen Indianer mehr gibt, der nicht in die Körperschaft des Volkes aufgenommen worden ist, dann gibt es auch keine Indianerfrage und kein Indianerdepartement mehr.»

Duncan Campbell, stellvertretender Minister für Indianische Angelegenheiten, 1920

Alles Indianische sollte vernichtet werden – damit versuchte die Regierung, sich ihrer rechtlichen und finanziellen Verpflichtungen gegenüber der First Nations zu entledigen, während sie sich ihr Land und ihre Ressourcen aneignete.

Und so wurden den Natives die Kinder entrissen. Ihre kulturellen Werte sollten zerstört, die Weitergabe an die nächste Generation verhindert werden. Dafür waren die Internate da. Sie mochten sich als Bildungseinrichtungen ausgeben, am Ende ging es allein darum, indianische Identitäten vollends auszulöschen.

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Cree-Schüler an ihren Pulten an der All Saints Residential School, Provinz Saskatchewan, 1945. bild: library and archives canada

Hunger, Krankheit, Gewalt: Die unheilige Dreifaltigkeit in Kanadas Residential Schools

Auch das Essen schmeckte nicht nach Heimat. In diesem neuen Leben, das die Kinder seit ihrer Ankunft im Internat zu führen gezwungen waren, gab es nichts mehr, dass sie an Zuhause erinnerte.

Die Abendessen in der File Hills Residential School in der Provinz Saskatchewan bestanden aus wässriger, geschmackloser Suppe. Fleisch gab es nie. Einen Winter lang, so erinnert sich Eleanor Brass, gab es jeden Tag Fisch. Um ihre karge Ernährung zu ergänzen, jagten die Jungen bei schönem Wetter Erdhörnchen und rösteten sie über offenem Feuer. Manchmal teilten sie diese mit den Mädchen in der Schule.

Andere fingen an, in den Kantinen zu arbeiten oder im Speisesaal des Personals, denn da kamen sie an deren Reste ran, die immer noch viel besser waren als das, was den Schülern vorgesetzt wurde.

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Mädchen arbeiten in der Küche der Bishop Horden Memorial School, Moose Factory, Provinz Ontario, 1940. bild: SHINGWAUK RESIDENTIAL SCHOOLS CENTRE

«Wir waren immer hungrig. Essen bestimmte den Anfang und das Ende aller Unterhaltungen.»

Enos Montour

Und wer es nicht schaffte, das Dosenfutter und den labbrigen Fisch herunterzuwürgen, der wurde dazu gezwungen.

«Wir mussten unser ganzes Essen essen, auch wenn wir es nicht mochten. Ich habe andere Schüler gesehen, die sich übergeben mussten, und sie wurden gezwungen, ihr eigenes Erbrochenes zu essen.»

Bernard Catcheway

Die Mangelernährung schwächte die Kinder und machte sie anfällig für Krankheiten. Die aus billigen Materialien gebauten Schulen taten ihr Übriges. Belüftungssysteme und Heizungen gab es nicht oder kaum, die sanitären Anlagen waren in einem desolaten Zustand und das Wasser verschmutzt. Selbst Feuerschutzmassnahmen fehlten, so dass im Laufe ihrer Existenz 53 Schulen abbrannten. Mindestens 40 Schüler starben in den Flammen.

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Das verbrannte Steingebäude der Cross Lake Indian Residential School, Provinz Manitoba, 1930. bild: library and archives canada

Die Internate waren Feuerfallen und Krankheitsinkubatoren. Die genaue Anzahl an Kindern, die dort ihr Leben liessen, wird wohl nie bekannt sein. Die Dokumente dazu fehlen, sie wurden grösstenteils vernichtet. Und der Rest weist riesige Lücken auf. Die Schulleiter schrieben gemeinhin nicht mehr als die Zahl verstorbener Kinder in ihren Jahresbericht. Namen schienen nicht von Belang zu sein. Und manchmal starben Kinder, ohne dass ihr Ableben je in irgendeiner Form verzeichnet worden wäre.

Todesraten an Internatsschulen 1869–1965:

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bild: Truth and Reconciliation Commission of Canada

Insgesamt geben die noch vorhandenen Dokumente den Tod von 3201 Kindern preis. Die grosse Mehrheit, 2434 von ihnen, starb im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. 74 Prozent an Tuberkulose, doch bei fast der Hälfte der dokumentierten Fälle fehlt die Angabe zur Todesursache.

«Meine Schulkameraden und ich haben nicht lange gezögert, sondern denjenigen, der Blut spuckte, sofort fürs Grab gebrandmarkt. Er hat Schwindsucht – er muss sterben.»

Joseph Dion

Die Sterberate war nicht nur in den Residential Schools so hoch, sondern generell unter der indigenen Bevölkerung. Eine direkte Folge der kanadischen Landraub-Politik, die auch die Nahrungsversorgung der in den Reservaten lebenden Menschen drastisch verschlechterte.

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Schülerinnen der All Saints Residential School, zwei Métis- und ein Inuit-Mädchen, Shingle Point, Provinz Yukon, 1930. bild: library and archives canada

1906 war die Todesrate der First Nations doppelt so hoch wie die der allgemeinen kanadischen Bevölkerung, in manchen Provinzen sogar dreimal höher.

Vergleich der Sterberaten pro 1'000 Einwohner von Internatsschülern und Schulkindern der allgemeinen kanadischen Bevölkerung unter Verwendung von Fünfjahres-Durchschnittswerten 1921–1965:

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«Combined Residential School Death Rate» meint hier die Zahlen aus den beiden Registern der dokumentierten Toten mit und ohne Namen. bild: Truth and Reconciliation Commission of Canada

Am Ende wurde nichts unternommen, was die Situation massgeblich verbessert hätte. Die Gesundheit der indigenen Bevölkerung hatte für die kanadische Regierung keine Priorität. Und die im Lande wütende Tuberkulose wurde so lange ignoriert, bis sie auch die kanadische Bevölkerung zu bedrohen begann.

Es war nun mal der Preis, den die Indianer zu zahlen hatten, damit sie zivilisiert würden, hiess es. In Wahrheit war es der Preis, den sie zahlten, kolonisiert worden zu sein.

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Die in der Schule verstorbenen Kinder wurden in der Regel auf Missionsfriedhöfen oder auf dem Internatsgelände selbst begraben; in schlecht gekennzeichneten Gräbern. Wurden die Schulen dann geschlossen, kümmerte sich auch niemand mehr um die Grabstätten. Im Bild: Schüler auf dem katholischen Friedhof in Fort George, Québec. bild: Deschâtelets Archives

«Die Jahre an der Internatsschule waren die Hölle. Erniedrigt zu werden von unseren sogenannten Erziehern, von diesen Leuten geschlagen zu werden, die eigentlich dazu da waren, um auf uns aufzupassen, uns zu lehren, was richtig und was falsch ist. Heute stelle ich mir diese Frage oft: Wer lag richtig und wer falsch?»

Fred Brass

Wie in einem Gefängnis sei es gewesen, so beschreiben viele Überlebende ihr Internatsleben. Die disziplinarischen Massnahmen, unter denen sie zu leiden hatten, wären an keiner der allgemeinen Schulen geduldet worden.

«Wenn wir ins Bett gemacht hatten, mussten wir in unseren verpinkelten Hosen in die Ecke stehen.»

Wendy Lafond

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Jungen in ihrem Schlafsaal beten vor dem Zubettgehen, Bishop Horden Memorial School, Moose Factory, Provinz Ontario, 1950. bild: library and archives canada

Es gab keine Grenzen. Die Gewalt in jenen Mauern uferte aus. Kinder wurden von ihren Aufsehern gedemütigt, an die Wand geschleudert, getreten, mit Stöcken und Peitschen geschlagen, in Keller gesperrt, kahl rasiert, vergewaltigt – während der Beichte in der Kirche, in den Umkleidekabinen, den Duschräumen, der Kantine.

«Ich konnte nicht um Hilfe rufen, ich konnte nicht. Und er hat schreckliche Dinge mit mir gemacht.»

Josephine Sutherland

Viele verstanden nicht, was ihnen da zugefügt wurde, und diejenigen, die es begriffen, dachten, sie wären damit allein. Wieder andere wurden bedroht mit ewigen Höllenqualen, wenn sie jemandem davon erzählten. Andere schämten sich sowieso zu sehr und dachten, sie wären selbst schuld. Manchen, die den Mut fanden, über ihren Missbrauch zu sprechen, wurde nicht geglaubt. Besonders Eltern, die zum Christentum konvertiert waren, konnten sich nicht vorstellen, dass Gottesleute zu solch schrecklichen Dingen in der Lage wären.

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Residential School in Red Deer, Provinz Alberta, um 1905. bild: Truth and Reconciliation Commission of Canada

«Ich habe es nie wirklich verstanden. Und es hat mein Leben zerstört, mein Leben als Mutter, als Gattin, als Frau.»

Agnes Moses

Einige brachen lange nach der erlebten Misshandlung ihr Schweigen und sorgten dafür, dass ihre Peiniger bestraft wurden. 40 Gewalt- und Sexualverbrecher wurden auf ihr Betreiben hin verurteilt.

Viele aber kamen davon. Weil Beschwerden ignoriert und Missbräuche vertuscht worden waren. Von der Regierung und von der Kirche. An der Grollier Hall Residential School in Inuvik verging seit ihrer Eröffnung 1958 bis 1979 kein Jahr, in dem kein Schlafsaal-Aufseher eingestellt worden wäre, der später nicht wegen sexuellen Missbrauchs von Schulkindern verurteilt worden wäre.

Ein eindeutiges Tätermuster gab es nicht. Jungen und Mädchen wurden gleichermassen Opfer von Übergriffen, begangen von Mitarbeitern sowohl des anderen als auch des gleichen Geschlechts wie sie selbst.

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Schüler und Personal der Regina Industrial Residential School, Provinz Saskatchewan, 1908. bild: library and archives canada

48 Prozent der ehemaligen Internatskinder stellten einen Entschädigungsanspruch wegen physischen und sexuellen Missbrauchs an die Regierung. Und das waren bloss diejenigen, die vor Mai 2005 noch lebten.

Gewalt war an diesen Schulen die Norm. Umarmungen gab es nicht, nur Schläge. Und diese wurden weitergegeben. Die stärkeren Schüler liessen ihre Wut und ihren Sadismus an den Schwächeren aus. Schüler zwangen Schüler, ihr Essen und ihr Geld abzugeben oder an sexuellen Handlungen teilzunehmen. Die Neuankömmlinge wurden verprügelt, so sah der Initiationsritus aus.

Willkommen in deinem neuen Leben.

«Es war wie im Dschungel. Du weisst nicht, was auf dich zukommen wird, aber du weisst, dass du aufpassen musst.»

Alice Ruperthouse

«Wir hassten uns gegenseitig. Diese kleine Gang mochte die andere kleine Gang nicht. So war das in der Schule, das wurde uns beigebracht, Angst. Und wir hatten Angst.»

Louisa Birote

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Schülerinnen und Schüler der Hay River Residential School, Northwest Territories, 1931. bild: library and archives canada

Einige Kinder liefen davon. Und einige von ihnen schafften es tatsächlich nach Hause und weigerten sich erfolgreich, in die Schule zurückzukehren.

Andere nicht.

«Es war auf halber Höhe dieses grossen Hügels, und von dort aus konnte man die Stadt sehen. Und wir dachten, da gehen wir runter, da werden wir Spass haben, doch beim Weitergehen realisierten wir, wir alle haben kein Geld und wir haben keinen Ort, wo wir hingehen können. Es gab keinen sicheren Ort für uns.»

Beverley Anne Machelle

Der Fluchtversuch von 33 Schülern endete tödlich. Die meisten starben an Erschöpfung, was hätte verhindert werden können, wenn nach den Ausreissern gesucht worden wäre.

Mindestens 37 Kinder haben versucht, ihre Schule niederzubrennen. Zwei dieser Verzweiflungstaten endeten mit toten Schülern und Personal.

Gegen ein solches von oben dirigiertes System anzukommen, war schwer. Jegliche Zuwiderhandlungen wurden mit Strafmassnahmen belegt. Und dennoch geschah es immer wieder, dass Eltern ihre Kinder gar nicht erst für die ab 1920 obligatorisch gemachten Residential Schools einschrieben. Diese Strategie war sogar so effektiv, dass manch eine Schule ihre Tore wegen zu geringer Schülerzahlen schliessen musste.

Damit untergruben die Eltern nicht nur die Assimilationspolitik der Regierung, sondern beraubten die Schulen auch der Pro-Kopf-Zuschusseinnahmen und der Arbeitskraft der Schüler. Allerdings bekamen die dadurch entstandenen Defizite am Ende wieder die in den Internaten verbliebenen Kinder zu spüren.

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Zwei Jungen der St.Michael's Residential School beim Heuen, Duck Lake, Provinz Saskatchewan, Datum unbekannt. bild: library and archives canada

Für die allermeisten Familien hiess der Nichtbesuch jener Schulen aber, dass ihre Kinder nicht lesen und schreiben lernten. Und so setzten sich viele dafür ein, wenigstens deren Infrastruktur zu verbessern, die Versorgung der Schüler mit genügend und gesundem Essen zu gewährleisten oder sie gänzlich durch Tagesschulen in ihren Gemeinden zu ersetzen. Doch diese Versuche wurden von der Regierung grösstenteils unterbunden, sie galten ihr als indianisch; als schädlich und rückständig.

Der lange Weg der Wiedergutmachung

A child's dress hangs on a cross as it blows in the wind near the former Kamloops Indian Residential School, to honor the 215 children whose remains have been discovered buried near the facility Friday, June 4, 2021 in Kamloops, British Columbia. (KEYSTONE/Darryl Dyck/The Canadian Press via AP)

Ein Kleidchen an einem Kreuz auf einem Hügel in der Nähe der Kamloops Residential School zu Ehren der dort gefundenen 215 Kinderleichen, Provinz British Columbia, Juni 2021. Bild: AP The Canadian Press

Die letzte Residential School schloss 1996. Den First Nations, Inuit und Métis wurden Entschädigungsgelder für das erlittene Unrecht gezahlt. Die Vereinigte Kirche, der Missionsorden der Katholischen Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria, die Anglikanische und die Presbyterianische Kirche haben sich für ihre Beteiligung am Internatssystem entschuldigt. Der Papst allerdings nicht. Auch nicht, nachdem im Juni 2021 die Überreste von 215 Kindern auf dem Gelände der Kamloops Residential School auftauchten.

2008 richtete der ehemalige kanadische Premierminister Stephen Harper Worte des tiefen Bedauerns an die First Nations, während sein Nachfolger Justin Trudeau bei seiner Wahl 2015 versprach, sich um die Anliegen der Indigenen zu kümmern.

Die Truth and Reconciliation Commission of Canada veröffentlichte im selben Jahr 94 Calls to action, ein Katalog von Handlungsaufforderungen an die Regierung, womit versucht werden sollte, die fortwährenden Ungerechtigkeiten, unter denen die Natives im Lande noch immer zu leiden haben, zu beseitigen. Viele von ihnen bleiben bis heute offen.

A woman holds an eagle feather while watching a convoy of truckers and other vehicles travel past in support of the Tk'emlups te Secwepemc people, after the remains of 215 children were discovered buried near the former Kamloops Indian Residential School, in Kamloops, British Columbia, on Saturday, June 5, 2021. (Darryl Dyck/The Canadian Press via AP)

Eine Angehörige der Secwepemc hält eine Adlerfeder hoch, Kamloops, Provinz British Columbia, Juni 2021. Bild: keystone

Das Trinkwasser in manchen indigenen Dörfern muss noch immer abgekocht werden. Die gesundheitliche Kluft, die sich als direkte Folge von Kanadas Kolonialpolitik zwischen den Natives und der generellen kanadischen Bevölkerung aufgetan hat, ist noch lange nicht geschlossen.

Die Kindersterblichkeit war 2018 bei den Inuit 3,9 Mal höher, bei den First Nations 2-3 Mal höher und bei den Métis 1,9 Mal höher als bei der nicht-indigenen Bevölkerung. Noch immer sind sie am stärksten von Armut betroffen und auch die höhere Suizidrate, besonders bei jungen (15 bis 24 Jahre) Männern der First Nations und den Inuit beider Geschlechter, ist zu einem grossen Teil auf sozioökonomische Merkmale zurückzuführen: Einkommen, Erwerbsstatus und Bildungsniveau sind generell auf einem tieferen Niveau als bei nicht-indigenen Kanadiern.

Die Internate mögen verschwunden sein, die indigenen Kinder Kanadas sterben aber weiterhin an den Folgen jener fatalen kolonialen Praktiken.

Quelle:

Der Artikel beruht mehrheitlich auf dem 500 Seiten umfassenden Bericht der Truth and Reconciliation Commission of Canada, den die kanadische Regierung 2015 über die Geschichte und die bleibenden Auswirkungen des Indian-Residential-School-System herausgegeben hat. Der Zweck des Mandats, so heisst es darin, bestünde nicht im «Beschämen und Aufzeigen von Fehlverhalten». Vielmehr sollte «der Fokus der Kommission auf die Wahrheitsfindung den Grundstein für die wichtige Frage der Versöhnung legen.»

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