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Arnold Heim (rechts) mit einem Forscherkollegen beim Ausarbeiten der Rapporte in Oklahoma, USA, 1912. Er fand, gemeinsam mit seinen Eltern, auf dem Zürcher Friedhof Sihlfeld seine letzte Ruhestätte.<br>
Arnold Heim (rechts) mit einem Forscherkollegen beim Ausarbeiten der Rapporte in Oklahoma, USA, 1912. Er fand, gemeinsam mit seinen Eltern, auf dem Zürcher Friedhof Sihlfeld seine letzte Ruhestätte.
bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Wie ein Schweizer Naturforscher die Schönheit der Erde sah und die «weisse Rasse» anklagte

In seinem 1942 erschienenen Buch «Weltbild eines Naturforschers – Mein Bekenntnis» rechnete der Schweizer Geologe mit der Herrschsucht und der Profitgier der «weissen Rasse» ab, der etliche Naturvölker und Tierarten zum Opfer fielen. Sein Appell an die Menschheit ist auch heute noch aktuell.
13.01.2019, 15:3014.01.2019, 07:40
«Wer sich im festen Glauben an die Wahrheit der von den Kirchen als Offenbarung Gottes hingestellten Lehren glücklich fühlt und voraussetzungsloses Forschen als sündhafte Anmassung betrachtet, der lege dieses Buch zur Seite.»
Arnold Heim, «Weltbild eines Naturforschers», 1942

Mit diesen Worten beginnt das Bekenntnis des Schweizer Naturforschers Arnold Heim (1882–1965), mit dem er 1942 die Welt beschenkt, während diese in den Flammen eines grauenvollen Krieges aufgeht. 

Arnold Heim wollte mit seinem Buch niemandem den Glauben nehmen und auch niemanden kränken. Es war nur so, dass sein unablässiges Streben nach der Wahrheit über das uneigennützige und unvoreingenommene Forschen führte, so wie es seine «verehrten Eltern» Marie Heim-Vögtlin – die erste Schweizer Ärztin und Mitbegründerin des ersten Schweizer Frauenspitals – und der Geologe Albert Heim ihm vorgelebt hatten. 

Gletscherbesteigung in Santa Cruz, Argentinien, 1940.
Gletscherbesteigung in Santa Cruz, Argentinien, 1940.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Er reiste in alle Erdteile, suchte nach Öl, vermass Berge und machte bahnbrechende Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen Sedimentation und Tektonik. Doch Arnold Heim studierte nicht nur die Natur, sondern auch die ihm fremden Völker. Und was er da sah, machte ihn zum Kritiker des westlichen Lebensstils, zu einem Pionier der Entkolonialisierung und des Naturschutzes. 

«Der Gott, der in Menschengestalt dort oben auf dem goldenen Throne sitzen soll, Christus zu seiner Rechten – wie kleinlich sind solche Vorstellungen in Anbetracht der unfassbaren Grösse dieser Welt mit ihren Milliarden von Sonnen, die dieser Gott geschaffen haben soll!»
Arnold Heim, «Weltbild eines Naturforschers»
Seealpsee-Rossmad-Säntis, auf 1141 m ü. M. im Alpsteingebiet, Appenzell, Schweiz, 1906.
Seealpsee-Rossmad-Säntis, auf 1141 m ü. M. im Alpsteingebiet, Appenzell, Schweiz, 1906.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Heim glaubte nicht an den einen Schöpfer, er war Pantheist, er verehrte die Schönheit der Natur, in dessen Vielfalt er das Göttliche erblickte. Er schrieb: «Welch wunderbare Mannigfaltigkeit ist in der Zauberpracht der Blüten und Schmetterlinge zur Schau gelangt! Es ist der äusserste Ausdruck göttlicher Liebe.» 

Nicht Gott hat die Welt erschaffen, sondern die Welt hat Gott erschaffen – oder wie es Goethe einst ausdrückte:

«Was wär' ein Gott, der nur von aussen stiesse,
Im Kreis das All am Finger laufen liesse!
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in sich, sich in Natur zu hegen,
So dass, was in ihm lebt und webt und ist,
Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermisst.»
Auszug aus Goethes Gedicht «Prooemion», das 1817 seine Schriftenreihe «Zur Naturwissenschaft überhaupt» einleitete

Arnold Heim sah mit eigenen Augen, was in den Gegenden geschah, in denen man von diesem Gott noch nie etwas gehört hatte. Wie man ihn den Menschen dort aufzwang.

Hindu-Pilgerinnen in Badrinath, Indien, 1936.&nbsp;
Hindu-Pilgerinnen in Badrinath, Indien, 1936. bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Wie fanatisch die christlichen Missionen versuchten, den Naturvölkern das «Heil» zu bringen – mit tatkräftiger Unterstützung der Kolonialregierungen.

Wie die «Herrschsucht der weissen Rasse» den Untergang der Azteken und Inkas in Südamerika nach sich zog, die Indianer in Nordamerika tötete und unzählige Völker und Stämme in Afrika, Asien, Australien und der gesamten Inselwelt des Pazifiks erst entwurzelte, dann ausbeutete und am Ende ganz auslöschte. 

Die Kirche auf Uummannaq (zu Deutsch «der Robbenherz-Förmige», nach dem Berg im Hintergrund benannt), einer 12 km² grossen Insel in Südwestgrönland, wie sie auch in jedem anderen Dorf steht, 1909. <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Uummannaq#/media/File:Umanaq2.jpg">Heute sieht es dort so aus.</a>
Die Kirche auf Uummannaq (zu Deutsch «der Robbenherz-Förmige», nach dem Berg im Hintergrund benannt), einer 12 km² grossen Insel in Südwestgrönland, wie sie auch in jedem anderen Dorf steht, 1909. Heute sieht es dort so aus.bild:  eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Manch ein Missionar empfand das Aussterben solcher Menschen dann auch besser als ihr heidnisches Fortleben: «Jedes Mittel ist gut, wenn es zum Zwecke der Mission führt; jeder Krieg, jede Revolution wird dadurch geheiligt», sagte ein protestantischer Pfarrer aus Bern.

Mit Schlägen führte man die Eingeborenen dem Christentum zu. Selbst die Eskimos* in Grönland seien von den dänisch-norwegischen Missionaren mit einem Tauende auf ihre nackten Rücken geschlagen worden. Der Dorfälteste lud die Männer daraufhin zu sich ein. «Die Güte kommt in gerader Linie aus ihrem Herzen», schreibt Heim. 

Eine Eskimo*-Familie vor ihrem Zelt auf einer kleinen Insel in Egedesminde (zu Deutsch: Aasiaat), 1909.
Eine Eskimo*-Familie vor ihrem Zelt auf einer kleinen Insel in Egedesminde (zu Deutsch: Aasiaat), 1909.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim
Das Forschungsschiff «Hans Egede» (benannt nach dem ersten dänisch-norwegischen Pfarrer Hans Egede, mit dem 1721 die evangelische Missionierung begann) vor der Heimfahrt in Uummannaq, 1909.
Das Forschungsschiff «Hans Egede» (benannt nach dem ersten dänisch-norwegischen Pfarrer Hans Egede, mit dem 1721 die evangelische Missionierung begann) vor der Heimfahrt in Uummannaq, 1909.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Auch auf der zweitgrössten Insel der Erde, auf Neuguinea, wüteten die Europäer, hier in Gestalt von Niederländern, Briten und Deutschen. Der Schweizer Ethnologe Paul Wirz (1892–1955) weiss viel Trauriges über das melanesische Volk der Marind-anim im Westen zu berichten. Die Frauen und Männer lebten getrennt voneinander, doch die Niederländer zwangen sie in ihrem christlichen Glaubenseifer in dieselben Hütten. Wer nicht schnell genug sein Heim verliess, dem wurde es einfach über dem Kopf angezündet. 

«Sie heulten, als ihre Männerhäuser mit den schönen Schnitzereien von den protestantischen Missionaren niedergebrannt wurden.»
Schweizer Ethnologe Paul Wirz, zit. nach Heims «Weltbild eines Naturforschers»
Ekari-Mann mit Nasenschmuck am Paniai-See in Westneuguinea, 1939.
Ekari-Mann mit Nasenschmuck am Paniai-See in Westneuguinea, 1939.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Man zwang die Einheimischen, gegen Kokosnüsse europäische Kleider zu kaufen. Durch sie aber wird «das herrlichste aller Desinfektionsmittel, die Sonnenstrahlung, ausgeschaltet, und [die Einheimischen] werden zum Herd von Infektionskrankheiten, vor allem der Tuberkulose», schreibt Heim. Er hatte die Frassspuren des Ringwurms an den Körpern der Papua selbst gesehen. Und nicht nur das – auch Geschlechtskrankheiten brachte man ihnen.

Ihre Haarpracht wurde ihnen abgeschnitten und die Kinder prügelte man in die Missionsschulen, während sich Protestanten und Katholiken gegenseitig die Häuser abfackelten. 

Die britischen Kolonialisten sagten gern, dass der unzivilisierte Eingeborene ein Gentleman sei, der zivilisierte aber ein Gauner. Denn er hatte von den Eroberern das Lügen und das Stehlen gelernt, dass er vorher nicht kannte. 

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Der lutherische Missionar Christian Keysser (1877–1961) schrieb, weit einsichtiger als andere: «Das Papuavolk will wirklich christlich sein in all seinem Tun und Treiben, auch in seinen Festen. Bei uns in Europa hat man zwei Gesichter, ein geistliches und ein weltliches, einen doppelten Mund, ein doppeltes Herz.» 

Ein Papua, der schreiben gelernt hatte, schrieb dem Missionar zwei Jahre nach seiner Rückkehr nach Deutschland:

«Mit unserem Christentum ist es jetzt gar nichts mehr. Wir sind äusserlich verarmt und innerlich völlig heruntergekommen.»
Ein Papua in einem Brief an den Missionar Keysser

Auf die Frage, ob die eingeborenen Bergvölker West-Neuguineas durch die Misssion glücklicher werden, sagte der katholische Pastor Tillemans von Oeta: «Das vielleicht nicht, aber sie werden eine höhere Auffassung des Lebens gewinnen.» 

Eine Quechua-Indianerin mit ihren Kindern bei Pusi am Titicacasee in Peru, 1946.
Eine Quechua-Indianerin mit ihren Kindern bei Pusi am Titicacasee in Peru, 1946.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

In Mexiko wütete bereits im Jahre 1531 der spanische Conquistador Cortés, der die Azteken niedermetzelte, während sein Landsgenosse Pizarro das Reich der Inka zerstörte. Innerhalb einer fünfzigjährigen Kolonialtätigkeit brachte es seine Schar blutrünstiger Spanier zustande, ein hochstehendes Kulturvolk von 10 bis 20 Millionen Menschen umzubringen. 

Puna de Atacama, auf dem San-Francisco-Pass in den Anden, der Argentinien und Chile verbindet, 1946. Der höchste Punkt liegt auf 4726 Meter.<br>
Puna de Atacama, auf dem San-Francisco-Pass in den Anden, der Argentinien und Chile verbindet, 1946. Der höchste Punkt liegt auf 4726 Meter.
bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim
«Von Kalifornien über Mexiko und Panama bis Peru und Chile stehen jetzt die alten Missionsgebäude in Ruinen. Die Eingeborenen in ihrer Umgebung sind verschwunden oder degeneriert**. Wie eine furchtbare Ironie auf die früheren Geschehnisse wirken all die Heiligennamen, die Santos und Santas an den Stätten des Mordes.»
Arnold Heim, «Weltbild eines Naturforschers»
Kakteenlandschaft, im Hintergrund ein Tafelberg,&nbsp;Baja California in Mexiko, 1915.
Kakteenlandschaft, im Hintergrund ein Tafelberg, Baja California in Mexiko, 1915.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Weiter im Süden bildeten sich die ausbeuterischen Kautschukgesellschaften, die den Indianern billigen Branntwein brachten und sie in die Schulden trieben, um sie dann versklaven zu können.

Eine Aimara-Indianerin mit Kind vor ihrer fensterlosen Adobe-Lehmhütte im südlichen Teil des Titicacasees bei Taraco in Bolivien, 1946.
Eine Aimara-Indianerin mit Kind vor ihrer fensterlosen Adobe-Lehmhütte im südlichen Teil des Titicacasees bei Taraco in Bolivien, 1946.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Der deutsche Anthropologe Theodor Koch-Grünberg (1872–1924), der im brasilianischen Amazonas starb, schrieb: 

«Der Pesthauch einer Pseudo-Zivilisation geht über die rechtlosen braunen Leute hin. Wie alles vernichtende Heuschreckenschwärme dringen die entmenschten Scharen der Kautschuksammler immer weiter vor.»
Deutscher Anthropologe Koch-Grünberg, zit. nach Heims «Weltbild eines Naturforschers»
Sonnenuntergang am Amazonas bei Belém, 1947.
Sonnenuntergang am Amazonas bei Belém, 1947.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Die Maori auf Neuseeland hielten ihren Missionaren vor: 

«Ihr lehret uns gen Himmel sehen, aber während wir dahin schauten, kamen eure Brüder und nahmen uns die Erde, die uns gehörte.»

Auf den Hawaii-Inseln wurde «son of a missionary» zum Schimpfwort. In Neukaledonien sah Heim betrunkene Eingeborene in der Nähe der Zuckerrohr-Schnapsbrennerei herumliegen, die zu einer katholischen Missionsstation gehörte. Auch sie waren entrechtet, auch für sie galt der französische Wahlspruch «Liberté, Egalité, Fraternité» nicht. 

Ein Mann mit Tanzmaske in Voh, Neukaledonien 1921.
Ein Mann mit Tanzmaske in Voh, Neukaledonien 1921.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim
Arnold und Monica Heim auf Liegestühlen im Pyjama in Koumac, Neukaledonien, 1921.
Arnold und Monica Heim auf Liegestühlen im Pyjama in Koumac, Neukaledonien, 1921.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim
«Vegetarische Mahlzeit in Freundschaft mit einem Kannibalen-Häuptling, Insel Malakula, Neue Hebriden» heisst es in der Original-Bildunterschrift von 1920.
«Vegetarische Mahlzeit in Freundschaft mit einem Kannibalen-Häuptling, Insel Malakula, Neue Hebriden» heisst es in der Original-Bildunterschrift von 1920.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim
Ein Mann mit Penisköcher («Namba») und bemalter Holzfigur auf Malakula, Neue Hebriden, Inselstaat Vanuatu, 1921.&nbsp;
Ein Mann mit Penisköcher («Namba») und bemalter Holzfigur auf Malakula, Neue Hebriden, Inselstaat Vanuatu, 1921. bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Auch in Australien und Tasmanien wurden ganze Stämme niedergemacht. Paul Sarasin (1856–1929), der Schweizer Naturforscher und Mitgründer des Schweizerischen Nationalparks, schrieb 1914:

«Nicht nur ist Blut in Strömen vergossen worden bei der Ausrottung der Urmenschen, sondern es ist eine solche Summe von Qual jenen Schwächeren zugefügt worden, von solcher Furchtbarkeit, dass, wer die davon handelnden Berichte lesen muss, von diesen Vorstellungen wie von Gespenstern verfolgt wird. Wie gerne möchte ich ein Tuch über diese Massenhaftigkeit von Verbrechen breiten, undurchdringlich dem Blick, als Vergangenes der Vergessenheit übergeben, wenn nicht noch heutzutage die alte Raserei immer von neuem aufflackern würde.»
Schweizer Naturforscher Sarasin, zit. nach Heims «Weltbild eines Naturforschers»
Ein Maori-Mädchen, Neuseeland, 1901.
Ein Maori-Mädchen, Neuseeland, 1901.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Diejenigen, die dem Tod entrinnen, geraten in die sogenannte Zivilisation und werden da zu Bettlern, Alkoholikern und sterben irgendwann, tief deprimiert, ebenso. «Da wird es begreiflich, dass die Eingeborenen sagen: ‹Wir wollen lieber aussterben›», schreibt Heim.

Eine Batwa-Mutter im Fellkleid bettelt um eine kleine Gabe bei Kisoro, Uganda, Zentralafrika, 1954.
Eine Batwa-Mutter im Fellkleid bettelt um eine kleine Gabe bei Kisoro, Uganda, Zentralafrika, 1954.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Auch auf dem schwarzen Kontinent haben sich die Weissen «bewährt». Im imperialistischen Wettbewerb versuchten sie sich gegenseitig zu übertrumpfen. Jeder wollte «einen Platz an der Sonne» ergattern.

Erst kamen die Forscher und zeichneten Karten, dann folgten die Missionare und bald schon begannen die Dampfschiffe die Flüsse zu befahren, während die Eisenbahn das Land zerschnitt. Der Erde wurden Erze und Diamanten geraubt und für die in Europa so hoch geschätzten Kolonialprodukte wie Kaffee oder Tee liess man die Eingeborenen als Sklaven schuften. 

Dinkas in Abwong, Südsudan, 1927.
Dinkas in Abwong, Südsudan, 1927.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Um die gewaltsame Ausbeutung als Zivilisierungsakt zu rechtfertigen, sprach man von den «Primitiven» als minderwertige Rasse, die sich irgendwo sehr nahe am Tier auf niederer Kulturstufe herumtummle. 

Tafelberg inmitten der Landschaft bei Hombori in Mali, Westafrika, 1934.
Tafelberg inmitten der Landschaft bei Hombori in Mali, Westafrika, 1934.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim
«Fetischtanz» in&nbsp;Assinie, Elfenbeinküste in Westafrika, 1933. Man beachte den Jungen im Hintergrund in europäischer Kleidung.
«Fetischtanz» in Assinie, Elfenbeinküste in Westafrika, 1933. Man beachte den Jungen im Hintergrund in europäischer Kleidung.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Der schwedische Geograph und Reiseschriftsteller Sven Hedin (1865–1952), der auf einem seiner Expeditionen nach Zentralasien den Transhimalaya entdeckt hatte, schrieb:

«An der abendländischen Kultur scheint gewissermassen der Fluch zu haften, überall, wo sie hinkommt, die Schönheit und Echtheit zu zerstören.»
Schwedischer Geograph Sven Hedin, zit. nach Heims «Weltbild eines Naturforschers»
Ein Priester in Siam (heute Thailand), 1935.
Ein Priester in Siam (heute Thailand), 1935.Bild: DSC - Digitale Fotokamera

Die Irokesen in Nordamerika bewohnten vor dem 17. Jahrhundert das ganze riesige Gebiet von der atlantischen Küste bis zum Tennessee – dann kamen die Weissen. Prämien wurden auf ihre Skalpe und Ohren bezahlt, bis sich die Übriggebliebenen nach Westen zurückzogen. 

Im Jahr 1784 wurde ihnen das Land zwischen den Seen Ontario, Huron und Erie auf alle Zeiten zugesprochen – die Freiheitsbriefe wurden vom Gouverneur der Kolonie Kanada im Namen von König Georg III. unterzeichnet. Die Irokesen begruben daraufhin die Waffen und lebten als friedliche Ackerbauern. Ihre Häuptlinge wurden von den Müttern nach dessen Charaktereigenschaften gewählt, denn sie waren matrilinear orientiert: Das Oberhaupt einer Familie war immer eine Frau und die Kinder gehörten zur mütterlichen Linie.

1914 erzwang die kanadische Regierung die Teilnahme der Irokesen am Ersten Weltkrieg – bei Weigerung hätte man sie einfach entrechtet. 300 wurden eingezogen, 40 von ihnen fielen auf dem Schlachtfeld. 

Entgegen der Versprechungen setzte man nach dem Krieg den Indian Act von 1906 wieder in Kraft, in dessen Paragraph 2c es heisst: «Person bedeutet ein Individuum – ausgenommen Indianer.» Mit diesem Geheimgesetz fühlte sich die kanadische Regierung im Recht, den Irokesen alles wegzunehmen. 

Einige reisten für eine Petition nach Ottawa, wo ihnen die Türen verschlossen blieben. Churchill antwortete, ihre Sache gehe ihn nichts an. Und als Häuptling Deskaheh mit den Freiheitsbriefen nach Genf reiste, um sich vor dem Völkerbund Gehör zu verschaffen, wurde er nicht zugelassen. 

Am 21. Oktober 1924 überfiel die kanadische Militärmacht das Land der Irokesen und raubte die Freiheitsbriefe. Bald darauf starb Deskaheh in Verzweiflung.

Blick auf den Grand Canyon im Norden des US-Bundesstaats Arizona, 1915.
Blick auf den Grand Canyon im Norden des US-Bundesstaats Arizona, 1915.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Nicht nur Menschen litten und leiden unter Menschen, auch das Gesicht der Erde wandelte sich unter ihren Händen. Arnold Heim versuchte mit seinem Bekenntnis vor dem kurzsichtigen und zerstörerischen Umgang mit der Natur zu warnen, dessen Anfang in der Jungsteinzeit liegt, als die ersten sesshaft gewordenen Menschen den Boden zu kultivieren begannen. Dafür fällten sie Bäume und brannten ganze Wälder nieder. 

Urwald in Moneo, Neukaledonien, 1921.
Urwald in Moneo, Neukaledonien, 1921.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim
«Dutzende herrlichster Tierarten und edler Naturvölker sind schon auf Nimmerwiedersehen ausgerottet oder stehen im Aussterben, und wenn die Zerstörung und der Materialismus unserer Zeit in gleicher Beschleunigung fortschreiten, so wird unsere wundervolle Erde bald des freien Grosstierlebens und des Urwaldzaubers beraubt sein und überlassen wir unserer Nachwelt eine erschöpfte, verödete Welt.»
Arnold Heim, «Weltbild eines Naturforschers»

In Sumatra, so schreibt der Naturforscher weiter, konnte sich ein Affe einst von einer Küste zur andern durch die Kronen schwingen, ohne den Boden zu berühren. Nun aber stünden grosse Tafeln am Tobasee: «Waldreservation» ist auf ihnen zu lesen – wo weit und breit der Urwald verschwunden ist. 

Tjemarawald, Abstieg vom Képàla-Rücken, Nordsumatra, 1911.
Tjemarawald, Abstieg vom Képàla-Rücken, Nordsumatra, 1911.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Heute geht man davon aus, dass sich die Waldfläche weltweit jährlich um rund 30 Millionen Hektar verkleinert – eine Fläche fast so gross wie Grossbritannien und Irland zusammen. 

«Früher oder später, aber immer gewiss, wird sich die Natur an allem Tun der Menschen rächen, das wider sie selbst ist.»
Schweizer Sozialreformer und Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827), zit. nach Heims «Weltbild eines Naturforschers»
Termitenbau in der Trockensteppe, südlich vom Eduardsee, Uganda, 1954.
Termitenbau in der Trockensteppe, südlich vom Eduardsee, Uganda, 1954.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Genauso aktuell wie sein Appell, die Wälder zu schützen, ist sein beherztes Eintreten für die Tierwelt. Er schreibt vom unerhörten Schlachten der Grossfauna-Tiere, von den Tränen, die ein kleiner Elefant weinte, als seine Mutter wegen ihrer wertvollen Stosszähne abgeschossen wurde. Er schreibt von den Zebra-Fellen auf den Autositzen der weissen Männer und der Hutmode der weissen Damen, die nach den schönen Zierfedern der Kolibris und Paradiesvögel verlangte.

«Grausamkeit gegen Tiere ist eines der kennzeichnendsten Laster eines niedrigen und unedlen Volkes.»
Deutscher Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1859), zit. nach Heims «Weltbild eines Naturforschers»
Pelikane an flachem Sandstrand in Baja California, Mexiko, 1915.
Pelikane an flachem Sandstrand in Baja California, Mexiko, 1915.bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

«Soll noch erwähnt werden, dass diesen fröhlichen, glänzenden Vögelchen die Bälge vom lebenden Leib abgezogen werden, damit der Glanz des Gefieders erhalten bliebe?» Diese Mode ist glücklicherweise überwunden, nicht aber die des Pelzes. 

Aus dem Pinguin, «dem merkwürdigsten und drolligsten Geschöpf der Antarktis», gewann man Öl, «indem man die Leiber in geschlossenen Behältern zu je 800 Stück auskochte». Bei den Walen ging die Jagd so weit, dass heute unzählige Arten vom Aussterben bedroht sind. 

Seelöwen; schwarze Männer, gelbe Mütter und ihre Jungen zur Brutzeit an der Atlantik-Küste in der Provinz Santa Cruz, Argentinien, 1946.&nbsp;
Seelöwen; schwarze Männer, gelbe Mütter und ihre Jungen zur Brutzeit an der Atlantik-Küste in der Provinz Santa Cruz, Argentinien, 1946. bild: bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

Und nach all dem Schrecklichen, von dem Albert Heim zu berichten weiss, verlangt er von den Menschen vor allem eines; Ehrfurcht vor dem Leben:

«Mein Wille zum Leben soll mit dem Willen zum Leben des anderen eins werden. Welt- und Lebensbejahung sind uns von der Natur gegeben.»
Arnold Heim, «Weltbild eines Naturforschers»
Der&nbsp;Shokalsky-Gletscher auf der russischen Doppelinsel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer, 1937.
Der Shokalsky-Gletscher auf der russischen Doppelinsel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer, 1937.Bild: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: arnold heim

*Eskimo: 
Wir verwenden hier die Bezeichnung für die Indigenen Grönlands, wie sie Albert Heim 1942 benannte. Inuit bezeichnet heute diejenigen Volksgruppen, die im arktischen Zentral- und Nordostkanada sowie auf Grönland leben. Die Bezeichnung Eskimo wird als Oberbegriff benutzt, der auch die verwandten arktischen Volksgruppen der Kalaallit (Grönländer), Iñupiat (in Nordalaska) und Yupik (beiderseits der Beringstrasse) umfasst. Inuit ist deshalb kein Ersatz für den Terminus Eskimo und ist auch nicht im Wortschatz aller um den Nordpol lebenden Volksgruppen enthalten.

**degeneriert:
Das Wort benutzte Heim in diesem Sinne, dass durch den Kontakt mit den Weissen (Alkohol- und Tabaksucht, Geschlechtskrankheiten) und ihre Zwangsmassnahmen (Bekehrung zum christlichen Glauben, Schul- und Kleiderzwang, Sklavenarbeit) die indigenen Völker physisch und psychisch zerstört wurden. 

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39 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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FrancoL
13.01.2019 16:41registriert November 2015
“....überlassen wir unserer Nachwelt eine erschöpfte, verödete Welt"
schon damals richtig erkannt und einfach dargestellt.

Was mich beschäftigt ist zudem das Wort "erschöpft".
Es umschreibt das was heute im Gange ist, das Ausschöpfen der Erde in dies im Uebermass.
Doch wir scheinen dieses Ausschöpfen mehrheitlich nicht sehen zu wollen und werden tatsächlich eine erschöpfte und verödete Welt unseren Nachkommen hinterlassen.
Ein trauriges Bild und vor allem ein Bild das man nicht anstreben sollte und auch nicht anstreben könnte OHNE an Lebenswerten zu verlieren.
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Überdimensionierte Riesenshrimps aka Reaper
13.01.2019 18:26registriert Juni 2016
Danke für den Bericht auch wenn er zutiefst Erschütternd und Deprimierend ist.

Deprimierend weil es heute kein deut besser zu- und hergeht
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Thom Mulder
13.01.2019 19:08registriert November 2014
Es gibt nichts unmoralischeres als die Religion. In ihrem Namen werden Verbrechen begangen, die für einen anständigen Menschen undenkbar sind.
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«Wir müssen Apples Zwangsjacke ablegen, um innovativ zu sein»
Evgeny Morozov ist der Michel Foucault der Digital-Moderne: Er analysiert die Machtstrukturen des Internets. Dass die Tech-Industrie jedes Problem mit einer App lösen will, sieht er als eigentliches Problem. Eine gefährliche Ideologie breite sich aus.

Messerscharf analysiert Evgeny Morozov in seinem Buch «The Net Delusion», warum das Internet nicht zu mehr Demokratie und Freiheit, sondern zu mehr Unterdrückung und Überwachung führt. Das war 2011, der Arabische Frühling und der Börsengang von Facebook standen noch bevor. Morozov war ­damals erst 26 Jahre alt und hatte ein, wie die FAZ schreibt, «epochenmachendes» Buch verfasst.

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