Sprachliche Moden und Marotten: Wie man jemandem das Also geben kann
Das Wort «also» ist ein praktisches Wort, weil es mit nur zwei Silben und vier Buchstaben erstaunlich viel ausdrücken kann. Grammatikalisch gesehen ist «also» ein Adverb oder ein Partikel. Als sogenanntes Konjunktionaladverb verbindet «also» ganze Sätze oder Satzteile: «Ich habe Durst, also trinke ich.» Als Partikel kann «also» aber auch als reines Füllwort oder Verlegenheitswort eingesetzt werden. In dieser Verlegenheits- oder Füllfunktion steht «also» oft am Satzanfang. Das kann dann so klingen: «Also gut, dann machen wir das so.» Oder: «Also, wenn das so ist, habe ich volles Verständnis.»
Wie jedes Verlegenheitswort charakterisiert sich dieses «also» am Satzanfang dadurch, dass es ersatzlos gestrichen werden könnte, ohne dass sich der Satzinhalt verändert würde. Trotzdem wird es gerne und häufig gebraucht. Das hat damit zu tun, dass Wörter nicht bloss aus praktischen, sondern auch aus spielerischen, poetischen, emotionalen oder irrationalen Gründen verwendet werden. Im Schweizerdeutschen kann «also» noch einen zusätzlichen Nutzen haben, zum Beispiel, um eine längere Gesprächspause zu überbrücken oder um ein Gespräch zu beenden. Das Schweizerdeutsche «also», welches je nach Sprachregion auch vokalisiert in Form von «auso» auftritt, ist ein hervorragendes Einleitungswort für einen Gesprächsabschluss.
Meiner Mutter, die aus Spanien gekommen war und des Schweizerdeutschen nie ganz mächtig wurde, blieben viele Finessen der schweizerdeutschen Mundarten verborgen. Die Bedeutung des dialektalen «Auso» verstand sie genau, aber sie unterschätzte die Bedeutung der kurzen Anhängsel. Sie hatte gelernt, dass viele Leute, bevor sie sich verabschieden, einen «Also-Satz» voranschicken. Wie: «Auso, i muess.» Oder: «Auso, me gseht sech.», aber sie glaubte, das «Auso» allein sage schon alles. Wurde sie in ein längeres Gespräch verwickelt, das sie beenden wollte, sagte sie deshalb kurz und knapp: «Auso.» Da kam nichts davor und nichts dahinter, sondern nur ein sehr entschiedenes «Auso» mit einem Punkt. Das «Auso» meiner Mutter war ihre Zauberformel, die jeder Unterhaltung den Stecker zog.
Führten meine Geschwister oder ich in unseren Jugendjahren lange Telefongespräche, blockierten wir die Leitung. Bei der Festnetztelefonie, dies sei hier für diejenigen erklärt, die nach der Festnetzzeit sozialisiert wurden, konnte nur ein Familienmitglied auf einmal telefonieren. Deswegen blieben die Leute am Telefon oft recht sachlich, um möglichst bald alles gesagt zu haben, was zu sagen war.
Trotzdem gab es natürlich auch damals geschwätzigere Telefonmomente, in denen es nicht nur um den Austausch von Informationen, sondern auch um den Austausch von Vibrationen ging. Das konnte im Einzelfall dauern. Und wenn es zu lange dauerte, pflegte meine Mutter uns auf Spanisch zu sagen: «Haz el favor de darle el auso.», was wörtlich übersetzt bedeutet: «Sei so gut und gib ihm das Auso» oder sinngemäss: «Mach mal einen Punkt.» (schweizheute.ch)
