«Sehr geehrte Frau Meier...»: Weshalb Bürogspänli ihre E-Mail vermehrt laut diktieren
«Sehr geehrte... nein. Liebe Frau Meier, ich würde gerne...nein, ich möchte... ähm, Moment, nochmals von Anfang an.» Solche Sätze dürften Büroangestellte von ihren Kolleginnen und Kollegen künftig vermehrt hören. Denn dank künstlicher Intelligenz (KI) können Personen ihr E-Mail oder ihr Referat laut diktieren, ohne je in die Tasten zu greifen.
E-Mails schreiben ohne Tastatur? Das wäre eine schlechte Botschaft für den Westschweizer Computerzubehörhersteller Logitech und dessen Chefin Hanneke Faber. Doch die Holländerin, die seit zweieinhalb Jahren das Unternehmen mit Sitz in Lausanne und im Silicon Valley führt, scheint in dieser Entwicklung eine Chance für mehr Umsätze zu sehen.
Auf der Online-Plattform Linkedin machte sie den Trend gleich selbst zum Thema: «Jahrzehntelang wurde unsere Arbeit vom Rhythmus der Tastaturen begleitet. Heute hören wir etwas Neues: Menschen, die mit ihren Computern sprechen.» Zu ihrem eigenen Leidwesen gehöre inzwischen auch ihr Ehemann zu dieser Sorte.
Sprechen schneller als Tippen
«Natürlich wird das Tippen nicht verschwinden», beschwichtigt Faber. Doch KI mache die Spracheingabe tatsächlich deutlich nützlicher. «Ob beim Programmieren, Prompten, Brainstormen, Verfassen von E-Mails oder Festhalten von Ideen unterwegs: Sprechen kann schneller und natürlicher sein als Tippen.»
Logitech beschäftige sich intensiv damit, wie Menschen mit Technologie interagieren, hält Faber fest. Als Beweis listet sie gleich mehrere Produkte aus dem eigenen Haus auf, die den Wechsel zwischen Sprache und Berührung dank integrierter Mikrofone oder spezieller Knöpfe bereits ermöglichen, von einer Tastatur über eine Computerkamera bis zu Kopfhörern. Für sie sei klar, dass die Spracheingabe gerade ihren Durchbruch erlebe.
Dies sieht auch das «Wall Street Journal» so. In einem Artikel zitiert das renommierte Wirtschaftsblatt einen Investor. Wenn er dieser Tage ein KI-Start-up besuche, wähne man sich in einem Callcenter – mit dem Unterschied, dass alle Angestellten mit der KI sprechen. Auch ein Silicon-Valley-Manager kommt zu Wort, der seine Angestellten angewiesen hat, die Diktiertechnologie stärker zu verwenden.
Noch sei dies jedoch gewöhnungsbedürftig. Zu Hause fühle er sich wie der Superheld Tony Stark alias Iron Man, der zu seinem KI-Assistenten spreche. Doch im Büro sei das «a little awkward», ein bisschen unangenehm.
150 statt 60 Wörter pro Minute
Sogenannte Speech-to-text-Programme, die Gesprochenes aufs digitale Papier brachten, gibt es schon länger. Doch Apps wie Wispr können dank KI nun das Gesprochene in Echtzeit redigieren und dabei Grammatikfehler ausmerzen oder auch den Tonfall anpassen.
In einem Beitrag auf der eigenen Website sieht Logitech gute Gründe für den Trend: «Die meisten von uns tippen zwischen 40 und 60 Wörter pro Minute. Unsere Gedanken sind viel schneller. Wenn wir sprechen, nutzen wir 130 bis 150 Wörter pro Minute.»
Die Schweizer Firma, die dank der Maus gross geworden ist, gibt auch Tipps zum Umgang mit der neuen Technologie: «Nutzen Sie die Tastatur für Daten, längere Texte und präzise Bearbeitungen. Verwenden Sie Ihre Stimme, wenn Sie nicht am Schreibtisch sitzen, für kurze Nachrichten, informelle Chats, Entwürfe und Brainstormings.»
Hilfe für Menschen mit Behinderung
Auch wenn geübtes Zehnfingerschreiben nahezu automatisch funktioniere, setze das Tippen komplexer oder längerer Gedanken weiterhin Grenzen, da es langsam sei. Beim Sprechen falle diese Hürde weg. «Statt mühsam einen 300 Wörter langen KI-Prompt zu verfassen, können Sie ihn in wenigen Sekunden aussprechen.»
Tatsächlich geht der Nutzen von Speech-to-Text-Technologien über die reine Effizienzgewinnung hinaus. «Sie können für viele Menschen mit Behinderungen, insbesondere mit motorischen Einschränkungen oder Schreibschwierigkeiten, einen grossen Gewinn bedeuten», sagt Jonas Gerber, Sprecher von Inclusion Handicap, dem Dachverband der Schweizer Behindertenorganisationen.
Die Interpunktion und Textgliederung per Sprache sei bei herkömmlichen Diktiertools ohne KI zuweilen eine Herausforderung, sagt Gerber. Zudem würden die Anwendungen häufig eine gut verständliche Aussprache voraussetzen, was je nach Behinderung schwierig sein könne. «Gewisse Tools mit der Integration von KI haben den Vorteil, dass sie nicht nur Sprache besser erkennen, sondern sich auch an häufige Formulierungen anpassen.»
Quartalszahlen im Plus
Logitech-Manager Anatoliy Polyanker, zuständig für neue Firmenprojekte, bestätigt diesen Aspekt. Er habe eine Sehbehinderung, bei der seine Augen ständig zittern. Er könne damit umgehen, indem er die Augen etwas zusammenkneife oder seitlich auf den Bildschirm schaue. «Trotzdem belastet es meine Augen stark.» Da helfe die neue Technologie.
Die kürzlich publizierten Quartalszahlen lassen jedenfalls nicht darauf schliessen, dass die Kundschaft wegen KI-Innovationen weniger Tastaturen oder Mäuse benötigt: Der Umsatz stieg um 7 Prozent auf 1,23 Milliarden Dollar. Der Reingewinn betrug 269 Millionen Dollar – ein Plus von 43 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode.

