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Was Nolans «Odyssey» über den Zustand der USA und des Westens aussagt

The Odyssey USA. A scene from CUniversal Pictures new film: The Odyssey 2026. PLOT: After the Trojan War, Odysseus faces a dangerous voyage back to Ithaca, meeting creatures like the Cyclops Polyphemu ...
Odysseus und seine Gefährten auf Nolans «Odyssey».Bild: www.imago-images.de

Was Nolans «Odyssey» über den Zustand der USA und des Westens aussagt

katharina gerund, markus Hafner
Die Barbaren, das sind wir: Nolans dreistündiges Epos lässt sich auch als selbstkritische Zeitdiagnose lesen, die nicht jedem gefällt.
09.08.2026, 17:2009.08.2026, 17:20

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt ein Paradox der Moderne: Je mehr wir versuchen, die Welt zu beherrschen, desto stärker fühlen wir uns ihr ausgeliefert, desto mehr werden uns die katastrophalen Folgen unseres Handelns deutlich. Aus dem Streben nach Kontrolle entstehen Ohnmacht und Angst angesichts der Unverfügbarkeit der Welt.

Christopher Nolans «Odyssey» erzählt genau davon: Sein Odysseus scheitert nicht an mangelnder List. Gerade die Fähigkeit, jede Lage trickreich zu meistern, wird ihm zur Last. Aus Troja kehrt er als ein traumatisierter Kriegsveteran zurück. Bei Kalypso wird seine seelische Zerrüttung beinahe wie eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) greifbar. Der eigentliche Gegner ist nicht Poseidon, sondern die schlimme Erinnerung an Troja – an Massaker, Schändungen und den veritablen Weltenbrand, den die Griechen verursacht haben.

Troja brennt.Bild: www.album-online.com

Schon vor dem Krieg zweifelt Odysseus am Feldzug Agamemnons, der weniger dem Ruhm und der Ehre als der Ausweitung der Handelszone dient. Darin klingt eine Kritik an aktuellen Grossmachtinteressen an, von den Kriegen im Irak bis zu geopolitischen Konflikten um Iran oder Venezuela.

Schon der griechische Historiker Thukydides beschrieb den zivilisatorischen Absturz der Grossmacht Athen im Peloponnesischen Krieg als Pleonexie: das unstillbare Verlangen nach immer mehr Macht und Besitz. Die Parallele zu den USA unter Donald Trump – man denke an dessen Vereinnahmungsfantasien bezüglich Grönland und Kanada oder auch die materielle Bereicherung des Präsidenten und seiner Unterstützer – liegt auch hier nahe.

Mit seinem halb im Sand versunkenen trojanischen Pferd zitiert Nolan die halb versunkene Freiheitsstatue aus Franklin J. Schaffners «Planet of the Apes» (1968).Bild: www.imago-images.de

Zurück auf Ithaka folgt die Selbsterkenntnis des Odysseus. Nicht die Trojaner sind die Barbaren. Die Griechen selbst sind zu den gefürchteten Seevölkern geworden – jenen räuberischen Kriegern, vor denen sich die Mittelmeerwelt fürchtet.

Nolan greift damit eine Zivilisationskritik auf, die bereits Homers Zeitgenossen Hesiod umtrieb: In dessen Dichtung folgt auf das heroische das eiserne Menschengeschlecht – eine Epoche, in der Recht, Moral und gesellschaftlicher Zusammenhalt zunehmend zerfallen. Ein solches Verfallsnarrativ hat auch im heutigen Amerika wieder Konjunktur und befeuert politische und kulturelle Auseinandersetzungen.

Kein Wunder also, dass der Film in den USA heftige Reaktionen auslöst. Der Streit um den Film reicht bis hin zu Elon Musks jüngster Ankündigung, eine ideologisch «bereinigte» (also seinen eigenen ideologischen Vorstellungen entsprechende) KI-Version schaffen zu wollen.

Er zeigt aber vor allem eines: Die Antike ist bis heute Projektionsfläche politischer Weltbilder. Wer sich auf Homer beruft, erzählt immer auch etwas über die Gegenwart. Dies gilt auch für Nolans Adaption: So sehr er sich etwa für die psychische Verfasstheit und fragile Männlichkeit des Odysseus interessiert, so wenig beleuchtet er das Schicksal von Homers weiblichen Charakteren oder auch das der Trojaner: Im Film bleiben sie weitgehend Nebenfiguren oder gesichtslose Gegner.

Die Opfer des Krieges.Bild: www.imago-images.de

Nur wenig ist hier von der Empathie des homerischen Epos zu spüren, das gerade den inneren Konflikten der Göttinnen und Frauen mehr Raum gibt und auch die Trojaner als gleichwertige, zutiefst menschliche Helden betrachtet. Hätte Nolan ihre Perspektive einbezogen, wäre die Reue des Odysseus nachvollziehbarer und die Kritik an der westlichen Grossmacht unserer Zeit noch überzeugender geworden.

Zu den Autorinnen des Artikels:
Katharina Gerund ist Professorin für Amerikanische Literatur und Kultur am Englischen Seminar der Universität Zürich. Markus Hafner ist ebenfalls an der UZH tätig, allerdings als Professor für Classics / Griechische Philologie.

Hier geht's zur vollständigen Review des Films:

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