Covid-Forschung: Treffer bei überschiessenden Entzündungen
«Der von unserem Team entdeckte Signalweg scheint eine zentrale Rolle bei der Regulation überschiessender Entzündungsreaktionen zu spielen. Besonders spannend ist aus unserer Sicht, dass die Bedeutung dieses FGL-1/LAG-3-Regelkreises weit über Covid-19 hinausreichen dürfte», wurde Erstautorin Sophia Cichutek von der II. Medizinischen Klinik des Hamburger Universitätskrankenhauses (Hamburg-Eppendorf; UKE) in einer Aussendung zitiert.
Fibrinogen-ähnliches Protein 1
Die wissenschaftliche Arbeit, die in «Communications Medicine» erschienen ist, hat als Mittelpunkt die Rolle eines körpereigenen Eiweissstoffes. Es handelt sich dabei um das sogenannte Fibrinogen-ähnliche Protein 1 (FGL-1).
«Es wird vor allem von der Leber freigesetzt, beeinflusst Immunreaktionen und ist bei Patienten mit Leberzellkrebs erhöht», schrieben die Wissenschafter. Vor allem verändert FGL-1 die Funktion der für das Immunsystem extrem wichtigen T-Lymphozyten, indem es mit dem Immuncheckpoint-Lymphozyten-Aktivierungsgen 3 (LAG-3) interagiert. Wird das verhindert, werden die T-Zellen wieder aggressiv.
Bei SARS-CoV-2 ist aber genau eine überschiessende Immun- und Entzündungsreaktion der Grund für schwere und lebensgefährliche Krankheitsverläufe. «Bei Covid-19 korreliert die Hochregulation von Immun-Checkpoints auf T-Zellen, insbesondere von LAG-3, mit dem Schweregrad der Erkrankung. Leberentzündung und Leberschädigung sind bekannte Merkmale des Covid-19-Krankheitsverlaufes», so die Wissenschaftler.
Covid-19-Patienten und Gesunde verglichen
Die Wissenschafter untersuchten deshalb 65 Covid-19-Patienten und 33 Gesunde auf ihre FGL-1-Konzentrationen im Blutplasma. «Die Covid-19-Patienten wiesen höhere FGL-1-Werte auf, die mit verstärkter Entzündung und einem schwereren Krankheitsverlauf einhergingen. Bei Covid-19-Patienten zeigten T-Zellen höhere LAG-3-Werte und Anzeichen einer starken Immunaktivierung», so die Experten.
Der neu entdeckte Immunregelkreis dürfte Bedeutung weit über Covid-19 hinaus haben. Die Ergebnisse lieferten nicht nur neue Einblicke in die Entstehung schwerer Virusinfektionen, sondern zeigten auch neue Möglichkeiten für immunmodulatorische Therapien – nicht nur bei Covid-19, sondern auch bei anderen Erkrankungen mit überschiessenden Entzündungsreaktionen, so die Hamburger Universitätsklinik.
«Da FGL-1 in der Leber gebildet wird und an der Steuerung von Immunantworten beteiligt ist, eröffnen sich durch unsere Studie auch neue Perspektiven für das Verständnis und die Behandlung von Leberentzündungen sowie weiteren Erkrankungen mit fehlregulierter Immunaktivierung», sagte Julian Schulze zur Wiesch von der I. Medizinischen Klinik am UKE. Immer mehr schwere Verläufe verschiedenster Erkrankungen werden mittlerweile mit fehlgeleiteten Immunreaktionen in Verbindung gebracht. (sda/apa)
