wolkig, aber kaum Regen
DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Wissen
Schweiz

Italia­ni­tà für Brienz

Unterricht in der Brienzer Schnitzlerschule, um 1900.
Unterricht in der Brienzer Schnitzlerschule, um 1900.Bild: Schule für Holzbildhauerei Brienz

Italia­ni­tà für Brienz

Ende des 19. Jahrhunderts wehte ein wenig südliches Flair durch die Werkstuben der Brienzer Schnitzlerschule. Die Italianità hatte Schulleiter Hans Kienholz ins Berner Oberland gebracht.
31.10.2022, 10:09
Henriette Bon Gloor / Schweizerisches Nationalmuseum

Am 30. Oktober 1887 reiste Hans Kienholz, Leiter der drei Jahre zuvor gegründeten Schnitzlerschule in Brienz, der heutigen Schule für Holzbildhauerei, nach Italien. Die Weiterbildungsreise dauerte bis zum 4. Dezember und führte über Mailand, Genua, Pisa, Rom, Siena nach Florenz und von Bologna zurück nach Brienz. Im März 1888 erstattete er dem Regierungsrat des Kantons Bern Bericht und bedankte sich für die finanzielle Unterstützung.

Anders als viele Bildungsreisende der Zeit, die mit dem Cicerone von Jacob Burckhardt (1818-1897) oder dem Baedecker im Gepäck die Kultur Italiens in Musse entdeckten, war die Route des Lehrers aus Brienz minutiös geplant, galt es doch, die Zeit gezielt für «künstlerische[n] Einzelheite[n]» einzusetzen, die «besondere Aussicht auf Verwerthung in didaktischer Richtung boten».

Hans Kienholz in einem Artikel der «Berner Woche» von 1920.
https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=bwo-001:1920:10::1882
Hans Kienholz in einem Artikel der «Berner Woche» von 1920.Bild: e-periodica
Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum
Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Auf der Suche nach zeitgenössischen Vorbildern für den Unterricht wurden nun neben den historischen Monumenten auch moderne Architektur besichtigt und kunstgewerbliche Vorbild-Sammlungen und Fachschulen besucht. Diese Institutionen entstanden im Zusammenhang mit der Reform des Kunstgewerbes, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von England ausgehend Europa erfasst hatte.

Diese Entwicklung war in der Industrialisierung begründet und der damit verbundenen Massenproduktion von Gebrauchsgütern, deren Gestaltung kritisiert wurde und deren kostengünstige Produktion für die Handwerker eine Konkurrenz darstellte. 1884 hatte der Bundesrat deshalb die Subventionierung der gewerblichen Ausbildung beschlossen wie beispielsweise der Schnitzlerschule in Brienz. Von der ästhetischen Erziehung der Schnitzer erhoffte sich die Region im Berner Oberland zeitgemässe Ware und wirtschaftlichen Erfolg.

Protokoll der Sitzung des Verwaltungsrats der Schnitzlerschule Brienz vom 6. Januar 1885. Das Gesamtbudget für das Schuljahr 1884/85 betrug 7500 Franken, davon stammten 2500 vom Bund.
Protokoll der Sitzung des Verwaltungsrats der Schnitzlerschule Brienz vom 6. Januar 1885. Das Gesamtbudget für das Schuljahr 1884/85 betrug 7500 Franken, davon stammten 2500 vom Bund.Bild: Schule für Holzbildhauerei Brienz

Die erste Reise von Kienholz in seiner Funktion als Hauptlehrer hatte nicht nach Italien geführt, wo die Industrialisierung langsam einsetzte und die Ausbildung mehrheitlich weiterhin im traditionellen Werkstattbetrieb verlief. Stattdessen richtete sich von der deutschsprachigen Schweiz aus der Blick nach Deutschland und noch häufiger nach Österreich, dessen Unterrichtssystem unter der Führung des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie in Wien als vorbildlich galt. Beim Besuch dort waren Kienholz 1886 ganz besonders die Schnitzereien des weltbekannten Luigi Frullini (1839-1897) aus Florenz ins Auge gefallen. Er kannte dessen Arbeiten bereits aus dem Unterricht in Brienz von Fotografien und konnte sie nun im Original studieren.

Geschnitztes Relief von Luigi Frullini.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gebr%C3%BCder_Alinari_-_Geschnitzte_Platte_von_Luigi_Frullini_(Zeno_Fotografie).jpg
Geschnitztes Relief von Luigi Frullini.Bild: Wikimedia

Ein Jahr später stand er in der Via Santa Caterina in Florenz vor Luigi Frullinis Haus, wo er freundlich empfangen wurde. «Wie in Rom der Antike und in Siena dem Mittelalter, so habe [ich] hier hauptsächlich der modernen Holzschnitzerei, Möbel- u. Bildhauerfabrikation meine Hauptaufmerksamkeit zugewandt, für welche ja Florenz weltberühmt ist», fasste Kienholz den sechstägigen Aufenthalt in Florenz zusammen. Mit opulenten Raumausstattungen hatte Frullini in Europa und den USA den Ruf von Florenz als Zentrum für die Holzschnitzerei gesichert.

Schon über die Weltausstellung von Paris 1878 hatte Johann Abplanalp, Lehrer an der damals in Brienz noch auf den Zeichnungsunterricht ausgerichteten Schule, in der Verwaltungsratssitzung des Oberländer Schnitzlervereins berichtet, dass Frullinis Arbeiten «förmlich weggeschnappt» wurden. Er beklagte sich über die exorbitanten Preise; für «eine Füllung eines Schrankes» hätten 10’000 Franken bezahlt werden müssen und für «kleine Reliefs mit Kindergruppen» 600 bis 1200 Franken. Als Vorbilder im Unterricht würden sie «fast mit Gold aufgewogen» stellte auch Hans Kienholz fest.

Einblicke in die Weltausstellung von Paris, 1878.Video: YouTube/Busy Baçi

Im Historismus wurden die toskanischen Meister für ihre technischen und künstlerischen Fähigkeiten bewundert – Qualitäten, die sie nach damaliger Auffassung der Nähe zu den Originalen aus der Renaissance verdankten. Solche Schnitzereien schienen die Grenzen zwischen bildender Kunst und angewandter Kunst aufzuheben, weshalb sie im Unterricht besonders als Modell dienen konnten. Denn von der Annäherung von Kunst und Kunsthandwerk versprachen sich die Reformer die formale Qualität industrieller Produkte zu verbessern.

Kritisiert wurde allerdings der «Naturalismus» üppiger Schnitzereien der vor allem für eine wohlhabende Kundschaft bestimmten Arbeiten. So stellte auch Abplanalp fest, dass sich Frullini vermehrt der «naturalistschen Richtung zuwende» und dass «der Schrank nur wegen der Füllung da zu sein» scheine. Es überrascht nicht, dass in Brienz diesem «naturalistische(n) Verzierungseifer» mit einer zwiespältigen Haltung begegnet wurde, sollte eine Neuausrichtung der Ausbildung doch dem Vorwurf der vor allem einer ausländischen Kundschaft geschuldeten erzählerischen Naturimitation entgegenwirken.

Darstellung der Fischerei: Relief entworfen von Hans Kienholz, um 1900.
Darstellung der Fischerei: Relief entworfen von Hans Kienholz, um 1900.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Denn zwischen Anerkennung reicher Dekorationen und der Forderung nach Reduktion des Ornaments mit Blick auf die Funktion, die ein Gegenstand erfüllte, offenbarte sich ein Widerspruch, der die Schnitzerei als Gestaltungsmittel im Verlauf des Jahrhunderts zunehmend in Frage stellte. Doch verband sich gerade mit dem Studium der originalen Schnitzereien der Frührenaissance für Kienholz und seine Zeitgenossen die Hoffnung, diesen Konflikt zu bewältigen. Denn mit dem ordnenden Prinzip dieser einfachen, flächig stilisierten vegetabilen Formen aus dem 15. Jahrhundert schien eine Methode gefunden worden zu sein, das Verständnis für eine zweckmässige und materialgerechte Ausführung von Objekten für den modernen Alltag nicht nur zugunsten einer vermögenden Gesellschaftsschicht zu fördern.

Aus dem Lehrmittel von Hans Kienholz «Der Akanthus in den verschiedenen Stilperioden. Den Zöglingen der Schnitzlerschule gewidmet».
Aus dem Lehrmittel von Hans Kienholz «Der Akanthus in den verschiedenen Stilperioden. Den Zöglingen der Schnitzlerschule gewidmet».Bild: Schule für Holzbildhauerei Brienz

Es war das Bewusstsein um diese Tradition und um die Bedeutung des Studiums der Originale der toskanischen Renaissance für einen zeitgemässen Unterricht, die Hans Kienholz veranlassten, seine Italienreise mit den Worten zusammenzufassen: «Was ich nun auch in Italien gesehen, so muss ich sagen, dass für Leute unseres Fachs wohl keine andere Stadt zum Studium so viel bietet wie Florenz; ich kann immer nur mit dem grössten Vergnügen an den Aufenthalt dort zurückdenken.»

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Italia­ni­tà für Brienz» erschien am 25. Oktober.
blog.nationalmuseum.ch/2022/10/italianita-fuer-brienz
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

watson-User David Zahler zeigt sein Berner Oberland. Wow!

1 / 19
watson-User David Zahler zeigt sein Berner Oberland. Wow!
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

«Auä» ist sooo vielfältig einsetzbar – Knäck erklärt's!

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Live ab 13.30 Uhr: Der nationale Sirenentest

Wie jedes Jahr finden heute, am ersten Mittwoch im Februar, die nationalen Sirenentests statt. Geprüft wird die Funktionstüchtigkeit der 7200 Alarmanlagen der Schweiz. Es werden sowohl der «Allgemeine Alarm», als auch der Wasseralarm getestet. Dies ist kein Ernstfall. Du musst keine Schutzmassnahmen ergreifen.

Zur Story