«Junges Blut, spar dein Gut» – so wurde den Schweizern das Sparen beigebracht
Bis weit ins 20. Jahrhundert musste man sich für Notlagen weitgehend selbst wappnen. Substantielle, externe Hilfe gab es kaum. Deshalb schien es ratsam, insbesondere die weniger begüterte Bevölkerung zum Sparen zu animieren. Gemeinnützige Institutionen gründeten ab 1800 kleine, regionale Sparkassen, um «bei der ärmern Klasse den Sinn für Arbeitsamkeit und Sparsamkeit zu wecken, und ihr das Mittel an die Hand zu geben, den sauer verdienten Sparpfennig mit Sicherheit aufzubewahren und zinstragend zu machen», wie es 1840 in den Statuten der Ersparniskasse des Kantons Zug heisst.
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Später sorgten vermehrt auch Kantonalbanken und Raiffeisenkassen für gute Sparbedingungen. In kleineren Gemeinden gab es sogar «Einnehmereien», deren einzige Aufgabe darin bestand, Spargelder zuhanden der Banken einzusammeln, und die meist vom Lehrer, Gemeindepräsidenten oder Pfarrer ehrenamtlich betrieben wurden.
Die Sparkonten waren aufgrund der attraktiven Zinsen zeitweise in der Bevölkerung so beliebt, dass die Einlagehöhe begrenzt werden musste. Ganz uneigennützig war das starke Engagement der bürgerlichen Gesellschaft für reichlich fliessende Spareinlagen nicht. Sie erhofften sich durch grössere Rücklagen der ärmeren Schichten und eine weniger starke Beanspruchung der rudimentären kirchlichen, kommunalen oder von reichen Privatleuten initiierten Armenfürsorge, wenn jemand in Not geriet.
Das Motto hiess: Sparsamkeit als Hilfe zur Selbsthilfe. Schliesslich erlaubten unter anderem die reichlich fliessenden Spargelder den Banken, in umfangreicherem Masse Kredite zu vergeben, beispielsweise an Bauern oder das Gewerbe zur Beschaffung von Investitionsmitteln wie Saatgut, Vieh oder Maschinen, was wiederum den wirtschaftlichen Fortschritt befeuern sollte.
Kleine Motivationshilfen
Das stärkste Symbol, Geld für spätere Bedürfnisse auf die Seite zu legen, war das Sparkässeli. Ab 1900 fand es in der Schweiz weite Verbreitung. Die meist ovalen Dosen aus Metall wurden von den Banken an willige Sparerinnen und Sparer ausgeliehen. Der Schlüssel zum ersparten Münz- und Notenschatz blieb jedoch bei den Banken. Wenn das volle Kässeli sporadisch zur Bank gebracht und am Schalter geöffnet wurde, sackte der Kassier das Geld ein und schrieb es dem Sparkonto gut. Wollte man Geld abheben, fragte die Person am Schalter nicht selten nach den genauen Gründen – eine Art zusätzliche soziale Hürde im Sinne des Sparens. Die Spardosen waren anfänglich nicht unbedingt für Kinder gedacht, sondern dienten prominent in der Stube platziert als Motivationshilfe für Erwachsene. In Zeiten verbreiteter Alkohol- und Spielsucht war das Kässeli auch dafür geeignet, Teile des Lohns frühzeitig in Sicherheit zu bringen.
Bei Kindern sollte der Sparsinn zudem mit einer Einrichtung namens «Schulsparkasse» geweckt werden. Bei der Lehrperson konnte die Schülerschaft für 20 Rappen eine bunte Sparmarke beziehen. Diese Marken wurde dann gut sichtbar auf eine persönliche Sparkarte geklebt, so dass ein durchaus willkommener Wettbewerbsdruck unter den Kindern entstand. Waren die Karten voll, ging die Lehrperson mit den Karten und dem eingesammelten Geld zu einer Bankfiliale. Der erklebte Betrag wurde dann auf dem Sparheft des entsprechenden Kindes gutgeschrieben. Für Erwachsene gab es mit sogenannten Sparvereinen, die vor allem im Baselbiet, aber auch anderen Gegenden der Schweiz populär waren, ähnliche Hilfestellungen, um sich gegenseitig zum Sparen zu motivieren.
Notgroschen verliert an Bedeutung
Ab Mitte des 20. Jahrhunderts vollzog sich eine entscheidende Wende, die den Charakter des Sparens grundlegend veränderte. Auf sozialpolitischer Ebene büsste mit der 1948 eingeführten Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) und den nach und nach eingeführten Obligatorien für die Krankenkasse und andere Versicherungslösungen das zuvor stark propagierte Credo des Notgroschens einen Teil seiner Bedeutung ein. Das freiwillige Sparen für Notlagen wurde durch ein staatlich verordnetes Sparen in Form von verbindlichen Prämienzahlungen ersetzt.
Die für obligatorisch erklärten Versicherungen haben neben anderen Sozialleistungen seither dafür gesorgt, dass die Menschen in der Regel auch im Alter oder bei Schicksalsschlägen wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit vor grösster materieller Not verschont geblieben sind. Das individuelle Sparen ist aber weiterhin bedeutend geblieben, auch wenn es stärker auf die Anschaffung von lang ersehnten Konsumgütern, Finanzierung von Weiterbildungen sowie den Traum vom Eigenheim abzielt.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erodierte folglich die von der Lehrerschaft getragene Sparerziehung mittels Schulsparkasse. Die Verantwortlichen sahen den ideellen Nutzen des aufwändigen «Räpplein-Sparens» immer weniger ein. Statt auf die Schule oder die Eltern als Vermittler für Finanzwissen zu bauen, traten nun die Banken direkt auf die Jugendlichen zu. Die Zürcher Kantonalbank konstatierte in ihrem Geschäftsbericht von 1948, dass die jungen Leute «der Versuchung zu unüberlegten Ausgaben besonders ausgesetzt» seien, weshalb es für sie ein spezielles Jugendsparheft brauche.
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Mit Zinstabellen, die den grossen Vermögenszuwachs auch mit kleinen Sparbeträgen belegen sollte, attraktiven Konditionen und wohlfeilen Sprüchen wie «Mit Sparen beginnen, die Zukunft gewinnen» wollte man die Jugendlichen zu einem vernünftigen Umgang mit Geld bewegen. Die ab den 1970er-Jahren verteilten Sparkässeli aus Plastik dienten zwar noch dem Ursprungszweck, verloren durch die leichte Verwundbarkeit bei gezielten Hammerschlägen oder gar die Abgabe des zugehörigen Schlüssels die Symbolkraft für eisernen Sparwillen.
Weiterhin gehört das Austarieren von Einnahmen und Ausgaben für die Menschen aller Altersgruppen zu einer grossen Herausforderung, weshalb das ersparte Geld meist doch nicht ganz reicht, um alle Wunschträume zu erfüllen. Und man denkt sich wie Mani Matters Sidi Abdel Assar vo El Hama: Hätt ich doch früecher afa spara!
Landesmuseum Zürich
Die Schweiz zählt zu den bedeutendsten Finanzplätzen der Welt – doch was macht sie eigentlich zum Bankenland? Die Ausstellung zeigt, wie tief das Bankwesen in der Schweizer Identität verwurzelt ist. Jüdische Geldverleiher, lombardische Händler und später städtische «Wechselstuben» legten den Grundstein für den modernen Finanzplatz. Die Ausstellung beleuchtet nicht nur die historischen Entwicklungen, sondern lädt Besucherinnen und Besucher auch zur Auseinandersetzung mit dem Bankenland von heute ein.
Weitere vom Blog des Nationalmuseums übernommene Beiträge:
blog.nationalmuseum.ch/2026/09/wie-die-schweiz-zum-sparen-animiert-wurde
