Früher hatte nur die Bank den Schlüssel – die Geschichte der Schweizer Sparkässeli
Im 18. Jahrhundert führten die Banken Metallsparkässeli als eine Art der finanziellen Vorsorge ein. Die Idee der Geldaufbewahrung gibt es aber seit der Antike: Schon damals wurden Sparbehältnisse aus Ton und Bronze hergestellt, damit diese nach dem Aufkommen von Münzen um ca. 600 vor Christus geschützt aufbewahrt werden konnten. Oft wurden diese Gefässe vergraben, um sie zu verstecken.
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Spezielle Sparinstitute
Nachdem 1778 in Hamburg die erste Sparkasse der Welt ins Leben gerufen worden war, um die finanzielle Vorsorge der breiten Bevölkerungsschichten zu fördern, setzte 1787 mit der Gründung der «Dienstenzinscassa» in Bern das Schweizer Zeitalter der Spar- und Leihkassen ein. In den folgenden Jahren wurden immer mehr Schweizer Sparkassen gegründet und bald überzog ein immer dichter werdendes Netz von verschiedenen Sparinstituten das Land. 1850 waren in der Schweiz bereits 150 Spar- und Leihkassen aktiv. Die meisten widmeten sich auch dem Klein-Sparergeschäft.
Bis in die 1970er-Jahre gaben diese Banken die zumeist kleinen, ovalen Sparkässeli aus Metall an ihre Kundinnen und Kunden aus. Oft schon als Werbegabe bei der Geburt, um den Sparsinn der Kinder zu fördern. So zog die Bank in den Alltag und in die Kinderzimmer der Schweizerinnen und Schweizer ein. Durch ihre Präsenz erinnerten die Kässeli an das Sparen und wurden zu einem wichtigen Teil der finanziellen Bildung von Generationen.
Das Prinzip des Vorsorgesparens war einfach: Geld zu Hause in den Schlitz der Dose einwerfen bis das Kässeli voll war. Dann ging es zur Bank. Dort wurde die Büchse vom Kassierer geöffnet, das Geld gezählt und das Ersparte zu lukrativen Konditionen auf das eigene Sparbuch eingezahlt. Anschliessend wurde das Kässeli wieder mit nach Hause getragen, um erneut gefüllt zu werden. Durch diesen Kreislauf entstand eine kluge Kundinnen- und Kundenbindung. Denn die meisten Kässeli hatten seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine Entnahmesperre für das Geld. Bedeutete: Nur die Banken konnten die Heimspardosen öffnen, denn nur sie hatten den Generalschlüssel. Damit war der regelmässige Gang zur Bank gesichert.
Ein Schweizer Kulturgut und Werbeträger
Auffällig ist die Vielfalt in der Einheit der Spardosen: Die meisten Kässeli hatten eine ovale, etwa zehn Zentimeter kleine Grundform, einen Schlitz für Münzen, am Boden ein Schloss, oben einen Henkel und eine angenietete Plakette auf der Seite oder auf dem Deckel. Seitlich stand jeweils der Name der «Spenderbank» mit optionaler Angabe von Ort oder Kanton. So waren die Spardosen auch kostenlose Werbeträger. Je nachdem, wo das Kässeli stand zeigte es die Bankenzugehörigkeit des Haushaltes. Manchmal waren auf der Plakette auch das Banklogo oder das Wappen der Stadt, der Gemeinde, des Dorfes oder des Kantons noch abgebildet. Hinzu kam eine individuell eingravierte Nummerierung, die jedes Kässeli der Bankkundin oder dem Bankkunden zuordnete. Die Ähnlichkeit der Dosen hat dabei einen ganz einfachen Grund: Es gab nur etwa zehn Hersteller für die Metallsparkässeli und nur rund 30 verschiedene Typen.
Das Vorhaben wurde bald zu einem zeit- und raumfüllenden Hobby. Die beiden reisten im «Gegenwind des Zeitgeistes» zu diversen Banken in der ganzen Schweiz, um noch eine der alten Sparbüchsen zu ergattern. Wieder zu Hause fotografierten die Kellenberger die mitgebrachten Kässeli mit ihrer analogen Kamera, bevor sie die Dose in ihren Glasschrank einsortierten. Jede Sparbüchse, die sie erhielten, markierten sie ausserdem mit einem Punkt auf einer Landkarte. Ihr Ziel war eine Gesamtschau.
2004 gelangte die Sammlung schliesslich als Beitrag zur Kulturgeschichte des Münz- und Notensparens in die Sammlung «Technologie und Brauchtum» des Schweizerischen Nationalmuseums. In der Dauerausstellung Geschichte Schweiz im Landesmuseum Zürich sind zwölf dieser Kässli ausgestellt.
Einer der wichtigsten Sparkässelilieferanten für die Schweizer Banken war seit den 1920er-Jahren die Bauer A.-G. aus Zürich. Die Firma wurde 1862 von Franz Bauer gegründet und von seinen Söhnen weitergeführt. Das Zürcher Unternehmen wurde im Laufe der Zeit führend in der Ausstattung von Banken mit Tresor- und Sicherungsanlagen. Seit den 1930ern erfolgte in der Zweigniederlassung in Wetzikon (ZH) die Produktion von bis zu 50'000 neuen Sparkässeli pro Jahr. Zunächst aus Eisen, dann aus Messing, später aus Aluminiumblech. Darin wurde auf dem Boden immer auch der Firmenname eingraviert. Heute stellt die Firma, die durch Fusionen zum Unternehmen Dormakaba wurde, keine Kässeli mehr her. Dafür ist sie mit ihrer Erfindung des beidseitig passenden Kaba-Wendeschlüssels noch immer im Schweizer Alltag präsent.
Als in den 1950er-Jahren das Zeitalter des Kunststoffs begann, bekamen die Metallkässeli Konkurrenz. Zu den neuen Kunststoffkässeli gab es von den Banken dann auch gleich den zugehörigen Schlüssel.
Eine Erinnerung an die Bankenvielfalt
Die unterschiedlichen Spardosen repräsentieren die vergangene Bankenvielfalt der Schweiz, welche sich durch die schweizweiten Schliessungswelle von Kleinbanken in den 2000er-Jahren stark reduziert hat. Gründe hierfür sind unter anderem der strukturelle Wandel hin zu mehr Online-Banking, Kostendruck und Auswirkungen der Finanzkrise von 2008/2009. Viele Banken haben ihre oft 100-jährige Eigenständigkeit aufgeben müssen. Eine Entwicklung, die sich nicht zuletzt durch die Übernahme der Crédit Suisse durch die UBS weiter verstärkt hat.
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Die Kässeli erinnern an eine sehr konkrete Kultur des Sparens, die sich in den gegenwärtigen Zeiten von Electronic Cash, Onlinebanking und Finanzapps stark verändert hat. Dieser Wandel zeigt sich auch im Alltag. Laut einer Umfrage des Swiss Payment Monitors zahlten Ende 2025 nur noch knapp 24 Prozent der Bevölkerung mit Bargeld. Hinzu kommt, dass sich klassisches Geldsparen im Vergleich zu Investitionen, beispielsweise an der Börse, nicht mehr lohnt. Die Praxis des Sparens und der Umgang mit Geld im Allgemeinen verschiebt sich immer stärker in den digitalen Raum.
Trotzdem scheint die Schweiz nach wie vor einen emotionalen Bezug zu Münzen und Noten zu haben. Am 8. März 2026 entschied das Stimmvolk, dass die Bargeldversorgung durch den Bund gewährleistet werden muss und dies in der Bundesverfassung festgehalten wird.
Landesmuseum Zürich
Die Schweiz zählt zu den bedeutendsten Finanzplätzen der Welt – doch was macht sie eigentlich zum Bankenland? Die Ausstellung zeigt, wie tief das Bankwesen in der Schweizer Identität verwurzelt ist. Jüdische Geldverleiher, lombardische Händler und später städtische «Wechselstuben» legten den Grundstein für den modernen Finanzplatz. Die Ausstellung beleuchtet nicht nur die historischen Entwicklungen, sondern lädt Besucherinnen und Besucher auch zur Auseinandersetzung mit dem Bankenland von heute ein.
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