Weniger giessen, mehr verstehen: Was Gärten jetzt brauchen
Skiballett macht Konrad Hilpert nicht mehr. Auch weil es diese Disziplin überhaupt nicht mehr gibt. Sie wurde nie richtig olympisch, dafür war sie zu unspektakulär. Dafür ist die neu eröffnete Haselhof Gärtnerei spektakulär, die er zusammen mit Christian Siegrist führt. In Remigen AG, auf 3,5 Hektaren Land, zwischen dem Zoo Hasel und einem als Häuschen getarnten Panzerabwehrbunker aus dem Zweiten Weltkrieg liegt sie, auf den Überresten der Erlebnisgärtnerei Dietwyler.
Biologisch und aus eigener Vermehrung ziehen die Haselhof-Gärtner hier hauptsächlich heimische Wildstauden und Wildgehölze.
Hilpert steuert als Erstes den neu angelegten Schaugarten an, eine lauschige Ecke im Halbschatten, wo zwischen Tuffsteinen der Knoblauchhederich (Alliaria petiolata) hervorspriesst, von dessen Vorzügen er mir augenblicklich vorzuschwärmen beginnt. Ein unscheinbares Kraut, das dem Aurorafalter als Nektarpflanze dient und dessen Raupen ebenso ernährt. Aber auch der Mensch kann daraus ein Pesto oder eine Kräuterbutter zaubern. In der Volksmedizin werden seine heilenden Kräfte in Form eines Breiumschlags auf Insektenstiche oder eiternde Wunden gepriesen.
Hilpert zeigt auf das Biotop, das eine wechselfeuchte Waldsituation nachahmt: Gräben an Waldwegen beispielsweise, die nach starkem Regen mit Wasser gefüllt sind, in längeren Hitzeperioden aber vollständig austrocknen können.
Was wächst hier?
Konrad Hilpert: Bachnelkenwurz (Geum rivale) zum Beispiel und das Mädesüss (Filipendula ulmaria), der natürliche Vorläufer von Aspirin, und der Blutweiderich (Lythrum salicaria), alles super Nahrungspflanzen für Insekten. Wechselfeuchte Pflanzen sind sehr anpassungsfähig bei klimatischen Veränderungen, so wie der Sumpfdost (Peucedanum palustre) auch, der kommt selbst in Wäldern klar, wo es gar nicht sumpfig ist. Diese Pflanzen können mit beiden Situationen umgehen, auch mit langen Feuchtperioden. Sie sind quasi die Gewinner der Extremwetter.
Mit der drückenden Hitze im Hintergrund, die uns gerade auf die Köpfe brennt, können Sie ein paar Pflanzen für den heimischen Garten oder Balkon aufzählen, die gut mit Trockenheit und hohen Temperaturen zurechtkommen?
Die Natur zeigt uns im Grunde alles: Die Pflanzen, die an vollsonnigen, trockenen Stellen wachsen, gedeihen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch an vergleichbaren Standorten im Garten, ohne dass wir viel eingreifen müssen. Der Natternkopf (Echium vulgare) beispielsweise ist sehr zäh, die Karthäusernelke (Dianthus carthusianorum) oder die Steinnelke (Dianthus sylvestris) sind auch robust, die Färberkamille (Anthemis tinctoria), das Ochsenauge (Buphthalmum salicifolium) und die Graslilie (Anthericum ramosum/illago). Oder dann Kräuterpflanzen wie Feldthymian (Thymus pulegioides) oder Oregano (Origanum vulgare). Das sind dynamische Gewächse, die sich selbst versamen, und wenn es dann einmal zu trocken für sie sein sollte, haben sie die nächste Generation bereits gemacht – und diese kann dann wieder gedeihen. Auch mediterrane Kräuter sind insektenfreundlich und man kann sie gut mit den einheimischen Gewächsen mischen, das ergibt eine schöne und beständige Pflanzung für hitzebestimmte Jahre.
Bild: watson
Sprich, einen den lokalen klimatischen Bedingungen und den verschiedenen Standorten angepasster Garten verspricht Erfolg und hält den Wasserverbrauch gering. Ein englischer Rasen hilft da eher weniger ...
Ein englischer Rasen braucht natürlich Dünger und darum auch viel Wasser. An ihm sieht man diesen hier oft herrschenden Perfektionismus, der keine braunen Stellen erlaubt, obwohl diese doch zu einem so heissen Sommer dazugehören. Der erholt sich dann auch wieder. Man sollte die Pflanzen ja auch nicht zu sehr mit Giessen verwöhnen, sonst wurzeln sie erst gar nicht tief. Eine Ausnahme sind natürlich frisch gepflanzte Bäume, die muss man in der Anfangszeit schon ordentlich wässern. Andere Pflanzen kann man, wenn sie vertrocknet sind, auch einfach halb zurückschneiden, damit sie später wiederkommen. Wiesenpflanzen sind darum auch sehr geeignet, die werden im Juni gemäht, so sind sie niedriger, wenn die grosse Hitze kommt – und sobald es wieder mal regnet, wachsen sie von Neuem. Grundsätzlich sollte man nicht nur lokal angepasst, sondern auch vielseitig pflanzen, wer eine monotone Fläche hat und diese eine Pflanze darin ein Problem hat, dann ist Schluss. Wenn man mehrere auch dynamische Arten hat, dann ergänzen und erneuern die sich immer wieder selbst.
Ein naturnaher Garten steht ein wenig im Widerspruch zu diesem herkömmlichen Bild eines tadellosen Gartens. Welche Grundprinzipien kann man befolgen, damit die Natur im eigenen Garten wieder ein bisschen mehr Platz bekommt?
Man müsste viel weniger wegräumen und mit dem Schnittgut auch mal einen Asthaufen machen. Es geht nicht nur um Blüten und Nahrung, sondern auch darum, dass man den Tieren einen Unterschlupf bietet, einen Nistkasten für Vögel aufhängt, dass man Bestehendes in den Garten einbindet, mit den Steinen ein Mäuerchen macht oder damit ein kleines Wasserbecken umrandet. Lebensbereiche schaffen, Strukturen gestalten und dabei versuchen, die Natur nachzuahmen. Das ist doch etwas Schönes, die eigene Natur auf diese kunstvolle Weise zu reflektieren! Man muss auch gar nicht alles sofort und radikal verändern, man kann Stück für Stück vorgehen. Ein Loch in den Zaun schneiden oder die Latten unten ein wenig kürzen, damit der Igel auch zum Nachbarn gelangt. Man besitzt den Garten zwar, aber auch andere wohnen darin. Das sollte man ein wenig respektieren und beachten, wo man kann.
Eine ganzheitlichere Perspektive also und einen Sinn dafür, dass alles miteinander zusammenhängt.
Ja, nicht einfach Futter kaufen für die Singvögel und das dann in einem leeren Garten anbieten. Futter kann man im Garten wachsen lassen mit allen dazugehörigen Strukturen wie Nistplätzen und Verstecken in Form von Wildhecken aus einheimischen Sträuchern und Gehölzen, damit Leben darin möglich wird.
Gewisse Pflanzen und Tiere bilden faszinierende Partnerschaften, so wie die Wilde Karde (Dipsacus fullonum) und der Distelfink beispielsweise ...
Ich sage immer, dass man sich mit einheimischen Pflanzen eine ganze Safari in den eigenen Garten holen kann. Jedes Gewächs bringt wieder neue Tiere mit sich. Man leistet einen Beitrag, aber man bekommt auch immer etwas zurück.
Bild: Shutterstock
Die Blätter der Wilden Karde bilden ein Becken, in dem sich Regenwasser sammelt – eine Trinkstelle für viele Tiere, für manche aber auch eine Todesfalle. Die ertrinken darin und zersetzen sich, was die Wilde Karde dann als Nährstoff aufnimmt – sie hat also fast karnivore Züge.
Neben all den einheimischen Gewächsen gibt es auch diejenigen, die von anderen Kontinenten hierher gekommen sind. Manche bereits mit den Römern, so wie der Muskatellersalbei (Salvia sclarea), damit haben sie billigen Wein geschmacklich veredelt. Andere sind später zu uns gelangt, nachdem der Pflanzenexport massenhaft möglich gemacht wurde, als exotische Zierpflanzen für Parks oder ertragreiche Forst- und Landwirtschaftspflanzen ...
Das Problem ist, dass die invasiven Arten die hier angestammten Pflanzen verdrängen. Manche haben sich auch mit den einheimischen gekreuzt. Das passierte auch, als man die frühen ökologischen Ausgleichsflächen (heute Biodiversitätsförderflächen BFF) mit Samenmischungen besät hat, die aus ganz Europa stammten. Damals hat man viel zu wenig auf die Herkunft geschaut. Gewisse Kreuzungen können durchaus interessant sein für gewisse Insekten, aber dennoch verdrängen sie die einheimische Flora, die ganz genau auf die hiesige Tierwelt abgestimmt ist. Die wirklich spezialisierten Arten, die ohnehin schon bedroht sind, gehen dann leer aus. So gerät halt das ganze System ins Ungleichgewicht. Die Klimaerwärmung beschleunigt diese Entwicklung noch zusätzlich: Immer mehr solcher Neophyten büchsen aus und besetzen Sumpfgebiete und Moore, also sehr rar gewordene Bereiche der Natur – und machen sich dort breit. In Amerika, wo ich eine Weile gearbeitet habe, ist zum Beispiel unser Blutweiderich (Lythrum salicaria) zum Problem geworden. Er besiedelt im Nordosten Seen, Flussläufe und Sümpfe, wo er in kürzester Zeit kilometerlange, violette Bestände schafft.
bild: infoflora
Aber es ist nicht alles schwarz-weiss. Es ist alles relativ und gewisse Pflanzen sind jetzt einfach hier – so wie der Muskatellersalbei und die Holzbiene, die ihm und der hier zunehmenden Wärme quasi hinterhergeflogen ist.
Aber weil der Mensch halt so intensiv landwirtschaftet und alles verbaut, ist das im Gesamten einfach too much für unser Ökosystem. Wir machen alles zu schnell, das überfordert die Natur, die sich immer erst wieder einspielen muss, um auf Veränderungen reagieren zu können. Darum ist es wichtig, dass man die einheimischen Pflanzen ein wenig in Ehren hält.
Was würden Sie den Menschen in Bezug auf die Zukunft noch gern mit auf den Weg geben?
Wir sollten uns alle bewusst sein, dass die Natur nicht selbstverständlich ist. Dass wir sie mit dem, was wir tun und bauen, mit all dem Fortschritt, den technischen Errungenschaften und der Art, wie wir leben, in Bedrängnis bringen. Ihre Seite muss aber irgendwo in unseren Herzen bleiben, sonst wird es für die nächsten Generationen schwierig werden. Schwärmt nicht nur in den Ferien über die schöne Natur, sondern nehmt auch die eigene, vor der eigenen Haustür wahr. Denn wenn man etwas mehr wahrnimmt, kann man auch besser nachvollziehen, dass es schützenswert ist. Sie gibt einem so viel zurück, das man auch an die Kinder weitergeben kann. Sie müssen vielleicht nicht gleich Nielen rauchen, das ist nicht besonders gesund, aber es gibt so viele spielerische Dinge in der Natur, Löwenmäulchen aufdrücken oder Kapselfrüchte, Haselnüsse knacken und Walderdbeeren sammeln. Wenn wir den Bezug zu ihr verlieren, können wir die Verantwortung für sie nicht wahrnehmen. Dabei macht sie doch unsere Lebensqualität aus.
