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Auf dem Weg zum Naturgarten – Teil 1

Haus und Gartenansichten
Seid willkommen in meinem Garten.Bild: watson

Darf ich meinen Garten schon Naturgarten nennen? (Teil 1)

Es ist nun der siebte Frühling in meinem Garten, den ich vielleicht bald mit Fug und Recht als Naturgarten bezeichnen darf. Dafür fehlt mir aber noch eine Pro-Natura-Auszeichnung – und wahrscheinlich noch ein paar Sachen mehr. Kommt doch mit, ich führ euch rum und zeig euch, was bis jetzt schon so alles da ist.
17.05.2026, 13:50

Mist. Ich habe keinen Krautsaum! Keine Ahnung, was das ist, aber ich brauche ihn! Mein Asthaufen muss grösser werden. Und ein Nistkasten für Fledermäuse fehlt auch.

Es ist so. Im Grunde interessieren mich Qualitätsnachweise nicht sonderlich. Heutzutage ist es eher eine Auszeichnung, wenn du an ihnen vorbeikommst. Ein Leben ohne Diplom, ohne Preis, ohne Zeugnis und Zertifikat, versuch das mal. Meine letzte solche Errungenschaft war der Leistungs- und Entwicklungsdialog 2026, geführt mit meinem Chef, höchst professionell zusammengefasst von der KI. Davor hab ich ein Awareness-Programm in Sachen KI-Betrug absolviert und einen virtuellen Pokal dafür erhalten, dass ich dem Typen, der am Telefon klang wie der CEO, keine Million auf sein Konto überwiesen habe.

Erfüllt hat mich das jetzt nicht unbedingt. Vielleicht, weil ich im richtigen Leben überhaupt nicht telefoniere. Vielleicht aber auch, weil ich in einem ganz anderen Bereich glänzen will.

Ich will die Schmetterlinge von Pro Natura. Ich will, dass mein Garten ausgezeichnet wird als biodiverses Paradies! Ich will eine verdammte Plakette an meinem Gartenzaun hängen haben, auf der steht, dass hier Vögel, Eichhörnchen, Mäuse, Igel, Wildbienen, Schmetterlinge, Hummeln, Schwebfliegen, Fledermäuse, Molche, Eidechsen, Blindschleichen, Käfer, Ameisen, Spinnen und Würmer leben.

Pro Natura – Willkommen im Naturgarten
Pro Natura ist die führende Naturschutzorganisation der Schweiz. Als gemeinnütziger Verein organisiert, setzt sie sich für mehr Natur ein – überall. Also auch im Siedlungsgebiet. Schliesslich übersteigen Schweizer Privatgärten flächenmässig sämtliche Schweizer Naturschutzgebiete zusammen. Um in jene Grundstücke mehr Biodiversität zu bringen, bietet Pro Natura gratis Gartenberatungen für Privatpersonen an. Und wer bestimmte ökologische Kriterien (einheimische Pflanzen, Kleinstrukturen, Verzicht auf Pestizide, naturnahe Gestaltung) erfüllt, kann sein grünes Zuhause für eine Zertifizierung als Naturgarten anmelden. Die Besitzer:innen der mit einer Plakette ausgezeichneten Schmetterlingsgärten dürfen dann Teil eines Netzwerks von Schaugärten werden.

Wenn du wissen willst, wie naturnah dein Garten heute schon ist, kannst du den Gartentest machen, der dir zusätzliche Ideen liefert, damit es noch mehr summt, brummt und schnauft vor deiner Haustür.
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So würd das dann aussehen, wenn ich die Plakette bekäme. Bild: watson-bildbearbeitung

Mein Mann sagte: «Ich drucke dir so eine aus.» Er druckt mir alle meine Wünsche aus, er kann das. Er hat einen 3D-Drucker. Aber diese Würde muss ich mir ehrlich verdienen.

Die Auflagen sind streng, heisst es. Nicht jeder Furzgarten kriegt diese Auszeichnung, und schon gar nicht solche, in denen der Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus) oder ein Sommerflieder (Buddleja davidii) steht.

Beides sind invasive Neophyten, also aus weiter Ferne eingewanderte und sich stark ausbreitende Gehölze, die die einheimische Flora und Fauna verdrängen und deren Verkauf und Neupflanzung seit 2024 in der Schweiz verboten sind. Thujen (Thuja) dagegen sind nicht schädlich, nützen aber auch nichts. Sie sind sowas wie ökologische Nullnummern: Unter ihnen herrscht tödliche Ödnis, in ihnen hat's kaum Platz für Vogelnester und Nektar und Pollen produzieren sie auch nicht. Mit den Hitzesommern kommt das aus Nordamerika stammende Zypressengewächs sowieso nicht klar, da wird der sogenannte Lebensbaum schnell zum Todesbaum und serbelt an diversen Grundstücksgrenzen vor sich hin.

Wir haben unsere vier vor drei Jahren rausgerupft, zusammen mit der nutzlosen, weil in die Sterilität gezüchtete Forsythie (Forsythia × intermedia), jenem Zierstrauch, der mit seinen leuchtend gelben Blüten hier noch immer viel zu prominent den Frühling einläutet und hungrige Hummeln und Bienen anlockt, um ihnen dann sein Nichts anzubieten. Hinfort mit diesem Blender!

Ersetzt haben wir sie mit einer Obsthecke, Säulenäpfeln (Lambada, Red Spring, Rumba) und Apfelbeeren (Aronia prunifolia Viking), Säulenbirnen (Concord, Decora, Obelisk) und Maibeeren (Lonicera caerulea). Mut zur Lücke, haben wir uns gesagt. Aber nicht zu viel Lücke, weil das, was da über die Strasse hinweg dazwischenschimmert, keine Sonnenstrahlen sind, sondern der Glanz blank geputzter Sichtbarrikaden. Ein Gemisch aus Gabionen, Granitstelen und anderen Grausamkeiten. Ein Bollwerk gegen den Blick der Vorübergehenden. Ein Bollwerk gegen irgendwie alles. Also haben wir darauf mit ein paar zusätzlichen einheimischen Gehölzen wie Felsenbirnen (Amelanchier ovalis), Kornelkirschen (Cornus mas), Steinweichsel (Prunus mahaleb), Schlehdorn (Prunus spinosa) und Schwarzem Holunder (Sambucus nigra) geantwortet.

Auf dass sie die Freiräume zwischen den Baum-Erbschaften unserer Vorgänger ordentlich zuwuchern.

Asthaufen, Igelhaus, Totholz
Totholz – hier zwischen diversen Maierisli (Convallaria majalis) – ist immer gut im Garten und auch Äste müssen nicht im Grüngut entsorgt werden, sondern können, zu einem Haufen getürmt, diversen Tierchen Unterschlupf bieten. Das Igelhaus steht noch vom letzten Jahr da, das hat uns die Igelstation mitgegeben, als wir zwei von unseren vier kleinen Igeli (wegen Inzestgefahr bekamen wir nur die zwei Weibchen zurück), die im Sommer tagsüber verwirrt im Garten herumstreiften, nach ihrem Gesunden wieder auswildern durften.Bild: watson

Unser Haus wurde 1928 erbaut, seither hat es laut Grundbuchhistorie 14 Mal seine Besitzerinnen und Besitzer gewechselt. Und sie alle haben irgendwann mal mehr, mal weniger Hand an den Garten gelegt. Vor ungefähr 70 Jahren hat jemand von ihnen eine Serbische Fichte (Picea omorika) gepflanzt, die heute rund 20 Meter hoch ist.

Auch steht da ein alter, teilweise morscher und mit reichlich Efeu (Hedera helix) bewachsener Flieder (Syringa vulgaris, im Gegensatz zum Sommerflieder kein extremes Desaster, aber auch kein Gewinnbringer für Biodiversität), eine Hasel (Corylus avellana) und ein beachtlicher Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus). Auch zwei alte Apfelbäume (Malus domestica), ein echter Kirschbaum (Prunus avium) und ein weniger echter, eine Japanische Blütenkirsche (Prunus serrulata, sehr schön anzusehen im Frühling z. B. auch in der Zürcher Bertastrasse, aber nicht ganz so wertvoll für Bestäuber und Vögel wie die fruchttragende, heimische Version), ein Walnussbaum (Juglans regia) und ein kränkelnder Vogelbeeribaum (Sorbus aucuparia).

Ja, wir haben eine Menge Bäume. Und die meisten davon bieten den heimischen Tierchen Wohnraum, Nahrung und Schutz. Und uns spenden sie Früchte und Schatten. Bilden einen grünen, kühlenden Tunnel durch unseren Garten, der beste Ort, um heisse Tage zu überleben. Im Sommer ist es mindestens fünf Grad kühler da.

Ein hölzernes Schweinchen schnüffelt sich durch den Efeu (Hedera helix), ein Hirschzungenfarn (Asplenium scolopendrium) rollt seine Wedel aus und die Wolfsmilch (Euphorbia) wuchtet vor sich hin.
Ein hölzernes Schweinchen schnüffelt sich durch den Efeu (Hedera helix), ein Hirschzungenfarn (Asplenium scolopendrium) rollt seine Wedel aus und die Wolfsmilch (Euphorbia) wuchtet vor sich hin.bild: watson

Anfangs dachte ich, herrje, so viel Dunkelheit regiert an dieser Stelle, ein düsterer, botanisch reizloser Ort mit ein paar Hortensien (Hydrangea) und Funkien (Hosta) müsse das sein. Was für ein grandioser Irrtum! Die heimische Schattenpflanzenwelt ist unendlich reich.

Die Sonne wirft hier nur verhalten ihre Strahlen dazwischen, zu sehr wird ihr Licht von Blättern und Geäst unterbrochen, immer und immer wieder wird es zerteilt und abgelenkt, sodass es schwankend vom Hin- und Hergeworfensein auf dem Grün landet, das hier sanft saftet, smaragdet, giftelt, grast und limettet, mal hell leuchtet, mal tiefdunkel dumpft. Nichts schreit, nichts will zu viel, die Blüten sind winzig klein und durchpunkten fast scheu das Unterholz, während die Farne (Polypodiophyta) ganz allmählich ihre gefiederten, gelappten und gezackten Wedel darüber ausrollen, als würden sie dieses waldige Refugium beschützen wollen. Und sie tun es tatsächlich, sie halten den Boden fest, schon seit 358,9 Millionen Jahren tun sie das, als sie noch als riesige Bäume ganze Erdzeitalter prägten. Und jetzt tun sie es hier. Speichern Feuchtigkeit, verstecken Spinnen und kleine Amphibien unter sich und sind einfach nur wundervoll mit ihren Hirschzungen (Asplenium scolopendrium) und Rippen (Blechnum spicant), ihren Trichtern (Matteuccia struthiopteris) und Tüpfeln (Polypodium vulgare), ihren Lanzen (Polystichum lonchitis) und Schilden (Polystichum aculeatum).

Ich sag's euch, manchmal weine ich ein bisschen in meinem Tunnel ob all dieser Schönheit. Seht euch den Waldmeister (Galium odoratum) an, diesen allerhübschesten heimischen Bodendecker mit seinen sternenförmig angeordneten, spitzen Blättern und seinen weissen, filigranen Blüten! Er war meine erste selbst erworbene Schattenstaude.

Waldmeister
Der hübsche Waldmeister (Galium odoratum) hier in Kombination mit Wurmfarn (Dryopteris filix-mas), Elfenblumen (Epimedum alpinum) und Akelei (Aquilegia vulgaris).Bild: watson

Zwei zarte Pflänzchen hab ich mir vor sechs Jahren in der Wildstaudengärtnerei geholt. Inzwischen haben sie sich in einen prächtigen Teppich verwandelt, der sich von Beet zu Beet schleicht und zusammen mit dem früher blühenden und schon wieder einziehenden Scharbockskraut (Ficaria verna) alle braunen Stellen abdeckt.

Wildstaudengärtnereien
Gartencenter haben zwar ein wachsendes, aber noch immer eher kleines Angebot an einheimischen Wildpflanzen im Gegensatz zur Auswahl, die sie an kultivierten Zierstauden und allerlei hübschen Exoten bieten. Wildstaudengärtereien hingegen sind auf die hiesige Flora spezialisiert und ziehen ihre Wildpflanzen oft aus dem Saatgut eigener Mutterpflanzenbestände und in Bio‑ oder Demeterqualität. Sprich: Da bekommst du all das, was eigentlich in unsere Gärten und auf unsere Balkone gehört, weil sich unsere Wildtiere davon ernähren.
Hier ein paar Adressen:
Wildstaudengärtnerei AG in Eschenbach LU
Flora di Berna, Wildpflanzengärtnerei auf dem Biohof Zauggin Iffwil BE
Haselhof Gärtnerei in Remigen AG

Eingewebt in diesen grünen Unterwuchs sind Frauenmantel (Alchemilla xanthochlora), Wald-Geissbart (Aruncus dioicus), Wald- und Wiesen-Storchschnabel (Geranium sylvaticum und Geranium pratense), Knotiger Storchschnabel (Geranium nodosum) und der schnittigste unter ihnen, der Braune (Geranium phaeum) mit seinen tiefpurpurnen Blüten. Dazu gesellen sich der Blaurote Steinsame (Lithospermum purpurocaeruleum), sich wunderbar versamende Wolfsmilchen (Euphorbia) und Vergissmeinnicht (Myosotis), allerlei Wildrosen (u. a. Rosa canina, Rosa villosa, Rosa arvensis, Rosa abietina), Akelei (Aquilegia vulgaris), unzählige Wald-Erdbeeren (Fragaria vesca) und Wald-Veilchen (Viola reichenbachiana), der Klebrige Salbei (Salvia glutinosa), Mondviolen (Lunaria rediviva) und Gefleckte Taubnesseln (Lamium maculatum). Das Gefleckte Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) hingegen ist mir eingegangen.

Storchschnäbel
Was für eine Farbe, guckt euch dieses fast schwärzlich schimmernde Rotviolett des Braunen Storchschnabels (Geranium phaeum) in der Mitte an! Links ist ein Wald-Storchschnabel (Geranium sylvaticum) und rechts ein Knotiger Storchschnabel (Geranium nodosum) zu bewundern. Bild: watson

Und mit ihm zwölf andere Wildstauden, die ich in meinen Garten gepflanzt habe. So ist das manchmal. Da kann man noch so sehr auf die Bodenbeschaffenheit, die Lichtverhältnisse und die Nachbarschaftspflanzen gucken, manche Stauden wollen einfach nicht. Oder die Schnecken wollen sie mehr. Oder andere Kräfte, die hier geheimnisvoll wirken, sorgen für ihr Verschwinden.

Aber immerhin: Über 50 haben nicht nur überlebt, sondern machen sich jedes Jahr breiter, vervielfachen und versamen sich, tauchen an anderer Stelle plötzlich wieder auf – oder tauchen überhaupt auf. Aus dem Nichts! Oh, Orangerotes Habichtskraut (Hieracium aurantiacum), plötzlich bist du überall! Woher kommst du? Welches gütige Windlein hat dich hierher geweht, auf dass du jetzt unzählige Tochterrosettchen anlegen kannst?

Ob das alles bereits reicht, um meinen Garten als Naturgarten zu bezeichnen? Der Pro-Natura-Gartentest sagt: 138 von 200 Punkten. Das ist doch gar nicht übel!

«In Ihrem Garten herrschen gute Voraussetzungen für eine hohe Biodiversität. Vielleicht ist bereits eine Zertifizierung möglich.»

Ha!

Was noch fehlt: vor allem ein Teich. Damit sich hier auch Libellen und Amphibien ansiedeln können. Und all die Igel, Vögel und Insekten eine Trinkstelle haben, wenn es wieder richtig heiss wird.

Hab's dem Mann gesagt ➔ Bauhaus ➔ Dinge gekauft ➔ Zack.

Teich
Der Mann hat das Loch ausgehoben (sackschnell wie ein Berserker <3), die Kinder und ich haben den Rand der Teichwanne mit Steinen, Ästen und einem alten Ziegel geschmückt, dieser sollte als Ein- und Ausstiegshilfe dienen für die Tierchen, die sich hoffentlich bald an der neuen Wasserstelle laben werden. Im Teich stehen im 40 cm tiefen Teil ein Tannenwedel (Hippuris vulgaris), in die seichte, 10 bis 20 cm tiefe Uferzone haben wir Sumpdotterblumen (Caltha palustris), Sumpfvergissmeinnicht (Myosotis palustris), Gnadenkraut (Gratiola officialis) und eine Korkenzieher-Binse (Juncus effusus 'Spiralis') gepflanzt. Um den Teich stehen Wasserminze (Menta aquatica), Hängesegge (Carex pendula), Mädesüss(Filipendula ulmaria) und Blutweiderich (Lythrum salicaria).Bild: watson

Test nochmal gemacht: 140 Punkte erreicht.

Abzug gab's für die farbigen Lichtlein, die ich im Garten hängen habe. Fürs Gerolds-Garten-Feeling. Aber leider gegen die nachtaktiven Tiere. Die mögen eine solche Lichtverschmutzung nicht so. Die wollen Verborgenheit, kein Spotlight. Nun denn. Ich werd's bloss noch für rauschende Partynächte anstellen.

Sprich nie.

Was noch?

OK.

Eventuell hab ich mal das ein oder andere fiese Schneckenkorn ausgelegt. Werd ich nicht mehr tun. Die Pflanzen müssen sich nun selbst gegen die gefrässigen Tierchen behaupten. Ich werd nichts mehr erzwingen, nur schauen, dass nichts Überhand nimmt. Um den Rest kümmern sich Tigerschnegel, Feuerwanzen und Laufkäfer – unterstützt von Amseln, Igeln und vielleicht bald ein paar Fröschen und Molchen aus unserem Teich.

An meinen Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) knabbern sie glücklicherweise nicht. Dieser stammt zwar aus dem Mittelmeerraum, ist aber trotzdem eine ökologisch wertvolle Heilpflanze, an der sich im Spätsommer Schmetterlinge, Hummeln und Holzbienen gütlich tun. Und er hilft Frauen, mit ihren Hormonen klarzukommen. Seine pfefferähnlichen, leicht scharfen Früchte kämpfen gegen PMS. Also gegen Brustspannen, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Kopfschmerzen. Und wer seinen Geschlechtstrieb etwas eindämmen will, der kann daraus Tee brauen oder sich mit seinen keuschen Zweigen schmücken wie einst die Mönche und Nonnen im Mittelalter. Oder er tunkt sein Rüebli gleich in einen durch den kernig-herben Geschmack dieser Wunderfrüchte veredelten Dip.

Wer eher am Gegenteil interessiert ist, der soll sich bitte sofort eine Pimpernuss (Staphylea pinnata) zulegen. Ich hab zwei von diesem als schützenswert eingestuftem Strauchgehölz. Einer in der Sonne, der andere im Schatten, der kommt mit allem klar – und eignet sich grandios als Zentrum eines Potenz-Beetes, zusammen mit der Brennnessel (Urtica dioica) für eine einwandfreie Samenproduktion (Minnesänger schworen darauf!) und dem aphrodisierenden Geilwurz (Wurzelpetersilie, Petroselinum crispum) für stimulierende Nächte!

Nein, ok, jene freudbringenden Effekte sind pharmakologisch nicht erwiesen und vielmehr über die Jahrhunderte weitergetragenes Wunschdenken, Ritual und vielleicht auch ein bisschen Placebo-Effekt. Aber die Pflanzen sind gut für den naturnahen Garten.

Garten
In meinem von der Nachmittagssonne beschienenen Vorgarten steht eine Pimpernuss (Staphylea pinnata) und ein Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus), die umwachsen werden von Bergflockenblumen (Centaurea montana), Klatschnelken (Silene vulgaris), Alpen-Schuppenköpfen (Cephalaria alpina), Mittlerem Zittergras (Briza media), Weissem Steinklee (Melilotus albus), Kugeldistel (Echinops sphaerocephalus), Echten Goldruten (Solidago virgaurea L.), Kalk-Silbermantel (Alchemilla conjuncta), Echtem Eisenkraut (Verbena officinalis), Aufrechtem Ziest (Stachys recta), Klatschmohn (Papaver rhoeas), Färber-Hundskamille (Anthemis tinctoria) und Goldhaaraster (Aster linosyris).Bild: watson

Pflanz' sie. Ausser du bist wie ich als Kind nackt in einen Brennnesselhorst gefallen. Die Wildpflanze gefällt allerdings über 40 Schmetterlingsarten. Und gedämpft tun ihre Blätter dir nichts mehr, da kannst du sie essen wie Spinat. In Quiche, Salat, Suppen, Smoothies oder Risotto, als Raviolifüllung und in Omeletten.

Nützliche Websiten für die Pflanzen- und Wildbienensuche
Bei Regioflora kannst du dein gewünschtes Gartenelement, deine Region und weitere Details zum Standort angeben, den du gerne naturnah gestalten möchtest. Und zack spuckt's dir die passenden Wildpflanzen aus und ebenso den Ort, wo du das gewünschte Pflanzgut beziehen kannst.
Der Bee Finder hingegen zeigt dir die relevanten Wildbienenarten, die du mit passenden Pollenpflanzen und Niststrukturen an deiner Adresse fördern kannst.

Fragt man die Vögel, scheint es in meinem Garten an nichts zu fehlen. Die lassen die kleinen Körnchen vom Futter einfach liegen. Kleine Rosinenpicker das. Was sagen sie mir damit? Brauchen wir nicht, haben eh schon alles hier? Willst du, dass wir fett werden? Was soll dieses Überangebot an Beeren, Äpfeln, Birnen, Schnecken und Würmern überhaupt? Was wollen wir noch mit deinen dummen Körnern?

Willst du uns mästen?

Das will ich ganz sicher nicht! Ich will nur, dass ihr alle es gut habt. Zusammen mit meinen Kindern und meiner Katze. Und manchmal geraten wir ein wenig aneinander. Die Katze jagt Mäuse und die Kinder zertrampeln mir die Beete. Manchmal auch ein Insekt. Sie wollen schaukeln und Fussball spielen, wo ich lieber eine Wildblumenwiese hätte. Aber so ist das. Ein bisschen Platz für jeden, ein bisschen Achtung für den anderen, dann leben wir hier doch ganz gut miteinander ...

Ob ich mein Ziel erreichen werde und am Ende wirklich eine Naturgarten-Plakette an meinen Zaun hängen darf, werdet ihr in der Fortsetzung erfahren. Nächste Woche steht erstmal der Gartenbesuch an; zwei liebe Pro-Natura-Menschen werden mein Werk näher begutachten und mir Tipps geben, was ich für die Artenvielfalt noch so alles tun kann.

Bis dahin, lasst es spriessen! Mäht euren Rasen im Mai möglichst nicht oder lasst ein paar Inseln stehen – es ist das Überlebensbuffet für ganz viele Insekten, Bestäuber und Arbeiterinnen.

Und fallt nicht nackt in Brennnesseln.

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15 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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K.A.T.E.R
17.05.2026 14:09registriert Februar 2025
Eigenes Haus mit Garten?
Irgendwas machst du besser als der Baroni, dem hats glaub bloss zu einem speziellen Chlapf gereicht.

hier noch ein paar Auszeichnungen für was auch immer: 🏅🏆🥉
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