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Was ich wirklich denke

Ein Klimaforscher erklärt, weshalb er sich über jeden Autofahrer aufregt 

15.12.2016, 10:1315.12.2016, 21:42
team watson
  • Michael F. arbeitet an einer grossen Universität der Schweiz
  • Michael F. forscht seit 6 Jahren im Gebiet der Klimaerwärmung

Ich bin sehr froh, gibt es CO2. Die Welt braucht CO2. Ohne CO2 und andere Treibhausgase würde die Durchschnittstemperatur auf der Erde -18° betragen. Das Problem mit dem CO2 ist die Menge. Je mehr sich in der Atmosphäre befindet, desto länger benötigt die Sonnenstrahlung diesen Planeten wieder zu verlassen – und dementsprechend länger erwärmt sie unsere Erde.

Was ist «Was ich wirklich denke:»
Wir gestehen: Bei der Idee für «Was ich wirklich denke:» haben wir uns schamlos beim Guardian-Blog «What I'm really thinking» bedient. Wir mussten fast, denn die Idee dahinter passt wie die Faust aufs Auge auf unseren alten Claim «news unfucked». Es geht darum, Menschen, Experten, Betroffene anonym zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese dabei Repressalien befürchten müssen. Roh und ungefiltert. Und wenn du dich selber als Betroffener zu einem Bestimmten Thema äussern willst, dann melde dich bitte unter wasichdenke@watson.ch.

Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.

Im Moment haben wir 400 CO2-Moleküle auf eine Million Teilchen (PPM) in der Atmosphäre. Vor der Industrialisierung waren es 280 PPM. Das IPCC, das Intergovernmental Panel on Climate Change [oder geläufiger: der Weltklimarat] schätzt, dass wenn wir weiter derart freizügig fossile Brennstoffe verbrennen, dieser Wert bis ins Jahr 2200 auf 1600 PPM explodiert. Das würde sich in einer weltweit durchschnittlichen Erwärmung der Durchschnittstemperatur von 10 bis 20 Grad äussern.

«Ja, ich bin wütend. Ich weiss nicht, was man den Leuten alles noch erzählen muss, bis sie begreifen, was wir gerade im Begriff sind anzurichten.»
Michael F.

In der Schweiz würde das Thermometer regelmässig auf 50 Grad klettern. Ab 40 Grad bekommen Pflanzen Probleme mit der Photosynthese – wir werden also Probleme mit der Vegetation bekommen. Fluten, Stürme und extreme Bedingungen werden zunehmen. Wenn das Wetter nicht mehr berechenbar ist, hat unsere Agrarwirtschaft ein Problem.

Noch härter wird es Spanien, andere mediterrane Regionen und Nordafrika treffen. Dort kann man schon seit ein paar Jahrzehnten den Effekt der Desertifikation, der Wüstenbildung, beobachten. Gross angelegte Agrarwirtschaft wird nur noch in nördlich gelegenen Gebieten wie Kanada und Russland möglich sein. Wollen wir wirklich von Russland abhängig sein?

«Windkraftanlagen an Küstengebieten werden mit den lächerlichsten Argumenten bekämpft. ‹Die Aussicht werde zerstört› … solange wir gegen solch lächerlichen Argumente ankämpfen müssen, bin ich sehr pessimistisch.»
Michael F.

Wir werden die Klimaziele von Paris nicht schaffen. Die Fahrzeuge, die hier unsere Umwelt verpesten, werden zwar möglicherweise durch umweltschonendere ersetzt, doch die alten werden einfach nach Asien verkauft, wo sie weiterhin jahrelang CO2 ins System pumpen.

Ich bin der Überzeugung, dass wir mit der Reduktion des CO2-Ausstosses im Westen nicht das kompensieren können, was die Dritte Welt in Zukunft ausstossen wird. Wir müssen anfangen, Verantwortung zu übernehmen.

Man hört, China will gross in Solarenergie investieren. Ich kenne China. Ich war ein paarmal dort und ich glaube nicht, dass das der Fall sein wird.

Das Problem ist, dass es wahnsinnig schwierig ist, die Energiegewohnheiten von Gesellschaften zu verändern – Windkraftanlagen an Küstengebieten werden mit den lächerlichsten Argumenten bekämpft. «Die Aussicht werde zerstört» … solange wir gegen solche Argumente ankämpfen müssen, bin ich sehr pessimistisch, dass wir das Energiesystem revolutionieren können.

«Mir kommt es so vor, als würden die Leute in ihren Autos das Gefühl haben, sie kämen zu kurz.»
Michael F.

Ja, ich bin wütend. Ich weiss nicht, was man den Leuten alles noch erzählen muss, bis sie begreifen, was wir gerade im Begriff sind anzurichten. Wieso müssen die Leute jeden Morgen alleine in ihren riesigen Autos im Stau stehen? Ich verstehe das nicht. Denken diese Leute, sie seien etwas Besseres?

Mir kommt es so vor, als würden die Leute in ihren Autos das Gefühl haben, sie kämen zu kurz. Ich nehme jeden Tag das Velo und wenn ich nicht jede Sekunde hellwach bin, riskiere ich, von einem Autofahrer über den Haufen gefahren zu werden. Velos haben keinen Stellenwert in diesem Land. Und ich verstehe nicht weshalb. Gerade in diesen Zeiten.

Den Menschen der ersten Welt fehlt es einfach an Disziplin – unsere Gesellschaft ist zu bequem, zu faul geworden. Woran das liegt? Am vielen Geld? Ich weiss es nicht. Weshalb fliegen die Leute übers Wochenende nach Rom, Paris oder Amsterdam? Die Schweiz bietet doch so viel!

«Die faulen Eier binden die reformwilligen und fortschrittlichen Menschen zurück.»
Michael F.

Wenn man auf die Menschheitsgeschichte zurückschaut, dann war es früher so, dass man es sich nicht leisten konnte, faul zu sein. Die Faulen, so hart es tönt, kamen irgendwann einmal um.

Unsere moderne Gesellschaft bietet den Faulen aber einen sicheren Hort und sie können überleben. Sehr drastisch ausgedrückt: Die faulen Eier binden die reformwilligen und fortschrittlichen Menschen zurück. Sie halten die Menschheit davon ab, sich nachhaltig zu ändern.

Wir müssen diese faulen Eier irgendwie zum Fortschritt bewegen. Bildung wäre vielleicht hilfreich – am Ende geht es aber um Disziplin. Und genau diese wird in modernen Gesellschaften einfach nicht gefördert.

«Ich hoffe, dass wir das Steuer noch herumreissen können. Aber dazu brauchen wir eine Revolution. Keine politische Revolution. Was wir brauchen, ist eine intellektuelle Revolution.»
Michael F.

Es ist zum Beispiel so wahnsinnig einfach, an Nahrungsmittel zu kommen, dass die Leute gar nicht mehr schätzen, was sie essen. Ich bin ein Anhänger der Idee, das Leben etwas schwerer zu gestalten.

Natürlich kann man den Leuten nicht vorwerfen, wenn sie in den Supermarkt gehen. Sie leben nur für den Moment. Hinzu kommt die Informationsflut. Wir können die vielen Inputs der heutigen Zeit doch gar nicht verarbeiten. Kein Wunder, gehen so auch die wirklich wichtigen Informationen unter. Zum Beispiel zur grössten Bedrohung für die Menschheit.

Trotzdem versuche ich, optimistisch zu bleiben. In dem Feld, in dem ich arbeite, muss man Optimist sein, sonst ist man den ganzen Tag nur noch deprimiert. Ich hoffe, dass wir das Steuer noch herumreissen können. Aber dazu brauchen wir eine Revolution. Keine politische Revolution. Davon hatten wir genug.

Was wir brauchen, ist eine intellektuelle Revolution.

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309 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Grigor
15.12.2016 11:36registriert Februar 2014
Die Wissenschaft ist sich mittlerweile einig, dass rund 50% der Umweltverschmutzung durch die Landwirtschaft verursacht wird und alle Fahrzeuge zusammen (inkl. Transport) rund 11% davon verursachen. Immer noch ein Problem. Aber ich kann Personen (oder sogenannte Experten) die lediglich auf die Autos verweisen einfach nicht ernst nehmen. Wenn man die 50% ausklammert und davon nichts wissen will, kann man doch nicht behaupten, dass man was ändern will.
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FN-2187
15.12.2016 13:05registriert Januar 2016
Es ist wirklich zum heulen mit den Menschen.
Um mal was richtig zu Stellen in den Komentaren hier. In der Wissenschaft hat Meinung keinen Platz. Eine These ist falsch oder richtig. Es gibt die Klimaerwärmung. Wer hier das gegenteil behauptet ist wohl schlicht zu blöd eine Messtabelle der letzen 150 jahre und dann noch der letzten 10000 Jahre zu lesen. Und wer nicht begreift wozu eine Prognose ist und hier ohne jede Ahnug auch noch behauptet sie sei falsch, der kann sich wohl angesprochen fühlen bei: intellektueller Revolution.
Aufklärung bei dummen Menschen führt zu nichts. Demokratie ist tot!
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fcsg
15.12.2016 11:35registriert Juni 2015
Bis vor ein paar Jahren hatte ich das Gefühl, wir können wirklich etwas ändern. Inzwischen habe ich leider jede Hoffnung verloren. In den USA wird Trump gewählt, welcher als erstes das Umweltministerium auflöst und ein paar alte Säcke aus der Ölbranche einsetzt. China und Indien werden in den nächsten Jahren den Ausstoss massiv erhöhen. Ich glaube, wir Menschen werden erst begreifen, was wir angerichtet haben, wenn wir in einer Wüste leben und nichts mehr zu essen haben. Vorher sind wir viel zu egoistisch.
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