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4-Tage-Woche in der Schweiz: So funktioniert das grosse Pilot-Projekt

Kann die Schweiz die 4-Tage-Woche? Dieses Pilotprojekt will es herausfinden

Zum ersten Mal soll das 4-Tage-Modell in wissenschaftlicher Begleitung grossflächig getestet werden. Warum die Schweiz diesbezüglich eine Knacknuss sein könnte – und wieso trotzdem viele an einen Erfolg glauben.
20.04.2024, 18:25
Lara Knuchel
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Sie sollen den Unterschied machen: drei Tage Wochenende statt zwei. Bild: Shutterstock

Erstaunlich viele Menschen haben eine Meinung dazu. Meistens ist man entweder begeistert davon – oder dezidiert dagegen. Eine Pilotstudie, die wissenschaftlich von der Berner Fachhochschule begleitet wird, soll statt subjektiver Sentiments endlich objektive Erkenntnisse bringen: zur berüchtigten 4-Tage-Woche.

In den letzten zwei Wochen haben die Non-Profit-Organisation 4 Day Week, die Professorin Caroline Straub und der Unternehmensberater Veit Hailperin ihr Projekt vorgestellt. Ab sofort können sich Schweizer Unternehmen melden, um in Begleitung während sechs Monaten eine verkürzte Arbeitswoche vorzubereiten, zu testen und am Ende auszuwerten.

4 Day Week Global
4 Day Week Global ist eine gemeinnützige Aktionsplattform, welche die 4-Tage-Woche fördern will. Sie tut dies einerseits, indem sie Unternehmen bei ihrer Einführung unterstützt, und andererseits, indem sie Forschungsarbeiten über die Zukunft der Arbeit finanziert.
Zur Durchführung von Versuchen in Unternehmen und zur Analyse der Ergebnisse arbeitet die Gruppe mit Wissenschaftlern unter anderem der Harvard Business School, der Oxford University und der University of Pennsylvania zusammen.
2021 begann 4 Day Week Global mit der Rekrutierung von Unternehmen und Non-Profit-Organisationen für die Teilnahme an sechsmonatigen Versuchen in zahlreichen Ländern.

«Musste etwas tun, dass meine Leute gesünder werden»

An der Medienkonferenz in Bern stellten die Beteiligten ihren Plan dafür vor. Ebenfalls eingeladen waren zwei Unternehmer, die bereits auf eigene Faust eine 4-Tage-Woche eingeführt haben. Die Glutform AG mit Sitz in Dietlikon ZH zum Beispiel, die Öfen und Cheminées verkauft und montiert. Angestellte des Unternehmens arbeiten seit über zwei Jahren nur während vier Tagen. Dass das nicht etwa ein ideologischer, sondern vielmehr ein wirtschaftlich motivierter Entscheid war, erzählt Inhaber und Geschäftsführer Martin Ritler: «Ich musste etwas tun, dass meine Leute gesünder werden. Gerade auf der Baustelle hatte ich viele Ausfälle.»

4-Tage-Woche Medienkonferenz in Bern
Gespräch im kleinen Rahmen über grosse Pläne: Veit Hailperin (von links), Martin Ritler, CEO und Inhaber von Glutform AG, Rainer Thomann, Geschäftsleiter der Schweizerischen Nagelfabrik AG, und Unia-Mitarbeiterin Miriam Brunner. Bild: zvg

Es ist auch dieses Argument, mit dem Veit Hailperin die Motivation für das Pilotprojekt unter anderem erklärt: «Der sogenannte Job-Stress-Index ist in der Schweiz gestiegen», so der Unternehmensberater. Und: «Bei der oft als ‹faul› bezeichneten Generation Z war dieser Anstieg sogar am deutlichsten.»

Ein Blick in die Statistik zeigt: Gemäss Gesundheitsförderung Schweiz ist 2022 der Anteil der Erwerbstätigen, deren Job-Stress-Index sich im kritischen Bereich befindet, auf über 28 Prozent angestiegen. Der Anteil derer, die sich emotional erschöpft fühlen, übersteigt erstmals seit 2014 die 30-Prozent-Marke, schreibt die Stiftung. Sie beziffert das ökonomische Potenzial, das sich durch eine Reduktion von «arbeitsbezogenem Stress» ergeben kann, auf 6,5 Milliarden Franken.

Anmeldung für Unternehmen
Du möchtest mit deinem Unternehmen selbst mitmachen? Hier kannst du dich zur ersten Schweizer Pilotstudie zur 4-Tage-Woche anmelden.

Mit Fitnesstrackern und professioneller Beratung zu mehr Erkenntnissen

Caroline Straub, Professorin an der Berner Fachhochschule, sagt, das Interesse von Unternehmen an der 4-Tage-Woche sei in der Schweiz durchaus vorhanden. Aber: «Viele trauen sich noch nicht. Für die Firmen ist es mit grosser Unsicherheit behaftet.» Eines der Argumente: Man wolle nicht zu den Ersten gehören, solange noch so wenig Erkenntnisse da sind.

Ein leitender Mitarbeiter einer grossen Firma, die in der Baubranche tätig ist, erzählt, man habe es sich auch überlegt, die 4-Tage-Woche einzuführen. Vorerst habe das Unternehmen dieses Projekt aber sistiert – zu gross war die monetäre Unsicherheit. Zudem stand die Frage im Raum: Was tun wir, wenn das nicht klappt?

Für Unternehmen wie diese sollen mit dem Pilotprojekt Aufklärung betrieben und Erfahrungswerte gesammelt werden. Schweizer Firmen aus allen Industrien, Branchen und mit allen Unternehmensgrössen können sich dabei ab sofort als «Versuchskaninchen» melden. Zum Projekt gehört eine mehrmonatige Planungsphase, in der die Unternehmen mit Workshops und Kursen auf die 4-Tage-Woche vorbereitetet und beraten werden. Danach testen die Mitarbeitenden – oder auch lediglich ein Teil der Angestellten – die verkürzte Arbeitswoche. Vor und nach dieser Phase werden sie zu ihren Erfahrungen und zu ihrem Wohlbefinden befragt.

Zentral ist, dass die Unternehmen eine richtige Arbeitszeitverkürzung anbieten. Es ist das 100-80-100-Modell, das die Projektleitenden verfolgen: Es gibt 100 Prozent des Gehalts für 80 Prozent der bisher gearbeiteten Zeit – dafür wird trotzdem 100 Prozent Produktivität erwartet.

Caroline Straub, Berner Fachhochschule
Caroline Straub ist Professorin am Institut New Work an der Berner Fachhochschule. Bild: zvg

Das Pilotprojekt hält aus wissenschaftlicher Sicht grössere Herausforderungen bereit. Die Professorin Caroline Straub sagt: «Natürlich gibt es Limitationen. Es sind keine klassischen Experimente. Der Zeitraum von sechs Monaten, zum Beispiel, ist kurz. Allfällige gemessene Effekte könnten später auch wieder abflachen.» Es gebe ausserdem das Problem der subjektiven Einschätzung: Hat jemand vielleicht nur das Gefühl, es geht ihm besser, weil er sich jetzt eher darauf achtet? Oder sagt die Mitarbeiterin das nur, damit sie auch nach dem Experiment in einer 4-Tage-Woche arbeiten kann?

Zumindest das Problem der subjektiven Einschätzung will die Professorin so angehen: Einige der Studienteilnehmer sollen rund um die Uhr Fitnesstracker tragen. Straub will auf diese Weise herausfinden, ob sich ihre Gesundheitsdaten verändern, wenn die Menschen weniger arbeiten, – und ob sich so die subjektive Wahrnehmung auch quantifizieren lässt.

Doch es geht nicht nur um das Wohlbefinden der Angestellten. Quantifizieren will Straub auch die Veränderung der Produktivität des Unternehmens und der Mitarbeitenden. Gemäss der Organisation 4 Week Global haben bisherige Pilotprojekte gezeigt, dass eine Mehrheit der Unternehmen während der Testphase keinen Einbruch der Produktionsleistung erfährt – viele konnten sie sogar steigern.

Das Problem der Branchen

Neben der Wissenschaftlichkeit der Studie hält die 4-Tage-Woche aber insgesamt weitere Knacknüsse bereit. So lautet einer der grössten Kritikpunkte an dem Modell, dass es nicht in allen Branchen umsetzbar ist. «Unser Pilotversuch hat es genau zum Ziel, herauszufinden, in welchen Branchen es klappen könnte», sagt Caroline Straub. Mit dem Projekt wollen sie möglichst verschiedene Geschäftszweige anziehen. «Gut möglich, dass es auch dort klappen könnte, wo man es zunächst nicht erwarten würde», sagt Straub und fügt hinzu: «Bisherige Erkenntnisse haben ohnehin gezeigt, dass es eher eine Frage der Jobkategorie als eine der Branche ist.» Das zeige sich am Beispiel eines Spitals: Die Branche ist zwar die gleiche, doch im Spital arbeiten nicht nur Ärztinnen und Pfleger, sondern auch Büro-Angestellte, Menschen im Vertrieb oder im Facility-Management.

Unternehmensberater Hailperin ergänzt: «Aufgrund der Komplexität unserer Arbeitswelt sind pauschale Aussagen dazu meist falsch. Deswegen sollte man aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.» Nur weil Homeoffice nicht bei Busfahrern funktioniere, heisse das nicht, dass Homeoffice eine schlechte Idee ist und an vielen Orten viel Wert stiften kann. «Es sind die Schattierungen, die Details, die wir uns anschauen wollen und müssen», so Hailperin.

Mehr zur 4-Tage-Woche in der Schweiz und weltweit:

Der Schweizer Arbeitsmarkt, ein Spezialfall

Martin Ritler von der Glutform AG macht deutlich, dass eine Einführung der 4-Tage-Woche auch eine Herausforderung für ein Unternehmen sein kann: «Zu Beginn war es schwierig, wir mussten uns finden, organisatorisch neu strukturieren und viele Dinge abklären.» Nicht jeder Mitarbeiter habe die gleichen Bedürfnisse. Es gebe immer auch Leute, die gar nicht an drei Tagen Wochenende haben wollen. Er selbst sei mit dem Credo «Arbeit macht grundsätzlich krank» nicht einverstanden. Für einige sei ihre Arbeit auch eine Erfüllung, die sie glücklich macht. Wiederum andere stellten sehr hohe Ansprüche. Ritler sagt dazu:

«Die Leute, die weniger arbeiten wollen, sind ja die gleichen, die wollen, dass ihr Paket morgen ankommt.»
Martin Ritler, CEO Glutform AG

Der Unternehmer spricht damit auch mögliche Effekte auf den Gesamtarbeitsmarkt an, der in der Schweiz eine gewisse Besonderheit aufweist: Kaum irgendwo arbeiten bereits so viele Menschen Teilzeit wie hierzulande. 2023 ist die Zahl der Angestellten, die nicht 100 Prozent arbeiten, auf 40 Prozent angewachsen. Macht es da überhaupt Sinn, eine verkürzte Arbeitswoche einzuführen?

Unternehmensberater Hailperin sagt: «Da bereits viele Arbeitnehmende in der Schweiz 80 Prozent arbeiten, würde sich bei fast jeder Firma die Frage stellen, ob Teilzeitarbeitende ebenfalls um 20 Prozent reduzieren oder auf ein neues 100 Prozent Pensum umsteigen sollen.» Der aktuelle Trend bei den meisten Firmen in der Schweiz, die bereits eine 4-Tage-Woche haben, gehe in Richtung des Letzteren.

Veit Hailperin
«Anstatt unnötige Aufgaben individuell schneller zu erledigen, werden sie komplett gestrichen»: Veit Hailperin soll gewillte Unternehmen für die 4-Tage-Woche fit machen.Bild: zvg

Aber bringt das dann überhaupt noch eine Produktivitätssteigerung? Das gelte es jetzt herauszufinden: Da dieses Jahr auch Studien in vielen anderen europäischen Ländern durchgeführt werden, könne man im Anschluss Vergleiche auf internationaler Ebene und mit grösseren Datensätzen anstellen, so Hailperin. Damit erhalte man auch eine grössere Aussagekraft über spezifische Faktoren wie Produktivität und Arbeitslosigkeit. Zudem: «In der Schweiz starten wir tendenziell mit einer 42-Stunden-Woche als Ausgangslage, während die übliche Arbeitszeit zum Beispiel in Frankreich bereits jetzt 35 Stunden beträgt.»

«Wohlstandsverwahrlosung» oder eine faire «Rückverteilung»?

Bei den Sozialpartnern sind die Fronten klar: Für die Gewerkschaften stellt die 4-Tage-Woche unter anderem eine «Rückverteilung der Arbeitsproduktivität» dar, sagt Miriam Brunner von der Unia. «Zwischen 2016 und 2021 stieg die Arbeitsproduktivität um 8 Prozent, die Löhne stiegen hingegen nominal nur um knapp 2,5 Prozent», so Brunner, «und bei den Reallöhnen ist es noch viel weniger.»

Aufseiten der Arbeitgeber (oder zumindest deren Verbände) ist der Fall klar: Es handle sich bei der 4-Tage-Woche um einen «Hype», der symbolisch für unsere Wohlstandsgesellschaft stehe. So beschrieb es Rudolf Minsch, Chefökonom bei Economiesuisse, kürzlich gegenüber dem Tagesanzeiger. «Es geht uns so gut, dass wir das Gefühl haben, uns weniger Arbeit leisten zu können», so Minsch. Er ist ausserdem der Meinung: Wenn eine Firma die Arbeitszeit um 20 Prozent reduzieren kann und trotzdem noch gleich produktiv ist, «dann hat sie in der Regel davor ihre Hausaufgaben nicht gemacht».

Ein berechtigter Einwand? «Eine 20-prozentige Steigerung bedeutet nicht nur, dass jeder einzelne Mitarbeitende um 20 Prozent effizienter wird, sondern dass die gesamte Firma effizienter arbeitet», entgegnet Hailperin. Dabei würden auch Arbeiten wegfallen, die nicht für das Endergebnis relevant sind.

Hailperin, der die Unternehmen beim Pilotprojekt betreuen wird, will von einer politischen Diskussion nichts wissen. Er sagt, die Entscheidung, eine 4-Tage-Woche einzuführen, sei für die Unternehmen grundsätzlich ökonomischer Natur: «Die Umstellung auf eine 4-Tage-Woche erfordert eine Neugestaltung der Arbeit, die jedes Unternehmen individuell umsetzen muss und die mit Aufwand verbunden ist.» Es sei jedoch «offensichtlich», dass dieser Aufwand gerechtfertigt sei, «wenn man sieht, wie Unternehmen anschliessend florieren».

Ob Hailperins Eindruck auch für Unternehmen aus verschiedenen Branchen und im Schweizer Arbeitsmarkt gilt? In einem Jahr werden wir hoffentlich mehr wissen.

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119 Kommentare
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ursus3000
20.04.2024 17:26registriert Juni 2015
"Die Branche ist zwar die gleiche, doch im Spital arbeiten nicht nur Ärztinnen und Pfleger, sondern auch Büro-Angestellte"
Klar, die Büroangestellten in den Spitälern sollten weniger arbeiten, dass würde nicht mal auffallen. Fürs Pflegepersonal können wir dann ja wieder mal klatschen
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John T. Ripper
20.04.2024 17:20registriert September 2022
Der ursprüngliche Trend ist eine Arbeitszeitverkürzung. Hier hat man das wieder verwurstelt und man arbeitet so in den meisten Firmen die das machen 4x10h. Das bringt meiner Meinung nach keinerlei Vorteile, ganz im Gegenteil..
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SBRUN
20.04.2024 17:25registriert September 2019
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