Schweizer Start-up stellt Korallenriffe aus dem 3D-Drucker her
«Tropische Regenwälder der Ozeane» werden sie genannt: Korallenriffe wie das Great Barrier Reef vor der australischen Küste zählen zu den artenreichsten Ökosystemen der Welt. Obwohl sie nur etwa 0,1 bis 0,2 Prozent des Meeresbodens bedecken, beherbergen sie rund einen Viertel bis zu einem Drittel aller marinen Arten. Diese Riffe – es sind die grössten von Lebewesen geschaffenen Strukturen der Erde – spielen zudem eine Schlüsselrolle für die Ökosysteme der Küsten, denen sie als Wellenbrecher dienen.
Doch diese «Urwälder der Meere» sind bedroht: Steigende Meerestemperaturen und die Versauerung des Meerwassers machen ihnen zu schaffen. Die meist winzigen Lebewesen, welche die gewaltigen Riffe bauen, sind diesen bedrohlichen Veränderungen hilflos ausgesetzt, da sie an ihren Ort gebunden sind. Laut Berechnungen des UNO-Weltklimarats (IPCC) werden bei einer Erderwärmung von 1,5 Grad bis 2050 rund 70 bis 90 Prozent der Korallen weltweit sterben. Steigt die globale Temperatur um 2 Grad, wären es gar 99 Prozent. Die Ozeane sind von der Klimaerwärmung besonders betroffen, da mehr als 90 Prozent der Wärme, die durch anthropogene Treibhausgase entsteht, in den Meeren gespeichert werden. Viele Korallen sind bereits jetzt tot, denn der Anstieg der Meerestemperaturen beschleunigt sich.
Die hohen Wassertemperaturen führen zur sogenannten Korallenbleiche – die oft sehr farbenprächtigen Korallenstöcke verblassen, weil die Korallen dann die in Symbiose mit ihnen lebenden verschiedenfarbigen Mikroalgen abstossen. Dann wachsen die Korallen nicht mehr und sind weniger gut in der Lage, sich gegen Feinde zu wehren. Die Korallenbleiche ist reversibel, wenn die Temperaturen sinken und die Algen zurückkehren. Dies ist jedoch nur innerhalb einer bestimmten Zeitspanne möglich, die etwa acht Wochen beträgt. Andernfalls kann sich die Koralle nicht mehr erholen und stirbt endgültig ab, wobei das tote, weisse Kalkskelett zurückbleibt. Wenn Korallenbleichen einander immer öfter wie in letzter Zeit folgen, können sich die Riffsysteme nicht mehr vollständig erholen.
Darum verlieren die Korallen ihre Farben und sterben
Schweizer Firma baut künstliche Riffe
Für die Regeneration der Korallenriffe setzt sich das Schweizer Start-up rrreefs ein. Das ETH-Spin-off hat – basierend auf Forschungsergebnissen der ETH Zürich – ein modulares Riffsystem aus umweltfreundlichen Tonmodulen entwickelt, die aus dem 3D-Drucker stammen und nicht sofort wieder durch das saure Meerwasser angegriffen werden. Das modulare System bietet zudem den Vorteil, dass sich beliebige Oberflächenstrukturen, Strömungseigenschaften und Hohlräume formen lassen. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Korallen-Polypen sich daran anhaften können. In den Hohlräumen können überdies alle möglichen Riff-Lebewesen Unterschlupf finden.
«Diese Strukturen schaffen die physischen Voraussetzungen dazu, dass sich Korallen, Fische und andere Organismen eigenständig ansiedeln können», schreibt die Firma in einer Pressemitteilung. Dadurch werde die natürliche Regenerationskraft des Ozeans ohne permanente menschliche Eingriffe katalysiert. Die künstlichen Riffe stellen eine Sofortmassnahme dar, die dann aber längerfristig den Kern für neue natürliche Korallenstrukturen bilden können. Damit ermöglichen die Module die Wiederherstellung eines gesunden Riff-Ökosystems ohne weitere Pflege.
In fünf Ländern getestet
In den vergangenen vier Jahren hat rrreefs die Technologie nach eigenen Angaben in fünf Ländern getestet und kontinuierlich optimiert. Als Erfolge listet das Unternehmen auf:
- Zwischen 4000 und 15’000 neue Korallen siedeln sich pro 100 m² bereits im ersten Jahr an.
- Die Menge an Fisch steigt innerhalb weniger Monate auf das Zwei- bis Zehnfache im Vergleich zu Referenzflächen, die nicht regeneriert wurden.
- Die Systeme kommen ohne Plastik aus, lassen sich ohne schwere Maschinen installieren und halten auch extremen Wetterbedingungen stand.
- Jedes Projekt wird gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen umgesetzt, um langfristige Verantwortung und Wirkung sicherzustellen.
rrreefs wurde 2021 gegründet – von vier Frauen, die Expertise aus verschiedenen Bereichen vereinen. Dr. Ulrike Pfreundt verantwortet die wissenschaftliche Strategie und Finanzen, Josephine Graf leitet Business Development und Kundenbeziehungen, Marie Griesmar führt Produktentwicklung und Marketing, und Hanna Kuhfuss verantwortet die Feldoperationen sowie internationale Zusammenarbeit. Dem Team steht ein Beirat mit Expertise in den Bereichen Finanzen, Versicherungen, Wissenschaft und Korallenriff-Ökologie zur Seite.
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