Die Stadt der Zukunft
ruft mein 6-jähriger Sohn, als er das Bild auf meinem Laptop sieht. «Leider gibt es das so noch nicht, es ist ein Bild aus der Zukunft», erkläre ich ihm, «so könnten unsere Städte vielleicht einmal aussehen.»
«Können wir nicht alle Menschen versammeln und ihnen durchs Megafon sagen, dass wir jetzt in allen Städten dieser Welt Bäume und Blumen pflanzen? Und alle machen mit und pflanzen sie sogar in den Ländern, in denen sie gar nicht wohnen, damit es überall gleich schön ist?»
Können wir?
Nicht nur, weil es schöner ist, sondern weil es überlebenswichtig wird. Wir müssen unsere Städte so umbauen, dass sie nicht gegen die Natur, sondern mit ihr denken. Damit sie für eine Zukunft gewappnet sind, in der das Klima auch in unseren Breitengraden nicht mehr gemässigt genannt werden kann. In der wir es mit länger anhaltenden Trockenperioden und Hitzewellen im Sommer, vermehrten Niederschlägen im Winter und häufigeren Starkregen übers ganze Jahr hinweg zu tun haben.
Nur – wie sieht eine klimaresiliente Stadt der Zukunft konkret aus?
Die Antworten auf diese Frage haben uns verschiedene Dienstabteilungen der Stadt Zürich geliefert. Menschen, die sich um Grünanlagen, Umwelt und Verkehr kümmern und dafür sorgen, dass unser Abwassersystem das Update bekommt, das es so dringend braucht.
Konkret umfasst jene Anpassung laut Grün Stadt Zürich (GSZ):
- Mehr Bäume – für Schatten und frische Luft
- Weniger Asphalt – entsiegelte Böden speichern Wasser und kühlen die Stadt
- Begrünte Gebäude – Pflanzen an Fassaden und auf Dächern sorgen für ein besseres Klima
- Grüne Korridore verbinden Parks und Quartiere, damit frische Luft in die Stadt kommt
Eine klimaangepasste Bebauung berücksichtige auch die nächtlichen Kaltluftströmungen, ergänzt der UGZ. Werden nämlich jene Korridore verbaut, kann die kühle, schwere Luft der über der Stadt gelegenen Wälder und Wiesen in sommerlichen Nächten nicht mehr ungehindert in die dicht bebaute und darum stark aufgeheizte Stadt hinabströmen, was das Problem der Überhitzung noch verschärfen würde.
Eine weitere Hürde stellt das schweizerische Kanalisationssystem dar, das, im 19. Jahrhundert erbaut, vor allem darauf ausgelegt wurde, das seuchenbringende Schmutzwasser möglichst schnell und zuverlässig aus dem direkten Umfeld der Menschen abzuleiten. Die «Kloakenreform» 1867 verdoppelte die Lebenserwartung in den Städten von 40 auf 80 Jahre – was die Siedlungshygiene zu einer der wichtigsten medizinischen Errungenschaften macht.
«Zürich verfügt historisch wie viele andere Gemeinden über ein Mischwassersystem», erklärt die Dienstabteilung für Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ).
Die Seuchengefahr von damals ist heute gebannt – dafür steht das Abwassersystem vor einer neuen Herausforderung: dem Klimawandel. Er sorgt für längere Trockenperioden, in denen das so effizient abgeleitete Regenwasser nun fehlt, und führt bei Starkniederschlägen zu Überschwemmungen und überlasteten Kanalisationen, durch die unbehandeltes Abwasser direkt in Flüsse und Bäche gelangen kann.
Die Antwort auf beide Probleme heisst «Schwammstadt»: Ähnlich einem Schwamm soll das Regenwasser nicht einfach ungenutzt in die Kanalisation fliessen, sondern vor Ort versickern, im Untergrund oder in offenen Wasserflächen gespeichert werden und den Pflanzen für die Verdunstung bereitstehen. Mit Hilfe von (temporären) Teichen, Versickerungsmulden, Zisternen und begrünten Dächern und Fassaden wird der Wasserkreislauf im Siedlungsraum so reguliert, dass er in Regenperioden Wasser aufnimmt und speichert, um es in den trockenen Phasen abzugeben oder verfügbar zu machen.
Damit das Wasser allerdings versickern und im Boden gespeichert werden kann, muss dieser durchlässig sein. Rund 60 Prozent der Schweizer Siedlungsflächen sind jedoch versiegelt. Manche davon aus gutem Grund: Sie gewährleisten im Notfall die Zugänglichkeit für Krankenwagen und Feuerwehr, ermöglichen Barrierefreiheit für alte und mobil eingeschränkte Menschen oder garantieren einen reibungsfreien Güterumschlag.
Welche Flächen liessen sich also der Natur zurückgeben, ohne dass die Stadt infrastrukturell etwas einbüsst? Das Tiefbauamt der Stadt Zürich (TAZ) muss sich bei der Stadtraumplanung mit eben solchen Fragen auseinandersetzen. Was ist unter Berücksichtigung aller Vorgaben tatsächlich machbar?
Dafür entsiegelt die Stadt, wo sie kann. Parkplätze beispielsweise, als kurzfristig umsetzbare Massnahme. «Es gibt viele Oberflächengestaltungen, die sowohl die Inklusion als auch die Belastung von Fahrzeugen und gleichzeitig eine Versickerung oder Begrünung zulassen. Diese Flächen gilt es auszuscheiden und zu verbessern.»
Das hiesse aber auch, dass man alte Prozesse und Baukulturen überdenken müsse. Bei der gesamtheitlichen Stadtplanung «geht es um natürliche Wasserflüsse, Topografie und die Anpassung von Bau-und Zonenordnungen – ein langfristiger Prozess mit politischen Entscheidungen, Ziel- und Interessenskonflikten.»
Ein Fachplan für Regenwasser im Siedlungsraum sei in Arbeit. Künftig sollen damit leicht verständliche und an die örtlichen Verhältnisse angepasste Vorgaben für den Umgang mit Niederschlagswasser gelten. Ergänzt wird dieser durch die Projekte in Sachen Hitzeminderung und Stadtbäume. All jene Umsetzungen erfordern interdisziplinäre Zusammenarbeit und integrale Planung.
Eine Kohortenstudie aus dem Jahr 2019 mit 943'027 zwischen 1985-2013 in Dänemark geborenen Personen kam anhand der Auswertung von Satellitenbildern des Wohnortes und Daten zur psychischen Gesundheit der Probanden zum Schluss: Kinder, die in einer besonders grünen Umgebung aufwachsen, haben ein bis zu 55 Prozent geringeres Risiko, später eine psychische Erkrankung zu entwickeln – ein Effekt, der auch nach Kontrolle für sozioökonomischen Status, Urbanisierung und familiäre Vorbelastung bestehen bleibt.
Eine deutsche Studie mit Beteiligung technischer und universitärer Institutionen in den Bereichen psychische Gesundheit und Neurowissenschaften untersuchte im selben Jahr das alltägliche Wohlbefinden von Stadtbewohner:innen und glichen die Antworten mit Satellitendaten ihrer Wohnumgebung und Hirnaktivitätsmessungen ab. Das Ergebnis: Je mehr Grünfläche in der Wohnumgebung, desto höher das Wohlbefinden – am stärksten bei Menschen mit geringerer präfrontaler Aktivität bei der Emotionsregulation, was darauf hindeutet, dass Grünflächen eine reduzierte neuronale Stressregulation kompensieren können.
Zwischen 2014 und 2020 befasste sich das interdisziplinäre Forschungsprojekt SIRENE mit den Auswirkungen von Strassenverkehrs-, Schienen- und Fluglärm auf v.a. kardiovaskuläre Gesundheitsrisiken, Lärmbelästigung und den Schlaf der Schweizer Bevölkerung mittels einer Kombination experimenteller und epidemiologischer Methoden. Rechnet man die Ergebnisse auf die ganze Schweiz hoch, verursacht die Verkehrslärmbelastung jährlich rund 2500 Diabetes-Erkrankungen und rund 500 Herz-Kreislauf-Todesfälle.
2023 hat Benedikt Wicki, Doktorand am Swiss TPH die
Daten von 5,1 Millionen Menschen ab 15 Jahren aus der Swiss National Cohort aus den Jahren 2001 bis 2015 genutzt, um sie auf deren Lärmexposition durch Verkehrsmittel wie Strassenverkehr, Eisenbahnen und Flugzeuge hin zu untersuchen. Die Studie schlussfolgert: Jeder Anstieg des durchschnittlichen Strassenverkehrslärms zu Hause um zehn Dezibel erhöhte das Suizidrisiko um vier Prozent.
Der Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich (UGZ) und das Bundesamt für Umwelt (BAFU) gelangen 2022 in ihrer Studie zur Temporeduktion von 50 km/h auf 30 km/h auf kommunalen Zürcher Strassen zum Schluss, dass die Lärmbelästigung (die gefühlte noch mehr als die tatsächliche, weil sich v.a. die Lärmcharakteristik änderte) sowie die selbstberichteten Schlafstörungen signifikant abnahmen, während das Verkehrssicherheitsempfinden signifikant zunahm.
Zusätzlich versucht GSZ, mit ihren kostenlosen Beratungen private Eigentümerinnen zu erreichen, denn 62 Prozent des Baulandes in der Stadt Zürich befindet sich in ihren Händen. Wer also seine Liegenschaft ökologisch aufwerten will, sei es mit einer Fassadenbegrünung, der Entsiegelung des heimischen Vorplatzes oder auch einer Baumpflanzung, kann sich hier anmelden.
Das Netzwerk der Frauen spannt sich von Zürich aus nach Winterthur, über den Aargau und den Kanton Luzern, selbst bis ins St.Galler Rheintal reicht das ohrenbetäubende Rattern ihrer Presslufthämmer.
Denn seien wir ehrlich: Unter einem Sonnenschirm ist im Sommer auch hierzulande bald keine Existenz mehr möglich, unter einem Baum schon. Das liegt daran, dass der Baum transpiriert; er lässt Wasser über seine Blätter verdunsten und kühlt so die Umgebung ab. Er erschafft unter sich sein eigenes, winziges Klima und ermöglicht damit nicht nur uns ein angenehmes Leben, sondern wird auch zur Zwischenstation für all jene Tiere, die sich durch unseren Siedlungsraum hindurch auf dem Weg zum nächsten Stück Natur befinden.
Allerdings ist seine Pflanzung im städtischen Untergrund nicht immer ganz einfach, weil dieser stark ausgelastet ist. Wasserrohre, Stromkanäle und Kommunikationsleitungen ziehen sich durch den Boden, «das führt unweigerlich zu Herausforderungen hinsichtlich des Platzbedarfs der Bäume», sagt Grün Stadt Zürich (GSZ).
In der Strassenraum-Planung wird dieser berücksichtigt, «indem Leitungen teilweise versetzt werden», denn der Baum braucht viel Wurzelraum, damit er vital bleibt und lange lebt. Mit einem neu entwickelten Baumsubstrat werden alle Bedürfnisse gleichzeitig befriedigt: Die Tragfähigkeit der Strasse bleibt dank grober Schotter-Skelettschicht erhalten. Der Baum wiederum ist imstande, seine Wurzeln durch die Hohlräume zu schlängeln und wird so ausreichend mit Wasser, Luft und einem beigemischten, besonders nährstoffreichen und druckresistenten Erdgemisch versorgt.
Bild: ecotrii.de
Wie günstig der politische Wind für das Vorantreiben einer ökologischen Stadtentwicklung steht, hat uns Simone Brander, die Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements der Stadt Zürich (TED), verraten.
Der Hitzesommer 2026 hat aus der abstrakten globalen Klimakrise eine sehr konkrete, vor der eigenen Haustür spürbare Bedrohung gemacht. Erwarten Sie, dass dadurch – wenn schon nicht der generelle Klimaschutz, so doch zumindest der konkrete Hitzeschutz – politisch stärker vorangetrieben wird?
Simone Brander: Ja, das erwarte und erhoffe ich sehr – denn letztlich haben wir keine andere Wahl. Die Frage ist nicht, ob wir unsere Städte an häufigere und intensivere Hitze anpassen, sondern wie schnell und konsequent wir das tun. In Zürich ist der politische Rückhalt dafür sehr gross – in der Politik ebenso wie in der Bevölkerung. Und wir setzen entsprechende Projekte um: Wir pflanzen mehr Bäume, entsiegeln Flächen, schaffen Grün und Schatten, berücksichtigen Kaltluftströme und verankern die Hitzeminderung immer stärker in Projekten im Hoch- und Tiefbau. Dabei müssen wir langfristig denken. Ein Baum, den wir heute pflanzen, braucht je nach Art und Standort rund 20 Jahre oder mehr, bis er eine grosse, schattenspendende Krone entwickelt. Was uns in zehn oder zwanzig Jahren vor Hitze schützen soll, müssen wir deshalb heute anpacken. Gleichzeitig ist es eine Illusion zu glauben, Städte könnten diese Herausforderung allein bewältigen. Wir können Zürich widerstandsfähiger machen – aber wir können die Erderwärmung nicht an der Stadtgrenze stoppen. Dafür braucht es deutlich mehr Unterstützung und vor allem mehr Tempo beim Klimaschutz auf nationaler und internationaler Ebene. Ich habe den Eindruck, dass diese Dringlichkeit noch nicht überall erkannt worden ist. Klimaanpassung dagegen, und das haben nach diesem Sommer wohl wirklich alle begriffen, ist inzwischen unverzichtbar. Ohne konsequenten Klimaschutz wird allerdings auch sie irgendwann an ihre Grenzen stossen.
Ein Kunstprojekt namens «Buntes Amt für Zukunft in Nürnberg» visualisiert mit KI-generierten Bildern, wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte: dicht begrünt, mit offen geführtem statt kanalisiertem Wasser, Lebensraum für Mensch, Tier und Pflanze gleichermassen. Ist ein solches Szenario für eine Stadt wie Zürich technisch und städtebaulich überhaupt vorstellbar – oder bleibt es reine Utopie?
Ich halte das keineswegs für reine Utopie, sondern verstehe die Bilder eher als Motivation, weiterzumachen. Oder wie es das Bunte Amt aus Nürnberg schreibt: «Vorstellungen und Visionen haben die Kraft, die Zukunft zu beeinflussen.» Klar verdichten und überzeichnen solche KI-Bilder – aber vieles von dem, was sie zeigen, ist in Zürich bereits in Umsetzung: Wir entsiegeln und begrünen Strassenräume, pflanzen Bäume, setzen das Schwammstadt-Prinzip um und holen eingedolte Bäche zurück an die Oberfläche. Heute fliessen im Siedlungsgebiet bereits rund 40 Kilometer Bäche offen, und wer weiss: Wenn wir so weitermachen, diskutieren wir in ein paar Jahrzehnten neben Velovorzugsrouten vielleicht auch über Ruderböötli-Vorzugsbäche.
bild: stadt zürich
Spass beiseite: Natürlich lässt sich eine dicht bebaute Stadt nicht einfach nach einem KI-Bild umbauen. Aber die entscheidende Frage ist für mich weniger, ob eine grünere, naturnähere Stadt technisch möglich ist, sondern welchen Stellenwert wir Bäumen, Wasser, Biodiversität und unversiegelten Flächen bei der Gestaltung des knappen Stadtraums geben und geben wollen. In Zürich bewegen wir uns in die Richtung einer Zukunft, wie sie die KI-Bilder aus Nürnberg zeigen. Eine Stadt, die natürliche Kreisläufe stärker nutzt, Wasser zurückhält, der Natur wieder mehr Raum gibt und damit gleichzeitig lebenswerter und widerstandsfähiger gegen Hitze und Starkregen wird.
