«Erinnert an DOGE»: Der neue Fed-Chef startet eine kleine Revolution
Geht es um den Entscheid einer Zentralbank, sind sie das Wichtigste: Worte. Das weiss natürlich auch der neue Chef der US-amerikanischen Notenbank, der Federal Reserve (Fed). Doch bei seinem ersten Auftritt als solcher gab es von Kevin Warsh nur wenige Worte.
So hat Warsh das offizielle Statement, das der Fed-Chef bei jedem seiner acht Meetings pro Jahr, bei dem die Leitzinsen verkündet werden, von 341 auf 130 Wörter gekürzt. Bei der anschliessenden Pressekonferenz, die kürzer als üblich ausfiel, gab er sich bedeckt und wollte sich von der Presse nicht in die Karten blicken lassen.
Wohl eine Zinserhöhung – aber sicher keine Senkung
Warshs Auftritt, bei dem er verkündete, den Leitzins zum vierten Mal in diesem Jahr bei 3,5 bis 3,75 Prozent zu belassen, wird einerseits als gutes Zeichen gewertet. Die Befürchtungen, dass der US-Präsident einen Einfluss auf das unabhängige Gremium hat, wirkten unbegründet. Der neue Fed-Chef bleibt trotz seiner familiären und politischen Verbandelung mit Trump unabhängig.
Trotzdem schienen die Märkte den Entscheid nicht zu begrüssen. Die Börsenmärkte schlossen am Mittwoch im Minus, die Renditen zweijähriger US-Staatsanleihen, welche die Erwartungen hinsichtlich der Fed-Zinssätze widerspiegeln, stiegen und notierten nahe ihrem Höchststand seit über einem Jahr. Die Märkte seien zwar auf höhere Zinsen vorbereitet gewesen, so ein Analyst gegenüber CNN, «doch die Prognosen der Fed deuten darauf hin, dass die Entscheidungsträger möglicherweise bereit sind, eine strengere Geldpolitik zu verfolgen als von den Anlegern erwartet». Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung durch die Fed bei ihrer Sitzung im September stieg an den Märkten nach der Entscheidung auf über 50 Prozent, nachdem sie am Dienstag noch bei etwa 30 Prozent gelegen hatte.
Tatsächlich gaben neun von 18 Mitgliedern des sogenannten Federal Open Market Committe, des Komitees, das gemeinsam über die Leitzinsen berät und entscheidet, an, im laufenden Jahr mit mindestens einer Zinserhöhung zu rechnen. Nur eine Person sprach sich für eine Zinssenkung bis Ende Jahr aus. Die Prognosen bedeuten eine Kehrtwende gegenüber den Aussichten von vor nur wenigen Monaten: Als die Fed im März zuletzt Prognosen veröffentlichte, gingen 12 der 19 Entscheidungsträger von mindestens einer Zinssenkung bis Ende 2026 aus.
Warsh selbst gab keine Prognose ab, er werde auch künftig davon absehen – ein weiteres Novum.
Dass eine Zinserhöhung naht, scheint nachvollziehbar. Die Inflation in den USA lag im Mai bei 4,2 Prozent. Sie übertrifft die durchschnittliche Lohnentwicklung und frisst damit vielen Amerikanerinnen und Amerikanern das Einkommen weg. Zwar liess die Ankündigung eines Abkommens zwischen den USA und dem Iran die Ölpreise auf ein Dreimonatstief fallen, dennoch wird es wohl Monate dauern, bis die Energiepreise wieder ihr Vorkriegsniveau erreichen. Zudem war die Zahl der Beschäftigten in den USA im Mai überraschend um 172'000 gestiegen – fast doppelt so stark wie von Experten erwartet. Mit anderen Worten: Eine «Abkühlung» der Wirtschaft oder eine Stabilisierung des Preisniveaus sehen anders aus.
Bleibt die Inflation bis Ende Jahr in diesen Höhen, wäre das bereits das sechste Jahr, in dem das Land sein Inflationsziel von zwei Prozent verfehlt. Das sagte sogar Kevin Warsh selbst: «Wir haben es fünf Jahre lang verfehlt, und das werden wir wieder in Ordnung bringen», sagte er und versprach, dass der Ausschuss «eindeutig und einstimmig» für Preisstabilität sorgen werde. Allerdings lehnte er es ab, sich dazu zu äussern, ob dies eine Zinserhöhung bedeute. «Die gute Nachricht ist, dass wir in sechs Wochen wieder tagen werden.»
Nur: Wenn nicht über den Leitzins, wie will der neue Fed-Chef sonst die Preisentwicklung bremsen?
«Schocktherapie» für die Fed
Es mochte am Mittwoch vielleicht auf den ersten Blick nicht danach aussehen, doch Kevin Warsh hat eine regelrechte Fed-Revolution eingeläutet.
Während der Pressekonferenz stellte er den Prozess vor, mit dem er die Federal Reserve reformieren will. Warsh kündigte dazu fünf Taskforces, also Arbeitsgruppen an, die sich mit nicht weniger als fünf Themen befassen sollen: der Art und Weise, wie sie kommuniziert, der Grösse ihrer Bilanz, ihrer Nutzung wirtschaftlicher Daten, dem Zusammenhang zwischen Produktivität und Beschäftigung sowie ihrem Rahmenkonzept zur Inflationssteuerung.
Warsh erklärte am Mittwoch, der Führungswechsel bei der Fed sei «eine natürliche und günstige Gelegenheit, ihren Auftrag zu bekräftigen und die derzeitigen Praktiken zu überprüfen». Die Reform ist laut Financial Times ein zentrales Ziel hochrangiger Vertreter der Trump-Regierung, darunter Finanzminister Scott Bessent.
Wer die Arbeitsgruppen leiten wird und was dabei herauskommen soll, ist noch unklar. Viele Fragen beantwortete der 56-Jährige denn auch mit: «Dafür haben wir eine Taskforce.» Bekannt ist jedoch schon lange, dass Kevin Warsh den Einfluss der Notenbank auf die Wirtschaft und die Märkte reduzieren will. Er kippt damit zum Beispiel das sogenannte Forward Guidance, also den Einblick der Notenbanker in ihre Gedanken zu künftigen Entscheiden. Warsh ist der Meinung, dass die Märkte selbst die Wirtschaftsdaten analysieren sollten und nicht darauf spekulieren, was die Fed entscheiden wird.
Die Reformpläne dürften derweil nicht unterschätzt werden. Einige sehen sie als lange überfällig, für andere wirken sie hingegen extrem. Seine Pläne hätten an DOGE erinnert, sagte zum Beispiel ein CNN-Kommentator. DOGE war eine von Donald Trump geschaffene und von Elon Musk kontrollierte Behörde, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, im Namen der «Effizienz» Tausende Regierungsstellen und Millionen von US-Dollar in Form von Regierungsprojekten zu streichen. Und ein anderer CNN-Kommentator meinte: «Die Fed steht vor einer Schocktherapie.»
Es nützt nichts …
Was mit der Taskforce, die sich die Grösse der Bilanz anschauen soll, gemeint ist, wurde ebenfalls klar: Warsh sprach sich mehrfach für eine Verkleinerung der Fed-Bilanz aus, also ein Abstossen von Positionen in ihren Büchern. Und am Mittwoch meinte er: Die mit der Überprüfung der Bilanz beauftragte Gruppe würde untersuchen, «ob die Geldpolitik über unser Zinsinstrument oder unser Bilanzinstrument gesteuert wird».
Eine Notenbank kann im Prinzip über zwei Mechanismen Einfluss nehmen auf die Wirtschaft: über den Leitzins oder über das Kaufen und Verkaufen von Wertpapieren (wie Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen). Letzteres hat einen Einfluss auf die sich im Umlauf befindende Geldmenge und damit möglicherweise auch auf die Inflation. Dieses Vorgehen ist auch bekannt unter Quantitative Tightening.
Warsh gab damit indirekt die Antwort auf die Frage, wie er die Inflation (auch) in den Griff kriegen will: womöglich mit dem Verkauf von Bilanzpositionen im grossen Stil. Damit nimmt die Notenbank Geld aus dem Umlauf, was die Inflation bremsen soll.
Ob das am Ende aber reicht, kann bezweifelt werden. So denken Analysten bereits laut darüber nach, dass es eigentlich die Fed sei, die den Leitzins langsam, aber sicher erhöhen müsste – und nicht die Europäische Zentralbank (EZB), welche den Schritt bereits letzte Woche gegangen war. Letztlich, wenn der Juli und damit die nächste Fed-Entscheidung naht, kann auch keine Taskforce oder Fed-Reform Kevin Warsh vor einer möglichen Leitzinserhöhung bewahren.
