DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Hildmanns IT-Admin Kai hat die Seiten gewechselt und lieferte dem Hacker-Kollektiv Anonymous die Zugänge zu dessen Webseiten und Telegram-Kanälen.
Hildmanns IT-Admin Kai hat die Seiten gewechselt und lieferte dem Hacker-Kollektiv Anonymous die Zugänge zu dessen Webseiten und Telegram-Kanälen. Bild: anonymous

Attila Hildmanns IT-Experte entblösst den Verschwörungs-Guru endgültig als Neonazi

Attila Hildmanns IT-Administrator hat seit Monaten Beweise gegen den Verschwörungserzähler und seine Mitstreiter gesammelt und nun alle Webseiten und Kommunikationskanäle stillgelegt. Hildmann steht endgültig vor dem Nichts.
14.09.2021, 12:2214.09.2021, 19:22

Am Montagmorgen kurz vor 7 Uhr meldete das Hacker-Kollektiv Vollzug: «Wir haben seine Mails, Domains, Telegram-Kanäle – und wir waren nicht allein», schrieb Anonymous Germany auf Twitter. Einige Stunden später wurde der Account gesperrt.

Die Netzaktivisten haben auf einen Schlag sämtliche Webseiten und Telegram-Kanäle des rechtsextremen Corona-Leugners übernommen. Dutzende Webseiten und Propaganda-Kanäle auf dem Instant-Messenger Telegram stehen seither unter Kontrolle der Hacker. Darunter attilahildmann.de, die dazugehörigen E-Mail-Konten und unzählige Telegram-Kanäle, die von Hildmann für seine Verschwörungspropaganda genutzt wurden.

Der von der Polizei gesuchte antisemitische Hetzer verliert so auf einen Schlag fast seine gesamte Reichweite – für jeden Verschwörungserzähler die Höchststrafe. Einige kleinere Kanäle werden sich Hildmann und seine Getreuen zurückholen. Aber die wichtigsten, die mit den meisten Followern, sind für den Hassprediger für immer verloren.

Nebst Hildmann trifft die Aktion auch andere bekannte Verschwörungserzähler, deren Webseiten und Kanäle ebenfalls im digitalen Nirwana verschwunden sind.

Wie aber gelang Anonymous der massive Schlag gegen Hildmann?

IT-Admin Kai wendet sich gegen den Verchwörungserzähler

Schnell wurde klar, was Anonymous mit «wir waren nicht allein» meinte. Das lose Kollektiv – jede und jeder kann Anonymous-Aktivist sein – hatte Hilfe von einem Insider namens Kai.

Kai war Attila Hildmanns IT-Administrator und zuletzt sein engster Wegbegleiter. Er hatte massgeblich zum Aufbau der Infrastruktur auf Telegram für den wohl bekanntesten und umstrittensten deutschen Verschwörungserzähler beigetragen. Enttarnt wurde Kai erst im März 2021 – und zwar ausgerechnet von Mitgliedern des Hacker-Kollektivs.

Im August meldete sich Kai überraschend bei den Hackern und erzählte seine ganze Story. Vor allem aber lieferte er den Netzaktivisten den Generalschlüssel zu Hildmanns digitalem Reich. «Kai übergab uns die Zugangsdaten zu mehr als 20 Mail-Accounts der Domains attilahildmann.de und attilahildmann.com», schreiben die Aktivisten auf ihrer Webseite anonleaks.net. Anons konnten so anscheinend an die 100'000 E-Mails im Live-Betrieb absaugen.

Diese und weitere von den Servern kopierte Daten wurden und werden weiterhin von Mitgliedern des Kollektivs gesichtet und ausgewertet. In der Vergangenheit wurden erbeutete Daten auch Journalistinnen und Journalisten für weitere Recherchen zur Verfügung gestellt. Anonymous stellt zudem in Aussicht, die Daten an die Strafermittler weiterzugeben, zumal Hildmann ihrer Meinung hinter Gitter gehört.

Hildmann meldet sich zu Wort

Hildmann beklagte am Montag per Sprachnachricht in einem neu erstellten Telegram-Kanal, dass Privat- und Firmendaten weg seien und er den Zugriff auf den Server und seine wichtigsten Telegram-Kanäle verloren habe. Überläufer Kai sei «ein Doppelagent». Und dann offenbarte der Hassprediger einmal mehr seine ekelhafte Gesinnung: «Ich hätte die Nase von dem Judenbengel ausmessen müssen.»

Kai und der «korrekte Dude»

Anfänglich war Hildmann für Kai einfach ein Typ, der die Dinge auf den Punkt bringt. Er hielt ihn damals – im Frühling und Sommer 2020 – für «einen korrekten Dude», dem man helfen müsse. Er wollte Hildmann mit seinen IT-Skills unterstützen, um «Konsens» zu schaffen, wie er heute sagt.

Kai fand es ungerecht, dass Hildmann von den Medien als «Verschwörungsnazi» und «Nazikoch» tituliert wurde. Er fand es ungerecht, dass er als Corona-Skeptiker in den sozialen Medien als Neonazi angeprangert wurde. Kai ist überzeugter Verschwörungsgläubiger. Er glaubt an die Neue Weltordnung (eine abstruse Verschwörungserzählung) und dass die Pandemie geplant war. Experten wie Christian Drosten vertraut er nicht, aber mit Judenhass und Neonazis habe er nichts am Hut.

2020 war er der Meinung, dass Hildmann noch zu retten sei. Darum stieg er angeblich bei ihm ein.

Warum also liefert er Hildmann nun ans Messer? Sein zunächst positives Bild von Hildmann änderte sich angeblich, als er ein altes Smartphone von Hildmann als Arbeitshandy einrichtete und gesehen habe, dass der ehemalige TV-Koch schon vor 2018 Bilder mit Hitler und Hakenkreuzen darauf hatte. Hildmann sei «gefährlich» und er müsse «seine Strafe bekommen», sagt Kai heute. Und weiter: «Wenn jetzt da nicht gehandelt wird, dann ist es fahrlässige Tötung.»

Er meint damit die Behörden, die seit Monaten erfolglos per Haftbefehl nach Hildmann fahnden. Gegenüber Anonymous sprach Kai von «Followern, die zu allem bereit sind, die jeden Bezug zur Realität verloren haben, nicht mehr erreichbar und eher zum Kampf als für die Rückkehr in die Gesellschaft bereit sind.»

Auch diese radikalisierten Anhänger müssten gestoppt werden und er, Kai, habe deren Daten gesammelt.

Geplatzter Ausstieg und Flucht in die Türkei

Um möglichst viel belastendes Material über Hildmann und seine Getreuen zu sammeln, habe er sich als IT-Admin «quasi unersetzlich» gemacht. Er habe monatelang so getan, als esse er kein Fleisch, um in der Gunst des Vegan-Kochs zu bleiben.

Laut Eigenaussage wollte Kai bereits im Oktober 2020 bei Hildmann aussteigen. Er hatte, so erzählte er den Hackern, schon damals genug Daten, Geschehnisse und Aussagen gesammelt, die Hildmann und seine Mitstreiter in arge Nöte bringen würden. Er kennt die Uploader, die Poster und die Follower der von Rechtsextremen und Antisemiten genutzten Telegram-Kanäle.

Der angeblich geplante Ausstieg im Oktober scheiterte, weil Hildmann zu sehr Kontrollfreak sei. Da Kai zudem langsam dämmerte, dass er sich selbst strafbar gemacht hatte, fürchtete er, dass die Sache für ihn kein gutes Ende nehmen würde, selbst wenn er sich als Informant zur Verfügung stellt. «Und so flüchtete er mit Attila über Bulgarien in die Türkei. Das war Mitte Dezember», schreiben die Netzaktivisten.

Haben die Behörden Hinweise ignoriert?

Dass sein Vertrauen in die Behörden nicht übermässig gross sei, liege auch daran, dass er der Polizei Hinweise auf strafbare Videos auf der «Querdenker»-Plattform wtube.org mit der E-Mail-Adresse von wtube.org geschickt habe und dennoch keine Beachtung fand, behauptet Kai.

Sollte sich dieser Vorwurf bewahrheiten, müssen sich Polizei und Generalstaatsanwaltschaft Berlin kritische Fragen gefallen lassen. Sie fahnden seit Anfang Jahr wegen Volksverhetzung per Haftbefehl nach Hildmann. Doch dieser wurde anscheinend gewarnt, bevor der Haftbefehl offiziell war. Er hat sich in die Türkei abgesetzt und spottet von dort aus über die deutsche Justiz. Die Polizei vermutet daher einen Maulwurf in den eigenen Reihen. Anonymous schreibt nun, dass der Haftbefehl tatsächlich aus der Berliner Justiz weitergeben wurde. Man «kenne den Hergang», Beweise wurden aber noch nicht vorgelegt.

Ob man Kai seine angeblich von langer Hand geplante Ausstiegs-Story abnimmt oder ob hier einfach eine Rechnung unter Verschwörungserzählern beglichen wird, spielt im Endeffekt keine grosse Rolle. Fakt ist, dass Hildmanns Kommunikationsnetzwerk seit Montag lahmgelegt ist und es grosse Teile davon auch bleiben dürften.

Warum?

Als IT-Admin hatte Kai längst die alleinige Kontrolle über die meisten Webseiten und Telegram-Kanäle. Die wichtigsten Domains liefen aber noch auf Hildmann. Unter dem Vorwand, die Staatsanwaltschaft würde alles beschlagnahmen, was auf Hildmanns Name lautet, wurde er dazu gebracht, auch die wichtige Domain attilahildmann.de auf Kai zu übertragen. Hildmanns verbliebene Einnahmequelle, ein Onlineshop für Bio-Produkte, ist lahmgelegt. Vermutlich steht er nun tatsächlich vor dem Nichts.

Auch bei Telegram sind die Kanäle mit den meisten Followern für Hildmann für immer verloren. Kai ist dort «Owner», sprich nur er hat Zugriff. Dies hindert Hildmann natürlich nicht daran neue Kanäle zu eröffnen. Seine Reichweite ist aber massiv geschmälert.

Der ehemalige TV-Koch Attila Hildmann outete sich Anfang der Corona-Pandemie als glühender Verfechter abstruser Verschwörungserzählungen. Er organisierte Demos und rief seine Anhänger zum Staatsstreich auf. Mit rechtsextremer und antisemitischer Hetze überspannte er den Bogen endgültig und floh schliesslich vor der deutschen Justiz in die Türkei, wo er sich bis heute versteckt hält.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Diese Memes beschreiben den Herbst perfekt

1 / 36
Diese Memes beschreiben den Herbst perfekt
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

23 Gründe, wieso watsons sich impfen lassen haben

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Bekannte Corona-Leugner von Anonymous brutal vorgeführt
«Querdenker» planten eine «zensurfreie» Facebook- und YouTube-Alternative und spendeten Geld dafür. Doch bevor sich die Plattform richtig etablierte, wurde sie von Anonymous-Aktivisten gehackt. Die Spur zum Hauptdrahtzieher führt in die Schweiz.

Selbsternannte «Querdenker» haben ein Problem. Facebook und YouTube gehen seit der Corona-Pandemie konsequenter gegen Falschinformationen und Verschwörungserzählungen vor. Da liegt es auf der Hand, dass bekannte «Querdenken»-Vertretende von einer alternativen Plattform träumen, auf der ungestraft gelogen und gehetzt werden darf. Die neue Plattform «Ignorance – pulls the trigger» sollte daher eine «schweizerisch-europäische Facebook- & YouTube-Alternative» für Corona-Verschwörungserzähler werden.

Zur Story