Grossbritannien
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epa06629926 Britain's opposition Labour Party Leader Jeremy Corbyn leaves his home in north London, Britain, 26 March 2018. Corbyn is facing criticism after Jewish Leadership Council has described him a 'figurehead' for antisemitism.  EPA/NEIL HALL

Jeremy Corbyn steht im Zentrum einer Antisemitismus-Kontroverse um seine Partei. Bild: EPA/EPA

Labour-Chef Jeremy Corbyn hat ein Antisemitismus-Problem – jetzt ist die Lage eskaliert

Seit der Linksaussen Jeremy Corbyn die britische Labour-Partei anführt, wird ihr vermehrt Judenfeindlichkeit vorgeworfen. Der Parteichef tat sich lange schwer damit. In den letzten Tagen kam es zur Eskalation.



Jeremy Corbyn kann es derzeit wohl niemandem recht machen. Am Wochenende feierte der Chef der Labour-Partei das jüdische Pessachfest – das dieses Jahr mit dem christlichen Osterfest zusammenfiel – in seinem Londoner Wahlkreis mit Vertretern der Vereinigung Jewdas, die sich sich selbst als «radikal» bezeichnet. Für Kritiker ist sie antizionistisch und israelfeindlich.

Jewdas operiert auch mit satirischen Mitteln, was sich nicht zuletzt im doppeldeutigen Namen ausdrückt. Nur wenige in Grossbritannien fanden Corbyns Anwesenheit an ihrem Sederabend jedoch besonders witzig. Die Labour-Abgeordnete Angela Smith bezeichnete sie als «eklatante Absage an die Aufforderung, den Antisemitismus innerhalb der Partei zu bekämpfen».

Bei Labour liegen die Nerven offenkundig blank. Seit Tagen müssen sich die Partei und besonders ihr Vorsitzender mit Vorwürfen aus den Reihen britischer Juden herumschlagen, sie würden nicht ernsthaft genug gegen judenfeindliche Strömungen in den eigenen Reihen vorgehen. Für die grossen, überwiegend rechtslastigen Zeitungen ist die Kontroverse ein gefundenes Fressen.

Worum geht es?

FILE - In this Thursday, April 5, 2012 file photo, Labour's Ken Livingstone arrives on Regent Street for a visit to Hamleys toy shop in London. Jewish leaders in Britain are accusing the opposition Labour Party of tolerating anti-Semitism after it failed to expel a senior politician who said Adolf Hitler had been a supporter of Zionism. Former London Mayor Ken Livingstone was been declared in breach of party rules on Tuesday, March 4, 2017 and suspended until April 2018. (AP Photo/Kirsty Wigglesworth, file)

Der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingstone wurde von Labour auf unbestimmte Zeit ausgeschlossen. Bild: AP/AP

Der 68-jährige Jeremy Corbyn war lange ein Aussenseiter am linken Rand von Labour. 2015 wurde er von der Parteibasis, die sich nach einer authentischen «linken» Politik sehnte, überraschend zum Vorsitzenden gewählt. Nach dem starken Abschneiden von Labour bei der vorgezogenen Unterhauswahl vor einem Jahr ist Corbyn als Parteichef weitgehend unbestritten.

Mit seiner Wahl fühlten sich aber auch jene Kreise im Aufwind, die mit radikalen Positionen etwa im Nahost-Konflikt flirten und dabei die Grenze zwischen Israelkritik und Judenfeindlichkeit auch einmal überschreiten. Mehrere Mitglieder wurden in den letzten Jahren aus der Partei ausgeschlossen.

Der prominenteste Fall betrifft den früheren Londoner Bürgermeister Ken Livingstone. Er hatte behauptet, Adolf Hitler sei ursprünglich Zionist gewesen und habe die Ansiedlung von Juden in Palästina unterstützt, «bevor er verrückt geworden ist und sechs Millionen Juden umgebracht hat». Livingstones Parteimitgliedschaft wurde deshalb auf unbestimmte Zeit suspendiert.

Wo steht Corbyn?

Dem Labour-Chef werden Sympathien für die palästinensische Hamas und die libanesische Hisbollah nachgesagt. Zum Vorwurf gemacht wird Corbyn vor allem, dass er 2012 eine Facebook-Kampagne für den Erhalt eines Wandbilds im Osten Londons unterstützt hatte. Es zeigte die vom «Grosskapital» geknechtete Arbeiterschaft. Kritiker bezeichneten die Darstellung als antisemitisch.

Labour-Chef Jeremy Corbyn wird wegen der Unterstützung dieses Wandbilds im Osten von London als Antisemit beschuldigt.

Das umstrittene, inzwischen übermalte Wandbild. bild: mear one

Corbyn äusserte in einer Erklärung sein aufrichtiges Bedauern, «dass ich das Bild nicht genauer angesehen habe». Dabei ist das inzwischen übermalte Werk des US-Strassenkünstlers Kalen Ockerman alias Mear One nicht eindeutig antijüdisch. Es enthält jedoch Symbole aus dem Repertoire der Verschwörungstheorien wie den Begriff Neue Weltordnung oder die Freimaurer-Pyramide.

Zwei führende jüdische Verbände im Königreich, das Board of Deputies of British Jews und der Jewish Leadership Council, veranstalten am Montag letzter Woche eine Demonstration vor dem Parlament in London. Sie warfen Corbyn in einem Begleitbrief vor, seine linksradikale Weltsicht sei den moderaten jüdischen Gemeinden gegenüber «instinktiv feindlich gesinnt».

epa06630857 Members of London's Jewish community protest outside The British Houses of Parliament in London, Britain, 26 March 2018. The Jewish community have  called on Labour leader Jeremy Corbyn to stamp out anti-semitism in the Labour Party.  EPA/ANDY RAIN

Jüdische Demonstration vor dem Parlament in London. Bild: EPA/EPA

Was geschah weiter?

In seiner Mitteilung distanzierte sich Jeremy Corbyn so deutlich wie nie zuvor von den «Nestern des Antisemitsmus» in der Labour-Partei. Das Osterwochenende brachte jedoch keine Beruhigung, und das nicht nur wegen Corbyns Teilnahme am Jewdas-Seder. Am Samstag musste Christine Shawcroft aus dem Parteivorstand zurücktreten, dem sie während 19 Jahren angehört hatte.

Zum Verhängnis wurde ihr die Unterstützung eines Lokalpolitikers in der Stadt Peterborough, der als Holocaustleugner überführt worden war. Mit Shawcroft verliert Corbyn eine seiner wichtigsten Verbündeten in der Parteileitung. Ersetzt wird sie durch den populären Comedian Eddie Izzard, der die Partei dazu aufrief, den «Makel des Antisemitismus» auszumerzen.

Actor Eddie Izzard poses for photographers at the premiere of the film 'Victoria and Abdul' during the 74th edition of the Venice Film Festival in Venice, Italy, Sunday, Sept. 3, 2017. (Photo by Joel Ryan/Invision/AP)

Comedian Eddie Izzard gehört neu der Parteileitung an. Bild: Joel Ryan/Invision/AP/Invision

Ein prominentes jüdisches Mitglied hatte da bereits die Konsequenzen gezogen. Sir David Garrard hatte Labour seit 2003 mit 1.5 Millionen Pfund (rund zwei Millionen Franken) unterstützt. Nun verkündete er in der Zeitung «Observer», er empfinde keine Nähe mehr zur Partei. Den Umgang der Führung mit dem Thema Antisemitismus habe er «mit Entsetzen und Unwohlsein» verfolgt.

Wie geht es weiter?

Ob die Kontroverse der Partei nachhaltig schaden wird, muss sich zeigen. Die frühere Aussenministerin Margaret Beckett sagte der «Times», sie zweifle nicht daran, dass Jeremy Corbyn «persönlich kein Antisemit ist». Er möge es jedoch nicht, andere zu verurteilen. Konkret bedeutet dies, dass Corbyn sich mit dem Wechsel vom Linksaussen mit entsprechender «Narrenfreiheit» zum Parteichef, der auch Kompromisse eingehen muss, nach wie vor schwer tut.

Die «Financial Times» forderte ihn auf, ohne Rücksicht auf Freundschaften gegen antisemitische Tendenzen in seiner Partei vorzugehen und Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft zu kitten. Rassismus gebe es auch in anderen Partein, doch Labour dürfe sich nicht mit «Whataboutismus» begnügen: «Corbyn muss entschieden handeln, um den Ruf seiner Partei wiederherzustellen.»

Desaster für May – Erfolg für Corbyn

Wie entstand der Konflikt im Nahen Osten?

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Video: www.explain-it.ch

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • PaLve! 03.04.2018 18:07
    Highlight Highlight Aber wo ist denn jetzt das Antisemitismus Problem von Herrn Corbin?
    Ich las nur von Parteimitgliedern die wirklich grenzwürdige Aussagen getroffen haben und zum Glück ausgeschlossen wurden.
    • Saraina 03.04.2018 22:32
      Highlight Highlight Er hat sich die Einladung einer jüdischen Organisation namens Jewdas zum Essen an Pessach angenommen. Das deutet doch schon sehr auf Antisemitismus hin...
  • 262d 03.04.2018 17:46
    Highlight Highlight Es wäre an der Zeit, mal aufzuhören, jede etwas harsche Kritik an Israel als antisemitisch abzustempeln. Israel ist ein Staat mit entsprechenden Interessen, und diesen Staat muss man unbedingt kritisieren können. Es ist nicht die Labour-Partei, welche ein Problem hat, sondern israelische Nationalisten, welche jede Kritik an ihrer Nation gleich als judenfeindliche Propaganda verschreien und mit dieser Polemik jede sachliche Diskussion im Keim ersticken.

    Und zu diesem Bild - wer wegen zwei grossen Nasen gleich Juden sieht, hat wohl selbst ein kleines Antisemitismus-Problem...
    • Yann Wermuth 04.04.2018 11:55
      Highlight Highlight Absolut. Dabei ist's die Unterscheidung doch recht einfach: Israel's (Aussen-)Politik zu kritisieren ist dasselbe wie die (Aussen-)Politik von irgendeinem anderen Land zu kritisieren. Kritik an Israels Politik WEIL es jüdisches ist, ist antisemitisch.
      Bei den Nasen bin nicht ich nicht ganz einverstanden. Man kann sich Symbole nicht selber aussuchen, die bestehen "objektiv". Da sollte man schon aufpassen.
  • Liselote Meier 03.04.2018 17:35
    Highlight Highlight Das NS-Regime hat sehr wohl die Aussiedlung nach Palästina unterstützt in den 30er. Ha’avara-Abkommen. Nur Juden die nach Palästina emigrierten konnten ihr Vermögen transferien, anderes Land blieben die Konten gesperrt.
    Machte das NS-Regime aber nicht weil sie pro-zionistisch waren sondern schlicht aus Eigennutz.
    Um die Juden aus dem Land zu drängen und den Export zu steigern, da es schon Boykotte gab.
    Der Transfer fand via Warenexport statt. Treuhand eingezahlt, welche dann Waren kaufte und nach Palästina exportierte. Vor Ort bekam man das Geld wieder. 105 Mio RM Gewinn machte so DE






  • Luca Brasi 03.04.2018 17:24
    Highlight Highlight Kann mal jemand einigen Labour-MPs mal ein Geschichtsbuch in die Hand drücken. Wäre zumindest einmal ein Anfang...
    Andererseits erstaunt es natürlich nicht, dass die Yellow Press seit Monaten dieses Thema warm hält, während ihre geliebte PM May nicht gerade einen souveränen Eindruck macht.
  • rolf.iller 03.04.2018 16:58
    Highlight Highlight Wenn jemand wohl nicht inbrünstig mit der israelischen Führung nach einem Präventivschlag gegen Iran verlangt und die Siedlungspolitik nicht so toll findet, dann bekommt man wohl schnell das Antisemitenlabel verpasst.
  • raues Endoplasmatisches Retikulum 03.04.2018 16:47
    Highlight Highlight Das erschtaunt mich in keinster Weise. Mehr oder weniger Ressentiments gegenüber Muslimen, Juden und Flüchtlingen findet man sowohl in der Schweiz als auch GB. Mit welcher Offenheit und Überzeugung mir letzten Sommer bei einem Aufenthalt in GB über die niedertracht der "raffenden Juden" doziert wurde, gerade von alten und sehr jungen Labourwähler, hat mich dann doch schon schockiert. Punkte Antisemitismus wurden diese Herrschaften nur noch von den Saudis, VAE etc. getoppt. Etwas vergleichbares habe ich bis heute in der Schweiz noch nie erlebt (was nicht heisst, dass es nicht vorkommt).
  • Alex_Steiner 03.04.2018 16:27
    Highlight Highlight "... die Grenze zwischen Israelkritik und Judenfeindlichkeit auch einmal überschreiten."

    Aja? Haben sie das? Oder hat Isreal einfach keine Kritik gegen Isreal gerne und betitelt Kritiker dann einfach als Antisemiten?

    Die genannten Beispiele hier im Artikel sind ja eher bullshit...
  • Yann Wermuth 03.04.2018 15:45
    Highlight Highlight Also Sorry aber da ist einiges im Argen. Zunächst mal: Wer sagt denn Corbyn sei Linksaussen? Klar behaupten das seine Kritik, aber das sagt erst mal gar nix aus. Schaute man sich seine Positionen an, dann ist er stinknormaler Sozialdemokrat. Dann zum Antisemitismus-Vorwurf. Aber ärger kann man den Populisten ja wohl nicht auf den Leim gehen... Wisst ihr, wer noch ein Antisemitismus Problem hat? Antisemiten zum Beispiel. Und wenn man nach diesen sucht, landet man politisch wo? Worum geht es also eigentlich? Corbyn abzuschiessen, der verspricht Kapital stärker zubesteuern.
  • Simonetta 03.04.2018 15:15
    Highlight Highlight Jewdas ist eine Gruppierung linksextremer Juden. Corbyn feierte also an besagtem Abend als Christ zusammen mit Juden ein jüdisches Fest.
    Kurz: Ein Christ nimmt Teil an einer jüdischen, religiösen Feier.
    Und deswegen werfen andere Juden (rechtsextrem-orthodoxe Juden?) Corbyn vor zuwenig gegen Antisemitismus zu unternehmen.
    Fazit:
    Corbyn geht mit gutem Beispiel voran und betreibt aktiv kulturellen Austausch mit der jüdischen Gemeinde, aber dafür wird ihm letztlich Antisemitismus vorgeworfen, von der jüdischen Gemeinde.

    Verkehrter geht es nicht.
    Das soll verstehen wer will, ich kann es nicht.
    • Saraina 03.04.2018 22:38
      Highlight Highlight Nein, sie werfen ihm vor, selber ein Antisemit zu sein. Weil er eben mit den "falschen" Juden verkehrt. Das macht es allerdings auch nicht verständlicher.
  • lilie 03.04.2018 15:09
    Highlight Highlight Jewdas ist eine jüdische, judenfeindliche Organisation? Tut mir leid, aber sowas kann ich nicht nachvollziehen. 🤔😣
  • sgrandis 03.04.2018 15:09
    Highlight Highlight Spannend zu lesen, dass nicht nur in Deutschland die Grenze zwischen (teilweise gerechtfertigter) Isrealkritik und einer Anschuldigung von Antisemitismus von rechten, populistischen Zeitungen (hier Bild, dort Sun u.A.) gezogen wird, die selber gerne mal geschmacklos xenophob sind
  • phreko 03.04.2018 15:04
    Highlight Highlight Im Endeffekt kann man ihm kaum was vorwerfen. Als Sozialdemokrat anti-zionistisch und eher israelfeindlich zu sein ist eher die Norm, sonst müsste man ja seine Prinzipien über Bord werfen und eine rechtsaussen Theokratie unterstützen, die als Apartheidsregime in die Geschichte eingehen wird.
    • tagomago 03.04.2018 23:19
      Highlight Highlight Bester Kommentar!

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