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Seit Mittwoch finden immer mehr Leute den Weg ins Impfzentrum am Hirschengraben, diese beiden Herrschaften waren im Januar 2021 die ersten.
Seit Mittwoch finden immer mehr Leute den Weg ins Impfzentrum am Hirschengraben, diese beiden Herrschaften waren im Januar 2021 die ersten.
Bild: keystone

Impfmuffel lassen sich jetzt doch noch piksen – widerwillig

Die Nachfrage nach der Covid-Spritze steigt nun an. Warum sich viele so lange Zeit gelassen haben? Ein Augenschein vor dem Impfzentrum in Zürich.
11.09.2021, 09:37
Nina Fargahi / ch media

Eine Berg- und Talfahrt. So beschreibt Jan Fehr, Infektiologe und Professor an der Universität Zürich sowie Leiter des Referenzimpfzentrums am Hirschengraben in Zürich die Arbeit seines Teams. «Entweder Bore-out oder Burn-Out.» Im Sommer hätte man teilweise nicht gewusst, wie man das Personal beschäftigen kann, und jetzt werde man regelrecht überrannt und habe alle Hände voll zu tun.

Seit der Bundesrat die Ausweitung des Covid-Zertifikats verkündet hat, wollen sich deutlich mehr Leute impfen lassen. Das bestätigt Fehr und sagt:

«Jetzt kommen mehrheitlich die, die zwar noch nicht ganz überzeugt sind von der Impfung, doch sie beissen in den sauren Apfel, weil ihr Bewegungsradius ab Montag deutlich eingeschränkt ist.»

Die Stimmung ist entsprechend gereizt. Man spreche viel über die Überlastung in den Intensivstationen, aber wenig davon, dass das Personal in den Impfzentren zum Blitzableiter für viel Frust und angestaute Wut geworden sei, so Fehr. Seit der Ankündigung, dass die Tests kostenpflichtig sind, muss die Security 24-Stunden-Einsätze leisten.

Jan Fehr, Infektiologe, Professor an der Universität Zürich und Leiter des Referenzimpfzentrums Kanton Zürich.
Jan Fehr, Infektiologe, Professor an der Universität Zürich und Leiter des Referenzimpfzentrums Kanton Zürich.
Bild: keystone

Wenn man Schlange stehen müsse oder sonst ein Anliegen nicht sofort beantwortet werde, dann komme es immer wieder zu verbalen Ausfällen, Ungeduld und Hast. Das bringe das Personal nicht nur an physische, sondern auch an emotionalen Grenzen, so Fehr. Die viel zitierte Solidarität sei einmal mehr gefragt. «Ungeachtet der Schwierigkeiten heissen wir alle Impfwilligen willkommen und sind stets bemüht, dass sich die Leute bei uns wohl fühlen und wir allfällige Ängste nehmen können.»

Die Probe auf's Exempel: Draussen vor dem Walk-In-Zelt erkundigt sich ein Rentner bei Fehr, ob er ohne Anmeldung eine Spritze bekäme. Seit einigen Tagen kämen interessanterweise auch wieder über 75-Jährige. «Das ist besonders wichtig, denn sie gehören nach wie vor zu den Hauptrisikogruppen», so Fehr.

Angst und weiche Knie

Beim Ausgang des Zentrums werden die frisch Geimpfte abgefangen und befragt. Eine Frau hat weiche Knie, sie sagt: «Ich habe Angst.» Wovor? «Dass ich krank werde, ich muss arbeiten.» Sie könne einen Tag frei nehmen. «Nein, Sie verstehen nicht, ich muss arbeiten, ich darf nicht krank sein.» Sie ist sichtlich besorgt. Die nächsten zwei Personen geben ähnlich Auskunft. Eine Frau sagt, sie habe Angst vor der Impfung, sie habe bei «20 Minuten» gelesen, dass manche Leute nach dem Piks Probleme mit dem Herz bekämen. «Aber noch mehr Angst habe ich, meine Stelle zu verlieren.» Sie arbeitet als Reinigungskraft.

Sind das also die Impfunwilligen in der Schweiz? Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, die mangelhaft informiert sind?

Es gibt auch andere Stimmen. Zwei junge Frauen treten aus dem Impfzentrum. Ihre Begründung: Sie wollen weiterhin in den Ausgang und ins Restaurant gehen:

«Ich habe immer gesagt, solange es ohne Impfung geht, muss ich mich nicht piksen lassen. Jetzt geht es aber nicht mehr ohne Impfung.»

Ähnliche Voten sind oft zu hören: «Bis jetzt hielt ich es nicht für nötig, ich konnte alles tun, was ich wollte.» Oder: «Jetzt sind die Tests zu teuer, also mache ich die Gratis-Impfung.» Viele wollen keine grossen Einschränkungen im Alltag in Kauf nehmen und lassen sich deshalb impfen.

Eine Rentnerin kommt aus dem Impfzentrum und sagt: «Ich hielt es nicht für nötig, aber meine Kinder haben mich gedrängt.» Eine andere Impfwillige sagt:

«Ich wollte abwarten und mal schauen, wie sich das Ganze entwickelt.»

Weitere Voten lauten: «Aus meinem Freundeskreis hat sich niemand impfen lassen, das kommt erst jetzt langsam.» Oder: «Ich bin gesund, ich brauche das nicht, aber wenn ich gezwungen werde, mache ich es halt.» Schulterzucken. Desinteresse ist bei den befragten Menschen vor dem Impfzentrum viel öfters zu hören als ideologische Begründungen. Einige sagen, dass sie schlicht keine Lust gehabt hätten auf dieses ganze Tamtam, jetzt sehen sie sich «genötigt».

Termine machen, ins Impfzentrum fahren, sich krankschreiben lassen, die ganzen Nebenwirkungen aushalten. «Viel zu aufwändig, ich impfe mich nur, weil ich jetzt muss», sagt ein junger Mann. Dass er sich und andere mit der Impfung schützt, stösst eher auf taube Ohren. «Wer weiss, was in dieser Spritze drin steckt, aber wenn's halt sein muss.» Schulterzucken. (aargauerzeitung.ch)

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quelle: keystone / peter schneider
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