Das droht Granit Xhaka nach dem «Impf-Bschiss» nun
Granit Xhaka hat am Montag eingeräumt, ein gefälschtes Covid-Impfzertifikat erstanden zu haben. Gegen den Captain der Schweizer Nationalmannschaft läuft deshalb ein Strafverfahren der Luzerner Staatsanwaltschaft. Für die vier kommenden Spiele in der Nations League steht er der Nati in Absprache mit dem Verband nicht zur Verfügung.
Anfang Oktober soll der 33-Jährige in Luzern einvernommen werden. Wohl erst dann erhält er Akteneinsicht. Zur Befragung muss Xhaka persönlich erscheinen und kann sich nicht vertreten lassen. Dass er den Erwerb des gefälschten Zertifikats einräumt, dürfte sich nur dann strafmildernd auswirken, wenn es ohne Geständnis wesentlich schwieriger geworden wäre, ihn zu überführen, sagt Strafverteidiger Reto Steinmann.
Xhaka geriet zufällig ins Visier
Für das Strafmass sei es kaum entscheidend sein, ob Xhaka das gefälschte Zertifikat nur erstanden, oder später auch eingesetzt habe – etwa um zu reisen –, sagt Steinmann. Stutzig macht den Zuger allerdings, dass die Staatsanwaltschaft bereits seit 2023 ermittelt und Xhaka erst knapp drei Jahre später befragt wird. Er sagt: «Die tatsächliche Dimension des Falles ist von aussen, also ohne Kenntnis der Akten, nicht abschätzbar.»
Nach Recherchen von «Schweiz heute» richten sich die Ermittlungen in erster Linie gegen die Luzerner Hausärztin, die das Zertifikat ausgestellt hat. Granit Xhaka geriet also wohl zufällig auf den Radar der Ermittler.
Wohl maximal 10'000 Franken Busse
Eine Rolle könnte zudem spielen, ob Xhaka lediglich für sich oder auch für weitere Personen Zertifikate beschafft hat, etwa für seine Familie. Weil er nach eigenen Angaben nicht vorbestraft ist, rechnet Reto Steinmann mit einer bedingten Geldstrafe von 50 bis 80 Tagessätzen für den Fussballer.
Die Höhe eines Tagessatzes richtet sich nach dem Einkommen. Da Xhaka bei Sunderland rund 10 Millionen Franken brutto pro Jahr verdienen soll, dürfte bei ihm der Höchstbetrag von 3000 Franken pro Tagessatz gelten. Bei einer Strafe von 50 Tagessätzen ergäbe das 150'000 Franken.
Wird die Geldstrafe bedingt ausgesprochen, falls keine Vorstrafe vorliegt, muss Xhaka sie vorerst nicht bezahlen. Ein Strafregistereintrag droht ihm trotzdem. Gemäss Steinmann dürfte in diesem Fall zwar nicht zwingend, aber praxisgemäss als Denkzettel noch eine sogenannte Verbindungsbusse hinzukommen. Diese ist gesetzlich auf maximal 10'000 Franken begrenzt.
Eine Gefängnisstrafe ist äusserst unwahrscheinlich. Das Vergehen ist wohl zu geringfügig und Xhaka zudem ein Ersttäter.
Das droht Xhaka in seiner Rolle als Nati-Captain
Neben den juristischen drohen Xhaka auch berufliche Konsequenzen -sprich in seiner Rolle als Captain der Schweizer Fussballnati. Zur Erinnerung: Patrick Fischer wurde als Eishockey-Natitrainer entlassen, zwei Tage nachdem er die Fälschung seiines Covid-Zertifikats gestand.
Fakt ist: Der WM-Viertelfinal gegen Argentinien (1:3 n.V.) war Granit Xhakas 152. Länderspiel im Schweizer Trikot. Kein anderer Spieler der Geschichte hat mehr. Und: Kein anderer Spieler zuvor hatte mehr Einfluss auf die Nati – sportlich und menschlich. Xhaka ist im Schweizer Fussball eine Institution. Kann man so einen Spieler rauswerfen?
Möglich ist das schon. Xhaka wäre der erste Nati-Spieler in diesem Jahrtausend, der aus disziplinarischen Gründen ausgeschlossen würde. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass das geschehen wird, ist klein.
Zum einen wegen der Dimension des aktuellen Falls: Auf seinen Beruf als Fussballer hatte der «Impf-Bschiss» keinen relevanten Einfluss: Weder in der Nati noch in Diensten von Arsenal London (dort stand Xhaka bis 2023 unter Vertrag). In der Premier League, im Europacup und für die Teilnahme an der Nations League 2022 und der WM 2022 in Katar bestand keine Zertifikatspflicht.
Nicht wie bei Patrick Fischer
Das unterscheidet ihn von Patrick Fischer, der das gefälschte Covid-Zertifikat benutzt hat, um mit der Eishockey-Nati 2022 nach China zu reisen. Ohne Zertifikat hätte er den Olympischen Spielen fernbleiben oder sich im Voraus in eine dreiwöchige Quarantäne begeben müssen.
Xhaka hat seine Mannschaft und den Verband also zu keiner Zeit gefährdet, weder gesundheitlich noch regulatorisch. Allfällige Konsequenzen seitens des SFV müssten auf moralischen Bedenken fussen.
Verband hat hohe Hemmschwelle
Dass diesbezüglich die Hemmschwelle beim Verband sehr hoch liegt, beweisen mehrere Fälle aus der Vergangenheit: Breel Embolo wurde vor einem Jahr strafrechtlich wegen Drohung verurteilt. Auch beim Thema «Covid» kam der Stürmer mit dem Gesetz in Konflikt: Er bestellte gefälschte Zertifikate, versteckte sich 2021 in einer Badewanne vor der Polizei, als diese eine illegale Corona-Party crashte.
Der Verband verzichtete auf disziplinarische Massnahmen gegen Embolo mit der Begründung, die Verfehlungen beträfen sein Privatleben. Gleich war der Tenor bei der Involvierung von Natitrainer Murat Yakin in den Prozess gegen den Ex-Hells-Angel Ertan Y.
Auch Xhaka sorgt nicht das erste Mal für einen Eklat. Unvergessen sind sein Doppeladler-Jubel an der WM 2018 und der Solidaritäts-Akt mit dem kosovarischen Unabhängigkeitskämpfer Adem Jashari an der WM 2022.
Der Schweizer Verband liess dem Captain die Verbreitung politisch hochbrisanter Botschaften durchgehen. Ebenso die zwei Vorfälle rund um die EM 2021, als er sich kurz vor dem Turnier tätowieren liess und danach zwischen zwei Spielen mit den Teamkollegen einen Coiffeur ins Hotel kommen liess, obwohl wegen Corona eine Kontaktsperre galt.
Übrigens: Vergangene Woche sicherte Xhaka auf Instagram dem wegen Kriegsverbrechen verurteilten kosovarischen Ex-Präsidenten Hashim Thaci seine Unterstützung zu. Doch bevor darüber ein Aufruhr entstehen konnte, kamen die Covid-Ermittlungen ans Licht.
Yakin und Teamkollegen stehen hinter Xhaka
Bringen die jüngsten zwei Eklats das Fass zum Überlaufen? Die Worte von SFV-Präsident Peter Knäbel lassen aufhorchen: «Nach Abschluss dieses Länderspielfensters werden wir die Situation gemeinsam mit Granit neu beurteilen und das weitere Vorgehen besprechen.» Das schliesst einen Rauswurf zumindest nicht explizit aus.
Statt ihn komplett aus der Nati auszuschliessen, könnte der Verband Xhaka für eine bestimmte Dauer (z.B. bis Ende Jahr) sperren oder ihm das Captain-Amt entziehen. Dass Xhaka letzteres akzeptieren und als «normales» Teammitglied weitermachen würde, scheint ausgeschlossen. Das wäre wie wenn der langjährige und mächtige CEO einer Firma unfreiwillig in den Rang des Bürolisten absteigen müsste.
Sicher sein dürfte Xhaka die Rückendeckung von Trainer Murat Yakin und den Teamkollegen. Sie wissen: Ohne Xhaka ist die Nati eine andere, sprich sportlich schlechter. Ebenbürtigen Ersatz gibt es nicht.
Verband vor schwieriger Entscheidung
Dessen bewusst ist man sich auch beim Verband: Mit Xhaka sind die Chancen, sich für die nächsten Turniere zu qualifizieren und damit überlebenswichtige Millionen-Einnahmen zu sichern, grösser als ohne ihn.
Eine schwierige Entscheidung für Präsident Peter Knäbel und den neuen Sport-Boss Marinko Jurendic. (schweizheute.ch)

