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Erklärbär

Warum Dark Pools keine Schwulen-Saunas sind

Die privaten Handelsplattformen der Banken geraten ins Schussfeld der Finanzaufsicht und der Behörden. Durch sie werden Insidergeschäfte begünstigt.



Vor der Tagesschau strahlen seriöse TV-Stationen jeweils Börsensendungen aus. Sie melden die wichtigsten Veränderungen der Indices: Der SMI hat 0,8 Prozent gewonnen, der Dow Jones 1,2 Prozent verloren, etc. Diese Kurznews verstärken den irrigen Glauben, den die meisten Menschen heute noch haben: Börsen sind zentrale Handelsplätze, die gut überwacht sind und an denen alle die gleichen Chancen haben.

Die Zeiten, in denen sich schreiende Männer an einem Ring gegenseitig Aktien verkauft haben, sind längst vorbei.

Das mag einmal so gewesen sein. Doch die Zeiten, in denen sich schreiende Männer an einem Ring gegenseitig Aktien verkauft haben, sind längst vorbei. Aktien werden nicht mehr an grossen zentralen Börsenplatz gehandelt, sondern auf kleinen dezentralen. Diese sind mit Hochgeschwindigkeitscomputern untereinander verbunden. In den USA gibt es mittlerweile rund 50 solche dezentralen Börsen, an denen fast die Hälfte aller Transaktionen abgewickelt werden. Das Läuten der Glocke an der New Yorker Börse und das rituelle Verkünden des Standes des Dow Jones sind im Begriff, Folklore zu werden. 

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Ein offensichtliches Muster von Betrug

Dazu kommen die Handelsplätze der Banken, «dark pools» genannt. Das tönt irgendwie anrüchig, müsste es aber nicht sein. In den Dark Pools geht es nicht um anonymen, schnellen Sex, sondern darum, Aktienpakete auszutauschen, ohne dabei unnötige Kursverluste zu erleiden. Wenn beispielsweise eine Pensionskasse über die reguläre Börse ein grösseres Aktienpaket abstossen oder erwerben will, riskiert sie, den Kurs mit ihrem eigenen Tun zu beeinflussen. In den Dark Pools hingegen sucht sie direkt einen Käufer, resp. Verkäufer und verhindert so, sich selbst ins Bein zu schiessen.

Das Läuten der Glocke an der New Yorker Börse und das rituelle Verkünden des Standes des Dow Jones sind im Begriff, Folklore zu werden. 

So gesehen wäre eigentlich nichts gegen Dark Pools einzuwenden. Trotzdem hat Eric Schneiderman, oberster Staatsanwalt von New York, letzte Woche angekündigt, eine Untersuchung gegen die private Handelsplattform der Bank Barclays angekündigt und weitere in Aussicht gestellt. Er sprach dabei von einem «offensichtlichen Muster von Betrug, Fälschung und Unehrlichkeit». Dabei spielt Barclays an der Wall Street nur in der zweiten Liga. Die grössten Dark Pool-Betreiber sind Credit Suisse, Bank of America, Goldman Sachs und Morgan Stanley

Insidergeschäfte dank Supercomputer

Ausgelöst worden sind die Untersuchungen des New Yorker Staatsanwalt unter anderem auch von einem Buch. Vor ein paar Monaten hat Michael Lewis «Flash Boys» veröffentlicht. Darin deckt der wohl bekannteste Finanzjournalist der Gegenwart auf, wie ein paar Insider mit Hilfe des so genannten High-Frequency Trading (HFT) sich schamlos bereichern. Das funktioniert so: HF-Händler benützen ultra-potente Supercomputer, die sie möglichst nahe den Servern der dezentralen Börsen und den Dark Pools installieren. Das erlaubt es ihnen, die Trades von anderen Investoren zu antizipieren und dieses Wissen innert Sekundenbruchteilen auszunutzen. 

Dezentrale Börsen und Dark Pools pervertieren auf diese Weise das Prinzip des freien Marktes.

Dezentrale Börsen und Dark Pools pervertieren auf diese Weise das Prinzip des freien Marktes. Barclays beispielsweise wird beschuldigt, den HF-Händlern privilegierten Zugang zu Insiderwissen gewährt zu haben. Damit war es ihnen möglich, gewaltige Gewinne zu Lasten der Allgemeinheit zu erzielen. «Die Absahner GmbH schafft keine Märkte, sie ist vielmehr ein Parasit», stellt Lewis daher fest. «Ihr Zwischenhandel ist nichts anderes als eine Kapitalsteuer, und sie kassiert diese Steuer von Akteuren, die Kapital benötigen und dem produktivsten Nutzen zuführen. Wenn dieser Parasit getilgt werden könnte, würde die gesamte Wirtschaft profitieren.» 

Es werde Licht in den Dark Pools

Dark Pools sind ein weiteres Element einer sich ausbreitenden Schatten-Finanzwirtschaft. Banken finanzieren sich nicht mehr über Spargelder, sondern über Moneymärkte. Dort parkieren beispielsweise Unternehmen kurzfristig überschüssiges Bargeld. Kleinunternehmen erhalten Kredite nicht mehr von Geschäftsbanken, sondern organisieren sie im Internet über Crowdfundig und Peer to Peer-Lending (sorry für die vielen englischen Ausdrücke, aber es geht nicht anders).

 All diese Aktivitäten sind nicht per se schlecht. Das Problem liegt darin, dass sie oft undurchsichtig und unreguliert sind. Sie können deshalb auch missbraucht werden – und werden es auch. Vergessen wir nicht: Der Kollaps von Lehman Brothers, der im Herbst 2008 beinahe das internationale Finanzsystem zum Einsturz gebracht hat, war de facto ein Bankrun in der Schattenfinanzwirtschaft. Deshalb ist es dringend nötig, dass Dark Pools und ähnliche Einrichtungen hell ausgeleuchtet werden. 

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