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Viele Menschen, viele Chancen. 
kafi freitag

FragFrauFreitag

Liebe Kafi. Schön, dass es Ihren Blog gibt! Ihre Antworten bringen mich regelmässig zum Schmunzeln und Nachdenken. 

Nun habe ich selber eine Frage: Wie geht man am besten mit verpassten Gelegenheiten um, ohne sich tagelang zu ärgern? Herzliche Grüsse. Mia, 29



Liebe Mia

Danke für Ihre lieben Worte, die mich schampar freuen!

Es ist schon ein paar Jährchen her, seit ich in New York in der U-Bahn sass. Neben einem attraktiven jungen Mann (ich war damals ebenfalls attraktiv und jung. Also praktisch so wie heute, nur noch jünger), der mich in ein Gespräch verwickelte. Er erzählte mir, dass er Schauspieler sei und am Abend eine Premierenfeier seiner ersten TV-Serie habe, in welcher er der Hauptdarsteller sei.

Er war wirklich sehr charmant und auch hartnäckig, er wollte mich unbedingt als seine Begleitung zu diesem Anlass mitnehmen, ich muss wirklich verdammt attraktiv und jung ausgesehen haben, zu dieser Zeit. Trotzdem blieb ich unbeeindruckt.

Nicht nur weil mich meine Freundin, die schon seit Jahren in Manhattan lebt, davor gewarnt hatte, wie viele Psychos in der Stadt rumlaufen (ich bin zwar noch nie einem begegnet, aber sie hatte mich wirklich sehr eindringlich gewarnt), sondern auch weil dir in dieser Stadt jeder zweite Kellner erzählt, dass er eigentlich Schauspieler ist. In New York ist eigentlich jeder Schauspieler, müssen Sie wissen.

Umso dankbarer muss man sein, dass sich die eine oder andere dann doch durchringt, einen Job zu machen, wie zum Beispiel Kellnerin oder Verkäuferin, obwohl sie eigentlich Schauspielerin ist. Nicht auszudenken wie eine Metropole wie diese aussehen würde, wenn alle ihrer wirklichen Bestimmung nachgehen würden.

Aber item bref, es war wirklich ein ausgesprochen freundlicher junger Mann, aber ich hatte leider schon eine Verabredung und nahm ihm die Geschichte eh nicht ab und bevor ich mich irgendwo unter einem Brückenpfeiler in der Bronx abmurksen lassen wollte, ging ich dann doch lieber zu diesem eher öden Businessapero als an diese vermeintlich wahnsinnig tolle Premierenfeier dieses wahnsinnig tollen Nachwuchsschauspielers dieser wahnsinnig tollen neuen TV-Serie.

Das sagte ich ihm (also ohne die Details im Stadtteil Bronx), verabschiedete mich mit einem wirklich überzeugenden «wirklich schade, ich wäre wahnsinnig gern zu Deiner wahnsinnig tollen Premierenfeier dieser wahnsinnig tollen neuen TV-Serie gekommen, aber leider klappt es nicht» und stieg am Times Square, wo ich verabredet war, aus der U-Bahn.

Was Sie daraus lernen können? Keine Ahnung. Aber vielleicht dies, dass es keine wirklich verpassten Chancen im Leben gibt.

Eine halbe Minute und ein paar steile Rolltreppen später stand ich vor den riesigen Werbetafeln des Times Square und musste beinahe sterben. Über die grösste aller Werbetafeln flimmerte ein Trailer der neuen Serie und der Jüngling aus der U-Bahn lachte auch von den Werbetafeln der vorbeifahrenden Busse.

Ich musste mich sehr zusammenreissen und mir lange einreden, dass mein Leben mit Sicherheit was viel Tolleres und Aufregenderes mit mir vorhat und es sicher sehr gute Gründe gibt, warum ich nun diese Abzweigung hier nehmen musste.

Auch gefühlte 35 Jahre später finde ich diese Geschichte noch immer erstklassig. Natürlich könnte ich mir immer noch die Haare ausreissen, ob der grossartigen Sause, die ich verpasst hatte. Aber wer weiss, vielleicht wäre ich in die Hände eines findigen Agenten gefallen, der mir eine grosse Karriere versprochen hätte, die danach nie eingetreten wäre, oder ich hätte einen Golfprofi geheiratet, der mich danach mit 246 anderen Frauen betrogen hätte, die ich anschliessend einzeln mit seinem Golfschläger erschlagen hätte und/oder ich wäre schlicht und ergreifend eine Cracknutte geworden, wie es Hazel Brugger kürzlich so schön geschrieben hat.

Was Sie daraus lernen können? Keine Ahnung. Aber vielleicht dies, dass es keine wirklich verpassten Chancen im Leben gibt. Niemand kann einem sagen, ob das Leben besser verlaufen wäre, wenn man diese oder jene Chance ergriffen hätte. Eventuell ist es von grossem Vorteil, nicht jede Möglichkeit am Schopf zu packen, weil eine noch viel bessere dahinter wartet. Vielleicht aber auch nicht. Wenn es Ihnen wichtig ist, die kommenden Gelegenheiten beherzter zu «päcklen», dann arbeiten Sie etwas an Ihrem Mut. An diesem fehlt es meistens in solchen Situationen.

Was ich Ihnen aber auf jeden Fall mit auf den Weg geben möchte: Das Leben ist zu kurz, um sich über Dinge zu grämen, die man nicht mehr ändern kann. Je schneller man sich mit etwas arrangiert, das passiert und nicht ungeschehen zu machen ist, umso weniger verschwendet man seine Energie an Negatives. Und je weniger Energie man an Negatives verschwendet, umso weniger Negatives erlebt man. Got it?

Ganz herzlich! Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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