Tesla weibelt in der EU für sein Full-Self-Driving-System und wird von Experten zerpflückt
Tesla nutzte zweifelhafte Sicherheitsstatistiken, um die Zulassung für autonomes Fahren in Europa zu begründen. Dies zeigen Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters (Paywall). Demnach hat Tesla im Bestreben, die europäische Zulassung für sein Fahrassistenzsystem Full-Self-Driving-System zu erhalten, den Aufsichtsbehörden in mehreren Ländern selbst erstellte Sicherheitsstatistiken vorgelegt, die laut unabhängigen Verkehrssicherheitsforschern irreführend sind.
Konkret haben zehn der elf unabhängigen Experten, die Teslas Methodik überprüften, die vorgelegte Unfallstatistik zum überwachten, autonomen Fahren mit FSD als nicht seriös kritisiert. Die Daten liefen auf irreführendes Marketing hinaus.
Tesla lobbyierte mit zweifelhaften Zahlen
Bereits Ende Mai berichtete Reuters, dass Tesla das teilautonome Fahren mit FSD als bis zu zehnmal sicherer als menschliche Fahrer darstellte. Eine Überprüfung der Statistik durch Reuters zeigte jedoch, dass dieser Behauptung zweifelhafte Datenvergleiche zugrunde lagen. So habe Tesla beispielsweise nur Unfälle mit FSD gezählt, bei denen der Airbag auslöste, während die allgemeine Unfallstatistik auch weniger schwere Unfälle enthalte. Das Unternehmen von Elon Musk rechne sich auf diese Weise die eigene Unfallstatistik seines FSD-Systems schön, so der Vorwurf.
Nun konnte Reuters Dokumente einsehen, aus denen hervorgehe, dass Tesla genau diese überhöhten Zahlen verwendete, um bei europäischen Regulierungsbehörden für die Freigabe des FSD-Systems zu lobbyieren.
Druck auf Strassenverkehrsbehörden
In den Niederlanden erhielt Tesla im April die Genehmigung für FSD, kurz darauf folgte Dänemark. Die niederländische Aufsichtsbehörde sagte, sie stütze ihre Entscheidung auf eigene Tests und nicht auf externe Statistiken.
Tesla strebt nun mit Hilfe der niederländischen Behörden eine EU-weite FSD-Zulassung an. Derweil machen einige Tesla-Fahrer mit E-Mails an nationale Strassenverkehrsbehörden Druck für die Zulassung in ihrem Land. In diesen E-Mails wird mit Teslas selbst erstellter Unfallstatistik für das FSD-System geworben.
Nach der FSD-Zulassung in den Niederlanden behauptete Tesla in einer E-Mail an die schwedische Aufsichtsbehörde, dass FSD potenziell 32'000 Leben hätte retten und 1,9 Millionen Verletzungen hätte verhindern können. Von Reuters befragte Verkehrsforscher kritisieren, dass der Autokonzern bei dem Rechenbeispiel von einem unrealistischen Szenario ausgehe, in dem jedes Auto, jeder Lastwagen und jedes Motorrad in den USA durch einen Tesla mit FSD ersetzt würde.
Verkehrsexperten kritisierten Teslas Unfallstatistik auch, weil der Konzern seine relativ jungen E-Autos mit im Schnitt etwa zwölf Jahre alten US-Fahrzeugen verglich. Das verzerre die Ergebnisse zugunsten Teslas, da neuere Fahrzeuge aller Marken über bessere Sicherheitsfunktionen verfügen, die die Unfallrate generell senken.
FSD soll Tesla in Europa beflügeln
Tesla bietet FSD in den USA als Abo für 99 Dollar pro Monat an. Die einstige Kaufoption wurde gestrichen. Das System kann grösstenteils selbstständig fahren, erfordert aber, dass der Fahrer aufmerksam bleibt.
Tesla feierte vor wenigen Tagen die Zulassung von FSD in Dänemark mit einem Werbevideo, das während einer autonomen Fahrt in Kopenhagen gedreht wurde. Eine Analyse der Zeitung «Politiken» zeigte, dass der selbstfahrende Tesla darin auf einer Busspur sowie auf einem Radweg fuhr, trotz eines entsprechenden Verbotsschilds rechts abbog und eine Strasse befuhr, die für Autos gesperrt war.
Für Tesla ist trotz solcher bestehenden Mängel eine EU-weite FSD-Zulassung wichtig, um in den letzten Jahren verlorene Marktanteile zurückzuerobern.
(oli)
