trüb und nass
DE | FR
Digital
Daten

Die USA verlieren den Kampf gegen das Coronavirus – hier der Beweis

Über ein Datenvisualisierungs-Tool ist ersichtlich, wo Menschen in Bewegung sind.
Über ein Datenvisualisierungs-Tool ist ersichtlich, wo Menschen in Bewegung sind.screenshot: youtube

Die USA verlieren den Kampf gegen das Coronavirus – hier der Beweis

Zwei US-Unternehmen visualisieren Bewegungsdaten, die mit Smartphone-Tracking gesammelt wurden. Ziel sei es, die Welt zu sensibilisieren.
27.03.2020, 13:5627.03.2020, 20:37
Mehr «Digital»

Smartphones verraten jeden Schritt, den wir tun. Dazu braucht's keine Hacker oder Geheimdienste, die heimlich in Mobilgeräte eindringen, um sie anzuzapfen.

Die folgenden Visualisierungen stammen aus einer Kooperation von zwei US-Unternehmen: X-Mode und Tectonix arbeiten laut eigenen Angaben zusammen, «um die Veränderungen der menschlichen Bewegungen in den von COVID-19 betroffenen Städten auf der ganzen Welt zu verfolgen».

Sogenannte «Heat Maps» bilden ab, wie viele Smartphones sich an einem Ort befinden. Je mehr Smartphones, desto heller leuchtend wird es auf der Karte angezeigt. Und dies kann nun auch verwendet werden, um aufzuzeigen, wie sich Menschen in Zeiten der Corona-Pandemie bewegen.

Das Resultat: «Erschreckend», titelt Slash Dot.

«Spring Break» in Florida

Das Video oben zeigt Smartphones während einer Spring-Break-Party an einem Strand in Fort Lauderdale, Florida, also während der US-Frühjahrsferien. Als das kollektive Besäufnis endet, reisen die Mobilgeräte mit ihren Besitzern in alle Teile der Vereinigten Staaten und ins Ausland. Und tragen möglicherweise das Coronavirus in alle Ecken: Denn trotz eindringlicher Warnungen und der Aufforderung der US-Regierung, zu Hause zu bleiben, feierten die US-Studenten munter und ausgelassen, mit Teilnehmern aus aller Welt.

New York City

Abgesehen von Florida gibt es auch eine Bewegungsdaten-Analyse von New York City, das derzeit das Epizentrum der Pandemie in den USA ist. Genau wie Florida zeigten die Daten über New York, insbesondere Manhattan, eine weit verbreitete Bewegung während des gesamten Monats März. Sprich: Viele Leute hielten sich nicht an #StayHome.

Die Tracking-Firma schreibt:

In den nächsten Wochen wird X-Mode Berichte und Erkenntnisse veröffentlichen, die auf den Standortdaten unserer Plattform bezüglich der laufenden COVID-19-Pandemie basieren. Diese datenbasierten Erkenntnisse – die sowohl von X-Mode als auch von unseren Partnerorganisationen zur Verfügung gestellt werden – sollen in einer Zeit der Unsicherheit klare Antworten geben.
quelle: xmode.io

Smartphone-Tracking in Pandemie-Zeiten

1 / 11
Smartphone-Tracking in Pandemie-Zeiten
Die US-Firma X-Mode trackt gemäss eigenen Angaben über 60 Millionen Smartphone-User weltweit. Über ein Visualisierungs-Tool lassen sich Menschenströme beobachten, was in Pandemie-Zeiten sehr aufschlussreich sein kann ...
Auf Facebook teilenAuf X teilen

Wie ist das möglich?

Hunderte Millionen Smartphone-User weltweit geben ihren Standort, bzw. den des Geräts, mehr oder weniger freiwillig preis. Die Daten werden an Firmen-Server übermittelt. Dort werden sie gespeichert und aggregiert, also zwecks Auswertung zusammengeführt.

Häufig akzeptierten User beim Installieren einer Anwendung, dass entsprechende Informationen über sie gesammelt und verwertet werden: Allerdings nicht zuhanden des Gemeinwohls, sondern aus kommerziellen Gründen, für einen relativ jungen Wirtschaftszweig, der sich in den USA und weltweit auf die Verwertung von «Location Data» spezialisiert hat.

Jedem Mobilgerät wird eine einzigartige Werbe-ID zugewiesen. Diese Geräte-ID ermöglicht es zahlreichen Unternehmen, personalisierte Werbeinhalte auszuliefern, auf der Grundlage der Browsing-Historie und der Aktivität der User.

Wie funktioniert das Smartphone-Tracking?

Es handelt sich um ausgeklügelte Methoden, die immer zum Ziel haben, den genauen Aufenthaltsort eines Mobilgeräts zu bestimmen und an einen Server zu übermitteln.

Dies geschieht über:

  • SDKs: Software Development Kits, die App-Entwicklern ermöglichen, die Tracking-Funktion in Apps zu integrieren. Daraufhin werden die Standortdaten automatisch rund um die Uhr erfasst und wenn möglich übermittelt.
  • Beacons: ein kleiner Bluetooth-Funksender, der ein aus Buchstaben und Zahlen bestehendes Funksignal sendet, das von anderen Geräten erkannt wird.
  • Bidstream-Daten: Sie stammen aus Werbeanzeigen, die auf mobilen Anwendungen laufen, die von den Usern installiert wurden. Um Daten über den Standort zu erhalten, müssen die App-Publisher eine ausdrückliche Genehmigung zur Verwendung der Daten einholen.

Das SDK von X-Mode war 2018 bei mehr als 300 Smartphone-Apps implementiert. Das Unternehmen konnte schon damals 15 Prozent der US-Bevölkerung ständig «überwachen». Die Daten wurden zu Werbezwecken monetarisiert.

Die aktuellen Angaben der Firma:

  • Es werden über 60 Millionen Smartphones weltweit getrackt (gemeint sind monatlich aktive User).
  • Über 400 Mobile-Apps-Publisher verwenden das SDK des Unternehmens.
  • Über 25 Prozent der erwachsenen US-Bevölkerung werden erfasst.
  • Bis zu 10 Prozent in Kanada, Mexiko, Brasilien, Kolumbien, Japan, Australien, Singapur, Grossbritannien, Spanien, Italien und Frankreich. (Die Schweiz ist nicht erwähnt).

Tectonix beschreibt sich selbst als eine Plattform zur Visualisierung von Geodaten, die speziell für die Verarbeitung grosser Datensätze in nahezu Echtzeit entwickelt wurde. Mit einer Rechenleistung, die mit keiner anderen Engine dieser Art vergleichbar sei, könne man Milliarden von Datenpunkten gleichzeitig visualisieren, so dass sich «in einer einzigen Erkundungs-Session» Muster und Trends auf globaler, nationaler, staatlicher und lokaler Ebene erkennen liessen.

Ist die Anonymität wirklich gewährleistet?

Nein.

X-Mode versichert zwar, dass die verwendeten Daten «anonymisiert» seien, das heisse, der Standort eines Mobiltelefons sei nicht mit der Identität des Nutzers verknüpft.

«Wir sammeln, verarbeiten oder speichern niemals persönlich identifizierbare Informationen, wie z. B. Ihren Namen, Ihre Telefonnummer, E-Mail, Ihr Geburtsdatum oder Ihr Geschlecht.»

Doch haben Forscher mehrfach belegt, dass sich trotzdem Rückschlüsse auf die Identität der Smartphone-User ziehen lassen. Datenschützer zeigten sich alarmiert.

Die meisten Benutzer haben, oft unwissentlich, eingewilligt, dass ihre Daten zu Werbezwecken gesammelt werden.

X-Mode erwähnt auf der Firmen-Website, dass die eigene Technologie sowohl mit dem DSGVO der EU als auch mit dem kalifornischen Datenschutzgesetz konform sei. Die Nutzer hätten zudem die Möglichkeit, sich gegen die Verwendung ihrer Daten durch das Unternehmen zu entscheiden.

Was hat das mit den Handy-Daten zu tun, die die Swisscom dem Bund zur Verfügung stellt?

Der Bund verwertet gemäss eigenen Angaben keine Daten, die von Smartphone-Tracking stammen.

Wie wir seit Donnerstag wissen, meldet die Swisscom, als grösste Mobilfunk-Anbieterin der Schweiz, dem Bund, wo sich grössere Menschenansammlungen bildeten. Aber nicht in Echtzeit, sondern mit 24 Stunden Verspätung, wie die Verantwortlichen an einer Medienkonferenz versicherten.

Laut Swisscom-Sprecher Christian Neuhaus signalisiere das Unternehmen dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Orte, in denen sich 20 oder mehr Handys auf einer Fläche von 100 mal 100 Meter befinden.

Diese Analysen würden nur im öffentlichen Raum durchgeführt. Wohngebäude und Geschäftsräume seien nicht betroffen, sagte Neuhaus. Nur wenige BAG-Mitarbeiter hätten Zugriff auf diese Daten. Die Informationen dürften nur für die Pandemie-Bekämpfung verwendet werden.

Innenminister Berset ist jedoch der Ansicht, dass eine Diskussion über eine breitere Verwendung dieser Technologie in Zukunft erforderlich ist. So müsse darüber diskutiert werden, der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, freiwillig persönliche Informationen zu teilen, die es den Behörden ermöglichten, die Entwicklung einer Epidemie zu verfolgen.

Mit Material der SDA

Quellen

(dsc)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
So kam das Coronavirus in die Schweiz – eine Chronologie
1 / 59
Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie
31. Dezember 2019: Erste Meldungen über eine mysteriöse Lungenkrankheit, die in der zentralchinesischen Metropole Wuhan ausgebrochen ist, werden publiziert. 27 Erkrankte sind identifiziert.
quelle: keystone
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Zuviel am Handy? Dr. Watson weiss, woran du leidest
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
16 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Hoci
27.03.2020 21:05registriert September 2019
Der Titel passt null. Es geht umTracking und Datenschutz und Bewegungen zu Speingbreak. Ob es dadurch tatsöchlich zur massiven Ausbreitung kam ist hingegen nicht belegt.
14747
Melden
Zum Kommentar
avatar
JaAber
28.03.2020 00:23registriert Oktober 2014
Die Daten, die der Bund von Swisscom erhält, haben m.E. nichts mit Smartphone-Tracking zu tun. Nicht das Handy wird hier verfolgt, sondern nur die Ansammlung von Geräten. Dies wird seit Jahren gemacht, um zB auf Staus auf Autobahnen aufmerksam zu werden. Statt Menschen mit einer Drohne aus der Luft zu zählen, lässt man die Mobilfunkantenne die Geräte an einem Ort zählen. Da damit keine Personen bestimmbar werden, kommt der Datenschutz nicht zum Zug.
786
Melden
Zum Kommentar
avatar
jaqk
28.03.2020 10:27registriert Februar 2019
Könnte man das ganze auch für das Championsleaguespiel Atalanta Bergamo vs. Valencia aufzeigen? Das sollte doch der Auslöser in Italien gewesen sein. Würde mich wirklich wunder nehmen.
261
Melden
Zum Kommentar
16
EU geht gegen TikTok vor – Verdacht: Minderjährige zu wenig geschützt
Die EU-Kommission hat ein Verfahren gegen die populäre chinesische Social-Media-Plattform eröffnet. Es steht der Verdacht im Raum, dass Kinder und Jugendliche nicht genug geschützt werden.

TikTok droht massiver Ärger: Die EU-Kommission ermittelt gegen die Social-Media-Plattform, die vom chinesischen Unternehmen ByteDance betrieben wird. Dabei geht es um den Verdacht, dass die Verantwortlichen den gesetzlichen Verpflichtungen zum Schutz von Minderjährigen nicht nachkommen, wie der zuständige EU-Kommissar Thierry Breton am Montag beim Onlinedienst X mitteilte.

Zur Story