Digital
EU

Russland stört GPS: So überraschend gross ist das Ausmass in Europa

Satellit im Orbit: Wenn GPS ausfällt, geraten Navigation und Satellitenbetrieb ins Wanken.
Satellit im Orbit: Wenn GPS ausfällt, geraten Navigation und Satellitenbetrieb ins Wanken.Bild: imago-images.de

Russland stört GPS: So gross ist das Ausmass in Europa

GPS gilt als verlässlicher Wegweiser aus dem All. Doch neue Messungen zeigen: Über riesigen Gebieten Europas und des Nahen Ostens kommt von den Satelliten-Signalen oft nur ein Bruchteil an.
24.06.2026, 23:0124.06.2026, 23:01
Marcel Horzenek / t-online
Ein Artikel von
t-online

Ein Testsatellit der Firma Xona Space Systems hat erstmals aus dem All vermessen, wie weit die Störung von GPS-Signalen über Europa und dem Nahen Osten reicht. Hinter der Störung stehen vor allem Sender am Boden, die Russland und Konfliktparteien im Nahen Osten einsetzen.

Die Daten stammen vom Satelliten «Pulsar-0», der die Erde in rund 500 Kilometern Höhe umkreist. Über Nordamerika empfing er ein klares Signal, über Europa brach es ein. In den am stärksten betroffenen Gebieten sank die Signalstärke von 40 auf bis zu 10 Dezibel-Hertz, der üblichen Masseinheit für die Qualität eines Satellitensignals. Das ist zu schwach, um GPS verlässlich zu nutzen.

Die gestörte Zone reichte den Messungen zufolge von Frankreich im Westen bis nach Pakistan im Osten. «Wir dachten, wir würden etwas Störung sehen, aber es ist weitaus mehr, als wir erwartet haben», sagt Mitgründer Kazuma Gunning dem amerikanischen Onlinemedium Space.com.

Wo ist das Problem?

Auch Satelliten im Orbit verlieren das Signal

Neu an der Messung ist vor allem, wo die Störung ankommt. Bislang galt der Empfang am Boden als anfällig. Nun zeigt sich, dass auch Satelliten in niedriger Umlaufbahn das Signal verlieren. Viele von ihnen brauchen selbst GPS, um ihre Position und die genaue Uhrzeit zu bestimmen. Ohne das Signal können Aufnahmesatelliten ihr Ziel schlechter anpeilen, und Betreiber grosser Satellitenflotten wie Starlink verlieren ein Mittel, um Zusammenstösse im Orbit zu vermeiden.

Wie viel davon abhängt, zeigt sich im Alltag. GPS und vergleichbare Systeme wie das europäische Galileo liefern nicht nur die Route im Auto. Rettungsdienste, Polizei und Feuerwehr steuern damit ihre Einsätze. Auch Strom- und Funknetze nutzen die Signale, um ihre Technik auf die Sekunde genau zu takten. Anfällig sind all diese Anwendungen, weil das GPS-Signal aus grosser Höhe nur schwach am Boden ankommt und sich von einem stärkeren Funksignal überlagern lässt.

Woher die Störung kommt

Die Störung am Boden ist seit Jahren bekannt. Russland stört das Signal entlang seiner Westgrenze nach eigener Darstellung, um sich gegen ukrainische Drohnen zu schützen. Jeden Monat sind davon Zehntausende Flüge über der Region betroffen. Auch im Nahen Osten setzen Kriegsparteien Störsignale ein, um Drohnen abzuwehren und Schiffe zu verbergen.

Eine zweite, ebenfalls neue Untersuchung deutet auf eine andere Quelle im Weltraum. Ein Team um den Forscher Todd Humphreys von der University of Texas führt drei von 75 seit 2019 erfasste Aussetzer auf russische Frühwarnsatelliten zurück, namentlich auf den Satelliten «Kosmos 2546».

Die übrigen Fälle ordnet es derselben Gruppe russischer Satelliten zu, kann das aber nicht sicher belegen. Die Arbeit ist eine Vorabveröffentlichung und damit noch nicht von unabhängigen Fachleuten geprüft.

Stärkeres Signal als Gegenmittel

Die Satelliten sollen laut der Studie eigentlich vor Raketenstarts und Atomexplosionen warnen. Betroffen seien GPS sowie das europäische Galileo und das chinesische BeiDou, nicht aber Russlands eigenes System.

Ob Russland die Aussetzer absichtlich verursacht, ist umstritten. Fachleute wie Richard Bowden von der spanischen Technologiefirma GMV halten es für möglich, dass es sich um Servicenachrichten zwischen Satelliten und Bodenstationen handelt – nicht um gezielte Störversuche.

Die Forscher um Humphreys halten die Störungen für absichtliche Tests und sprechen von einer neuen Stufe der elektronischen Kriegsführung. Bislang stehen Störsender meist auf Schiffen, Fahrzeugen oder Flugzeugen und reichen nur begrenzt weit. Ein Sender in der Umlaufbahn könne dagegen «jeden Tag gezielt einen ganzen Kontinent stören», sagt Ramsey Faragher vom Royal Institute of Navigation in London.

Xona baut mit dem Pulsar-Netz selbst eine Alternative zu GPS auf, deren Signale aus niedrigerer Umlaufbahn stärker ankommen und schwerer zu stören sein sollen. Einen ersten, eingeschränkten Dienst plant das Unternehmen für Anfang 2027.

Quellen

(dsc/t-online)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Faszinierende Bilder des Pferdekopfnebels
1 / 15
Faszinierende Bilder des Pferdekopfnebels
Der Pferdekopfnebel ist Teil einer Dunkelwolke im Sternbild Orion und besteht aus dichter interstellarer Materie.
quelle: shutterstock
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Alte Satelliten im All «entsorgt»
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
10 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
10
«Probiere WhatsApp Plus einen Monat kostenlos aus» – darum will dir Meta ein Abo andrehen
Über neun von zehn Schweizerinnen und Schweizern nutzen WhatsApp. Und nicht wenige fragen sich derzeit, was es mit der folgenden Meldung in der Messenger-App auf sich hat: «Probiere WhatsApp Plus einen Monat lang kostenlos aus», bittet Meta. In kleinerer Schrift darunter prangt der Preis: 2.50 Franken pro Monat kostet das WhatsApp-Plus-Abo, das sich bis zur Kündigung jeweils automatisch verlängert.

Für den Obolus erhält man zusätzliche Personalisierungs- und Komfortfunktionen, die der Gratisversion verwehrt bleiben: zusätzliche Sticker, individuelles App-Symbol, exklusive Klingeltöne. Zudem lassen sich mit dem Abo Konversationen besser in Listen organisieren und 20 statt nur 3 Chats anheften, damit sie ganz oben angezeigt werden.
Zur Story