Ukrainische Piloten schlagen gegen Putins Kampfjet-Taktik zurück
Auf der Ostsee beobachten sie das Phänomen schon lange. Störsender unterbrechen die Navigation mit dem Satellitensystem GPS und geben Schiffen eine falsche Position vor. So lief der Frachter «Meghna Princess» nach einer Navigationsattacke in der östlichen Ostsee auf Grund. Verletzt wurde niemand. Aber die Gefahr ist real. Nicht nur im Schiffsverkehr.
Auch in der Luftfahrt werden die GPS-Signale jetzt zunehmend gestört. Ukrainische Kampfjet-Piloten trainieren auf geheimgehaltenen Stützpunkten in Grossbritannien das Navigieren ohne das Ortungssystem GPS. Es sei «wirklich wichtig», früh zu lernen, «in geringer Höhe ohne volle GPS-Unterstützung zu fliegen», zitierte das Magazin «Business Insider» einen ukrainischen Piloten.
Der britische Generalinspekteur Sir Richard Knighton lässt an der aktuellen Lage durch den russischen Staatschef Wladimir Putin keine Zweifel. «Die Bedrohung wächst. Putin kämpft in der Ukraine, lernt dabei, entwickelt neue Technologien», sagte Sir Richard Knighton am Freitag im Interview mit der «Süddeutschen Zeitung».
In der Ukraine erfahren sie das russische Bedrohungspotenzial täglich. Zunehmend werden auch Störsender eingesetzt, nicht allein gegen Drohnen. Zunehmend ist auch der militärische Flugverkehr betroffen. «Die elektronische Kriegsführung dominiert das Schlachtfeld in der Ukraine, wobei beide Seiten Signale stören und Navigations-, Kommunikations- sowie Waffenleitsysteme beeinträchtigen», so «Business Insider».
Mal wird der Signalverkehr mit dem GPS-Satelliten im All durch einen Störsender überlagert, sodass die Positionsbestimmung ausfällt: Fachleute sprechen von Jamming. Mal gaukelt der Störsender falsche Satellitensignale vor, die zu einer irrigen Positionsbestimmung führen: Dann reden Experten von Spoofing. Gefährlich ist beides.
Deshalb wird die ukrainische Luftwaffe in einem Spezialtraining in Grossbritannien für den Sichtflug geschult. Der britische Luftwaffenchef Harvey Smyth sagte gegenüber «Business Insider» zu dem besonderen Trainingsprogramm: «Hier geht es darum, das Fundament zu legen, von dem aus sie weiter voranschreiten werden.»
Verschiedene Alternativen von Funk bis Sichtflug
Mike Vallillo vom US-Rüstungskonzern Honeywell erklärte zuletzt in der Zeitschrift «Flugrevue»: «Mittel zur alternativen Navigation sind aufgrund des Krieges in der Ukraine wichtiger geworden».
So gibt es mehrere Alternativen zum Navigationssystem GPS, wie etwa:
- Erdmagnetfeld: Der Kompass dient schon lange zur Orientierung. An High-Tech-Geräten wie Kampfjets pendelt keine Magnetnadel, vielmehr übernehmen spezielle Sensoren die Auswertung des irdischen Magnetfelds und geben so die Richtung an. Diese Daten liefern Piloten wichtige Hinweise, etwa beim Sichtflug in niedriger Höhe.
- Sichtflug: Dabei filmt eine Spezialkamera die Umgebung am Boden ab und vergleicht sie mit vorab vorliegenden Satellitendaten. So erhalten Piloten wichtige Hinweise über ihre genaue Position und können ihren Jet manövrieren.
- Funk: Um die Position eines Schiffes zu bestimmen, reichen drei Funkmasten, klassische Geometrie und ein bisschen Physik. Dann ergibt sich die Position ganz klassisch über die Entfernung zu Funksendemasten. Im System Ormobass wird ein entsprechendes Alternativmodell derzeit für Schiffe in der Ostsee entwickelt.
- Trägheitssysteme: Fällt das Signal nur kurz aus, werden Daten aus Lasersystemen an Bord des Jets ausgewertet. Mit den weiteren Daten wie Geschwindigkeit lässt sich so die genaue Position abschätzen. Zumindest für kurze Zeit.
- Star Tracker: So bezeichnen Luftfahrt-Experten spezielle Kameras, die den Stand der Sterne erfassen und so eine Orientierung im Raum bieten. Entwickelt wurde das System ursprünglich für ballistische Raketen.
Trainiert wird in Grossbritannien mit US-Kampfjets vom Typ F-16 Falcon. Die Ukraine nutzt die Flieger schon länger, Länder wie Dänemark und die Niederlande gaben Jets aus ihren Beständen ab.
Nach Angaben der britischen Luftwaffe haben bislang fünfzig ukrainische Kampfpiloten das Spezialprogramm durchlaufen. Ausbilder von der Royal Air Force bringen den ukrainischen Piloten bei, Flugrouten so zu planen, als wäre das GPS jederzeit weg. Die Piloten trainieren Starts im Verband, Tiefflugmanöver und simulierte Angriffe unter Bedingungen starker elektronischer Störung.
Die britischen Lehrkräfte sind dabei offenbar von der Entwicklung der ukrainischen Soldaten beeindruckt. Ein Ausbilder sagte «Business Insider»: «Der Unterschied, den man vom Anfang bis zum Ende des Kurses sehen kann, ist gewaltig.»
Verwendete Quellen:
- buisnessinsider.com: Ukraine's future F-16 fighter pilots are learning to fly without GPS
- flugrevue.de: Was tun gegen Jamming und Spoofing?
- sueddeutsche.de: Unser Problem ist in Moskau und nirgendwo anders
- bsh.de: Ormobass

