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Jean Philanthrope: die KI-Figur ist Abzocke – und Gift für Social Media

Löst die perfekte Mischung aus Hinsehen-Wollen und Nicht-wegsehen-Können aus: Jean Philanthrope.
Löst die perfekte Mischung aus Hinsehen-Wollen und Nicht-wegsehen-Können aus: Jean Philanthrope. Bild: Screenshot Instagram.
Analyse

Darum ist dieser Herr in deiner Timeline – und warum er Social Media für immer verändert

01.10.2026, 09:1001.10.2026, 11:46

Solltest du einen Instagram- oder TikTok-Account besitzen, ist die Chance beträchtlich, dass dir in den letzten paar Tagen ein blonder Franzose im feinen Zwirn mit exzentrischer Frisur in die Timeline gespült wurde. Sein Name ist Jean Philanthrope. Neben Schattenboxen, Nackentraining und Miesmuscheln mag er tadellose Kleidung – und er ist eine KI-Kreation.

Er ist eine von mittlerweile fast unendlich vielen KI-Kreationen. KI-Herren mit dümmlicher Haarpracht schiessen aktuell wie die Pilze aus dem Boden. Doch keiner ist so erfolgreich wie Jean. Sein Profil weist nur acht Videos auf. Damit häufte er innerhalb weniger Tage auf Instagram eine Fangemeinde von über 235'000 Followern an. Seine Haarpracht, wie sie wippt und wallt, hat zugegebenermassen etwas Hypnotisches. Seine acht Videos erzielten über 77 Millionen Views (Stand 30. September 2026, 23.43) – nur auf Instagram. Auf TikTok dürften es weit mehr sein.

Jeans Profil: Sämtliche Hinweise auf den Meme-Coin wurden mittlerweile gelöscht.
Jeans Profil: Sämtliche Hinweise auf den Meme-Coin wurden mittlerweile gelöscht.Bild: Screenshot Instagram

Natürlich wurde Jean nicht einfach nur aus Spass erfunden. Sein Profil bewarb einen Meme-Coin, der für kurze Zeit auf einen Wert von zehn Millionen Dollar stieg, dann aber den Weg aller Memecoins ging und über einen Ausverkauf, einen sogenannten Rugpull, direkt auf der noch immer rasant wachsenden Meme-Coin-Müllhalde landete. Irgendwo zwischen dem Hawk-Tua-, dem Melania- und dem Trump-Coin. All dies wurde vor wenigen Tagen aufgedeckt und der Link auf den Coin wurde entfernt.

Die Story ist damit aber längst noch nicht gegessen. Wer hinter dem Profil steckt, ist unbekannt. Genauso, wer den Memecoin ins Leben gerufen und dann gemolken hat. Doch der gute Jean hat eine Welle losgetreten. Dunkelhäutige Jeans, asiatische Jeans, Trump-Jeans … die Jeans, ihre hässlichen Cousins und deren Tanten überfluten die sogenannten sozialen Medien.

Sie tanzen, boxen, fitten und jeder Hobby-AI-Influencer erklärt dir ungefragt, wie auch du deinen Jean kreieren kannst. Auffällig, wie oft dabei vor allem ein KI-Video-Model erwähnt wird. Auffällig auch, dass parallel dazu in den letzten Tagen unzählige Hobby-AI-Influencer erklären, dass wir «gef****» sind, und dann per Fingerschnipser eine andere Erscheinung annehmen, die einer jungen Dame, eines älteren Herrn, oder eben, von Jean. Dies natürlich alles mit Hilfe einer KI.

Er schaffts ohne Fluchwörter und ohne Erwähnung des KI–Modells, zeigt aber, warum Social Media sich für immer verändern wird.

Ein Schelm, wer denkt, dass hinter der gesamten Kampagne der KI-Modell-Hersteller steckt. Ob es sich dabei um eine ausgeklügelte Marketingstrategie handelt, oder ob die Viralität dem KI-Modell-Hersteller einfach glücklich in die Hand spielt, spielt gar keine Rolle. Aber mit Jean ist der Wendepunkt erreicht.

KI-Videos dominieren schon länger: Nur noch 41 Prozent aller TikTok-Videos sind echt. Diese Quote wird schon bald in den Kommastellenbereich fallen. Wir nähern uns der Zeit, in der auch meine Schwiegermutter einen Jean hinzaubern kann, geschweige denn mehrere Onlyfans-Accounts verwalten kann. Das wird Folgen haben.

Ah, Hanspeter war mit Bello auf dem Matterhorn … wirklich? Oh, ich kann mir nicht vorstellen, dass das Meer bei Alanya wirklich so grün ist, wie Silvia das fotografierte. Nein, Peter hat im Krügerpark kein Einhorn geschossen. Er macht 100 Liegestütze hintereinander? Dass ich nicht lache. Die Riesenqualle: Fake, die junge Golferin, welche leichtbekleidet die Bälle in der Luft trifft? Alles Fake.

Die nicht kuratierten sozialen Medien wie TikTok, Instagram, Snapchat und Co. befinden sich im TGV ohne Zwischenhalt in Richtung Fantasyland. Wenn sie nicht die Notbremse ziehen, gelingt ihnen das Kunststück, Donald Trump in Sachen Unglaubwürdigkeit noch zu unterbieten. Natürlich werden immer noch viel zu viele Menschen den Humbug, den sie dort sehen, für echt halten – genauso wie sie dem US-Präsidenten trotz tausender nachgewiesener Lügen noch immer an den Lippen hängen.

Doch wer dessen Twitter-Klon besucht, weiss, was das Fantasyland für Auswirkungen hat. Zwischen den Ergüssen des Präsidenten gibt es Werbung für Ivermectin, das in der Tiermedizin verwendete Entwurmungsmittel. Es gibt Werbung für eine dubiose KI – und für den Tire-Hero, die smarte Luftpumpe, die jeder Autofahrer dabeihaben sollte. Nicht ein einziger seriöser Werbekunde weit und breit. Unglaubwürdigkeit und Vertrauensverlust sind Gift für jede Werbekampagne. Die Manager gewisser Schweizer Fussballstars singen ein Lied davon. Breel wird nie mehr von einer Plakatwand lachen. Auch Granit wird es schwer haben.

Kein Fake: Ivermectin-Werbung bei Trump.
Kein Fake: Ivermectin-Werbung bei Trump.Screenshot Truth Social

Nur noch die wenigsten Unternehmen werden in Imaginarygram Werbung schalten wollen. Dasselbe gilt für Fictionalbook und Faketok. Die Grundhaltung «Hier ist eh nichts echt» meiden Werbetreibende wie der Teufel das Weihwasser. Es ist das falsche Umfeld. Unkuratierte Social-Media-Seiten werden Werbekunden verlieren. En masse.

Auch KI (die Musik) – aber leider gut: Der Stellwerkstörungssong mit leichtem spanischem Einfluss

Video: watson/Michael Shepherd, Patrick Toggweiler

Natürlich werden die sozialen Medien nicht aussterben. Meta und Co. werden KI-Filter einbauen, die trotzdem umgangen werden können, sie werden sich wehren, Glaubwürdigkeits-Tags vergeben, vermeintlich gesichert reale Inhalte mit einer höheren Entlöhnung belohnen usw. Sie werden kämpfen. Unbeschadet werden sie aber nicht davonkommen. Die Wildwest-Zeiten, so, wie wir sie heute kennen, sind vorbei, auch dank Jean Philanthrope. Vielleicht wird er seinem Namen ja doch noch gerecht.

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