Digitaler Seitensprung? Warum viele Nutzer von KI-Partnern eine reale Beziehung führen
Wer an Menschen denkt, die romantische Beziehungen mit Algorithmen pflegen, hat wohl rasch ein Klischee vor Augen: der nerdige Einzelgänger, der mangels sozialer Kompetenz in der Dunkelheit seines Jugendzimmers mit einer Software flirtet. Ein digitales Trostpflaster für die Abgehängten der Partnerbörsen.
Eine aktuelle Untersuchung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) zeichnet nun aber ein ganz anderes Bild. Die Forschenden werteten die Daten von 183 Nutzern (63 Prozent Männer und 37 Prozent Frauen) virtueller Partnerschaften aus Deutschland und der Schweiz aus – im Vergleich zu über 1800 Nicht-Nutzern. Das überraschende Ergebnis: Rund die Hälfte aller, die sich emotionale oder erotische Zuwendung von künstlicher Intelligenz holen, steckt obendrein noch in einer echten Partnerschaft.
Co-Autorin dieser Studie ist Désirée Popelka. Die Evolutionspsychologin vermutet, dass es zwei grundlegend verschiedene Nutzerprofile bei digitalen Partnerschaften gibt. Auf der einen Seite stehen tatsächlich einsame Menschen, die jemanden für den sozialen Austausch suchen. Auf der anderen Seite finden sich gemäss Popelka jene, die fest gebunden sind und über den Algorithmus zusätzliche Bedürfnisse oder Fantasien ausleben. Während der einsame Typ durch den KI-Kontakt am Ende oft noch einsamer wird, wie eine Untersuchung des Massachusetts Institute of Technology (MIT) nahelegt, nutzen die anderen das System gezielt für Abwechslung.
Wie die Studie aus Lausanne nun herausarbeitet, zeigt diese zweite Gruppe übereinstimmende Persönlichkeitsmerkmale: Eine geringere Gewissenhaftigkeit geht mit narzisstischen Zügen und einem Hang zu häufigen Partnerwechseln einher. Aus evolutionspsychologischer Sicht handelt es sich um Menschen, die sich schwerer mit monogamen Langzeitkonzepten arrangieren können und sich eher kurzfristig einlassen.
Eine KI-Freundin ist nicht genug
Was hat das für gesellschaftliche Konsequenzen? Die Frage hat an Bedeutung gewonnen, denn die Nutzung digitaler Liebesdienste nimmt stetig zu. In den USA hat sie längst die breite Masse erreicht, wo ein Drittel der jungen Männer und ein Viertel der jungen Frauen Erfahrungen mit KI-Partnern gesammelt haben. Laut einer Untersuchung des Institute for Family Studies unterhält rund jeder zehnte Anwender Kontakte zu mehreren Bots gleichzeitig.
Dass die künstliche Gefährtin oder der künstliche Gefährte narzisstische Tendenzen bedient, liegt offenkundig am affirmativen Charakter der KI-Anwendungen. Das digitale Gegenüber widerspricht nie, bekundet ununterbrochen Bewunderung, gibt dem Anwender in allem recht. Man spricht von Sykophantie – dem wissenschaftlichen Synonym für KI-typische Anbiederung.
Wer sich bereits in jungen Jahren an das konfliktfreie Ideal gewöhnt, würde womöglich verzerrte Erwartungen entwickeln, warnt Popelka. «Der virtuelle Partner ist immer gut gelaunt, hört immer zu, findet dich immer toll und ist immer bereit zu allem, wozu du bereit bist. Daran kann man sich gewöhnen, was eine echte Beziehung mit all ihren Fehlern dann unattraktiver macht.» Die ständige digitale Validierung birgt zudem ein beträchtliches Suchtpotenzial, das am Ende eher zu Frustration im analogen Leben führt.
Zählt die digitale Untreue – oder zählt sie nicht?
Besonders brisant wird es, wenn die KI-Beziehung im Verborgenen stattfindet. Viele Nutzer behandeln die Interaktion wie ein privates Tagebuch für ihre intimsten Gedanken. Bisher gebe es keine systematische Untersuchung dazu, wie die virtuellen Beziehungen die echten beeinflussten, sagt Popelka. Nur anekdotische Hinweise aus Eheberaterpraxen: Die realen Partner verspüren Eifersucht, wenn sie über die KI-Beziehung ihrer Freundin oder ihres Freundes erfahren. So, als würden sie konventionell und real betrogen werden.
Popelka plant deshalb eine Folgestudie, um zu erforschen, ob KI-Beziehungen gesellschaftlich als Untreue gewertet werden. Menschen, die zur Untreue neigen würden, biete KI eventuell einen Ausweg respektive eine Alternative, die weniger «schlimm» oder weniger mit Konsequenzen verbunden scheine, sagt Popelka. Eventuell fühle sich der «Betrüger» besser, weil der Verrat nicht mit einer realen Person passiere. Die Forscherin fragt sich jedoch: «Aber ist es wirklich weniger schlimm? Das wissen wir nicht.» Darum will sie für die Folgestudie mit Partnerinnen und Partnern der Nutzer sprechen. (schweizheute.ch)
