Die Jagd auf KI-Texte: Warum Nobelpreisträger, Autoren und Journalisten zittern
2011 musste der deutsche Minister Theodor zu Guttenberg zurücktreten, weil er in seiner Doktorarbeit abgeschrieben hatte. Danach wurde die Jagd auf Plagiate zu einer Art Internet-Volkssport. Diverse Politiker, Amtsträger und auch Journalisten verloren ihre Anstellung.
Ja, es gibt Indizien. Gewisse Wörter, so haben Nerds herausgefunden, werden von der KI häufiger genutzt. Mittlerweile trifft das nicht mehr zu, weil sich die KI angepasst hat. Verräterisch waren auch mal Gedankenstriche. Die KI nutzt sie häufiger als Menschen. Und sie liebt die sogenannte rhetorische Dreierfigur, dass also bei Aufzählungen immer drei Dinge genannt werden – etwa Wissenschafterinnen, Journalisten, Politikerinnen. Doch welcher begnadete menschliche Schreiber liebt sie nicht auch?
Aber es ist längst nicht der einzige mithilfe von KI generierte Text, der in den letzten Wochen für Schlagzeilen gesorgt hat. Im März geriet eine Journalistin der «New York Times» in die Kritik, weil sie zum Schreiben einer Kolumne auf die Hilfe von KI zurückgegriffen hatte. Zwei Monate zuvor wurde die Zusammenarbeit mit einem freien Mitarbeiter beendet, weil er künstliche Intelligenz verwendet hatte, um eine Buchkritik zu schreiben. Die Redaktion reagierte und untersagte freien Mitarbeitern die Nutzung von KI-Tools gänzlich. Sie ist nicht einmal zum Verbessern und Korrigieren erlaubt.
KI-Texte sind in kurzer Zeit zu einer grossen Herausforderung geworden. Wie damit umgehen? Wie viel KI ist erlaubt? Und: Wie erkennt man KI-Texte überhaupt?
Die Nobelpreisträgerin schwärmte für die KI
Fest steht: Wer KI nutzt, um Texte zu generieren, steht rasch als Blender da oder gar als Betrüger. Das musste kürzlich auch die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk erfahren. Sie schwärmte von den Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz und dass sie sie regelmässig nutze. Sie nenne sie sogar «mein Liebling». Die Literaturgemeinde war not amused.
Tokarczuk fühlte sich veranlasst, ihre Aussage im Nachhinein zu präzisieren. Sie nutze KI nur zum Recherchieren, nicht aber zum Schreiben. Jeder ihrer Sätze sei von ihr selbst geschrieben. Dennoch dürfte ihr nächster Roman nun von vielen mit anderen Augen gelesen werden, mit KI-Argusaugen. Klingt dieser Abschnitt nicht ein wenig zu glatt? Stammt dieser Abschnitt nicht von ChatGPT?
Die Nutzung von KI, so zeigen die Beispiele, birgt ein Risiko. Man kann sein Ansehen verlieren – und sogar seinen Job.
ChatGPT, Claude und Co. werden von Millionen von Schreibtischtätern genutzt: Wissenschaftlerinnen, Journalisten, Politikerinnen. Wer Zeit sparen will, lässt immer öfter für sich schreiben. Nun zeigen sich die ersten Konsequenzen. Ist der KI-Text das neue Plagiat?
2011 musste der deutsche Minister Theodor zu Guttenberg zurücktreten, weil er in seiner Doktorarbeit abgeschrieben hatte. Danach wurde die Jagd auf Plagiate zu einer Art Internet-Volkssport. Diverse Politiker, Amtsträger und auch Journalisten verloren ihre Anstellung.
Damals wurden massenweise Texte eingescannt und durch Plagiatssoftware gejagt, um Täter zu überführen. Heute werden Texte mittels KI-Detektoren überprüft. So auch die eingangs erwähnte Kurzgeschichte von Jamir Nazir. Dass verschiedene KI-Detektoren massiv ausschlugen, war der Grund, dass der Autor unter Rechtfertigungszwang geriet. Auf Social Media wurden zum Beweis die Screenshots gepostet: 100 Prozent KI-generiert. Oder 99 Prozent KI-generiert.
Wie zuverlässig sind KI-Detektoren?
Doch wie zuverlässig sind solche Detektoren? «Überhaupt nicht», sagt Deborah Weber-Wulff. Die deutsche Informatik-Professorin hat KI-Detektoren für eine Studie untersucht und hat einen einfachen Rat: Nutzt sie nicht! «Es handelt sich bloss um eine Maschine, die irgendwie gewürfelt hat und darauf irgendeinen Wert ausspuckt», erklärt sie. Einen Beweis könne sie nicht liefern, nur eine Vermutung.
Ihre Untersuchungen haben ergeben, dass sie nicht nur KI-Texte als menschlich erkennt, sondern auch menschliche Texte als KI-generiert einstuft, also falsche Positive erzeugt. Damit seien die Programme unbrauchbar.
OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, hatte anfänglich einen eigenen Detektor, zog diesen aber zurück, weil er nicht zuverlässig war. Sogar die US-Verfassung wurde als KI-generiert eingestuft. Mittlerweile ist das bei bekannten Detektoren wie GTPZero oder TextGuard nicht mehr der Fall.
Wenn die KI Fortschritte macht, so kann es nicht überraschen, dass auch die Detektoren immer besser werden. Könnten sie eines Tages doch zuverlässig sein? Könnten KI-Nutzer in eine ähnliche Falle tappen wie die überführten Plagiatoren, die ihre Doktorarbeiten vor dem Internetzeitalter verfasst haben? Aufgeflogen sind sie erst, nachdem die Bücher aus den Bibliotheken, aus denen sie abgeschrieben haben, digitalisiert wurden.
Für Weber-Wulff hinkt der Vergleich: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass die KI-Detektoren einmal zuverlässig werden», sagt die Informatikerin. Das liegt an der Funktionsweise der generativen KI. Plagiate lassen sich schwarz auf weiss nachweisen: Es gibt zwei Texte, die sind nahezu identisch. Jener, der zuerst geschrieben wurde, ist das Original, der andere das Plagiat.
So einfach lassen sich Texte von ChatGPT und Co. nicht entlarven, schliesslich schreiben sie nicht ab, sondern selbst. Auch wenn sie dabei berechnender vorgehen als wir, ist dem Text das im Endergebnis nicht anzusehen. Schliesslich ist er – wie menschliche Texte auch – eine sinnvolle und regelkonforme Aneinanderreihung von Buchstaben, Wörtern und Sätzen.
KI und Mensch: Wir sind uns schreibend ähnlich
Ja, es gibt Indizien. Gewisse Wörter, so haben Nerds herausgefunden, werden von der KI häufiger genutzt. Mittlerweile trifft das nicht mehr zu, weil sich die KI angepasst hat. Verräterisch waren auch mal Gedankenstriche. Die KI nutzt sie häufiger als Menschen. Und sie liebt die sogenannte rhetorische Dreierfigur, dass also bei Aufzählungen immer drei Dinge genannt werden – etwa Wissenschafterinnen, Journalisten, Politikerinnen. Doch welcher begnadete menschliche Schreiber liebt sie nicht auch?
Die KI ist uns – zumindest beim Schreiben – ähnlicher, als wir wahrhaben wollen. Es fragt sich allerdings, warum es überhaupt so schlimm sein soll, wenn wir die KI an unseren Texten mitschreiben lassen. Anders als ein Plagiat ist die Nutzung von KI nicht etwa eine Urheberrechtsverletzung.
Philip Kübler ist Rechtsanwalt und Chef der Verwertungsgesellschaft ProLitteris. Er sagt: «Solange die menschliche Kreativität in KI-generierten Texten prägend bleibt, gibt es daran Urheberrechte. Das Gesetz verlangt eine geistige Schöpfung mit individuellem Charakter.» Will heissen, man kann die Texte als seine eigenen ausgeben und sie zur Vergütung bei ProLitteris anmelden.
Auch eine Serie von Prompts gälte in diesem Sinne also als kreative Leistung. Anders ist es, wenn die KI beispielsweise dafür genutzt wird, in kurzen Bulletpoints zusammenzufassen, wenn also keine menschliche kreative Leistung hinzukommt. Diese Texte dürfen bei ProLitteris auch nicht zur Vergütung eingereicht werden.
Der nächste Gottfried Benn nutzt KI
Dennoch wird die Messlatte – das zeigen die Beispiele – oft viel höher angesetzt. Natürlich steht es jedem Medium frei, ihren Journalisten die Nutzung von KI zu verbieten. Die Frage ist nur: Warum die Vorteile nicht zum Positiven nutzen? Bei CH Media dürfen die Journalisten KI-Tools wie ChatGPT verwenden, um ihre eigenen Texte zu verbessern und zu korrigieren.
Dass vielerorts und gerade im Literaturbetrieb die KI dämonisiert wird, könnte an einer falschen Vorstellung von künstlicher Intelligenz liegen, die in weiten Teilen der Bevölkerung vorherrscht.
Die KI wird oft als eine eigene Entität gesehen, die eigenmächtig handelt oder aber zumindest die Wünsche der Menschen komplett erfüllt. Doch wer den Prompt eingibt: «Schreib mir einen Bestseller im Stile von ‹Harry Potter›», der wird mit einer Aneinanderreihung von Gemeinplätzen abgespeist.
Wer KI zu schreiberischen Zwecken nutzt, erkennt bald, dass es sich ganz anders verhält. Man fragt nicht nach dem nächsten Bestseller, sondern nach einer besseren Metapher, nach einer schöneren Formulierung, nach einem eleganteren Übergang – und erhält eine Fülle von Vorschlägen, viele unbrauchbar, doch der eine oder andere passt so ganz gut. Man passt ihn an und übernimmt ihn.
Die KI ist dann keine Schreibmaschine, sondern ein Lektor. Und Lektoren gibt es ja schon lange. Sie verbessern sogar die Texte von Nobelpreisträgern. Was also unterscheidet die KI von einem menschlichen Lektor?
Oder grösser gesprochen: Es geht nicht um den Kampf zwischen Mensch und Maschine, sondern um eine Zusammenarbeit. So bringt das der Philosoph Markus Gabriel in einem Interview auf den Punkt: «Das, was wir künstliche Intelligenz nennen, entsteht im Austausch zwischen Mensch und Maschine.» Ohne den Menschen gibt es auch keine KI.
Doch mit der KI könnten mehr menschliche Errungenschaften erzielt werden. Auch literarische. «Dichten», so Gabriel, «ist nun das, was entsteht, wenn der nächste Gottfried Benn oder der nächste Paul Celan mit ChatGPT interagiert.» Und in Zukunft wird wohl mal eine neue Nobelpreisträgerin gekrönt, die sich nicht mehr für ihre Beziehung mit der künstlichen Intelligenz verteidigen muss. Sondern sie ohne Umschweif «Mein Lektor, mein Liebling» nennt. (aargauerzeitung.ch)
