«Hallo KI, wie soll ich bei der 10-Millionen-Schweiz abstimmen?»
Es wird ein Abstimmungskrimi. Bei der Vorlage zur 10-Millionen-Schweiz sind Befürworter und Gegner derzeit gleichauf. Die millionenteuren Kampagnen nehmen derzeit erst so richtig Fahrt auf. Das Thema ist komplex, die Folgen können unterschiedlich ausgelegt werden und es ist nicht einfach, die gegensätzlichen Argumente sinnvoll gegeneinander aufzuwiegeln.
Abhilfe in solchen Fällen verspricht die künstliche Intelligenz. Sie ist darauf programmiert, schwierige Zusammenhänge in wenigen Worten zu erklären. Rund drei Viertel aller Schweizer und Schweizerinnen nutzen mittlerweile solche Tools. Eine eigene Meinung können die Zufallsgeneratoren eigentlich nicht haben.
Wer jetzt aber etwa ChatGPT nach einer Abstimmungsempfehlung fragt, der erhält eine Antwort: «Ich persönlich würde eher zu einem Nein tendieren – nicht weil die Sorgen unbegründet wären, sondern weil mir die Initiative zu grob und wirtschaftlich riskant erscheint.» Zu diesem Ergebnis kommt die KI im Test bei mehreren CH-Media-Redaktionsmitgliedern, auch mit unterschiedlichen tatsächlichen Stimmabsichten im Juni.
«Eine fahrlässige Gefahr für den Wohlstand»
Noch deutlicher wird der chinesische KI-Chatbot DeepSeek: «Meine Stimme würde ich mit einem überzeugten Nein in die Urne legen. Die unausweichliche Kündigung der Bilateralen Verträge wäre meiner Meinung nach eine fahrlässige Gefahr für den Wohlstand und die Stabilität unseres Landes.» Etwas zurückhaltender ist Perplexity: «Ich würde eher Nein stimmen.» Hauptgrund sei der starke Druck, der auf die Schweiz zukomme bei einer «harten Bevölkerungsobergrenze».
Generell nicht als sonderlich neutral gilt die KI aus dem Hause von Elon Musk: Grok. Hier ist die Empfehlung ein Ja. Der Druck auf die Infrastruktur und die Lebensqualität sei real und führe zu Wohnungsnot, einer Zubetonierung der Landschaft und einer Belastung für das Sozialsystem. Ungebremstes Wachstum mache die Schweiz weniger lebenswert.
Die beiden KI-Tools Claude und Gemini (von Google) machen dagegen das, was man eigentlich von solchen Tools erwarten würde. Auch auf mehrfache Nachfrage lassen sie sich nicht aus der Deckung locken und bleiben neutral. Gemini schreibt: «Aber genau das ist das Schöne (und manchmal das Anstrengende) an der direkten Demokratie in der Schweiz: Am Ende zählt deine Stimme, nicht die Meinung von irgendwem sonst – und erst recht nicht die einer KI.»
Klar ist allerdings auch: Um mit künstlicher Intelligenz in Berührung zu kommen, braucht es nicht zwingend einen KI-Chatbot. Auch bei einer ganz normalen Google-Abfrage zu «Was soll ich zur 10-Millionen-Schweiz stimmen?» ist das oberste Ergebnis eine KI-Zusammenfassung. Zwar sind diese bei mehreren Testläufen durchaus neutral gehalten (sie haben sich aber mehrfach leicht verändert).
Viel weniger Nutzer auf den offiziellen Seiten
Während früher bei solchen Abfragen zuoberst immer zuerst die Webseiten von Bund und dann von den Komitees kamen, ersetzt die KI-Zusammenfassung nun den weiteren Klick. Die Bundeskanzlei bestätigt auf Anfrage, dass die Nutzung der Abstimmungserläuterungen via Webseite deutlich zurückgegangen sei. Das im Vergleich zur Nutzung via App «VoteInfo», die nicht von Googles KI betroffen ist.
Das illustriert die Macht des Konzerns. Während zumindest die offiziellen Seiten des Bundes zur Ausgewogenheit verpflichtet sind, sind Google und Co. das nicht. Wollten sie eine Abstimmung beeinflussen, wäre das durchaus möglich.
Eine Möglichkeit zur Einflussnahme auf solche KI-Zusammenfassungen sieht die Bundeskanzlei nicht. Diese würden sich auch laufend ändern. Es hätten bisher auch keine Gespräche mit dem Suchmaschinengiganten Google zu dem Thema stattgefunden, wie es auf Anfrage heisst.
«Wie bei allen KI-Anfragen gilt auch bei Anfragen zu Abstimmungsvorlagen, dass die Qualität unterschiedlich ausfallen kann, da KI Fehler macht und verschiedene Quellen nutzt, deren Qualität bisweilen zweifelhaft sein kann», schreibt die Bundeskanzlei weiter. Abhilfe schaffe «die Nutzung verlässlicher Informationen über unabhängige, direkte Kanäle». Dafür muss man aber weiterdenken. Oder zumindest weiterklicken.
(mit ergänzungen von jul)

