Will Putin den Dritten Weltkrieg?
Erstmals hat Wladimir Putin zugegeben, dass die Drohnenangriffe der Ukrainer auf sein Land Wirkung zeigen. «Diese Schläge auf unsere Infrastruktur verschaffen uns Probleme, das ist offensichtlich», erklärte der russische Präsident am Sonntag in einem TV-Interview. Dass täglich Ölraffinerien, Waffenfabriken, Brücken und Militärlastwagen in die Luft fliegen, kann selbst die raffinierte Propaganda des Kremls nicht mehr länger leugnen.
Vor allem auf der Krim hat sich die Lage für die Russen dramatisch verschlechtert. Das ist militärisch und psychologisch schwer zu verkraften. Militärisch, weil die Halbinsel gewissermassen ein riesiger Flugzeugträger ist, von dem die russischen Invasionstruppen ihre Angriffe starten. Psychologisch, weil die völkerrechtswidrige Besetzung der Krim der russischen Seele sehr viel bedeutet.
Weil Elon Musk die Starlink-Verbindungen für die russischen Truppen gekappt hat, schlägt das Pendel seit Monaten wieder zugunsten der Ukraine aus. Ein Stimmungswandel ist spürbar, und zwar bis nach Washington. Präsident Trumps Liebe zu Putin scheint abzukühlen, und im amerikanischen Kongress spricht man wieder über neue Hilfsgelder für die Ukraine.
Martin Sandbu hält daher in der «Financial Times» fest: «Dieser Stimmungswandel hat sein Gegenstück auf dem Schlachtfeld, wo sich die Dinge zugunsten der Ukraine zu entwickeln scheinen. Für die Freunde von Kiew ermöglicht dies, die Balance noch weiter zu verschieben – indem man die Ukraine noch stärker unterstützt und damit die Optionen der Russen, Krieg zu führen, noch weiter einschränkt.»
Genau dieses Szenario löst im Putin-Lager geradezu hysterische Reaktionen aus. Roger Köppel, sein Chef-Propagandist in Zürich, ist seit Tagen selbst für seine Begriffe ausser Rand und Band und beschwört den Dritten Weltkrieg herauf. Der arme, unverstandene Putin, so Köppel, könne bald nicht mehr anders, als den Westen frontal anzugreifen. «Geniesst den Sommer», so Köppel, «es wird vielleicht der letzte im Frieden sein.»
Köppels Warnung ist ein Plagiat. Vor Jahresfrist hat sie bereits ein gewisser Sönke Neitzel ausgesprochen, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Anders als Köppel weiss Neitzel, wovon er spricht; er ist Deutschlands führender Militärhistoriker. Zudem spielt er im Team Ukraine. Seine Warnung sollte dazu dienen, den Westen aufzuschrecken und die Hilfe an Kiew aufzustocken.
Weil dies mittlerweile geschehen ist – nach der Abwahl von Viktor Orban konnte die EU endlich auch ihren 90-Milliarden-Euro-Hilfskredit an die Ukraine verabschieden –, ist der Ton des Militärhistorikers moderater geworden. In einem sehr aufschlussreichen Interview mit dem «spiegel TV» präzisiert Neitzel jetzt, dass Putin nicht den Westen mit Panzerdivisionen überrollen, sondern mit gezielten Nadelstichen, etwa mit einem beschränkten Angriff auf einen baltischen Staat, die Bündnistreue der Nato testen wolle.
Ob Putin überhaupt die Option hat, den Westen anzugreifen, ist umstritten. Die Tatsache, dass es der russischen Armee in fünf Jahren nicht gelungen ist, die Ukraine niederzuringen, wird von vermeintlichen Experten als Beweis dafür angeführt, dass Deutschland rein gar nichts zu befürchten habe und deshalb das viele Geld, das jetzt für die Aufrüstung ausgegeben wird, besser in den Sozialstaat und den ökologischen Umbau der Gesellschaft investieren sollte.
Richard Precht ist ein führender Vertreter dieser These. Ihm hält Neitzel entgegen, dass er als Philosoph wohl zu allem eine Meinung, aber von militärischen Dingen keine Ahnung habe, weshalb er besser den Mund halten und das Feld den Experten überlassen sollte. Ein solcher Experte ist beispielsweise Michael Kofman, Senior Fellow am Carnegie Endowment for International Peace. Im Magazin «Foreign Affairs» kommt er zu einer ähnlichen Beurteilung wie Neitzel. Kofman schreibt:
Wie Neitzel warnt auch Kofman vor einer undifferenzierten Beschwörung eines Dritten Weltkrieges: «Einem beschränkten russischen Angriff auf einen baltischen Staat muss völlig anders begegnet werden als einer Invasion von Polen.»
Die Tatsache, dass schätzungsweise 400'000 russische Soldaten in der Ukraine getötet und gegen 800'000 verwundet wurden, heisst nicht, dass Putin die Männer ausgehen. Im Gegenteil, so Kofman, der Bestand der russischen Armee ist von 850'000 auf mittlerweile 1,3 Millionen Soldaten angestiegen. Auch die immensen Verluste an Militärgerät scheinen kompensiert worden zu sein. «Heute hat die russische Armee wahrscheinlich gleich viele, ja vielleicht sogar mehr gepanzerte Fahrzeuge, inklusive Panzer, als vor dem Krieg», so Kofman.
Drohnen haben den Krieg grundsätzlich verändert. Anders als die Nato musste sich die russische Armee diesen Veränderungen anpassen. Gerade das könnte sich als ein Vorteil erweisen. «Trotz der insgesamt schlechten Performance gegen die ukrainischen Streitkräfte stellt die russische Armee 2026 eine anders geartete Bedrohung für die Nato dar, als dies 2022 der Fall war», stellt Kofman fest.
Selbst wenn ein Dritter Weltkrieg im Sinne eines frontalen Angriffs auf den Westen oder gar ein Atomkrieg unwahrscheinlich sind, bleibt die russische Gefahr. Das gilt auch dann, wenn das eintreten sollte, was wir alle wünschen. «Auch wenn die Ukraine mit westlicher Hilfe Russland besiegt, sollten Washington und seine Nato-Verbündeten die künftige militärische Bedrohung aus Russland nicht unterschätzen und die Investitionen in die Aufrüstung vernachlässigen», warnt Kofman.
Dieser Warnung schliesst sich auch der deutsche Sicherheitsexperte Hendrik Remmel an. In einem Interview mit watson hat er kürzlich erklärt: «Der Systemkonflikt mit dem demokratischen Westen, dem sich die Russische Föderation nahezu zur Gänze verschrieben hat, endet erst, wenn es zu einem fundamentalen politischen und kulturellen Wandel innerhalb der Russischen Föderation kommt.»
