«Russland blutet aus einer offenen Arterie» – und genau darin liegt die Gefahr
Am Haupttor gibt’s zuerst einen Anschiss durch den Wachkommandanten: Hier dürfe man nicht einfach reinspazieren, wird dem unbedarften Schweizer Journalisten – wohl zu Recht – beschieden. Die idyllisch im Hamburger Villenviertel Blankenese gelegene Bundeswehr-Führungsakademie beherbergt das German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS), den Think-Tank des deutschen Militärs und Ziel dieser Recherche-Reise.
Nachdem der Wachkommandant endlich von der Ordnungsmässigkeit überzeugt werden konnte, ist der Empfang durch Hendrik Remmel und seinen Pressechef umso freundlicher. Der jugendlich wirkende Historiker und Panzergrenadier-Hauptmann ist einer der meistgefragten GIDS-Analysten. Remmel wird unter anderem vom ZDF regelmässig um seine Einschätzung zu den aktuellen Konfliktherden gebeten. Das anschliessende, über einstündige Gespräch mit «Schweiz heute» ist ein Augenöffner.
Im Iran-Krieg zeichnet sich trotz aller Schwierigkeiten ein Friedensabkommen ab. Wie sieht die Bilanz dieses Konflikts aus?
Hendrik Remmel: Es ist Konsens, dass der Iran-Krieg ein riesiger strategischer Fehler der USA war. Donald Trump dürfte mittlerweile begriffen haben, dass das bisherige Kalkül der US-amerikanischen Hegemonie nicht mehr aufgeht. Die Zeiten, in denen die USA einzig durch ihre Handlungsmacht Kriege beenden oder verhindern konnten, sind vorbei. Die militärischen, politischen und wirtschaftlichen Kosten sind enorm. All das hat Auswirkungen auf den Ukraine-Krieg.
Welche?
Die Fehlentscheidung der USA, den Iran anzugreifen, bezahlt das ukrainische Volk mit seinem Blut, das muss man in dieser Deutlichkeit sagen. Es wird dauern, bis der Vorrat an Patriot-Flugabwehrraketen wieder aufgefüllt ist, der in Nahost verbraucht wurde. Gleichzeitig hat nicht nur die Ukraine einen strategischen Nachteil durch den Iran-Krieg davongetragen, sondern auch Russland.
Wie das?
Trump hat gemerkt, dass es keine einfache Lösung für die Ukraine gibt. Deshalb haben sich die USA weitgehend von den diplomatischen Friedensbemühungen zurückgezogen. Russland verliert dadurch die Position als vermeintliche Grossmacht, die zusammen mit den USA über das Schicksal der Ukraine verhandelt. Die Amerikaner sagen, der Ukraine-Krieg interessiert uns nicht mehr, die Europäer sollen das allein lösen. Doch mit den europäischen Mittelmächten zu verhandeln, ist genau das, was Putin nicht will. Putin sieht sich auf einem Level mit China und den USA. In dem Moment aber, in dem die Amerikaner ihren diplomatischen Schwerpunkt weg vom Krieg in der Ukraine verlegt haben, haben sie Russland diplomatisch wieder zur Mittelmacht degradiert. Selbst wenn der Iran-Krieg jetzt endet, ist er für die Ukrainer militärisch und für die Russen diplomatisch ein schwerer Schlag.
Wenn Sie die heutige Situation im Ukraine-Krieg mit jener vor einem Jahr vergleichen, was sind die auffälligsten Unterschiede?
Dass Russland die strategische Initiative verloren hat. Im Jahr 2025 war Russland mit seinem Abnutzungskalkül noch wesentlich erfolgreicher als heute. Militärisch und ökonomisch stand Russland nicht derart stark unter Druck und hatte ein diplomatisches Momentum durch Washington, das die russische Vorstellung zur Beendigung des Krieges weitestgehend übernommen hatte. In den drei klassischen Säulen der Macht – Diplomatie, Wirtschaft und Militär – war Russland weitestgehend erfolgreich. Heute stellt sich das in allen drei Dimensionen anders dar. So verliert Russland im Moment mehr Soldaten, als es rekrutieren kann, hat wirtschaftliche Probleme und wirkt innen- wie aussenpolitisch geschwächt.
Russland könnte mobilisieren, wenn es den Krieg weiter so durchziehen will.
Genau das ist die entscheidende Prämisse: «Wenn Russland so weitermachen will wie bisher.» Hier liegt eine analytische Unschärfe in manchen Ableitungen, die aus der gegenwärtigen Kriegsdynamik gezogen werden. Die Annahme, dass Russland genau so weitermachen will oder muss wie bisher, ist falsch. Dementsprechend ist auch die Annahme, Russland könne mangels Alternativen schon bald zu einem nachhaltigen Friedensschluss bereit sein, ein Irrglaube. Die russischen Streitkräfte haben eine sehr hohe Adaptionsfähigkeit bewiesen in den vier Jahren des Krieges. Sie haben sich mehrfach doktrinär angepasst. Sie haben zwar nicht alles über den Haufen geworfen, aber sie haben sich den Bedingungen so angepasst, dass sie erfolgreich waren.
Und jetzt?
Jetzt haben die Russen die strategische Initiative verloren; nicht nur militärisch, sondern, und das ist die Besonderheit, auch wirtschaftlich und diplomatisch. Das bedeutet aber nicht, dass die Russen diesen Krieg fortführen müssen wie bisher, mit Frontalangriffen, Infiltrationsansätzen auf der taktischen Ebene, hohen Feuerraten samt Inkaufnahme sehr hoher Verluste.
Sondern?
Die Russen können diesen Krieg in niedriger Intensität noch wesentlich länger führen. Indem sie einfach sagen: Wir bleiben jetzt genau dort stehen, wo wir sind, wir graben uns ein, wir brauchen nur noch einen Bruchteil der Soldaten und der militärischen Mittel, um den Raum zu halten, den wir eingenommen haben.
Aber das steht im Gegensatz zu Putins Aussagen, der ganze Donbass müsse erobert werden. Da werden immer neue Termine genannt.
Ja, das ist jetzt das strategische Dilemma, in das sich Putin mit seiner öffentlichen Kommunikation hineinmanövriert hat. Er braucht einen Sieg, sei er noch so klein. Er muss etwas innenpolitisch verkaufen können. Und genau diesen Sieg wollen ihm die Ukrainer nicht geben, weil sie es nicht müssen. Sie sind militärisch derzeit in der Position, den Donbass noch lange halten zu können.
Wie wirkt sich das auf Putins Zielsetzungen aus?
Der übergeordnete Zweck seines Angriffskriegs bleibt die Rückkehr zum Grossmachtstatus Russlands, des russischen Reiches, in einer nationalrussischen Tradition. Die dafür zu erreichenden Ziele in der Ukraine sind immer wieder adaptiert worden: vom Enthauptungsschlag bis zum grossen Abnutzungskrieg. Und jetzt muss sich die russische politische Führung und vor allem Putin überlegen, wie er weitermacht. Die strategischen Mittel dafür schmelzen zusammen, in der Diplomatie, in der Wirtschaft, militärisch.
Was bleibt den Russen somit?
Derzeit ist der einzige Hebel, den die Russen noch haben, das Terrorisieren der ukrainischen Bevölkerung mit weitreichenden Waffen. Das funktioniert immer besser, weil den Ukrainern die entsprechenden Flugabwehrraketen ausgehen. Deswegen stellen wir auch erhöhte Produktionsraten russischer Raketentypen wie Iskander-M und Kinshal fest. Aber im Grunde ist eine solche Kampagne ein Zeichen der militärischen Schwäche. Die Zeit spielt für die Ukraine – unter der Prämisse, dass die Russen keine neue Lösung finden. Aber ich bin mir sicher: Die Russen suchen derzeit fieberhaft nach einer Lösung, durch die das jetzige Momentum nicht gänzlich in Richtung der Ukraine kippt.
Was könnte so eine Lösung für Putin sein?
In einem so komplexen, festgefahrenen Krieg, in dem es eigentlich kaum noch Überraschungen gibt, existiert keine militärische «Silver Bullet». Bildlich gesprochen befinden sich die Russen jetzt in einer militärischen Phase, in der sie ein Patient sind, der an einer offenen Arterie verblutet. Im Süden bedrohen die Ukrainer die russische Dominanz auf der Krim. Und die Russen suchen gerade nach einer Möglichkeit, diese offene Arterie abzubinden.
Demnach geht es um einen Strategiewechsel Russlands?
Putin und sein Präsidialbüro mussten in den vergangenen drei Jahren keine strategischen Entscheidungen treffen, weil mehr oder weniger alles nach ihren Vorstellungen lief. Sie bekamen zwar nicht den erhofften schnellen Sieg, aber behielten die strategische Initiative und erzielten laufend Fortschritte. Jetzt müssen sie nach Möglichkeiten suchen, diese Initiative mit technischen, doktrinären, wirtschaftlichen und diplomatischen Mitteln zurückzugewinnen.
Sehen wir momentan vielleicht doch den Wendepunkt, an dem Russland erkennt, dass dieser Krieg aufhören muss?
Kriege sind zu komplex und multifaktoriell, um sie kausal fortschreiben zu können. Im Krieg kann alles und nichts passieren. Vorhersagen sind daher analytisch stets unseriös, bestenfalls ist eine Vorausschau möglich. Ich würde Ihre Frage deshalb so beantworten: Im Moment spricht wenig dafür, dass dieser Krieg zeitnah endet. Russland hat gegenwärtig in jedem Szenario, das nicht die Fortsetzung des Krieges bedeutet, mehr zu verlieren, als zu gewinnen. Das heisst: Putin dürfte diesen Krieg fortsetzen.
Aber es kann ja trotzdem in der russischen Gesellschaft einen Bruchpunkt geben, der zum Beispiel zu einem Putsch gegen Putin führt. Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow hat gesagt: Russland verzeiht seinem Führer alles, nur nicht einen verlorenen Krieg.
Putin als ausgebildeter KGB-Offizier hatte jetzt 25 Jahre lang Zeit, all seine politischen Gegner zu eliminieren und einen Sicherheitsapparat aufzubauen, der vor allem nach innen gerichtet ist. Das ist übrigens einer der Gründe, warum Russland 2022 in der Ukraine militärisch nicht erfolgreich war. Es war einer der grossen strategischen Fehler Putins, mit einem Militär und Nachrichtendienst anzugreifen, die gar nicht auf diesen Krieg vorbereitet waren. Natürlich kann ein Putsch nicht ausgeschlossen werden. Aber wenn ich sehe, was es im heutigen Russland brauchen würde, bis es zum Putsch gegen Putin kommt, ist das aus meiner Sicht ein vernachlässigbares Szenario.
Aber dieser Krieg muss irgendwie, irgendwann enden.
Muss er das? Er kann auch Jahrzehnte dauern. Historische Beispiele dafür gibt es genügend.
Für uns ist Frieden der Normalzustand.
Es ist völlig verständlich, wenn wir aus unserem kulturellen Kontext heraus denken, dass Krieg eine Anomalie ist und der Frieden die Normalität. Bloss war das nie richtig, sondern immer nur eine Illusion unserer eurozentristischen Sicht auf die Welt; dazu von einem Europa aus, das seinen Frieden und Reichtum auf dem Rücken anderer Völker aufgebaut und erhalten hat, und zwar mit jeder Menge Blut. Jetzt kommt dieses Phänomen Krieg, das auf der Welt nie weg war, wieder zurück nach Europa, weil sich ein Akteur, Russland, nicht mehr an die Friedensprämisse hält.
Was ist mit der russischen Gesellschaft?
So lange Putin auf dem Schlachtfeld eine Chance hat, seine strategischen Ziele zu erreichen, selbst wenn er nicht in der Initiative ist, wird er diesen Krieg weiterführen. Und die russische Gesellschaft ist mittlerweile durch Putins autoritäres Regime indoktriniert und auf den Systemkonflikt mit dem Westen ausgerichtet. Wenn also militärische Mittel zur Erreichung eines Zieles im vermeintlichen Überlebenskampf Russlands gegen einen aggressiven Westen notwendig scheinen, kommen sie zum Einsatz. Die Russen unterscheiden nicht zwischen Krieg und Frieden im westlichen Verständnis, sondern sehen diese Zustände als Kontinuum an. Das haben wir bis heute nicht verstanden.
Das bedeutet, dass es mit Putins Russland auf absehbare Zeit keinen Frieden mehr geben wird.
Wir müssen die russische Denkweise verstehen. Für uns sind Frieden und Waffenstillstand faktisch dasselbe. Wir glauben, dass mit dem Schweigen der Waffen der Konflikt endet. In der russischen strategischen Kultur ist das nicht so. Dort unterscheidet man zwischen bor’ba und vojna. Bor’ba kann man übersetzen mit Konflikt, Streit, Konfrontation; und vojna ist der Krieg. Die Übergänge zwischen den beiden Begriffen sind für die Russen fliessend. Und nur weil der Krieg faktisch aufhört, also nicht mehr geschossen wird, bedeutet das nicht, dass für Russland die Konfrontation vorbei ist.
Was folgt daraus?
Putin und seine Präsidialabteilung könnten in der näheren Zukunft zum Schluss kommen, dass sich die gegenwärtigen strategischen Ziele mit militärischen Mitteln nicht mehr erreichen lassen, und Putin deshalb einen Waffenstillstand eingeht. Im Wissen darum, dass der Westen die Einstellung der Kampfhandlungen mit Frieden assoziiert. Für Russland aber bedeutet die Kampfpause bloss die Möglichkeit, seine Streitkräfte zu rekonstituieren, um wieder angreifen zu können. Diesen Ablauf müssen wir verstehen. Der Systemkonflikt mit dem demokratischen Westen, dem sich die Russische Föderation nahezu zur Gänze verschrieben hat, endet erst, wenn es zu einem fundamentalen politischen und kulturellen Wandel innerhalb der russischen Föderation kommt.
Was braucht es konkret, um Putin an den berühmten «ernsthaften Verhandlungstisch» zu bringen, damit zumindest die Kampfverhandlungen aufhören?
Putin braucht einen objektiven Minimalerfolg, um ihn innenpolitisch maximal verkaufen zu können. Das wäre die vollständige Eroberung der ostukrainischen Oblaste Donezk und Luhansk. Diese werden die Ukrainer, solange sie nicht militärisch dazu gezwungen sind, aber nicht hergeben. Den restlichen Donbass können die Ukrainer auf der Linie entlang des Oskil-Flusses, mit einem urbanen Verteidigungsgürtel und mittlerweile sehr stark ausgebauten Stellungen gut verteidigen. Die Russen haben gegenwärtig keine Möglichkeit, diesen Verteidigungsgürtel zu umfassen, geschweige denn im Frontalangriff einzunehmen. Diesen Verteidigungsgürtel freiwillig aufzugeben, wäre für die Ukraine militärstrategischer Wahnsinn. Gleichzeitig ist es für mich schwer vorstellbar, wie Putin den Status quo als strategischen Sieg verkaufen könnte, insbesondere innenpolitisch.
Ist das der entscheidende Faktor?
Es geht primär um die Innenpolitik. Es geht bei Putins kurz- und mittelfristigen Zielsetzungen nicht mehr darum, den übergeordneten Zweck, die Rückkehr zum russischen Grossmachtstatus, zu verfolgen. Stand heute ist das vom Tisch. Putin ist weder verrückt noch unberechenbar. Er wird diesem Zweck zwar weiter nachhängen, weiss aber, dass er diesem militärisch nicht entsprechen kann, jedenfalls Stand heute. Trotzdem muss er, damit die russische Gesellschaft weiter hinter ihm steht, wenn er die Streitkräfte zulasten der Wirtschaft und des Wohlstandes wieder personell auffüllen will, irgendeinen Sieg verkaufen. Er braucht eine positive Version dessen, was in der Ukraine passiert ist. Es gibt gewisse innenpolitische Erfordernisse, denen sich auch Wladimir Putin nicht entziehen kann.
Wie soll ihm das jetzt noch gelingen?
Mir erschliesst sich das nicht. Aber es gibt immer Szenarien, die man auf Grundlage der eigenen Informationen für wenig realistisch halten muss – und die dann trotzdem eintreten, selbst wenn sie nur schwer vorstellbar sind.
Vielleicht mit dem Einsatz von Atomwaffen?
Die russische Nukleardoktrin sieht den Einsatz nuklearer Gefechtsfeldwaffen vor, sobald der Verlust eigenen Hoheitsgebiets droht oder ein zwingendes operatives Erfordernis vorliegt. Strategische Waffen kämen nur zum Einsatz, sofern die Existenz der Russischen Föderation bedroht ist. Solange die USA und China Putin klarmachen, dass der Atomwaffeneinsatz ein absolutes Tabu bleibt, ist dieser Einsatz nicht sehr wahrscheinlich, aber auch nicht ganz ausgeschlossen. Denn in der Realität besteht zwischen Tabu und atomarer Apokalypse ein weites Feld von Möglichkeiten. Ich aber denke: Putin wird diese Karte nicht spielen, weil er weiss, dass die wirtschaftlichen und diplomatischen Schäden wesentlich höher wären als der militärische Nutzen. Das Spiel mit der Angst der nuklearen Eskalation ist für Putin viel wertvoller als der tatsächliche Einsatz einzelner nuklearer Gefechtsfeldwaffen.
Könnte im Gegensatz dazu der Verlust der Krim dem Putin-Regime ein Ende bereiten?
Dass ausschliesslich die Störung der russischen Logistik zu weiträumigen Geländegewinnen der Ukraine führt, dass die russische Front zusammenbricht, bloss weil Moskau die strategische Initiative verloren hat, halte ich für abwegig. Die bisherigen russischen Raumgewinne waren das logische Ergebnis einer erfolgreichen Abnutzungskampagne ukrainischer Kampfkraft. Aber wenn wir das grosse Bild seit der ukrainischen Herbstoffensive 2022 anschauen, dann ist hinsichtlich russischer Raumgewinne vergleichsweise wenig passiert, auch wenn auf beiden Seiten viele Menschen gestorben sind. Die Front wird nicht einfach zusammenbrechen, nur weil die Ukraine in der Initiative ist. So funktioniert das nicht.
Warum nicht?
Weil die Ukrainer genauso wenig wie die Russen das ausgebildete Personal und das Material dafür haben, raumgreifende Operationen, also Bewegungskrieg, zu führen. Der Drohnenwall entlang der Front wirkt eben gegen beide Seiten. Bei den Russen ist es vor allem die fehlende Qualität des Personals, bei den Ukrainern liegt es primär am fehlenden Material und einem Mangel an Infanterie. Deswegen wird es für die Ukraine schwer, die jetzige strategische Initiative tatsächlich in Rückeroberungen umzusetzen. In dem Zusammenhang drängt sich ein historischer Vergleich auf: 1943 setzte die deutsche Wehrmacht im Raum Kursk auf 1000 Meter Frontbreite 1000 Soldaten ein. Bei den Ukrainern sind es im Schnitt 15, was den Personalmangel in der Infanterie verdeutlicht. Zwar gelingt es ihnen, diesen Raum mithilfe von Drohnen zu kontrollieren. Sie verfügen aber auch nicht über mehrere mechanisierte Infanteriebrigaden im rückwärtigen Raum als Reserve, die nur darauf warten, operative Durchbrüche zu erzwingen
Können vielleicht in diesem Bereich bald Kampfroboter einspringen, welche die Ukraine ebenfalls markant weiterentwickelt hat?
Der Einsatz unbemannter Bodensysteme hat bei den ukrainischen Streitkräften massiv zugenommen, das stimmt; im Vergleich zum Vorjahr etwa um das Fünffache. Aber wir sind noch weit davon entfernt, dass sie Infanterie oder mechanisierte Kräfte im Kampf der verbundenen Waffen vollständig ersetzen können, der für die Rückeroberung von Räumen Voraussetzung ist. Raumgreifende Offensivoperationen mechanisierter Infanterie im Verbund mit automatisierten Systemen werden zweifellos die Zukunft sein, und zwar weltweit in allen Armeen. Aber darüber können wir frühestens in ein, zwei Jahren sprechen. Auf dem jetzigen Gefechtsfeld erfüllen sie meist taktische Aufgaben beim Nachschub und im Sanitätswesen, aber auch bei der Gefechtsaufklärung.
Zusammenfassend lautet Ihre These: Da der Friede mit Putins Russland illusorisch ist, bleiben uns für die Zukunft nur militärische Stärke und Abschreckung.
Das ist die einzige für den Westen opportune Option. Wir müssen Russland vor einer weiteren Aggression glaubhaft abschrecken. Aus rein strategischer Sicht wäre auch möglich: Wir schicken europäische Streitkräfte in die Ukraine und schlagen Russland konventionell. Aber das ist in unserem strategisch-kulturellen Kontext keine akzeptierte Handlungsoption, und dies aus guten Gründen. Das heisst: Wenn wir nicht gegen Russland kämpfen wollen, ist die einzige Alternative, uns so aufzustellen, dass wir nicht gegen Russland kämpfen müssen.
Die Analogie für die Zukunft ist ein neuer Kalter Krieg mit Russland, der im Systemkonflikt zumindest dieses Wiederaufflackern des Krieges verhindert.
Auf einen konventionellen Krieg bezogen, ist diese Analogie zutreffend. Aber Russland nutzt jetzt schon die Möglichkeiten, auch unterhalb dieser letalen Schwelle, wie ich sie nenne, Europa anzugreifen – und wird das auch weiterhin tun. Spionage, Sabotage, Cyberangriffe, Desinformationskampagnen: Dieses klassische Quartett von hybriden Aggressionen wird weitergehen, solange Russland nicht von seinem Grossmachtstreben abrückt. Durch eine glaubhafte konventionelle Absteckung können wir zumindest verhindern, dass wir aufeinander schiessen.
Und was tun wir gegen die Angriffe Russlands unterhalb dieser «letalen Schwelle»?
Es gibt Modelle, in denen die europäische Abschreckungsidee auf nicht-letale Dimensionen übertragen wird. In der Cyberdomäne ist man da schon weit. Indem man darüber nachdenkt, einen grossen Cyberangriff Russlands mit einem eigenen Cyberangriff zu vergelten. In Deutschland sind wir noch zurückhaltend, aber je weiter wir nach Osteuropa blicken, desto deutlicher wird das gefordert. Das hiesse etwa: Startet Russland einen massiven Cyberangriff auf die Energieinfrastruktur Europas, schalten wir innerhalb von Minuten die russischen Atomkraftwerke ab. Europa muss jetzt verschieden ausgeprägte Abschreckungsszenarien entwickeln.
Was muss Europa dafür politisch und militärisch umsetzen?
Die erste Frage ist jene nach der Institution, die die Abschreckung organisiert. Die Nato? Die EU? Alternative Institutionen wie die Joint Expeditionary Force oder eine neu aufgestellte «Koalition der Willigen»? Hier gibt es keine perfekte Lösung, sondern nur das Abwägen unvollkommener Optionen.
Wie lautet Ihre Antwort darauf?
Die Nato hat den Vorteil, dass sie bereits über etablierte Kommandostrukturen und mit den Regionalplänen eine Art Skript für den Verteidigungsfall verfügt. In unserer strategischen Kommunikation ist es momentan alternativlos zu betonen, dass die Nato unverändert zur Abschreckung fähig ist. Aber es besteht auf allen Stufen eine grosse Abhängigkeit von den USA. Diese binnen weniger Jahre ersetzen zu wollen, ist illusorisch. Die Kernfrage lautet: Vertrauen wir noch den Vereinigten Staaten von Amerika?
Das tun wir unter Trump nicht mehr.
Jeder, der in den vergangenen zwei Jahren Zeitungen gelesen hat, weiss, dass die Amerikaner unter dieser Administration nicht mehr zuverlässig sind. Und dass die Vereinigten Staaten von Amerika schon seit Ronald Reagan ihren strategischen Fokus auf den Pazifik verschieben. Wir sollten uns mit dem Gedanken abfinden, dass die Amerikaner nicht mehr für die europäische Sicherheit garantieren werden, unabhängig davon, wer der nächste US-Präsident wird. Wir können uns darüber freuen, wenn uns die Amerikaner noch zur Seite stehen, wir können uns aber nicht mehr vollumfänglich auf sie verlassen. Die Amerikaner sind für Europa perspektivisch nur noch ein sicherheitsstrategischer Bonus, aber kein Garant mehr.
Was folgt daraus?
Entweder wir steigern den europäischen Beitrag zur Nato massiv; das geht nicht von heute auf morgen. Gleiches gilt für die EU, die über keine vergleichbaren Kommandostrukturen oder Streitkräftezusagen verfügt wie die Nato. Oder wir schaffen bewusst eine alternative Struktur, beispielsweise in der schon etablierten Joint Expeditionary Force oder einer Koalition der Willigen; mit einer nuklearen Komponente, die Osteuropa und die Ukraine einbezieht. Keine dieser Optionen ist perfekt. Aber man muss sich früher oder später für eine dieser Optionen entscheiden.
Wenn Sie jetzt diese viereinhalb Jahre Krieg Revue passieren lassen, was die Rolle Europas als Unterstützung der Ukraine angeht, wo steht Europa jetzt? Was haben wir gelernt aus den letzten viereinhalb Jahren, was die Unterstützung der Ukraine angeht?
Uns ist klarer geworden, dass das Schicksal Europas zu einem nicht unwesentlichen Teil vom Ausgang des Kriegs in der Ukraine abhängt. Aber wir akzeptieren den Krieg nicht als Teil unserer Lebensrealität und haben noch immer nicht verstanden, wie hoch der Preis unserer Freiheit ist.
Woran machen Sie das fest?
Dafür gibt es viele Anzeichen. So haben wir in Deutschland, Frankreich, Italien, mitunter auch Osteuropa teils erhebliche politische Gewichtungen im linken und rechten Parteienspektrum, die glasklar prorussisch sind. Das bedeutet, dass in den Köpfen der notwendige fundamentale Wandel der Zeitwende noch nicht erfolgt ist. Und solange nicht überall Konsens herrscht, dass die europäische Sicherheit künftig nicht mehr mit Russland, sondern gegen Russland organisiert werden muss, werden wir bei unserer strategischen Neuausrichtung nicht die notwendige Geschwindigkeit aufbringen.
Wirklich so schlimm?
Ich habe keine Glaskugel, bin mir aber sicher, dass künftige Historikergenerationen ein hartes Urteil über das Europa in den 2020er-Jahren fällen werden. Ich bin zumindest froh, dass ich mich wegen Europas Rolle nicht mehr schämen muss. Denn Anfang 2022 und 2023 habe ich mich für das geschämt, was Europa nicht für die Ukraine getan hat. Wirklich geschämt.
Europa brauchte eben nach dem Schock des russischen Überfalls eine Lernkurve.
Ja, aber diese Lernkurve ist immer noch viel zu flach, weil der Überfall nicht konsensuell als Schock wahrgenommen wurde. Ein substanzielles Problem ist, dass wir noch nicht genau verstanden haben, wie hoch die Geschwindigkeit sein muss. Strategische Entscheidungen, Adaption und Innovationsfähigkeit von Streitkräften, Rüstungsindustrie, gesamtgesellschaftlicher Ansatz, Resilienz, kritische Infrastrukturen, souveräne Lieferketten und so weiter: Das alles muss sich viel schneller ändern, als es gerade der Fall ist. Wir glauben noch immer an eine Friedenslösung, bei der wir einen möglichst angenehmen Kompromiss herbeidiskutieren können und es eine Rückkehr zur Lebensrealität vor 2022 gibt. Dafür haben wir keine Zeit mehr. (schweizheute.ch)

