Junge Männer wenden sich von Trump ab
Die Erfolge der demokratischen Sozialisten bei den Primärwahlen haben der These von einem angeblichen linken Antisemitismus massiv Auftrieb gegeben. Für Zohran Mamdani, den Bürgermeister von New York, sei die Kritik am Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen und dem Libanon nur ein Vorwand, um das Existenzrecht eines jüdischen Staates generell infrage zu stellen, so die Vertreter dieser These. Mit anderen Worten, es sei schlecht getarnter Hass auf Juden.
Hass auf Juden ist in den USA tatsächlich auf dem Vormarsch, aber auf der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums, bei den jungen Männern der Grand Old Party. Viele Anhänger von Charlie Kirk, dem charismatischen Star der jungen Konservativen und Gründer der Organisation Turning Point, glauben an eine Verschwörungstheorie, die besagt, dass Israel hinter dessen Ermordung stehe, denn Kirk hätte niemals zugestimmt, dass die USA einen Krieg gegen den Iran anzetteln würden.
Dieser Krieg ist bei den jungen Republikanern äusserst unbeliebt, ja gar ein Dolchstoss in den Rücken der MAGA-Bewegung. Immer wieder hatte Trump im Wahlkampf doch versprochen, niemals einen weiteren Krieg im Nahen Osten zu beginnen. Deshalb ist nicht einmal die Hälfte von ihnen mit der Art und Weise, wie der Präsident diesen Krieg managt, einverstanden.
Gemäss dem Magazin «The Atlantic» wollen 57 Prozent der zwischen 18 und 29 Jahre alten Republikaner, dass sich die USA generell aus fremden Ländern zurückziehen. Dank Charlie Kirk und Turning Point haben viele dieser jungen Männer für Trump gestimmt. Jetzt wenden sie sich von ihm ab, aber nicht etwa den Demokraten zu, nein, sie sind auf der Suche nach härterem Stoff.
Das ist nicht weiter verwunderlich. Der greise Trump verliert immer mehr die Anliegen seiner Wähler aus den Augen. Zunehmend hohler klingen seine Beteuerungen, sich für die Anliegen des kleinen Mannes einzusetzen und Amerika wieder gross zu machen. Zu offensichtlich wird, dass es ihm primär darum geht, sich selbst zu bereichern und die Milliardäre happy zu machen.
Trump darf sich mittlerweile rühmen, in der Liga der korruptesten Staatsoberhäupter der jüngeren Geschichte mitzumachen, in der Liga von Wladimir Putin, Silvio Berlusconi, Recep Tayyip Erdogan und Viktor Orban, aber auch von Entwicklungsland-Diktatoren wie dem 1998 verstorbenen Sani Abacha in Nigeria oder dem ebenfalls verstorbenen Mobutu Sese Seko in der heutigen Demokratischen Republik Kongo.
Einst waren die USA in den Worten von Ronald Reagan die «leuchtende Stadt auf dem Hügel», ein Vorbild für den Rest der Welt. «Das Verhalten der USA war sehr einflussreich für die Ausgestaltung internationaler Normen», sagt Liz David-Barrett, die Korruptionsexpertin an der University of Sussex in der «New York Times». Heute werden sie zur Ausrede von korruptem Verhalten. «Warum sollen wir uns an die Regeln halten, wenn es die grösste Macht der Welt nicht tut?», beschreibt David-Barrett den neuen internationalen Polit-Knigge.
Trumps Korruption und Prunksucht widern auch seine jungen Wähler an. Deshalb wenden sie sich neuen Anführern zu – und finden diese in der rechtsextremen Szene, bei Persönlichkeiten wie Nick Fuentes, Tucker Carlson und Candace Owens. Vor allem Fuentes erfreut sich bei der Generation Z wachsender Beliebtheit. Der 27-jährige Influencer ist ein Incel – will heissen, er hat ein gröberes Frauenproblem – und ein bekennender Hitler-Fan.
Als weisser Nationalist hat sich Fuentes einen Namen gemacht. Dass er zusammen mit Kanye West mit Trump lunchen durfte, hat seine Bekanntheit massiv erhöht, und dass er bei Carlson seine offene Bewunderung für Hitler und die Nazis ausbreiten durfte, machte ihn zum Wortführer der Groypers. So nennt man junge Männer in der GOP, die sich nicht mehr scheuen, sich zum Faschismus zu bekennen.
Das Beispiel von Fuentes macht Schule. In Florida kandidiert ein gewisser James Fishback als Nachfolger für den Gouverneur Ron DeSantis. Dieser muss abtreten, weil seine zweite Amtszeit abgelaufen ist. Fishback wird zwar nicht gewählt werden, doch es ist ihm gelungen, in kurzer Zeit auf den sozialen Medien eine stattliche Anzahl von Anhängern hinter sich zu scharen.
Sein Programm stammt aus einem ideologischen Gruselkabinett, aus einer Mischung von nationalistischem und rassistischem Gedankengut. Daneben setzt sich Fishback auch dafür ein, dass Florida israelische Staatsanleihen in der Höhe von 385 Millionen Dollar verkauft und das Geld jungen Ehepaaren zukommen lässt. Auch die Pornoseite OnlyFans will er verbieten lassen.
Gerade mal zwei Prozent der amerikanischen Bevölkerung sind Juden. Es gibt keinen rationalen Grund für Antisemitismus. Trotzdem stimmen gemäss «Atlantic» inzwischen 27 Prozent der 18- bis 22-Jährigen der Aussage zu: «Die Juden haben in den USA zu viel Macht.» Ihre Eltern und Grosseltern hingegen sehen dies anders, denn der Holocaust ist im Gedächtnis der Generation der Boomer noch omnipräsent. Für die Mitglieder der Generation Z ist die industrielle Vernichtung der Juden allenfalls noch eine verschwommene Erinnerung.
Im Klima eines Präsidenten, der sich offensichtlich nur noch um seine persönliche Bereicherung und seinen Platz in der Geschichte kümmert und unter dem die Korruption allgegenwärtig ist, schiessen die alten antisemitischen Klischees wieder aus dem Boden wie Pilze nach einem warmen Regen.
