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Interview

«Ich wollte davonkommen – nur wusste ich nicht wie»: Gerhard Pfister über Attentat in Zug

Zwanzig Jahre nach dem Attentat von Zug gibt Gerhard Pfister, der Präsident der Mitte, sein erstes grosses Interview zum 27. September 2001. Er sass damals im Saal und überlebte den Anschlag, bei dem 14 Politiker ums Leben kamen. Pfister erklärt, weshalb er trotzdem kein Kulturpessimist wurde – und die Politik weiterhin hart debattieren soll.
04.09.2021, 08:12
Othmar von Matt / ch media
Nationalrat Gerhard Pfister, Präsident die Mitte (ehemals CVP), spricht über das Attentat von Zug.
Nationalrat Gerhard Pfister, Präsident die Mitte (ehemals CVP), spricht über das Attentat von Zug.
Bild: Annette Boutellier

Wie erinnern Sie sich an den 27. September?
Gerhard Pfister: Es war ein wunderschöner Herbsttag, wie übrigens auch am 11. September. Für den Nachmittag waren im Zuger Kantonsrat die Ausflüge der Fraktionen vorgesehen. Ganz eigenartig war: Kaum je waren so wenige Politiker im Rat wie an diesem Tag – nur gerade etwa 60 von 80.

Als ob sie etwas geahnt hätten. Sie selbst waren aber da.
Ja. Ich hatte um 10 Uhr ein Votum vorne am Rednerpult. 30 Minuten später ging es los. Getötet wurden vor allem Menschen in der Nähe des Rednerpultes, etwa Regierungsräte. Und in den Bereichen in der Mitte und rechts, in denen Vertreter von CVP und FDP sassen.

Sie hatten grosses Glück. Wo sassen Sie?
In der vierten und hintersten Reihe, rechts des Mittelganges. Neben mir sass ein Kollege, der mit mir sprechen wollte. Das hat ihm vermutlich das Leben gerettet – eigentlich war sein Sitzplatz weiter vorne, direkt am Mittelgang.

«Ich warf mich reflexartig auf den Boden, und ein tödlicher Schuss traf einen meiner Sitznachbarn links vor mir.»

Was passierte um 10.30 Uhr?
Man hörte einen Knall. Ich dachte an einen Pultdeckel, der zugeknallt war. Im Nachhinein erfuhren wir, dass eine Regierungsrätin im Vorraum erschossen worden war. Dann fehlen mir Erinnerungen. Was ich aber weiss: Ich warf mich reflexartig auf den Boden, und ein tödlicher Schuss traf einen meiner Sitznachbarn links vor mir. Die Rekonstruktion ergab, dass der Attentäter den Saal durch den einzigen Eingang betrat und sofort das Feuer nach rechts eröffnete. Mein Kollege muss wohl versucht haben, aus dem Fenster zu fliehen. Einen Moment lang glaubt man, das Ganze sei nicht real.

10.30 Uhr betrat Attentäter Friedrich Leibacher den Kantonsratssaal durch die einzige Türe (unten). Gerhard Pfister sass dort, wo der orange Punkt ist. Leibacher gab zuerst 28 oder 29 Schüsse ab, lud nach, feuerte weitere 30 Schüsse ab.
10.30 Uhr betrat Attentäter Friedrich Leibacher den Kantonsratssaal durch die einzige Türe (unten). Gerhard Pfister sass dort, wo der orange Punkt ist. Leibacher gab zuerst 28 oder 29 Schüsse ab, lud nach, feuerte weitere 30 Schüsse ab.

Es war und ist auch kaum fassbar für Schweizer Verhältnisse.
Ich habe dann sofort realisiert, wie ernst es ist. Neben mir lag ja mein tödlich getroffener Kollege.

Wie reagierten Sie?
Auch ich wollte in einem nächsten Reflex aus dem Fenster flüchten. Der erste Sitznachbar hielt mich aber davon ab. Ihm war bewusst, dass wir sonst damit zur Zielscheibe würden.

Wussten Sie, wer der Täter war?
Nein. Ich sah ihn nie. Mir war auch nicht klar, wie viele Personen es waren. Man hörte einfach Schüsse und Schreie.

Es muss unglaublich laut gewesen sein.
Ja. Der Attentäter holte später draussen einen Sprengkörper und zündete ihn im Saal. Bis wir endlich die Polizeisirenen hörten, dauerte es sehr, sehr lange. Irgendwann hörte die Schiesserei auf. Da wusste ich aber noch nicht, dass der Attentäter sich selbst erschossen hatte. Jemand sagte, man könne raus. Obwohl es eine gewisse Unsicherheit gab, ob man den Saal gefahrlos verlassen kann, ging ich raus und die Treppe hinunter. Von den Szenen im Saal hinter mir sah ich nicht viel.

«Natürlich hatte ich Angst, dass er irgendwann auch in meine Reihe schiesst.»

Ein Polizist erzählte, er habe ein absolutes Chaos angetroffen.
Das war wohl so. Doch ich blendete das aus, hatte Todesangst.

Befürchteten Sie, den Saal nicht lebend zu verlassen?
Schon. Zuerst schoss der Attentäter vorne auf die Regierung. Dann kam er nach hinten und schoss zwischen die Bänke. Natürlich hatte ich Angst, dass er irgendwann auch in meine Reihe schiesst.

Schlossen Sie mit dem Leben ab?
Nein. Ich wehrte mich innerlich dagegen. Ich wollte davonkommen. Nur wusste ich nicht wie. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich überlebe, war sehr klein. Umso mehr, als im Nachhinein klar wurde, was der Attentäter wollte: Maximal viele Leute töten.

Der damalige Regierungsrat Hanspeter Uster sagte, es sei Zufall, dass er überlebt habe. Wie sehen Sie das?
Es war der reine, pure Zufall bei einer Wahnsinnstat. Das machte es schwierig. Es gab keinen erklärbaren Grund, weshalb mein Sitznachbar tot war und ich nicht.

Das Pressebild des Jahres war zum Attentat von Zug.
Das Pressebild des Jahres war zum Attentat von Zug.
Bild: Urs Flueeler /Keystone

Später trafen Sie die Frau des toten Kantonsratskollegen aus Ihrer Gemeinde, der neben Ihnen gesessen hatte. Ein sehr schwieriger Moment?
Ich ging am Nachmittag zu seiner Frau nach Hause. Und ja, es war schwierig, weil ich ja dieselbe Frage hatte, die sie mir zwar nicht stellte, die aber dennoch im Raum stand – warum ich überlebt habe und er nicht.

Sie konnten diese Frage auch nicht beantworten.
Dass es darauf bis heute keine Antwort gibt, damit muss ich leben. Aber für die Angehören, die einen geliebten Menschen verloren, war und ist alles noch viel schlimmer.

«Der Tod ist der grosse Relativierer. Jedes Problem ist im Vergleich dazu nicht der Rede wert.»

Hat dieses Erlebnis Ihr Leben verändert?
Ja, es hat mein Leben verändert. Das relativiert alles. Der Tod ist der grosse Relativierer. Jedes Problem ist im Vergleich dazu nicht der Rede wert.

Leben Sie seither anders?
Nein. Aber doch ordnet man anders ein, realisiert, was wirklich wichtig ist. Da gibt es aber noch etwas.

Was?
Mir bleibt bis heute ein Unwohlsein in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen. Das ist zwar paradox, wenn man sieht, welchen Beruf ich ausübe. Aber das ist geblieben. Ich muss mir öfters einen leichten Schupf geben und ertappe mich auch heute noch manchmal dabei, wie ich schaue, wo der Notausgang ist – und wie ich sitze.

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quelle: keystone / urs flueeler
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Mit dem Rücken zur Wand, weil Sie die Türe im Blickfeld haben wollen?
In den Jahren danach war das oft so. Heute natürlich weniger. Aber auch heute kann es bei mir noch zu einem Alarmreflex kommen, wenn im Nationalratssaal etwas Unvorhergesehenes passiert, wenn zum Beispiel ein Pultdeckel herunter knallt. Oder wenn es auf der Tribüne Demonstrationen und Unruhe gibt.

Wie präsent ist das Attentat für Sie heute noch?
Ich habe dieses Erlebnis nie vergessen. Etwa zehn Jahre lang kam es immer wieder hoch, danach weniger häufig. Eine Folge des Attentats war auch, dass Peter Hegglin und ich eine Generation zu früh in Regierungs- und Nationalratsämter kamen, weil die parteiintern vorgesehenen und erfahreneren Kollegen das Attentat nicht überlebten.

«14 Tage später entwickelte ich körperliche Symptome. Ich hatte das Glück, dass ich mir damals sehr viel Zeit nehmen konnte.»

Wie haben Sie das Attentat verarbeitet?
Ich hatte das Wahnsinnsglück, dass ich vollkommen unverletzt blieb. Deshalb konnte ich in der Woche darauf alle Trauergottesdienste für die Kolleginnen und Kollegen besuchen, jeden Tag mindestens einen. Das war für mich eine sehr wichtige Verarbeitungsphase. 14 Tage später entwickelte ich körperliche Symptome. Ich hatte das Glück, dass ich mir damals sehr viel Zeit nehmen konnte.

Trauernde Menschen vor dem Zuger Kantonsrat
Trauernde Menschen vor dem Zuger Kantonsrat
Bild: AP

Sie haben Philosophie studiert. Hat Ihnen das bei der Verarbeitung geholfen?
Ich bin ein Mensch, der sehr stark rationalisiert. Insofern hat mir die Philosophie bei der Bewältigung tatsächlich geholfen. Sie ist der Versuch, das Leben rational zu erklären.

Nach dem Attentat haderten Sie aber mit Gott?
Der naive Gottesglaube wird mit einem solchen Ereignis widerlegt. Man hadert, weil man spürt, wie alleine man ist, wie fragil das Leben ist. Wer so etwas erlebt, erhält eine Ahnung davon, was mit Menschen passiert, die von Krieg umgeben sind. Was das für lebenslange traumatische Folgen haben kann. Es ist die Erfahrung sinnloser Gewalt.

Können Sie dem Attentat irgendeinen Sinn abgewinnen?
Natürlich nicht. Es wäre entsetzlich, wenn man ihm auch nur den geringsten Sinn abgewinnen könnte. Ich weigerte mich immer, dem Täter auch nur einen Gedanken zu widmen. Ich frage mich auch nicht, ob man diese Tat hätte verhindern können. Sie ist zu absurd und entsetzlich. Damals konnte man das weder voraussehen noch verhindern.

Kannten Sie Attentäter Friedrich Leibacher?
Ich kannte seinen Namen. Ein halbes Jahr zuvor war er mit einer seiner unzähligen Anschuldigungen Thema in einer Fraktionssitzung. Der zuständige Regierungsrat sagte, das sei ein äusserst schwieriger Querulant. Deshalb kannte ich seinen Namen.

«Im Rückblick betrachtet hatten wir eine vielleicht naive Offenheit.»

Haben Sie dadurch, dass das Attentat im Zuger Kantonsrat vieles relativierte, für sich eine neue Freiheit gewonnen?
Ja. Es ist eine Freiheit, die mir in der Politik hilft. Exponierte Persönlichkeiten haben oft Mühe mit Kritik und politischen Angriffen. Das geht mir nicht anders. Mein Überleben des Attentats hilft mir, diese politischen Angriffe auch wieder in Relation zu setzen.

Was hat das Attentat vom 27. September 2001 in der Schweiz ausgelöst?
Unmittelbar hat es das Vertrauen zerstört, dass sich die Schweizer Politkultur nicht schützen muss. Im Rückblick betrachtet hatten wir eine vielleicht naive Offenheit. Man konnte in jedes Kantonsparlament hinein marschieren, ohne auch nur einer Uniform zu begegnen, geschweige denn kontrolliert zu werden.

Und wie schätzen Sie die Situation heute ein?
Man hat meines Wissens inzwischen überall Sicherheitskontrollen eingeführt. Und doch zelebrieren wir im Ausland noch immer gerne das Bild, dass unsere Bundesräte keine Leibwächter brauchen. Man sieht sie im Tram oder im Zug. Man denke nur an das Bild von Didier Burkhalter, wie er auf dem Bahnhofperron in Neuenburg wartet – alleine. Diese Bilder treffen heute – im Alltag – durchaus noch zu. Wir haben keine abgehobene Classe politique, auch wenn das andere behaupten. Die Nähe der Schweizer Politik zur Bevölkerung ist nach wie vor gross. Umso bedauerlicher ist es, dass die Pandemie dazu geführt hat, dass unsere Bundesräte nun auch auf verstärkten Personenschutz angewiesen sind.

«Der Firnis der Zivilisation ist erschreckend dünn»: Mitte-Präsident Gerhard Pfister.
«Der Firnis der Zivilisation ist erschreckend dünn»: Mitte-Präsident Gerhard Pfister.
Bild: Annette Boutellier
Philosoph und Politiker
Gerhard Pfister (58) studierte nach der Matura in Fribourg Literatur und Philosophie und doktorierte an der Universität Basel über den Schriftsteller Peter Handke. Von 1998 bis 2003 sass Pfister im Zuger Kantonsrat. Von 1999 bis 2008 war er Präsident der CVP des Kantons Zug. Seit 2003 sitzt er im Nationalrat. 2016 wählte ihn die Delegiertenversammlung der CVP Schweiz zum neuen Präsidenten. Unter Pfister vereinigte sich 2020 die katholisch geprägte CVP mit der protestantisch ausgerichteten BDP. Die beiden Parteien gaben sich dabei einen neuen Namen: «Die Mitte». Präsident blieb Gerhard Pfister. (att)

Die Stimmung ist aufgeheizt und gehässig, Bundesräte werden stärker bewacht denn je.
Die Bedrohungslage ist schwieriger. Das nehme ich ernst. Die Massnahmen sind leider alle verhältnismässig und notwendig. Sie dürfen aber nie dazu führen, dass wir Politikerinnen und Politiker meinen, wir müssten Angst haben vor dem direkten Austausch mit der Bevölkerung. Man muss aber akzeptieren, dass es in jeder Gesellschaft Leute gibt, welche die Grenzen des Zwischenmenschlichen überschreiten. Direkt nach dem Attentat erhielt ich beispielsweise anonyme Zuschriften, in denen es hiess: «Schade, dass er dich nicht auch noch erwischt hat.»

Das ist bedenklich.
Da kam schon damals ein unglaublicher Bodensatz an die Oberfläche. Man staunt, was für Menschen es gibt, selbst in dieser «hochzivilisierten» Schweiz. Der Firnis der Zivilisation ist erschreckend dünn.

Hat sich die Situation mit der Pandemie nicht stark verschärft?
Ich weiss nicht, ob das Phänomen zugenommen hat. Es ist einfach sichtbarer geworden. Die Menschen haben heute sehr viel mehr Möglichkeiten, öffentlich zu kommunizieren, und heute findet alles Resonanz. Die Pandemie verstärkt aber auch die Gefühle. Der Ton wird gehässiger. Es gibt eine schon fast irrationale Diskussionsverweigerung. Gute, harte Debatten nehmen ab, gerade auch im Parlament. Wir Parlamentarierinnen und Parlamentarier reden immer öfter bloss noch zuhanden des Protokolls und lesen unser Zeug ab. Es fehlt das gute, demokratische Kämpfen um das Argument. Was zunimmt, ist der Lärm. Gerade auf Social Media ist vieles Lärm und nicht mehr Argument.

Müssten sich Politiker in einer solchen Situation nicht mässigen?
Politikerinnen und Politiker haben eine Verantwortung für das, was sie sagen. Dennoch muss der harte Dialog möglich bleiben. Er gehört zu einer guten, lebendigen Demokratie. Ich bin selbst kein Kind von rhetorischer Traurigkeit, gerade auch auf Twitter nicht. Aber auch dieser Kanal bietet Debatten-Chancen. Denn auf Social Media findet eigentlich eine Demokratisierung des öffentlichen Diskurses statt. Wir sollten darum nicht alle voreilig versöhnlich miteinander umgehen. Ein guter Streit ist etwas sehr Interessantes und manchmal auch Notwendiges.

Wo liegt die Grenze?
Sie liegt dort, wo Hass ins Spiel kommt. Dort, wo man den anderen nicht mehr als Mensch betrachtet, sondern als Feind. Und in der Politik auch dort, wo man sich gegenseitig unterstellt, man wolle nicht das Beste für das Land. Das Parlament hat 246 Mitglieder. Alle haben eine eigene Meinung. Alle haben aus meiner Sicht eine Vision davon, was das Beste für unser Land ist. Die Kunst der Politik besteht darin, andere mit den besten Argumenten von seiner Meinung zu überzeugen.

«Das Schweizer Volk ist intelligenter, als die SVP glaubt.»

Die Gefahr ist gross, dass das verloren geht.
Eine Partei, deren Name ich nicht nenne, macht städtischen Exekutivpolitikern eine einigermassen krude Unterstellung: Sie wollten den ländlichen Regionen schaden. Damit vergisst die Partei, dass diese Stadtpolitikerinnen und Stadtpolitiker vom Volk gewählt sind. Sie unterstellen so den städtischen Wählerinnen und Wählern, dass sie der ländlichen Bevölkerung bewusst schaden wollen. So viel zum viel beschworenen Respekt dieser Partei vor dem Volkswillen.

Es geht um den Angriff der SVP auf die Städte. Schürt er Hass?
Das Schweizer Volk ist intelligenter, als die SVP glaubt. Das dreht ins Leere. Es ist simpel, nicht zu Ende gedacht. Aber es ist darauf ausgerichtet, keinen Schritt mehr auf den politischen Gegner hin machen zu müssen oder ihm entgegenzukommen. Die Botschaft von SVP-Präsident Marco Chiesa geht nur an die eigenen Leute. Sagt man der eigenen Basis, wir genügen uns selbst, ist das eine starke Mobilisierung. Der politischen Kultur und dem Zusammenhalt in unserem Land tut so was aber nicht gut.

Wie sehen Sie die Zukunft?
Ich bin grundsätzlich zuversichtlich. Denn wir sind ein fantastisches Land, haben verlässliche Institutionen und eine ausgeklügelte Machtbrechungs- und Ausgleichsmechanik. Sie hält die durchaus gegensätzliche Vielfalt der Schweiz zusammen. Dass das so bleibt, ist aber keine Selbstverständlichkeit. Eine ausländische Botschafterin sagte mir kürzlich, sie sei erstaunt, wie sich die Regierung in der Schweiz jede Woche für jede Massnahme vor Journalistinnen und Journalisten und der Öffentlichkeit rechtfertigen müsse. Wir streiten heftig darüber, ob wir die Skiterrassen offenhalten sollen. Wir sind mutmasslich das einzige Land auf der Welt, das über die Covid-Gesetzgebung abstimmen kann. Das ist sehr wertvoll. Unsere Demokratie ist ungeheuer lebendig und sie bewährt sich gerade auch in der grossen Herausforderung der Pandemie. Welche europäischen Länder haben denn die Pandemie deutlich besser bewältigt als die Schweiz?

Welche?
Ich wüsste es nicht. Natürlich haben auch wir Fehler gemacht. Aber bei uns haben alle die Möglichkeit, diese Fehler zu benennen und gemeinsam daraus zu lernen.

Dennoch scheint die Gefahr real, dass sich die Politik in der Pandemie zunehmend abschottet.
Das würde ich bestreiten und fände ich falsch. Denn selbst die Erfahrung eines so schlimmen Ereignisses wie des Zuger Attentats darf uns nicht dazu verleiten zu glauben, die Welt sei schlecht. Im Gegenteil. Jede und jeder, die oder der sich in der Politik engagiert, macht vermutlich wie ich in all meinen Strassenwahlkämpfen die schöne Erfahrung, dass die Menschen die politische Arbeit wertschätzen.

Sie haben – obwohl sie vom Zuger Attentat betroffen waren – null Kulturpessimismus?
Ich bleibe Optimist. Die Schweiz ist immer noch ein Wunder. Es gab nie ein Land in der europäischen Geschichte, wenn nicht Weltgeschichte, das eine dermassen kontinuierliche und lange Friedenszeit erleben durfte. Und das dank seiner Stabilität so viel Wohlstand für so viele Menschen im eigenen Land schaffen kann. Wer, wenn nicht wir, hat denn Grund, glücklich und zufrieden zu sein. (aargauerzeitung.ch)

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