Plötzlich sehen die USA die Ukraine als (momentanen) Sieger
Die Szenen von Wolodymyr Selenskyjs Besuchen im Weissen Haus bleiben unvergessen: Während US-Präsident Donald Trump den ukrainischen Präsidenten blossstellte, verspottete und vorführte, musste dieser sich immer wieder sichtlich zusammenreissen und lächeln – oder sie lieferten sich vor laufenden Kameras einen Schlagabtausch. Die Beziehung zwischen den beiden mächtigen Männern war lange angespannt. Doch die Ukraine ist auf die Unterstützung der USA angewiesen, um im Krieg gegen Russland zu bestehen.
Dabei hatte sich Trump nicht nur einmal auf die Seite Putins geschlagen. Das scheint jetzt allerdings (vorläufig) nicht mehr der Fall zu sein. In seinen jüngsten Ansprachen redete Trump plötzlich davon, dass sich Selenskyj «ziemlich gut schlage». «Auf beiden Seiten sterben viele Menschen, aber ich denke, er macht das ziemlich gut», so Trump beim Treffen mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte. Trump bezeichnete Selenskyj gar als «mutig». Und: «Er hat grossartige Ausrüstung, aber auch grossartige Männer, er hat Kämpfer», so Trump.
Das sind neue Töne. Jeremy Lewin vom US-Aussenministerium setzt noch einen oben drauf. «Wir sind gerade in einer Situation, in der die Ukraine gewinnt – für den Moment», sagte er bei einem öffentlichen Auftritt. Die Dynamik im Krieg habe sich geändert. Die Erfolge seien ein «Ergebnis fortlaufender Zusammenarbeit». Der G7-Gipfel habe gezeigt, dass sich die führenden Mächte in Europa und der Welt einig seien.
Im 🇺🇸 US-Außenministerium geht man jetzt davon aus, dass die Ukraine 🇺🇦 die Initiative ergriffen hat und den Krieg gewinnt, während Putin keinen Frieden will
— @BrennpunktUA 🇩🇪🇺🇦 (@BrennpunktUA) June 25, 2026
Der stellvertretende US-Außenminister Jeremy Levin erklärte, dass es der Ukraine gelungen sei, das Kriegsgeschehen zu… pic.twitter.com/NRKTNOx9O0
Diese Kehrtwende in den Vereinigten Staaten scheint auch Putin bemerkt und entsprechend verärgert zu haben. Laut der Agentur Interfax wirft der russische Aussenminister Sergej Lawrow den USA vor, von grundlegenden Vereinbarungen abgewichen zu sein. Trump habe wohl seine eigenen Statements am Alaska-Gipfel im vergangenen Jahr vergessen. Zudem seien die USA kein objektiver Vermittler mehr.
Die Behauptung, Trump sei von seinen eigenen Aussagen abgewichen, ist nachvollziehbar. Schliesslich erklärte auch der französische Präsident Emmanuel Macron nach dem G7-Gipfel, dass frühere Absprachen zwischen Trump und Putin endgültig «beerdigt» worden seien und Trump erkannt habe, dass Russland keinen Frieden wolle.
Lawrow fordert deshalb Aufklärung aus den USA. «Wir wollen verstehen, was in Évian geschehen ist», sagte er. In Russland besteht der Verdacht, der Alaska-Gipfel sei lediglich eine Verzögerungstaktik gewesen, um Zeit für die Aufrüstung der Ukraine zu gewinnen.
Trotzdem will Russland für Gespräche bereitstehen. Allerdings beklagte sich Lawrow auch über die anhaltenden Sanktionen der USA und deren Waffenlieferungen an europäische Staaten, um die Ukraine zu unterstützen, berichtet Reuters. Ein Ende des Krieges stellte Russland dennoch nicht in Aussicht.
