Ulrich Siegmund – der Mann, der mit der AfD Historisches schaffen will
Die AfD steht im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt aktuellen Umfragen zufolge bei 42 Prozent. Ein Ergebnis von knapp über 40 Prozent könnte für die absolute Mehrheit reichen. Sollte der Spitzenkandidat der AfD, Ulrich Siegmund, mit einem derartigen Wahlergebnis gewinnen, wäre das ein historischer Wendepunkt in Deutschland.
Wer ist Ulrich Siegmund – und wie schafft er es, so viele Wählerinnen und Wähler von ihm und seiner Partei zu überzeugen?
Aufgewachsen in der «heilen Welt»
Ulrich Siegmund ist 1990 in der ostdeutschen Hansestadt Havelberg geboren und in Tangermünde im Bundesland Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Seine Kindheit ist behütet, eine «heile Welt», wie er heute zu sagen pflegt. Darüber, dass er ein Wendekind ist, redet er kaum.
Von seinen Eltern lernt er, dass «nichts vom Himmel fällt». Und, dass man nicht alles glauben soll, was «sie» einem erzählen. Im Osten hat man einen «Unrechtsradar», betont Siegmund immer wieder.
In der Schule gilt er als Mädchenschwarm, aber auch als Blender, schreibt der «Spiegel» in einer Reportage. Schon damals habe sich erahnen lassen, dass Siegmund der geborene Verkäufer ist. An politische Visionen von ihm erinnert man sich nicht, eher an seinen Machtinstinkt.
Das Gymnasium verlässt er nach der 11. Klasse mit der Fachhochschulreife. Statt sein Abitur abzuschliessen, will er arbeiten, etwas zur Gesellschaft beitragen. Nach verschiedenen Stationen gründet er sein eigenes Duftunternehmen und verkauft «gendersensitive Düfte» an Hotels. «Ich liebe es, zu verkaufen», sagte er vor vielen Jahren mal in einem Gründermagazin.
Politischer Aufstieg und Radikalisierung
Mit 18 Jahren tritt Ulrich Siegmund im Jahr 2008 in die CDU ein, um kommunalpolitisch einen Beitrag für die Region zu leisten. Heute bezeichnet er die Mitgliedschaft als Irrtum – «jeder macht mal Fehler im Leben». 2017 tritt er aus der katholischen Kirche aus, weil er die Institution ablehnt.
Fünf Jahre später wechselt er zur AfD. 2016 zieht er für die AfD in den Landtag von Sachsen-Anhalt ein. Er steigt in der Partei schnell auf, auch wenn das laut eigener Aussage nicht sein Ziel war, als er Mitglied wurde. Zunächst distanziert er sich von «rechtsradikalen Bewegungen». Dann radikalisiert er sich während der Coronapandemie. Er wird als gesundheitspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion mit Videos über «Pandemie-Panikmache» auf TikTok bekannt.
Die Pandemie hat ihn verändert, sagt er gegenüber dem «Spiegel». Der Vertrauensverlust in Teile der Medienlandschaft und die politischen Institutionen sei gewachsen – und für ihn die Erkenntnis, «dass sich demokratischer Widerstand lohnt».
Skandale prallen an ihm ab
Siegmunds Vater und sein Bruder sind ebenfalls politisch, seine Mutter starb 2019 bei einem Unfall. Der ältere Bruder ist parteilos im Tangermünder Stadtrat, der Vater arbeitet für den AfD-Abgeordneten Thomas Korell aus Sachsen-Anhalt im Bundestag. Damit ist Siegmund tief in die Vetternwirtschaftsaffäre seiner Partei verstrickt («als hätten wir keine anderen Probleme», meint er dazu), doch Skandale scheinen an ihm abzuprallen. Wahrscheinlich, weil die Leute in Sachsen-Anhalt ein ganz anderes, freundlicheres Bild von ihm bekommen. Er gibt sich volksnah, Politikberater Johannes Hillje nennt ihn gegenüber dem Tages-Anzeiger «Feelgood-Rechtspopulist».
Selbst, dass der AfD-Politiker im November 2023 an einem der wichtigsten Vernetzungstreffen der rechtsextremen Szene in Potsdam teilgenommen hat, scheint seine Unterstützerinnen und Unterstützer nicht zu stören. Bis heute nennt er das Treffen, an dem Martin Sellner der Identitären Bewegung seinen «Masterplan zur Remigration» vorgestellt hatte, verharmlosend «Kaffeekränzchen».
Siegmund ist ein Glücksfall für die AfD, sagt Hillje gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Er verkörpere die radikale Agenda, ohne selbst radikal zu wirken. Bei seinen Auftritten ist er stets gut gelaunt und strahlt aus, dass man vor ihm keine Angst haben müsse. Bei seinen Wählerinnen und Wählern stellt er sich als «Ulli» vor – «Ich bin der Ulli, was kann ich für dich tun?», lautet seine Standardbegrüssung. Eins seiner grössten Talente ist es, Menschen das Gefühl zu geben, dass er sie sieht, schreibt der «Spiegel» in seiner Reportage.
Der Entertainer
Siegmund setzt, wie es für die AfD als populistische Partei üblich ist, in seinen Reden mehr auf Emotionen statt auf Inhalte. Er spricht von Visionen, Aufbruch, einer besseren Zukunft und dem «gesunden Menschenverstand». Anders als seine Parteikollegen verzichtet er dabei auf ein wütendes Auftreten. Eher gibt er sich als Entertainer; seine Auftritte haben einen Volksfest-Charakter, heisst es im Zeit-Podcast «Was jetzt?».
Viele Politikerinnen und Politiker halten auf einer Bühne lange Reden, um die Menschen zu überzeugen. Siegmund hingegen hält sich eher kurz. Stattdessen versucht er, virale Momente auf der Bühne zu erschaffen, die später auf TikTok landen sollen. Dort sendet er an fast 800'000 Follower.
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♬ Originalton - Ulrich Siegmund
Auf der Plattform gibt er sich möglichst sympathisch und authentisch. Das Bild des Vertrieblers scheint auch hier durch. «Ich will einfach nur Mensch bleiben», ist ein Satz, den Siegmund häufig wiederholt. Er wolle mit allen Menschen reden. Sowohl in seinen Wahlkampfauftritten als auch auf Social Media achtet er darauf, seine Angriffsfläche kleinzuhalten.
Neonazistisches Umfeld
Dabei umgibt sich Ulrich Siegmund aber mit Männern, deren politische Biografien tief in die neonazistische Szene reichen. So besteht sein Filmteam aus rechtsextremen Aktivisten der Identitären Bewegung, von der sich die AfD distanziert – zumindest offiziell. Ausserdem arbeiten in seinem Umfeld Personen mit Vergangenheit in der mittlerweile verbotenen «Heimattreuen Deutschen Jugend», wie der «Spiegel» nachweist. Der «Tages-Anzeiger» berichtet in einer Reportage von einem Mann in Siegmunds Umfeld, der Tätowierungen mit völkischer Symbolik auf seinem Körper trägt.
Das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt, eines der radikalsten Programme der Partei in Deutschland, stammt hauptsächlich aus der Feder von Hans-Thomas Tillschneider. «Das Mastermind hinter dem strahlenden Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund», beschreibt ihn die Zeit. Siegmund agiert eher als Überbringer, Verkäufer der Botschaft.
Doch auch Siegmund selbst vertritt radikale Ansichten. So will er unter den Migranten «die Spreu vom Weizen» trennen, den «staatlichen Kontrolldruck auf Menschen mit Migrationshintergrund massiv erhöhen» und die Schulpflicht abschaffen. Ausserdem glaubt er an die «planmässige Ersetzung der deutschen Bevölkerung durch Migranten». Dabei handelt es sich um eine rechtsextreme Verschwörungserzählung.
Ambitionen und Visionen
«Alles ist möglich» lautet Siegmunds Kampagnenmotto für die Wahl in Sachsen-Anhalt, das er nicht müde wird zu betonen. Genauso seine «Vision 2026», die Aufbruch verspricht – im Sinne einer Rückkehr zum angeblich guten, alten und sicheren Deutschland. «Deutsch denken» statt «modern denken» fordert Siegmunds AfD.
Er selbst hat noch grössere Ambitionen als nur in Sachsen-Anhalt zu regieren, heisst es aus seinen Kreisen. Siegmund will nach Berlin, sagen Vertraute gegenüber dem «Spiegel». Und das nicht nur als einfacher Abgeordneter. Mit einem potenziellen Wahlsieg in seinem Bundesland hofft der Politiker auf einen Dominoeffekt für ganz Deutschland. «Das grosse Ziel ist es, das ganze Land wieder vom Kopf auf die Füsse zu stellen», sagt er gegenüber dem Nachrichtenmagazin.
Ob für Siegmund wirklich «alles» möglich ist – oder zumindest ein erster Wahlsieg in einem Bundesland –, entscheidet sich am 6. September, wenn Sachsen-Anhalt eine der wichtigsten Wahlen in der Geschichte der Bundesrepublik abhalten wird.
