Ein «preussischer Muslim» als Vordenker der AfD
Die Wahlen im Bundesland Sachsen-Anhalt halten derzeit Deutschland in Atem. Es ist denkbar, ja sogar wahrscheinlich, dass die AfD die absolute Mehrheit erringen wird und damit auch den Ministerpräsidenten stellen kann. Alle Augen richten sich daher auf den Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund. Dieser ist zwar ein charismatischer Verkäufer. Das Hirn der AfD in Sachsen-Anhalt ist jedoch Hans-Thomas Tillschneider, ein Mann mit einem speziellen Lebenslauf und noch spezielleren Ansichten.
Warum Tillschneider von Syrien schwärmt
Tillschneider wurde 1978 im rumänischen Timisoara geboren. Er wurde katholisch getauft, seine Eltern gehören der Minderheit der Banater Schwaben an. Seine Mutter war Lehrerin, sein Vater leitete eine Kolchose. Bald aber siedelten die Eltern nach Deutschland über. Dank des Vertriebenengesetzes wurden sie sofort als Deutsche anerkannt. Im Kopf hatten sie diesen Schritt schon lange zuvor gemacht. Wie die «NZZ» in einem Porträt von Tillschneider schreibt, hatte seine Familie «viel Mühe darauf verwandt, (die) deutsche Identität zu bewahren».
Im Hauptfach hat Tillschneider zwar Philosophie und Germanistik studiert. Sein eigentliches Interesse galt jedoch dem Nebenfach, den Islamwissenschaften. Er verbrachte ein Studienjahr in Syrien, wo er «die beste Zeit meines Lebens» verbrachte. Geradezu wehmütig erinnert er sich daran, wie Hirten ihre Schafe entlang des Euphrats trieben. «Das war schön, weil es fremd war, weil es echt war», vertraute er der «NZZ» an. Tillschneider spricht fliessend Arabisch.
Ein AfD-Vordenker, der von Syrien und der arabischen Kultur schwärmt? Liegt da nicht ein Programmierungsfehler vor? Nein. Tillschneider erwähnt einen Mann, der sich ihm gegenüber als «preussischer Muslim» bezeichnet habe, eine Definition, die auch auf ihn zutrifft. In seinem Buch «Kulturpolitik» stellt er fest: «Deutschsein ist nicht etwas, was man ist, sondern wie man sich verhält.»
Einen Blut-und-Boden-Nazi kann man Tillschneider daher nicht schimpfen. «Gleichzeitig distanziert er sich deutlich vom Gedankengut der Nationalsozialisten», stellt die «NZZ» denn auch fest. «Adolf Hitler nennt er die ‹letzte Steigerung des Karikaturhaften›.» Ebenso stellt er nicht in Abrede, dass die Nazis «unbestreitbare Verbrechen» im Namen der Deutschen begangen haben.
Trotzdem wird Tillschneider Nähe zu den AfD-Vertretern nachgesagt, die wenig bis gar keine Berührungsängste zum Nationalsozialismus haben, zu Björn Höcke beispielsweise, oder zu Andreas Kalbitz, einst Vorsitzender der Brandenburger AfD. Dieser wurde aus der Partei ausgeschlossen, weil er seine frühere Mitgliedschaft in der neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend verheimlicht haben soll.
Heute ist Kalbitz im Büro von Tillschneider beschäftigt, ebenso André Poggenburg, der Deutschtürken gerne auch mal «Kameltreiber» beschimpfte. Auch er ist mittlerweile aus der AfD ausgetreten. Tillschneider jedoch hält an ihnen fest, gemäss dem Motto: «Jeder hat eine zweite Chance verdient.» Der Verfassungsschutz sieht dies indes anders und hat Tillschneider gemeinsam mit Höcke und Kalbitz unter Beobachtung stellen lassen. Darauf angesprochen, reagiert der «preussische Muslim» sehr dünnhäutig. Kürzlich hat er ein Interview mit der Podcasterin Melanie Amann abgebrochen, als diese ihn dazu zur Rede stellen wollte.
Schliesslich ist Tillschneider auch ein Putin-Versteher. Er sucht die Nähe zu Russland, nicht nur, weil er sich davon billige Energie erhofft, sondern weil er zu denjenigen gehört, die heute noch bedauern, dass Hitler und Stalin sich bekriegt haben, anstatt gemeinsame Sache gegen die bösen Angelsachsen zu machen. Mit deutschem Ingenieur-Wissen und russischen Rohstoffen könnte man doch den verhassten Amerikanern und Briten die Stirn bieten, so die Vorstellung dieser Leute.
Diese Gesinnung ist heute noch in Ostdeutschland weit verbreitet. (In unseren Breitengraden schwört etwa Daniele Ganser auf diesen Unsinn.) Der Westen wird in dieser Sicht als dekadent, der Osten als das wahre Deutschland gesehen und Wladimir Putin als Heilsbringer, der das christliche Abendland retten wird. Tillschneider hat im September 2022 gar auf eigeneFaust eine Reise in den russisch besetzten Donbas unternommen, bis er von Alice Weidel zurückgepfiffen wurde.
Gesinnung mag in Tillschneiders Welt nicht im Blut, sondern im Kopf entstehen, durchsetzen will er sie trotzdem. Bei einem allfälligen Sieg der AfD will er Kultusminister in Sachsen-Anhalt werden und sofort Einfluss nehmen. Subventionen an das modernistische Bauhaus-Museum will er einstellen. An den Schulen sollen Kinder von Flüchtlingen von den einheimischen getrennt, die Universitäten wieder elitärer werden. Im Geschichtsunterricht soll mehr Bismarck und weniger Hitler behandelt werden.
Tillschneider ist somit ein Kulturkämpfer erster Güte. Die Regenbogenfahne sieht er als Symbol «satanischer Mächte», die Geisteswissenschaften seien zu «Legitimationshuren» verkommen, stellt er fest. Auch setzt er sich dafür ein, dass Russisch wieder das allgegenwärtige Englisch ersetzt.
Am 6. September findet die historische Wahl in Sachsen-Anhalt statt, doch sie beherrscht seit Wochen nicht nur Deutschland, sondern Polit-Nerds in ganz Europa. Die Grundsatzfrage: Darf man eine Partei, die vom Verfassungsschutz in Teilen als «gesichert rechtsextrem» eingestuft wird, an die Macht lassen? Diese Frage wird nicht nur bei Markus Lanz, Sandra Maischberger und Paul Ronzheimer, sondern in führenden Zeitungen, Talkshows und Podcasts bis zur Verblödung durchdekliniert.
Eine verlässliche Antwort gibt es nicht. Zu Recht weisen die einen darauf hin, dass es ein fataler Irrtum sei, zu glauben, die AfD würde – einmal an der Macht – sich selbst entlarven. Schliesslich können die Rechten darauf zählen, dass sie weder wegen Inkompetenz noch Korruption zur Rechenschaft gezogen werden. Gleichzeitig lässt sich indes nicht leugnen, dass es langfristig für eine Demokratie unhaltbar ist, die Stimmen von fast der Hälfte der Menschen mit einer Brandmauer de facto zu ignorieren.
Leider werden auch die Wahlen in Sachsen-Anhalt diese Frage nicht klären können – und Figuren wie Hans-Thomas Tillschneider ebenso wenig.
- «Gefährlichster Mann Deutschlands» – «Spiegel»-Cover sorgt für Kritik
- Wie taktisches Wählen eine AfD-Mehrheit in Sachsen-Anhalt verhindern könnte
- Darum ist die AfD in Sachsen-Anhalt so stark
- 39 Prozent für AfD in Sachsen-Anhalt – Umfragehammer für CDU
- 100-Tage-Plan à la Trump – so würde die AfD bei einem Wahlsieg in Deutschland regieren
