Selenskyj trennt sich von beliebtem Minister: Dahinter steckt wohl Kalkül
Der ukrainische Verteidigungsminister Mychailo Fedorow hat am Mittwochabend seinen Rücktritt erklärt. «Es war eine grosse Ehre, dem ukrainischen Volk als Verteidigungsminister zu dienen», erklärte Fedorow auf Telegram und X. Am Sonntag hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Regierungsumbildung verkündet, die unter anderem den Rücktritt der ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko beinhaltete. Er hatte auch ein Gespräch mit Fedorow geführt.
«Das Militär hat seine eigene Logik: Wir wissen es besser. Aber das ist eine sehr umstrittene Behauptung», sagte Witaly Shabunin, Vorsitzender des Anti-Korruptionszentrums und selbst früher Soldat, der «New Voice of Ukraine». Fedorow versuchte demnach, objektive Kriterien einzuführen, wo es bisher keine gab, und das stiess bei den traditionellen Generälen auf Widerstand. «Wenn objektive Bewertungen eingeführt werden, könnte die Zuweisung von Ressourcen nicht mehr auf den Entscheidungen von Syrskyj beruhen, sondern auf objektiven Indikatoren», so Shabunin.
Journalist: «Skandalöseste Entscheidung» Selenskyjs
«Ich fürchte, Mychajlo Fedorow war vielleicht die letzte hochrangige zivile Führungskraft, die bereit war, es mit dem Verteidigungsministerium aufzunehmen, grundlegende Reformen durchzuführen und einen unerbittlichen Kampf gegen Ineffizienz und Korruption zu führen – zumindest auf absehbare Zeit», schrieb der ukrainische Journalist und Autor Illia Ponomarenko auf X. «Fedorows Entlassung ist höchstwahrscheinlich die skandalöseste und am negativsten aufgenommene Personalentscheidung, die Selenskyj während seiner bisherigen Amtszeit getroffen hat», schrieb er weiter.
Yes, this is undoubtedly a shock and a heavy blow to morale, at least among Ukraine’s active civil society — especially given that it comes as public sentiment has been buoyed by Ukraine’s major successes in the air and at sea.
— Illia Ponomarenko 🇺🇦 (@IAPonomarenko) July 15, 2026
Most likely, Fedorov’s dismissal is the most…
Der ehemalige ukrainische Regierungsberater Anton Gerashchenko lobte ebenfalls Fedorow. «Er war äusserst effektiv und effizient, talentiert, systemorientiert, fand unkonventionelle Lösungen und verfügte über ein effektives und produktives Team. In seiner sehr kurzen Amtszeit hat Mychajlo so viel für die Verteidigung der Ukraine und unseren Sieg erreicht», schrieb er auf X.
Auch ukrainische Abgeordnete, die mit dem «Kyiv Independent» sprachen – sowohl aus der Regierungspartei als auch aus der Opposition –, kritisierten das Ausscheiden Fedorows. «Das sind schlechte Nachrichten», sagte ein Abgeordneter aus Selenskyjs Partei gegenüber dem «Kyiv Independent».
Fedorow und Syrsky: Offenbar unterschiedliche Auffassungen
Doch Fedorow hatte auch Gegner. Wie die «New Voice of Ukraine» im Juni berichtete, hatte es zwischen Fedorow und dem Oberbefehlshaber Oleksander Syrskyj Probleme gegeben. Fedorow soll bei Reformen auf schnelle Entscheidungen gedrängt haben, während Syrskyj nichts übereilen wollte, heisst es. Ausserdem soll es Gerangel um Kompetenzen gegeben haben. Während Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums der «New Voice» sagten, der Minister bestimme immer noch, wer die Truppen anführe, kamen aus dem Generalstab andere Stimmen.
Dort soll man das Ministerium eher als eine Abteilung für Waffenbeschaffung angesehen haben, die die Wünsche der Militärs erfüllt. Es soll auch unterschiedliche Ansichten darüber gegeben haben, welche Waffen gebraucht werden. Während Fedorow als Verfechter von Drohnen gilt, soll Syrskyj mehr Artilleriegeschosse gefordert haben. Ausserdem habe das Verteidigungsministerium versucht, militärische Erfolge auch anhand von Daten zu messen, zum Beispiel wie viele russische Militäranlagen zerstört wurden.
Fedorow wollte Daten von der Front zur Erfolgsmessung
«Das Militär hat seine eigene Logik: Wir wissen es besser. Aber das ist eine sehr umstrittene Behauptung», sagte Witaly Shabunin, Vorsitzender des Anti-Korruptionszentrums und selbst früher Soldat, der «New Voice of Ukraine». Fedorow versuchte demnach, objektive Kriterien einzuführen, wo es bisher keine gab, und das stiess bei den traditionellen Generälen auf Widerstand. «Wenn objektive Bewertungen eingeführt werden, könnte die Zuweisung von Ressourcen nicht mehr auf den Entscheidungen von Syrskyj beruhen, sondern auf objektiven Indikatoren», so Shabunin.
Minister investierte in moderne Drohnen
Der zurückgetretene Minister teilte auf X noch eine lange Liste seiner Erfolge. Er erklärte, es sei gelungen, den Zugang russischer Streitkräfte zu Starlink zu unterbinden. Zudem habe er ein Verteidigungsministerium ohne eigenes Budget übernommen und durch die Umschichtung von Personalmitteln in moderne Waffensysteme investiert – darunter Präzisionsschlagwaffen, glasfasergesteuerte FPV-Drohnen, kostengünstige Aufklärungsdrohnen, unbemannte Bodenfahrzeuge, Abfangdrohnen und weitreichende Angriffsdrohnen. Ausserdem habe sein Ministerium mit der Initiative «Logistical Lockdown» die russischen Nachschublinien gestört und damit zur Isolierung der Krim beigetragen.
Während Syrskyj gegenüber Selenskyj als loyal gilt, wurden Fedorow zuletzt Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt. Seine Erfahrung als Leiter der Medienkampagne für Selenskyjs Wahl 2019 dürfte ihm dabei helfen. Selenskyj opferte offenbar einen möglichen politischen Kontrahenten, um an der Front Ruhe zu haben.

