Le Pen holt Bardella ins Wahlticket – und übersieht einen entscheidenden Punkt
Wie gut es tut, wieder Wahlkampf zu betreiben! Von einem Kamerapulk und zahllosen Fotografen begleitet, besuchte Marine Le Pen am Mittwoch im Loiretal gut gelaunt die Kleinstadt La Flèche, wo das Rassemblement National (RN) seit dem Frühjahr den Bürgermeister stellt.
«Endlich können die Wähler entscheiden», sagte sie zum Gerichtsentscheid vom Vortag. Die Berufungsrichterinnen hatten die Dauer ihrer Unwählbarkeit wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder gerade genug reduziert, um Le Pen eine Kandidatur im kommenden April und Mai zu ermöglichen.
Nur Stunden später gab die 57-jährige Rechtspopulistin bekannt, sie werde zur Wahl antreten. Und das, obwohl sie im Prinzip ein Jahr lang eine Fussfessel tragen muss – nicht gerade das passende Mitbringsel für einen Einzug in den Elysée-Palast.
Mit oder ohne Fussfessel ins Elysée?
Le Pen kündigte weiter an, sie werde den Kassationshof um eine Neubeurteilung des Schuldspruchs ersuchen. Solange dieses Verfahren läuft, gilt Le Pen als unschuldig. Die Staatsanwältin Marie-Suzanne Le Quéau bestätigte am Mittwoch, dass Le Pen «die Wahlkampagne ohne Fussfessel beginnen» könne. Sie präzisierte aber: Wenn der Kassationshof sein Verdikt vor den Wahlen fälle – und dazu hat er sich bereit erklärt –, dann müsse Le Pen das Beingerät «am Ende der Wahlkampagne tragen».
Und damit wohl auch beim Einzug ins Elysée. Le Pens Anwälte würden versuchen, das Anlegen einer Fessel hinauszuzögern. Aber allein schon die Vorstellung, dass eine Staatspräsidentin mit einem Meldegerät für Kriminelle in ihren Palast einziehen könnte und dort auch politische Justizmassnahmen zu ergreifen hätte, ist für die Franzosen undenkbar. Es dürfte sich auch in Wählerstimmen äussern.
Le Pen wischte den Einwand vom Tisch. «Ich bin unschuldig», sagte sie am Fernsehen mit Verweis auf die aufschiebende Wirkung einer Kassations-Eingabe. Wie zufällig war sie ganz in Weiss gekleidet, die Farbe der Unschuld.
Dann machte sie eine Ankündigung: Mit ihrem Ersatzmann Jordan Bardella, der für den Fall einer definitiven Verurteilung Le Pens bereitstand, bildet die Rechtsnationale ein «Binom»: Wenn sie als Präsidentin gewählt sei, werde sie den 30-jährigen Ziehsohn zum Premierminister ernennen, versprach Le Pen.
Ein solches Wahlticket mag in Ländern wie den USA üblich sein; in Frankreich hat es keine offizielle Funktion. Nur Nicolas Sarkozy hatte einmal angedeutet, er gedenke im Fall seiner Wahl François Fillon zu seinem Regierungschef zu machen. Das spielte aber im Wahlkampf kaum eine Rolle.
Hart für Le Pen: Bardella ist populärer als sie
Le Pen kündigt das formelle Ticket aus einem für sie entscheidenden Grund an: Sie will von der Popularität ihres Politnovizen profitieren. Ihm die Kandidatur zu überlassen, kommt ihr nicht in den Sinn, obwohl Bardella auf die höchste Zustimmungsraten (35 Prozent) aller französischen Politiker kommt. Le Pen erreicht 32 Prozent. Sie ist populär, schleppt aber einen negativ belegten Namen mit sich. Viele Franzosen können sich nicht vorstellen, für sie zu stimmen, auch wenn sie die Anti-Immigrations-Parolen der Lepenisten an sich gutheissen.
Bardella hätte ihnen aus dem Dilemma geholfen. Dank seinem jungen Alter ist der RN-Vorsitzende auch nicht in den Le Pen-Prozess verwickelt. Ihm kann nicht vorgeworfen werden, was die Linksopposition nun mit gutem Recht Le Pen ankreidet – ihre Hetze gegen ausländische Delinquenten, wiewohl sie selber eine unbedingte Haftstrafe eingefangen hat und vermutlich ins Vorstrafenregister eingetragen wird.
Dies erklärt mit, warum Bardella mehr Wahlchancen eingeräumt würden als Le Pen. Aber nur, wenn er selber kandidieren würde. Als Nummer zwei droht seine Wirkung zu verpuffen. Bei den Präsidentschaftswahlen erschiene der Name Bardella auf keinem Wahlzettel. Die Soziologin Safia Dahani nimmt deshalb wie die meisten Politexperten, dass sich Le Pen täusche, wenn sie meine, sie werde von dem «Ticket» mit Bardella profitieren.
Le Pen hält man sich nicht mit solchen Überlegungen auf. Ihr Lager hat ein simples Argument, selber anzutreten und Bardella nicht den Vortritt zu lassen: «Bei Le Pen gibt man nie auf», sagte einer ihrer Vertrauten. «Oder erst, wenn man tot ist.»
Bardella folgte seiner Mentorin in La Flèche folgsam vor die Kameras. Jede Spannung oder Differenz mit Le Pen stellte er in Abrede: «Wir arbeiten zusammen, wie wir immer zusammengearbeitet haben.» Während Le Pen zu diesen Worten strahlte, wollte sich Bardellas Miene partout nicht aufhellen. Vielleicht, weil er weiss, dass er bei den Präsidentschaftswahlen eher gewonnen hätte als seine Bossin, die seit 2012 schon dreimal vergeblich kandidiert hat. Aber eben: Bei den Le Pens gibt man aus Prinzip nie auf. (schweizheute.ch)

