«He's weird» – er ist seltsam. Um diesen Satz kommt man im US-Wahlkampf derzeit kaum herum, sei es bei öffentlichen Aussagen von berühmten demokratischen Abgeordneten oder auf der Plattform X, wo die Hashtags #WeirdAF und #TrumpIsWeird trenden. «Seltsam» – so beschreiben die Demokraten gerade eine Reihe von Republikanern, inklusive Elon Musk, aber insbesondere Donald Trump und seinen Vize J. D. Vance.
Während es zwar massenhaft Themen gäbe, um die sich die Wahlkampf-Parteien streiten könnten, scheint es gerade viel wichtiger, den Gegner in einem bestimmten Licht erscheinen zu lassen. Zuvor haben sich die Republikaner ihrerseits ein Narrativ ausgedacht, das sie Kamala Harris anlasten wollen: Sie sei verrückt.
Untermauert werden soll das mit der Diskussion um Harris' Lachen. Dieses hat ihr von Trump bereits den Spitznamen Laffin’ Kamala eingebracht. «She is crazy. She is nuts» – sie sei verrückt, sagte er kürzlich auf einer Kundgebung in Michigan und deutete damit an, dass ihr Lachen Ausdruck eines gewissen Wahnsinns sei. Medial hatte die von Trump gelenkte Aufmerksamkeit auf Harris' bisweilen lautes Lachen durchaus Erfolg. Auf den Sozialen Medien, in Newsportalen und sogar in der Schweizer Medienlandschaft wird darüber diskutiert, wie laut eine Präsidentschaftskandidatin wirklich lachen sollte, wenn sie ernst genommen werden will.
“Don’t be confined to other people’s perception.” Vice President Kamala Harris hits back at the MAGA trolls who criticize “the way I laugh”. (Video: The Drew Barrymore Show) pic.twitter.com/MPPzj314Az
— Mike Sington (@MikeSington) April 27, 2024
Harris selbst adressierte das Thema so: Sie werde niemals der Typ Mensch sein, der sein Lachen mit einem verschämten Kichern herunterspielt. «Diese Person bin ich einfach nicht», sagte sie in einem TV-Auftritt. Und fügte hinzu:
Nun kehren also die Demokraten den Spiess um und bedienen sich ihrerseits eines Framings: das des seltsamen, verwirrten alten Mannes, der erneut Präsident werden will. Nachweise für dieses Narrativ gibt es in verschiedensten Ausführungen:
Mit einer Collage von Bildern aus Trumps Vergangenheit ...
#TrumpIsWeird pic.twitter.com/6EQ270v1NX
— Russell W. Johnson (@RWJesq) July 29, 2024
... anhand einer Strassenbemalung vor einem Trump-Gebäude ...
... oder mit Fotos seiner Anhänger ...
Don’t call us weird! pic.twitter.com/sO5XDyFGTb
— Wu Tang is for the Children (@WUTangKids) July 29, 2024
... oder in Wahlkampfspots.
THESE GUYS ARE JUST WEIRD.
— Won’t PAC Down (@wontpacdown) July 29, 2024
JD Vance and his Project 2025 weirdos want to control your bedroom. Will you let them? pic.twitter.com/JnNbuRzkAH
Vergangenen Freitag verwendete die Harris-Kampagne den Begriff «weird» in mehreren Pressemitteilungen. Eine, die sich auf die Anti-Abtreibungs-Haltung von Trumps Vize konzentrierte und diesen als «creepy» (gruselig) bezeichnete, begann mit einer einfachen Erklärung: «J. D. Vance is weird.»
Zudem schmuggelt man das Wort einfach kurzerhand in Interviews und Reden. Die öffentlichen Auftritte demokratischer Abgeordneter, bei denen das Wort «weird» fiel, häuften sich derart, dass TV-Sender wie CNN oder MSNBC sogar einen Zusammenschnitt zeigten:
MSNBC put together a collection of clips of Democrats calling Trump and Vance weird pic.twitter.com/kLgwpXOCr4
— Acyn (@Acyn) July 28, 2024
Die Frage ist nun: Was genau ist die Überlegung dieser Strategie? Vergangene Woche postete Tim Walz, Gouverneur des US-Bundesstaats Minnesota, einen kurzen Clip eines Interviews, das er gegenüber CNN gab (der sofort viral ging). Auf die Frage des Moderators, wieso er glaube, dass das Wort «seltsam» ein effektiverer Angriff sei als die bisherige Strategie, antwortete Walz:
I’m telling you: these guys are weird. pic.twitter.com/fvNRNf7T7T
— Tim Walz (@Tim_Walz) July 24, 2024
Tatsächlich fokussierte sich insbesondere Bidens Strategie im Wahlkampf zuvor auf Donald Trump als Gefahr für die Demokratie. Das war noch, bevor Kamala Harris die neue Kandidatin wurde, als dem demokratischen Wahlkampf eine grössere Seriosität anhaftete – nicht zuletzt definiert durch einen «alten, weisen Mann», Biden. Und der 81-jährige US-Präsident könne seine Opposition unmöglich authentisch als «seltsam» bezeichnen, so eine Politik-Expertin gegenüber der Tageszeitung «Politico».
Mit Kamala Harris änderte sich das. Indem die Demokraten weniger Trump als Gefahr für Demokratie und Freiheit und mehr seine «seltsame» Art ins Visier nehmen, wollen sie dem Ex-Präsidenten also seine Souveränität und dadurch seine Macht absprechen. Der Demokrat Tim Walz führte weiter aus:
Politico beschreibt den Wandel in der Strategie als nachvollziehbar – es handle sich um eine jüngere, «andere und besser verständlichere Weise» zu sprechen.
Das Etikett «seltsam» passe dabei nicht nur auf republikanische Kandidaten, sondern auch auf die breitere MAGA-Bewegung («Make America Great Again»), erklärt eine Politstrategin der Demokraten. «Es ist das erste Wort, das mir in den Sinn kam, als ich die weissen Bandagen an den Ohren der Delegierten auf dem Parteitag sah: ‹Das ist seltsam.›» Die Verwendung neuer Wörter errege zudem die Aufmerksamkeit der Menschen, während die politische Sprache schnell überhört würde.
Etwas ironisch sei es dabei, so «Politico», dass Walz' Beschreibung der MAGA-Republikaner die «gleiche schneidende Einfachheit» habe wie einige von Trumps wirksamsten Sticheleien und Spitznamen, mit denen er jeweils den Gegner diskreditiere. Gouverneur Walz fügte übrigens noch hinzu: «Haben Sie den Kerl je lachen gesehen? Wenn er je lacht, dann tut er das über jemanden und nicht mit jemandem.» Das sei ... natürlich «seltsam».
Ein guter Slogan.