«Sie kommen bei schönem Wetter. Bei schlechtem Wetter sterben sie»
Giusi Nicolini hat uns für den Nachmittag an die Via Roma bestellt, die Hauptstrasse des Dorfes. Hier reihen sich die Touristengeschäfte, Bars und Restaurants der Insel aneinander. Zu dieser Tageszeit ist die Strasse fast menschenleer. Die Touristen sind für ein paar Stunden an die Strände verschwunden. Selbst Mitte Oktober brennt die Sonne noch vom Himmel. Sie hat uns geschrieben:
Nicolini war von 2012 bis 2017 Bürgermeisterin von Lampedusa. Zu erkennen ist sie an ihren blonden Haaren, die in der leichten Meeresbrise um ihren Kopf flattern. Wegen ihres Einsatzes für Migrantinnen und Migranten wird sie «die Pasionaria der Flüchtlinge» genannt. Ihr Engagement hat ihr internationale Bekanntheit und renommierte Auszeichnungen eingebracht – darunter den Simone-de-Beauvoir-Preis (2016) und den UNESCO-Friedenspreis (2017).
Ihr unermüdlicher Einsatz brachte ihr sogar eine Einladung an den Tisch des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama ein. Dort sass sie neben Schauspielern wie Robert De Niro und John Turturro sowie Modedesigner Giorgio Armani. Sie habe sich gefühlt «wie Aschenputtel», erinnert sie sich.
Migrantinnen und Migranten aus dem Blickfeld
Doch das Märchen ist für sie längst vorbei. 2017 wurde sie nicht wiedergewählt. Heute blickt die Italienerin ernüchtert um sich. «Ich erkenne meine Insel nicht mehr wieder.»
Doch die Migrantinnen und Migranten, die hauptsächlich aus Tunesien und Libyen aufbrechen, erreichen weiterhin in seeuntüchtigen Booten die Insel. Lampedusa liegt auf halbem Weg zwischen der sizilianischen und der tunesischen Küste. Mit einer Fläche von gerade einmal 20 Quadratkilometern ist die Insel nach wie vor einer der wichtigsten Zugangspunkte nach Europa für Menschen, die die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer wagen. Und das, obwohl die italienische Regierung damit wirbt, die Zahl der Ankünfte in den vergangenen Jahren deutlich gesenkt zu haben. 2025 erreichten 66'316 Menschen die italienische Küste.
Der «Hotspot»
Auf Lampedusa werden die von der italienischen Küstenwache oder von Rettungsschiffen geborgenen Menschen am Molo Favaloro an Land gebracht. Der Betonsteg ragt weit in den Hafen hinein und ist für die Zivilbevölkerung gesperrt. Kaum haben die Geretteten festen Boden unter den Füssen, werden sie mit Kleinbussen zum sogenannten «Hotspot» gebracht. Dabei handelt es sich um ein Aufnahme- und Registrierungszentrum für Migrantinnen und Migranten, das vom Italienischen Roten Kreuz (CRI) betrieben wird. «Ein Gefängnis», sagt Giusi Nicolini.
Das Zentrum liegt im Landesinneren, eingebettet zwischen zwei kargen Hügeln, und ist von unüberwindbaren Zäunen umgeben. Die Menschen, die ihre Heimat verlassen wollen, werden vor den Blicken der Medien und der NGOs abgeschirmt. In der Regel bleiben sie 24 bis 48 Stunden dort, manchmal auch länger. Anschliessend werden sie in andere Einrichtungen auf dem italienischen Festland verlegt. Bis dahin dürfen sie das Zentrum nicht verlassen.
Die ehemalige Bürgermeisterin, die dem linken politischen Lager angehört, ist aufgebracht:
Weder der amtierende Bürgermeister Filippo Mannino noch das örtliche Rote Kreuz wollten auf unsere Anfragen reagieren.
Europa schliesst seine Pforten
Auf diesem kleinen Flecken Erde mitten im zentralen Mittelmeer bündeln sich die Widersprüche der europäischen Migrationspolitik wie unter einem Brennglas: Auf der einen Seite steht die Tradition der Gastfreundschaft, auf der anderen der Wille, jene fernzuhalten, die nach Europa gelangen wollen.
Im September 2023 wird Lampedusa von einem beispiellosen Ansturm von Migrantinnen und Migranten aus Nordafrika erfasst. Innerhalb weniger Tage treffen 11'000 Menschen auf der Insel ein, die selbst nur rund 6000 Einwohnerinnen und Einwohner zählt. Die Situation löst eine beispiellose Krise aus.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen reist gemeinsam mit der italienischen Regierungschefin Giorgia Meloni nach Lampedusa. Vor Ort stellt sie einen Notfallplan vor, um die Zahl der Ankünfte einzudämmen. Ein zentraler Bestandteil dieser Politik sind umstrittene Abkommen mit Libyen und Tunesien. Die beiden Länder sollen die Abfahrten von Migrantinnen und Migranten verhindern und erhalten dafür finanzielle und materielle Unterstützung.
Seither hat die EU ihre Migrationspolitik weiter verschärft. Der seit dem 12. Juni geltende Migrations- und Asylpakt sieht strengere Kontrollen an den EU-Aussengrenzen vor und beschleunigte Asylverfahren. Zudem hat das EU-Parlament eine Reform der Rückführungspolitik verabschiedet. Diese sieht vor, dass abgewiesene Migrantinnen und Migranten häufiger in Haft genommen und in sogenannte Rückkehrzentren ausserhalb der EU gebracht werden können.
Doch hinter all diesen Massnahmen und Zahlen stehen Menschen und ihre Geschichten. Es sind Frauen, Männer und Kinder aus Ländern wie dem Sudan, Eritrea, Tunesien oder Bangladesch. Ihre Wege kreuzen sich manchmal nur für wenige Stunden mit jenen der Bewohnerinnen und Bewohner von Lampedusa.
Die Hilfe einer Ordensschwester
Schwester Cristina gehört zu den wenigen Bewohnerinnen und Bewohnern, die jene willkommen heissen, die auf der Insel zunehmend unerwünscht sind. Seit eineinhalb Jahren lebt die über 60-Jährige auf Lampedusa. Jedes Mal, wenn die Ankunft geretteter Flüchtlinge angekündigt wird, macht sie sich auf den Weg zum Hafen. Über eine WhatsApp-Gruppe wird sie informiert. Dann eilt sie gemeinsam mit zwei weiteren Ordensschwestern zum Favaloro-Kai. Dort treffen sie auf Angehörige der Guardia di Finanza (Finanzpolizei), der Zollpolizei, der europäischen Grenzschutzagentur Frontex sowie auf Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen wie Mediterranean Hope und Sea-Watch.
«Was können wir ihnen geben? Uns selbst», lächelt sie und richtet ihre Sonnenbrille unter ihrem braunen Schleier zurecht. Aber auch Flipflops für jene, deren Füsse verletzt sind, trockene Kleidung, Farbstifte und Hefte für die Kinder. Schwester Cristina ergänzt:
Sie erzählt von der Dankbarkeit, die sie in den Augen der Menschen sieht, von Dankesworten in Sprachen, die sie nicht versteht, von der grossen Not der Geretteten – und von den Schilderungen jener, die während der Überfahrt mitansehen mussten, wie ihre Mitreisenden ertranken.
Sind diese wenigen Minuten des Willkommens vorbei, lässt sie ihren Tränen endlich freien Lauf. «Nicht vor ihnen. Ich muss ihnen Hoffnung vermitteln», sagt sie. Sie sitzt auf einer Bank gegenüber dem Mahnmal «Nuova Speranza». Die spiralförmige Metallskulptur wurde zum Gedenken an die 368 Menschen errichtet, die am 3. Oktober 2013 bei einem Schiffsunglück ums Leben kamen – nur wenige Hundert Meter vor der Küste Lampedusas.
Fischer im Streik
Nicht weit vom Favaloro-Kai entfernt sitzen drei Fischer und blicken auf den Hafen. Sie haben es sich auf kleinen Plastikstühlen oder zusammengezimmerten Holzstühlen bequem gemacht. Sie streiken. Ein Protest, von dem ausser ihnen offenbar niemand etwas mitbekommt.
Der Grund für ihren Ärger? Die explodierenden Treibstoffpreise. Sie haben sich verdoppelt. Da überlegt man sich zweimal, ob man überhaupt noch auslaufen soll. «Auf der Insel ist ohnehin alles teurer als im Rest Italiens. Die Preise steigen überall. Nur beim Fisch nicht», schimpft Mimmo Russo. Er trägt eine Sonnenbrille und eine goldene Kette um den Hals.
Ein einziger Ausflug aufs Meer koste sie inzwischen 500 Euro statt wie bisher 250 Euro, erzählen sie. Diesen Morgen sitzen Mimmo und seine beiden Kollegen mit verschränkten Armen da und diskutieren über Gott und die Welt.
Der Krieg in der Ukraine? Schuld sei Europa. Schliesslich habe man Wladimir Putin provoziert, indem man die Nato ihre Raketen auf Russland richten liess. Wenn es nach den drei Fischern geht, sollten Ursula von der Leyen und Giorgia Meloni sich beim russischen Präsidenten entschuldigen. Mimmo glaubt, sich mit dem Thema auszukennen: Seine frühere Partnerin stammte aus der Ukraine, aus einer Region, die unter Zwang zunehmend russifiziert worden sei.
Welche Region das war? Daran kann er sich nicht mehr erinnern.
Ein Überlebender in einem führerlosen Schlauchboot
Beim Thema Migration fallen die geopolitischen Debatten hingegen deutlich bescheidener aus. Für die drei Männer, die ihr Leben auf dem Meer verbringen, sind die Schlauchboote, auf denen Schlepper Menschen auf der Flucht zusammenpferchen, keine ferne Realität. Sie alle sind solchen Booten schon begegnet.
«Vor fünf oder sechs Jahren entdeckten wir mit meinen Jungs ein treibendes Schlauchboot. Wir fuhren näher heran und dachten, wir könnten vielleicht den Treibstoff abpumpen», erzählt Mimmo.
An Bord: ein Mann aus dem Sudan. Seinen Angaben zufolge waren sie ursprünglich zu elft aufgebrochen.
Er erzählt, er habe den Überlebenden an Land gebracht und ihm etwas zu essen gegeben. Anschliessend habe er ihn heimlich in einer Fischerhütte untergebracht – aus Angst, jemand könnte ihn verraten.
Was aus dem Mann geworden ist, weiss Mimmo nicht. «Ich muss jeden Tag an ihn denken. Ich würde ihn gerne wiedersehen. Er hatte mir erzählt, dass er Elektroniker sei. Ein gebildeter Mann.»
Noch am Vortag hatte Mimmo beobachtet, wie Migrantinnen und Migranten am Kai an Land gingen. Er blickt zur Sonne hinauf und erklärt uns:
Das gleiche Meer, zwei Lebensrealitäten
Dieselbe Sonne lockt auch Touristinnen und Touristen an, die ihren Sommer verlängern möchten. Jedes Jahr verbringen rund 250'000 Feriengäste – die grosse Mehrheit aus Italien – ihre Zeit an den kristallklaren Stränden von Lampedusa. Der berühmteste davon, der Spiaggia dei Conigli. Er gilt als einer der schönsten Strände der Welt.
Image: alessia barbezat
Nur wenige Kilometer vom Flughafen entfernt machen Ubaldo und Monica vor dem «Tor zu Europa» ihre letzten Ferienfotos. Die Skulptur steht mit Blick aufs Mittelmeer und erinnert an jene Menschen, die bei dem Versuch ums Leben kamen, dessen Küsten zu erreichen.
Das pensionierte Ehepaar aus Florenz ist zum ersten Mal auf Lampedusa. Hat sie der Ruf der Insel als Ankunftsort für Migrantinnen und Migranten zunächst zögern lassen? Nicht wirklich. Ausserdem sind ihnen bisher keine begegnet. «Man sieht sie gar nicht. Sie werden direkt ins Hotspot-Zentrum gebracht», erklärt Ubaldo und wischt sich den Schweiss von der Stirn.
Das Paar hat die Insel mit dem Boot umrundet, die kleinen Buchten bewundert und festgestellt, wie stark sich die lokale Wirtschaft verändert hat. Sie richtet sich immer mehr auf den Tourismus aus. «Es gibt kaum noch Fischerboote. Stattdessen sieht man fast nur noch Schiffe mit Feriengästen wie uns an Bord. Und noch seltener Schlauchboote mit Migrantinnen und Migranten.»
In der Gegend um Florenz, wo das Paar lebt, sind Migrantinnen und Migranten viel präsenter. «Lampedusa ist vermutlich der einzige Ort in Italien, an dem man sie nicht sieht», stellt Ubaldo fest. Er erinnert daran, dass viele von ihnen Arbeiten übernehmen, die Italienerinnen und Italiener nicht mehr machen wollen. Umso mehr wundert er sich darüber, wie sie hier empfangen werden – während ihre Anwesenheit andernorts im Land so viele Proteste auslöst.
In wenigen Stunden werden Ubaldo und Monica zurück in Florenz sein. Ihre Rollkoffer stehen neben einer niedrigen Mauer. Vor ihnen breitet sich das unendliche Blau des Meeres aus. Für die einen ist es das Versprechen von Ferien. Für die anderen eine Grenze, die es zu überwinden gilt – manchmal um den Preis des eigenen Lebens. Zwei Welten, die sich auf dieser kleinen Insel kaum noch begegnen.
