5000 Geflüchtete. So viele kamen vergangene Woche allein an einem Tag auf Lampedusa an. Die italienische Regierung zeigt sich davon überfordert und bittet um Hilfe aus der EU. Doch Frankreich gab gestern Abend bekannt, dass man keine Migrantinnen und Migranten, die in den letzten Tagen auf Lampedusa angekommen sind, aufnehmen will. Obwohl ein Grossteil von ihnen Französisch spricht.
Ihre Sprache ist ein Überbleibsel aus dem 20. Jahrhundert, als Frankreich Kolonien in Afrika besass. Eine Zeit, in der auch Grossbritannien, Deutschland, Belgien, Italien, Portugal und Spanien über afrikanische Gebiete herrschten.
Ist in den heutigen afrikanischen Ländern noch mehr von der Kolonialzeit übrig geblieben als nur die Sprache? Etwa Machtverhältnisse, die unter anderem für die heutigen Flüchtlingsströme verantwortlich sind? Genau diese Frage hat sich der deutsche Historiker Wolfgang Reinhard in seinem Buch «Die Unterwerfung der Welt» gestellt und beantwortet er nun im Interview.
Wolfgang Reinhard, es flüchten wieder vermehrt Menschen aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa. Sind diese Flüchtlingsströme die Retourkutsche für die Kolonialisierung des Kontinents durch europäische Staaten im 20. Jahrhundert?
Wolfgang Reinhard: Jein. Die Flüchtlingskrise lässt sich nicht direkt mit dem Kolonialismus erklären. Aber indirekt.
Inwiefern indirekt?
Als Hauptgrund für die heutige Flüchtlingskrise sehe ich die grosse Entwicklungsdifferenz zwischen Europa und vielen afrikanischen Staaten. Das liegt einerseits daran, dass viele afrikanische Länder politisch und wirtschaftlich instabil sind. Andererseits liegt es daran, dass gerade die europäischen Länder in der nahen Vergangenheit unfaire Wirtschaftsverhältnisse förderten.
Haben Sie ein Beispiel?
Man exportierte unter anderem europäische Überschussprodukte zu günstigen Preisen nach Afrika, womit afrikanische Anbieter nicht konkurrieren konnten. Etwa das subventionierte Hühnchen aus der EU, das in Ghana lokale Geflügelfarmer bedrohte. Das ist aber kein kolonialistisches Machtgefälle mehr. Sondern einfach ein wirtschaftliches Machtgefälle.
Trotzdem existieren in Afrika noch immer Staatsgrenzen, die einst europäische Kolonialmächte zeichneten. Hat das nicht einen Einfluss auf die heutige Stabilität eines Landes?
Doch, auf jeden Fall. Der Kolonialismus zerstörte die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen Afrikas nachhaltig. Als vor sechzig Jahren die meisten afrikanischen Staaten ihre Unabhängigkeit erlangten, konnte man diese Strukturen nicht mehr wiederherstellen. Stattdessen versuchte man, jene aus Europa zu übernehmen. Das ging manchmal gut, etwa in Botswana. In vielen anderen Ländern funktionierte das aber nicht.
Weshalb nicht?
Wie Sie sagten, blieben die Grenzen der Kolonien bestehen. Doch diese Grenzen zogen die Kolonialmächte häufig völlig willkürlich. Das sieht man auch, wenn man die Weltkarte betrachtet. Es gibt riesige Länder wie Nigeria, in denen Menschen eine Nation werden sollten, die nichts gemeinsam hatten. Weder Sprache noch Kultur oder Lebensweise. Und dann gibt es wieder Grenzen, die Menschen mit derselben Sprache und Kultur trennen. Natürlich sorgt das für Spannungen. So etwas wie ein Nationalgefühl, das die Gesellschaft innerhalb der Landesgrenzen zusammenhält, gibt es in vielen afrikanischen Ländern noch nicht. Kommt hinzu, dass manche afrikanische Länder so klein und ihre Grenzen so unlogisch gezogen sind, dass sie kaum Chancen haben, sich wirtschaftlich zu entwickeln.
Das klingt jetzt aber doch ein bisschen nach der Schuld von Europa.
Dieses Schwarz-Weiss-Denken von den «europäischen Tätern» und den «afrikanischen Opfern» ist falsch. Die europäischen Kolonialisten hätten Afrika nicht ohne das Mitwirken von lokalen Verbündeten kolonialisieren können. Personen, die sich vor Ort auskannten, übersetzen konnten, Macht ausübten.
Sie spricht den Afrikanerinnen und Afrikanern jegliche Mündigkeit ab.
Trotzdem war das Ziel Europas in Afrika, Land und Bevölkerung auszubeuten.
Natürlich. Und gleichzeitig wollten auch manche Menschen aus Afrika von dieser Ausbeutung profitieren.
Das klingt recht ähnlich wie heute. Sie sagten, europäische Staaten nutzen Afrika mit unfairen Wirtschaftsverhältnissen aus. Gleichzeitig wird immer wieder über Korruption in afrikanischen Ländern berichtet.
Genau. Deshalb versickern die europäischen Entwicklungsgelder in Afrika nicht selten in der Korruption. Die Frage, ob der Kolonialismus an dieser Ausgangssituation schuld ist, lässt sich aber genau deshalb nicht mehr beantworten. Es ist zu lange her. Die Kolonialisten und Kolonisierten leben nicht mehr. Sie können nicht mehr verantwortlich gemacht werden. Dafür gibt es neue Verantwortliche für neue Probleme. Was nicht heisst, dass der Kolonialismus keinen Einfluss mehr auf das heutige Geschehen hat.
Gibt es auch Folgen des Kolonialismus für Europa, die noch heute zum Tragen kommen?
Auf jeden Fall. Rassismus ist ein solches Überbleibsel. Das zeigt sich auch in der Art und Weise, wie mit Geflüchteten aus Afrika umgegangen wird.
Was wäre denn aus Ihrer Sicht notwendig, damit der Flüchtlingsstrom aus Afrika irgendwann versiegt?
Ich bin Historiker. Ich kann nur in die Vergangenheit schauen, nicht in die Zukunft. Kann keine Lösungen präsentieren. Aus meiner Sicht ist die Flüchtlingspolitik der EU jedoch katastrophal. Die EU ist schon lange daran, eine bessere Lösung auszuarbeiten, aber bisher gescheitert. Ich glaube darum auch nicht, dass sich bald etwas verbessern wird. In der EU gibt es zu viele Länder mit unterschiedlichen Interessen.
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