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ESC 2027: Was Kanadas Teilnahme mit Trump zu tun hat

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Kanada fiebert dem ESC entgegen – das steckt wirklich dahinter

Kanadas Premier Mark Carney macht eine überraschende Ankündigung. Sein Land nimmt am Eurovision Song Contest teil. Das ist weit mehr als nur eine Unterhaltungsmeldung.
01.09.2026, 13:0801.09.2026, 13:08
Christoph Cöln / t-online
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Kanadas Premierminister Mark Carney hat derzeit eine ausgewachsene diplomatische Krise zu bewältigen. Seine Regierung liegt im Clinch mit dem Nachbarland, nachdem die USA unter Donald Trump einen veritablen Handelskrieg mit Strafzöllen gegen Kanada vom Zaun gebrochen hatten. Doch Carney liess sich von den Massnahmen in Washington, D.C. nicht beeindrucken – und verhängte ebenfalls Zölle auf US-Produkte.

Nun postete der kanadische Regierungschef bei X eine Nachricht, die zwar auf den ersten Blick nicht wie die ganz grosse Politik wirkte – aber durchaus als nächster Hieb in Richtung des grossen Nachbarn Amerika zu werten ist. «Kanada wird 2027 beim Eurovision dabei sein», schrieb Carney dort. Dass das Land an dem Pop-Veranstaltung teilnimmt, steht schon seit einiger Zeit fest. Dass sich ein Regierungschef aber höchstselbst in den Prozess einschaltet, ist neu. Carney postete eine Aufforderung zur Bewerbung an alle kanadischen Sänger und Liedermacher: «Wenn du das Zeug dazu hast, Kanada bei der grandiosesten und extravagantesten Musikfeier der Welt zu vertreten, bewirb dich jetzt».

Carneys Freude über die Teilnahme an der EU-Veranstaltung kann auch als deutliches kulturpolitisches Zeichen verstanden werden. Mit Israel, Aserbaidschan, Armenien oder Australien sind auch andere nicht-europäische Nationen beim Gesangswettbewerb dabei, und in jedem dieser Fälle war die Entscheidung nicht nur popmusikalisch, sondern auch politisch begründet. Dass nun auch Kanada eine Einladung bekommen hat, ist ebenfalls mehr als nur eine Fussnote aus dem Unterhaltungsbereich.

Kanada: «Den Geist voll und ganz verkörpern»

Die Organisatoren des kanadischen Vorentscheids beim kanadischen TV-Sender CBC drücken es so aus: «Der Eurovision Song Contest ist der grösste Live-Musikwettbewerb der Welt. Als echtes Phänomen unter den jüngeren Generationen vereint er jedes Jahr Hunderte Millionen Menschen vor dem Fernseher und auf digitalen Plattformen. Über die Musik hinaus ist er auch ein starker Motor für kulturellen Einfluss», heisst es auf ihrer Webseite. Kanadas Teilnahme sei von dem Wunsch getragen, «den Geist des Wettbewerbs voll und ganz zu verkörpern».

Seit der Eskalation im US-kanadischen Handelskonflikt gewinnt eine Idee wieder an Fahrt, die bereits seit einigen Jahren immer mal wieder auf dem diplomatischen Parkett disuktiert wird: Kanada könnte Mitglied der Europäischen Union werden. Ein solches Unterfangen klingt nur auf den ersten Blick abwegig. «Wenn du schon nicht geografisch Einfluss auf Deine Nachbarn nehmen kannst, dann versuche es über die Institutionen», zitiert das US-Magazin «New Yorker» den portugiesischen Politiker Bruno Maçães. Der Portugiese gilt als Befürworter eines EU-Beitritts Kanadas.

Zwar gibt es eine geografische Grenze zwischen Kanada und der EU (durch einen schmalen Streifen Land in der Arktis, einem Gebiet, das zu Grönland und damit technisch gesehen zu Dänemark gehört), doch bevor der nordamerikanische Staat als EU-Territorium deklariert werden könnte, dürften rechtlich noch hohe Hürden zu überwinden sein. Denn die EU-Verträge stellen an eine Mitgliedschaft hohe Ansprüche.

«Ohnehin ist Kanada europäischer als manches Mitglied der Europäischen Union.»
Sigmar Gabriel

Unmöglich wäre der Schritt jedoch nicht. Der finnische Ministerpräsident Alexander Stubb liess erst im April bei einem Besuch in Ottawa verlauten, ein Zusammengehen zwischen Kanada und der EU wäre nichts anderes als eine Traumehe («a marriage made in heaven»).

Und auch in Deutschland hat die Idee prominente Unterstützer. So befürwortete der ehemalige deutsche Aussenminister Sigmar Gabriel schon im vergangenen Jahr eine Mitgliedschaft Kanadas in der EU. «Ohnehin ist Kanada europäischer als manches Mitglied der Europäischen Union», sagte der SPD-Politiker dem «Weser-Kurier».

Carney sucht «stabile und gleichgesinnte Partner»

Auch Kanadas damalige Aussenministerin, Mélanie Joly, war dem Vorschlag nicht abgeneigt: «Grundsätzlich müssen wir enger denn je mit unseren europäischen Verbündeten zusammenarbeiten», sagte sie.

Genau das passiert inzwischen auf vielen Ebenen. Kanada und die EU haben ein Abkommen zur strategischen Partnerschaft (SPA) unterzeichnet, die eine Kooperation im Bereich Rüstung und Verteidigung vorsieht. Mit dem Freihandelsabkommen Ceta haben Ottawa und Brüssel seit dem vergangenen Jahr fast alle Handelsbeschränkungen aufgehoben und den gegenseitigen Marktzugang sichergestellt. Im Februar 2026 wurde Kanada schliesslich erstes nicht-europäisches Mitglied der Safe-Initiative, einem Gemeinschaftsprojekt zur Förderung der Rüstungsindustrie.

Nicht nur politisch und wirtschaftlich haben sich die Beziehungen zwischen der Regierung in Ottawa und Brüssel seit dem zweiten Amtsantritt Donald Trumps im Weissen Haus stetig vertieft. Auch im Bereich der Wissenschaft arbeiten Kanada und die Europäische Union immer enger zusammen, etwa durch Kanadas Teilnahme am Pillar II des Horizon Europe-Programms zur Förderung von industriellem Technologietransfer und Wissenschaftsaustausch. «In diesem Herbst werden wir intensive Gespräche mit der EU führen, um eine noch stärkere politische und sicherheitspolitische Partnerschaft auf den Weg zu bringen», sagte Carney kürzlich bei einer Rede in Ottawa.

Es war dieselbe Rede, in der er zuvor die Strafzölle gegen einige US-Handelsgüter verteidigt und der US-Regierung unter Trump schwere Vorwürfe gemacht hatte. So bedrohe der Nachbar unter Führung des MAGA-Präsidenten die Souveränität seines Landes und der kanadischen Wirtschaft, sagte Carney. Man habe kein Interesse an einer solchen Nachbarschaft, fuhr Kanadas Premier fort. Stattdessen wolle man sich «stabile, gleich gesinnte Partner» suchen. Eben die Europäische Union.

Dass Carney nur wenige Tage nach dieser Rede nun die Ankündigung von Kanadas Teilnahme am Eurovision Contest auf seinem offiziellen X-Kanal macht, zahlt auf dieses Narrativ ein. Kanada, so lautet wohl die Botschaft von höchster Stelle, wendet sich Europa zu – und vom grossen Nachbarn USA ab. Man sei gut vorbereitet, heisst es vonseiten der kanadischen Vorentscheid-Veranstalter und freue sich sehr darauf, zu diesem «historischen Moment» beizutragen. Es klang, als nähme man nicht bloss an einem Gesangswettbewerb teil, sondern stünde schon kurz vor dem EU-Beitritt.

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