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Mord in Echtzeit: Sind Social Media an der Schiesserei in Virginia schuld?

Schock und Trauer im WDBJ-TV7-Studio: Die Journalisten wurden Zeugen des Doppelmordes. 
Schock und Trauer im WDBJ-TV7-Studio: Die Journalisten wurden Zeugen des Doppelmordes. Bild: Steve Helber/AP/KEYSTONE

Mord in Echtzeit: Sind Social Media an der Schiesserei in Virginia schuld?

27.08.2015, 18:3628.08.2015, 07:50

Der Mord geschah vor laufender Kamera. Die geschockten Zuschauer wurden zu unfreiwilligen Zeugen, wie die 24-jährige Moderatorin Alison Parker und der 27-jährige Kameramann Adam Ward während einer Live-Sendung erschossen wurden.  

Während die Medienmaschine anlief, um die Nachricht dieses schockierenden Vorfalls zu verbreiten und zu interpretieren, geschah etwas Unheimliches: Vier Stunden nach den tödlichen Schüssen wurde der Twitter-Account des Täters aktiv. Unter @bryce_williams7, dem mittlerweile gesperrten Account  des 41-jährigen Vester Lee Flanagan, erschienen mehrere Tweets, die das Opfer Alison Parker als Rassistin hinstellten: 

Bild

Und dann kündigte der Täter ein Video seiner Bluttat an: 

«I filmed the shooting see Facebook.»
(«Ich habe die Schiesserei gefilmt siehe Facebook»)

In kürzester Zeit ging das Video, auf dem der Doppelmord aus der Perspektive des Täters zu sehen ist, viral – vermutlich im Sinne des Killers, der bald darauf von der Polizei gestellt wurde und sich selbst richtete. 

Daran änderten auch zahlreiche Tweets nichts, die sich gegen die Flut stellten und mit verzweifelter Vergeblichkeit dazu aufriefen, das Video weder anzuschauen noch zu verbreiten. 

Sprecher von Facebook und Youtube, wo sich Kopien des Videos ebenfalls in Windeseile verbreiteten, versprachen, die Clips zu löschen, sobald sie gemeldet würden. Doch wie wir alle wissen, war die Büchse der Pandora bereits geöffnet: Wenn etwas ins Internet gelangt ist, kann es niemand mehr zurückholen. 

Medien

Obwohl der Schock über die Tat und ihre nahezu gleichzeitige mediale Verbreitung jetzt tief sitzt, war es letztlich absehbar, dass etwas in dieser Art geschehen musste. Zum einen ist da der zeitliche Aspekt: Das Internet, diese ungeheure Maschine der Beschleunigung, hat den Nachrichtenfluss in eine Stromverschnellung gezwängt. Social Media – allen voran Twitter – lassen die zeitliche Distanz zwischen Ereignis und Nachricht schwinden. Mittlerweile geht sie gegen Null. 

Zum andern die soziale, psychologische Dimension: Die Social Media, als Plattformen der Selbstdarstellung erfunden, können kaum verhindern, dass sich auch pathologische Fälle ihrer enormen medialen Hebelwirkung bedienen. Dies finden nicht wenige Twitterer stossend: 

Der Missbrauch der Social Media ist indes kein neues Phänomen. Rassismus, Sexismus und gewalttätige politische oder religiöse Statements werden über dieses Megaphon in die Welt hinausgeschrien. Die Enthauptungsvideos des Islamischen Staates sind ein blutiges Beispiel dafür. 

Doch wie der Journalist Jack Smith auf Mic.com zu Recht einwendet: «Don't blame the Megaphone» («Gib dem Megaphon nicht die Schuld.»). Das Web ist ein gewaltiger Verstärker, der auch die Signale der Verrückten und Verbrecher verstärkt. Der aber auch Problemen wirksam Aufmerksamkeit verschafft, die sonst im Schatten weiterwuchern würden. Smith erwähnt beispielsweise die Aktion «Black Lives Matter», die davon profitiert, dass nahezu überall Smartphone-Kameras, GoPros und Dashcams präsent sind, die polizeiliche Übergriffe auf Schwarze publik machen können. (dhr)

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