Nigel Farage betreibt Wahlkampf – gegen einen Mann mit Mülltonne auf dem Kopf
Der Plough von Great Bentley in der Grafschaft Essex ist einer jener lieblichen englischen Landpubs, in denen beim Genuss mehrerer Pints die Zeit langsamer zu vergehen scheint als in der Aussenwelt. Ältere Herrschaften nehmen in aller Ruhe einen gemütlichen pub lunch zu sich, während im Garten unterm Sonnenschirm ausländische Besucher mit dem Barmann plaudern.
Nigel Farage? «Ja, da drüben sass er zuletzt. Vor allem kommen die Reform-Leute häufig, die haben ja hier ihr Hauptquartier.» Mit den politischen Parolen des einzig aussichtsreichen Kandidaten für die Nachwahl am kommenden Donnerstag kann er sich nicht recht anfreunden, aber: «Ich behandle hier alle unsere Kunden gleich, solange sie sich anständig benehmen.»
Tatsächlich haben die Nationalpopulisten von Reform UK vor den Toren des stattlichen Dorfes ihre Wahlkampf-Zentrale eingerichtet. In der sonst Treckern und Mähdreschern vorbehaltenen Halle der Admiral’s Farm gibt es gewaltige Plakate des Kandidaten Farage zu bewundern.
Die Nachwahl für das Unterhausmandat von Great Bentley und den anderen Gemeinden rund um Clacton-on-Sea, der Namensgeberin des Wahlkreises, ist das politische Gesprächsthema auf der Insel in diesem Sommer.
Fernsehteams aus aller Welt tummeln sich in Clacton, 13 Kilometer von Great Bentley entfernt. In dem Ort an der Ostküste mit seinen 53'000 überdurchschnittlich alten, beinahe ausschliesslich weissen Einwohnern lässt sich eine, je nach Standpunkt, liebenswerte oder unnötig teure Besonderheit britischer Demokratie besichtigen: eine Nachwahl, deren Sieger von vornherein feststeht, die aber Dutzende mehr oder weniger ernsthafte Menschen zur Werbung für sich selbst oder ihre Anliegen nutzen.
Die verstorbene Queen wacht über die Untertanen
Im ehrwürdigen neo-klassizistischen Rathaus der Stadt – im Flur wacht noch immer ein Gemälde der verstorbenen Queen über die Untertanen ihres Sohnes – hat Wahlleiter Ian Davidson eine vorläufige Bilanz gezogen. Insgesamt 34 Frauen und Männer entrichteten die Pfandgebühr von 500 Pfund (545 Franken) und reichten rechtzeitig die Papiere mit ihren Adressen und den Namen ihrer zehn Unterstützern ein.
So kam der mit 90 Zentimetern längste Stimmzettel der britischen Geschichte zustande, dessen Druck viermal so teuer war wie im Normalfall. «Wir mussten für die Briefwahl genau kalkulieren, wie wir das Papier falten. Auch werden bei der Auszählung Tische zusammengerückt, damit wir mit dem Format zurechtkommen», berichtet Davidson.
Der Urnengang wurde nötig, weil vor Monatsfrist Nigel Farage von seinem erst 2024 erworbenen Mandat zurücktrat. Der 62-Jährige einstige Ukip- und Brexit Party-Chef hat sich ein Vierteljahrhundert lang im Glanz überwiegend positiven Medieninteresses gesonnt, sein jüngstes Vehikel Reform UK lag anderthalb Jahre lang in den Umfragen deutlich vor der Labour-Party des glücklosen Premiers Starmer.
In den vergangenen Monaten aber häuft sich in Blättern wie dem linksliberalen Guardian und der konservativen Sunday Times die kritische Berichterstattung über die dubiosen Geldquellen von Mann und Partei, über Farages stetig wachsendes Immobilien-Imperium, über die Verbindungen zu Crypto-Finanzhaien und einem verurteilten Geldwäscher.
Eine Untersuchung des zuständigen Parlamentsobmanns wegen vermuteter Regelverletzungen nahm Farage zum Anlass hinzuschmeissen. Nicht das «Establishment», zu dem sich die Multimillionäre an der Reform-Spitze natürlich nicht zählen, solle über sein Schicksal entscheiden, «sondern die Menschen von Clacton». Der Wunsch ist schon deshalb wohlfeil, weil der Obmann seine derzeit ruhende Untersuchung aufnehmen wird, sobald Farage wieder dem Parlament angehört.
Die etablierten Parteien treten nicht an
Soweit mit dem «Establishment» die bekannten Parteien des Landes gemeint sind, machten diese dem Möchtegern-Rebellen einen Strich durch die Rechnung: Labour, Tories, Liberaldemokraten und Grüne weigerten sich, eigene Kandidatinnen ins Rennen zu schicken. Man wolle aber Herrn Farage nicht daran hindern, sagte die damalige Finanzministerin Rachel Reeves unter fröhlichem Gelächter im Unterhaus, «sich im Sommer mit einer Mülltonne zu streiten».
Gemeint ist einer von Farages 33 Gegenkandidaten, nämlich Count Binface, dessen namensgebender Helm frappierende Ähnlichkeit mit einer Metall-Mülltonne aufweist. Zu sehen bekommen die knapp 76'000 Wahlberechtigten des Bezirks den Müll-Grafen alias Jonathan Harvey aber vor allem mit hübschen Filmchen auf den unsozialen Medien.
Zum Liebling der angestammten Medien ist der Oxford-Absolvent durch seinen Wiedererkennungswert avanciert: Binface trat in deren Wahlkreisen gegen die damaligen konservativen Premierminister Boris Johnson (wo er 69 Stimmen holte) und Rishi Sunak (308) an, bestritt zuletzt im Juni die Nachwahl in Makerfield (95) gegen den damals noch zukünftigen Regierungschef Burnham.
Diesmal könnte er tatsächlich ein vierstelliges Ergebnis erzielen, was für einen Satire-Kandidaten bei einer Unterhaus-Nachwahl beispiellos wäre. Unverdrossen bewerben sich auch 32 weitere Kandidaten ums Mandat, darunter ein Trio unter dem Label der legendären Monster Raving Loony Party.
Die Rekordzahl von 20 Unabhängigen besteht aus Leuten mit Adressen in Birmingham, Edinburgh und Glasgow, ja sogar in Belgien und Australien. Allesamt wollen sie teilhaben am Medienrummel rund um Farage. Ihr 500-Pfund-Pfand dürften sie aber wohl einbüssen: Nur wer mehr als fünf Prozent der abgegebenen Stimmen erhält, bekommt das Geld zurück.
Wutpredigten und eine neue Nationalhymne
Drei der wackeren Kandidaten treffen wir zur Mittagszeit auf dem wenig einladenden Hauptplatz von Clacton, wo Einkaufende an einer Gruppe fröhlicher Alkohol-Konsumenten vorbeieilen. Nick Pelas, 63, wirbt für sich mit der Beteuerung, er sei «weder links noch rechts, aber von hier». Sein Werbezettel im DIN-A5-Format enthält sechsmal das Wort local. Michael O’Keefe, 67, preist sich als «jemand, der zuhört». Wer umgekehrt dem pensionierten Chemielehrer zuhört, erhält eine Wutpredigt über Farage («hat nichts für Clacton getan») und dessen Anti-Migrantenparolen.
Eher unpolitisch gibt sich der Ex-Zimmermann Tom Darwood, dessen Leben «den biblischen Joseph widerspiegelt». Deshalb steht er auch als «77, Joseph» ganz oben auf dem alphabetisch angeordneten Wahlzettel. Seine Zuhörer wähnen sich bald in einem Traumreich: Nicht nur hat Darwood der Nationalhymne «God save the King» sowie Friedrich Schillers Ode an die Freude neue Worte unterlegt. Er strebt auch das Amt des Papstes an, um Katholiken und Protestanten unter dem Dach der anglikanischen Staatskirche zusammenzuführen. Da erscheint Sieg oder Niederlage in Clacton doch eher unbedeutend.
Andere Unabhängige wie die smarte Anwältin Attieh Fard oder der frühere Labour-Mann Andy Erlam zielen eher auf das Wählerpotenzial des Müll-Grafen als auf Farage: «In Westminster können Sie einen Komödianten als Repräsentanten nicht gebrauchen.»
Ist aber die Clacton-Show nicht eigentlich eine Clown-Revue, von den schrulligen Exzentrikern über die eitlen Profilsüchtigen bis hin zum Rhetorikkünstler Nigel F.? Mehr als 100 Journalisten haben sich für die Wahlnacht in Clacton angesagt, «unsere Kapazität ist erschöpft», sagt der Landkreis-Sprecher. Das Ergebnis wird irgendwann am Freitagmorgen verkündet. Interessant daran sind am Ende nur zwei Zahlen: die Wahlbeteiligung sowie die Höhe des Stimmanteils für den Müll-Grafen.
Nigel Farage jedenfalls, sagt der Reform-Sprecher schmunzelnd, «wird seine Pfandgebühr bestimmt zurückerhalten». (schweizheute.ch)
