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Social distancing outside the entrance to the city park

Auch ohne Verbote halten sich die Menschen in Schweden an die Abstandsregeln. Bild: AP TT NEWS AGENCY

Interview

«Die Regeln sind in Schweden etwa so, wie sie in der Schweiz ab dem 11. Mai sein werden»



Bei vielen Lockdown-Kritikern gilt Schweden als Paradebeispiel für den korrekten Umgang mit der Coronavirus-Krise. Der skandinavische Staat fährt im Gegensatz zur Schweiz und den meisten europäischen Ländern eine komplett andere Strategie und verzichtet auf rigorose Verbote und Einschränkungen. Mit diesem Sonderweg soll die Wirtschaft geschützt werden.

Doch wie lebt es sich in Schweden? Ist der Alltag dort also komplett anders als in der Schweiz? Wir haben mit jemandem gesprochen, der es wissen muss. Silas Bieri ist Tontechniker und Besitzer eines Multimedia-Studios in Malmö. Seit bald zehn Jahren lebt er mit seiner einheimischen Frau und den zwei Kindern in der südschwedischen Stadt. Im Interview mit watson schildert er, wie er den schwedischen Sonderweg in der Corona-Krise erlebt.

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Bieri (links) im Skype-Gespräch mit watson. bild: screenshot skype

Anders als die meisten anderen europäischen Länder setzt Schweden in der Bekämpfung des Coronavirus auf sanfte Massnahmen. Statt einen Lockdown durchzuprügeln, appelliert die Regierung auf die Eigenverantwortung der Bevölkerung. Was wurde zu Beginn vorgegeben und was nicht?
Silas Bieri: Ähnliches wie in der Schweiz: Social Distancing, Hände waschen, zuhause bleiben, den Kontakt mit Risikogruppen vermeiden. Es gab allerdings keine Verbote oder Gesetze, sondern nur Empfehlungen.

Und die Leute hielten sich daran?
Ja. Der grösste und wichtigste Unterschied zu anderen europäischen Ländern ist, dass der schwedische Staat ganz allgemein viel weniger repressiv ist. Wenn den Schweden jemand sagt, sie sollen zuhause bleiben, dann befolgen sie diese Anweisung. Das ist kulturell sehr stark in der Gesellschaft verankert. Als ich Mitte März aus der Schweiz nach Schweden zurückkehrte, war es am Flughafen Stockholm extrem ruhig. Alle hielten sich an die vorgegebenen Regeln. Die Regierung hat aber auch gesagt, dass die Massnahmen strenger werden, wenn es nicht funktioniert. Es können auch Gesetzesänderungen vorgenommen werden, um allenfalls reagieren zu können. Das wird beim Thema Schweden viel zu wenig beachtet.

Gibt es weitere Unterschiede zur Schweiz?
Bei uns ist alles sehr zentralistisch organisiert. In der Schweiz hatte ich das Gefühl, dass jeder Lokalpolitiker und jeder Kanton seinen eigenen Weg fahren kann. Hier wirkt alles viel klarer organisiert. Was mir in der Schweiz aber Eindruck gemacht hat, war, wie gut der Bundesrat kommunizierte. Zumindest zu Beginn, als das Virus in Schweden noch kein Thema war. Schweden und die Schweiz kann man ansonsten in vielerlei Hinsicht vergleichen, etwas ist jedoch komplett unterschiedlich.

Das wäre?
In Schweden leben im Schnitt 23 Personen auf einem Quadratkilometer in der Schweiz mehr als 200. Viele Leute leben weitab der urbanen Zentren und selbst die Städte sind hier grossflächig gebaut. Ausserdem hat Schweden praktisch keine Binnengrenzen und dementsprechend ist die Virus-Situation am Ende nicht vergleichbar.

Wie muss ich mir das tägliche Leben in Schweden vorstellen? Gibt es zum Beispiel viele Leute, die eine Schutzmaske tragen, oder ist das gar kein Thema?
Es gibt einige Leute, die Schutzmasken tragen. Zum Beispiel in Super- oder Baumärkten oder auch am Flughafen habe ich das gesehen. Aber es sind nicht sehr viele mit Maske unterwegs. Etwas finde ich in Schweden aber ziemlich bemerkenswert …

Was denn?
Zu Beginn stellten sich viele Schweden freiwillig unter Selbstquarantäne. Selbst wenn sie keine Symptome hatten. Vor Treffen riefen beispielsweise einige bei uns im Multimedia-Studio an und sagten: «Du, ich möchte lieber nicht kommen.» Obwohl wir den Zugang zum Studio bereits beschränkt hatten. Oder die Lehrerin meiner Kinder, die kurz vor dem Pensionierungsalter steht, ging auch nicht mehr zur Schule.

epa08383798 Senior high school students celebrate their graduation wearing the traditional white caps while drinking on the terrace of a restaurant in downtown Stockholm, Sweden, 24 April 2020 (issued 25 April 2020). While most countries in Europe have shuttered all restaurants, bars and nightclubs in a bid to slow down the spread of the ongoing COVID-19 pandemic, Sweden has taken a far less drastic approach; for example, allowing primary schools to remain open as well as bars and restaurants as long as they limit all service to table service only. The government's response to the coronavirus emergency â?? a mix of recommendations and enforceable rules â?? is still a matter of public debate in the Scandinavian nation and has even become the focus of some international media outlets.  EPA/ANDERS WIKLUND SWEDEN OUT

Anders als in der Schweiz sind in Schweden erst Versammlungen ab 50 Personen verboten. Bild: EPA

Und das gab keine Probleme?
Nein, da war schnell klar, dass man so etwas nicht verantworten kann. Die Regierung sagte aber auch, man solle bei den kleinsten Symptomen für 48 Stunden zuhause bleiben.

Die Schule lief aber immer ganz normal weiter?
Die Gymnasien und Universitäten sind bereits seit dem 18. März geschlossen, aber die Primarschule ging immer ganz normal weiter. Das war von politischer Seite von Anfang an klar. Das ist auch jetzt noch so, quasi wie ein Mantra: Die Schulen werden nicht geschlossen. Die Kleinen haben per Gesetz das Recht, in die Schule gehen zu dürfen. Das wird hier extrem hoch gewertet.

Wie sieht es bei den Restaurants aus? In Stockholm mussten zuletzt ja fünf Betriebe vorübergehend schliessen, weil sie sich nicht an die Hygiene-Regeln gehalten haben.
Diese Story hat mich unglaublich genervt – auch bei watson. Die Regeln sind hier in Schweden etwa so, wie sie in der Schweiz ab dem 11. Mai sein werden. Es gibt keinen Bar-Betrieb, man muss den Abstand einhalten und es dürfen nur vier Personen pro Tisch sitzen. Da gibt es jetzt neuerdings etwas mehr Kontrollen und diese fünf Betriebe wurden gerügt. Aber die mussten nur kurzfristig schliessen. Sobald sie versichern konnten, dass sie die Regeln einhalten können, durften sie wieder öffnen.

Sind die Restaurants voll? Muss man vor der Türe warten, bis man rein kann?
Nein. Hier in Malmö sind auch kaum Leute unterwegs. Es ist mega ruhig. Auch am Wochenende ist kaum etwas los. Es gibt keine Partys auf den Strassen, die Menschen bleiben wirklich vorwiegend zu Hause. Als ich das letzte Mal in der Innenstadt war, habe ich vereinzelt ein paar kleinere Gruppen draussen gesehen, die am Rauchen waren.

Wie belebt sind die Einkaufsstrassen?
Die sind ebenfalls mehr oder weniger leer. Viele Läden haben aber auch geschlossen. Zum Beispiel grosse Ketten, aber auch viele lokale Geschäfte. Die haben grösstenteils freiwillig geschlossen. Ich denke, weil sie nicht für Ansteckungen verantwortlich sein wollten. Die Eigenverantwortung funktioniert hier in Schweden wirklich sehr gut. Über etwas wurde zuletzt aber ziemlich intensiv öffentlich diskutiert.

epa08337192 General view of the beginning of the popular pedestrian Drottninggatan ('Queen's Street') in Stockholm, Sweden, 01 April 2020. The streets of the Swedish capital are less crowded than usual due to the ongoing pandemic of the COVID-19 disease caused by the SARS-CoV-2 coronavirus.  EPA/FREDRIK SANDBERG / TT SWEDEN OUT

Auch in Stockholms Innenstadt hält sich der Aufmarsch in Grenzen. Bild: EPA

Worüber denn?
Gestern war Walpurgisnacht. In Schweden wird das traditionell als grosses Frühlingsfest gefeiert. Man geht nach draussen und trinkt etwas, am 1. Mai haben ausserdem alle frei. In Lund, das ist 15 Kilometer von Malmö entfernt, veranstalten die Studenten im Stadtpark immer ein riesengrosses Saufgelage. Um das zu verhindern, hatten die Behörden den Park nun komplett abgeriegelt und mit Hühnermist gedüngt (lacht). Es hat dort zudem eine Überwachung per Drohnen gegeben, denn Versammlungen über 50 Personen sind in Schweden weiterhin verboten.

In der Schweiz arbeiten viele Leute im Homeoffice. Wie ist das in Schweden?
Das ist hier auch so. Die Leute halten sich an die Anweisungen, möglichst zu Hause zu bleiben. Ich persönlich bin zwar viel im Studio, aber das ist nur drei Minuten von unserem Daheim entfernt. 90 Prozent meiner Meetings finden aber auf Skype statt.

Waren Fitness-Center die ganze Zeit offen oder gab es da Einschränkungen?
Ich gehe zwar nicht ins Fitness-Center, aber neben meiner Kletterhalle hat es eines und das ist offenbar offen. Gleich um die Ecke hat es auch ein 24/7-Fitness-Studio. Das hat ebenfalls geöffnet, es sind aber jeweils kaum Leute da.

epa08375305 People exercise on a lawn, keeping distance amid the coronavirus disease (COVID-19) outbreak, outside the old parliament building in central Stockholm, Sweden, 21 April 2020.  EPA/Fredrik Sandberg SWEDEN OUT

Sport treiben die Schweden momentan oft an der frischen Luft. Bild: EPA

Wie sieht es mit den Trainings im Amateur-Sportbereich aus? Dürfen Fussball-Mannschaften zusammen trainieren?
Wenn die Abstands- und Versammlungsregeln eingehalten werden, ist das kein Problem. Die Regierung hat gesagt, Sport zu treiben, sei gesund.

Wie sieht es im öffentlichen Verkehr aus? Sind Züge und Busse immer noch gleich voll wie vor der Pandemie?
Ich bin nicht viel mit dem ÖV unterwegs. Aber wenn der Bus, der ansonsten voller Pendler ist, an mir vorbeifährt, ist er momentan meist ziemlich spärlich besetzt. Bei den Fernverkehr-Zügen hat man viele Verbindungen eingestellt.

Wie sehen die Schweden das Vorgehen in anderen Ländern wie beispielsweise der Schweiz oder im Nachbarland Dänemark? Findet ihr uns Panikmacher oder Angsthasen?
Nein, überhaupt nicht. Die Leute sind einfach dankbar, dass hier alles einigermassen gut funktioniert. Es ist aber keiner stolz auf den schwedischen Weg oder so. Ich denke, niemand hat das Gefühl, dass hier alles besser ist.

Gibt es keine Kritik an der Regierung?
Doch, doch. Aber die gibt es ja überall. Man muss die Leute auch ihre eigenen Meinungen bilden lassen. Ich persönlich finde es allerdings immer schwierig, wenn Leute glauben, sie wüssten mehr als die Experten der Regierung. Das möchte ich mir nicht anmassen.

Was für einen Eindruck macht die Regierung auf dich?
In Schweden haben wir ja eine Minderheitsregierung. Im normalen politischen Alltag wird diese immer von links und rechts scharf kritisiert. Seit Beginn der Krise habe ich aber das Gefühl, dass eine sehr konstruktive Arbeitssituation entstanden ist und gut zusammengearbeitet wird.

Wie stehen die Schweden zu Chef-Epidemiologe Anders Tegnell? Kritisch oder eher positiv?
Ich denke, eher positiv. Da gab es ja diese Geschichte, dass sich jemand seinen Kopf tätowiert hat. Es wurden auch T-Shirts gedruckt. Aber natürlich gibt es Kritik an seiner Arbeit. Tegnell ist eigentlich wie euer Daniel Koch. Die beiden sind sich unglaublich ähnlich, Tegnell ist einfach Schwede und Koch ist Schweizer.

epa08389004 State epidemiologist Anders Tegnell of the Public Health Agency of Sweden talks during a daily news conference on the coronavirus and COVID-19 pandemic, in Stockholm, Sweden, 28 April 2020.  EPA/Jessica Gow SWEDEN OUT

Anders Tegnell ist der schwedische Daniel Koch. Bild: EPA

Kennst du jemanden, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde?
Nein, aber mein 74-jähriger Schwiegervater, der gleich bei uns in der Nähe wohnt, war im Februar schwer erkrankt. Fieber, Husten. Wir wissen aber nicht, ob es das Virus war. Er konnte sich damals nicht testen lassen. Drei Wochen ging es ihm wirklich nicht gut. Wir haben dann den Kontakt minimiert und wir sahen uns ein paar Wochen nicht. Mittlerweile geht es ihm zum Glück wieder gut.

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